Dé­jà-vu

Der Blätterwald rauscht: In München fiel eine Tüte Gummibärchen um. Oder was immer Beate Zschäpe während des „Jahrhundertprozesses“ verzehrt. Wenn sie nicht gerade Beschwerdebriefe schreibt.

zschäpe-brief-2(1)

Kurze, heftige Aufregung: Der Teufel hat wieder zum Federkiel gegriffen und einen Brief geschrieben. Diesmal nicht an den Leidenskameraden Ronny, sondern an Onkel Götzl, der mit vielen V-Darstellern den NSU juristisch aufarbeiten will. Auch die Stuttgarter Zeitung hat den Brief bekommen. Wie er dahin kam, verraten die Redakteure freilich nicht. Dafür drucken sie ein Faksimile des Postscriptums ab. Es ist ein Hilferuf an den Richter. Die Rechtsterroristin fühlt sich „geradezu erpresst“. Aber von wem? Von ihren „Anwälten“?

zschäpe-brief-1

Es muss eine Art Rundschreiben sein, das Zschäpe da verschickt hat. Auch ARD, Spiegel und andere wissen Bescheid. Die beiden Milchbubis, Heer und Stahl, so erfahren wir, bekämen ihr Fett weg, besonders aber gehe NSU-Beate auf Anwältin Sturm los. Das Vertrauensverhältnis sei zerrüttet, es ginge ihr nur ums Geld. Heer surfe während der Arbeit im Internet, Stahl twittere, Sturm mache ihr Druck. In Stellungnahmen keilen die Angegriffenen zurück. Zschäpe spiele sich auf, als sei sie die „Vorsitzende der Verteidigung“. Das Wichtigste: Die Angeklagte wolle eventuell aussagen. Schöner Kommentar dazu vom Bayerischen Rundfunk.

Die Beste kommt von Annette Ramelsberger von der Süddeutschen. Für sie leitet nicht Richter Götzl den Prozess. Wo es lang geht, bestimmt Beate Zschäpe. Unheimlich. Nicht Zschäpe wird erpresst, sie erpresst selbst.

Für mich ist das wirklich ein Schauspiel, das Frau Zschäpe vorführt. Eine Vorführung von Macht, eine Machtdemonstration. Und zwar, es geht nicht nur um ihre Verteidiger, die sie ablehnt, bzw. ihre Verteidigerin, Frau Sturm […] Es geht in Wirklichkeit um eine Machtprobe mit dem Gericht. Sie will zeigen, dass sie bestimmen kann, wie es voran geht, ob es voran geht. Und sie möchte dafür Erleichterungen haben, was sie zum Teil schon bekommen hat und sie möchte jetzt ihre Verteidigerin loswerden.“

Ah ja. Ramelsberger ist optimistisch, dass Zschäpes teuflicher Plan, den Prozess platzen zu lassen, scheitert. Zschäpe habe immerhin drei Anwälte. Selbst mit zweien sei sie immer noch – wörtlich – „sehr gut verteidigt.“

Wenn jemand in München eine Exitstrategie braucht, dann sind es Diemer, Weingarten und Götzl. Auch ein Teilgeständnis von Zschäpe würde vor allem ihnen helfen. Aber ein neuer Prozess? Eher nicht. Die Nebenklage wäre not amused. Vor allem aber: Was soll das Ausland sagen? Das beste Rechtssystem der Welt kapituliert vor dem NSU-Phantom?

Die Aufklärergemeinde fragt nun ängstlich: Gibt es ein neues Stammheim? Wird Zschäpe jetzt umgebracht, weil sie auspacken will? Also „vergeselbstmordet“, wie all die anderen, von Baader, Möllemann bis Corelli und Melisa Marijanovic? Nein, Leute. Nicht wirklich. Den Edathy ließ KDF am Leben. Mehr oder weniger. Und nicht, weil sich der Liebhaber griechischer Vasenmalereien „absicherte“. München hat Bäuerchen gemacht und schläft erst mal friedlich weiter. Hinschauen! Und weitergehen. Es sind Zschäpes Katzen Heidi und Lilly. Sie sind der Fehler in der Matrix.

PPS: Gruß zurück an Mr. Smith.

Werbeanzeigen

Rette sich, wer kann

Kommentator „Q“ ist ein aufmerksamer Beobachter. In den geleakten NSU-Aktenteilen hat er den vermissten Rettungsdienst vom Löscheinsatz in Stregda entdeckt. Es geht um unterlassene Hilfeleistung und Kenntnisse der Gefährdungslage. Der Blogger von Friedensblick.de hat die Sache untersucht.

rtw_stregda_tatort

Das über NSU-Leaks abrufbare Dokument „Band-4-1-2 Lage des Tatortes WoMo“ aus dem Aktenkonvolut zum NSU-Komplex enthält Luftaufnahmen vom Tatortbereich Stregda-Nord und einige Übersichtsaufnahmen vom Tatort. An die Luftbilder der Polizeihubschrauberstaffel schließen sich „Übersichtsaufnahmen vom Zufahrtsweg zum Wohnmobil“ an. Gefertigt wurden sie ausweislich der Dokumentation von der KPS Eisenach. Im Klartext: von KOK Lotz oder KHK Braun.

Die Aufnahmen entstanden zwischen ca. 12.10 Uhr und dem Eintreffen der Feuerwehr um ca. 12.20 Uhr. Der Beamte fotografierte den Tatort Am Schafrain aus östlicher Richtung und größerer Entfernung. Wir sehen die Rauchentwicklung, die KOK Lotz vom sicheren Tod der vermuteten Bankräuber im Inneren des Fahrzeuges ausgehen lässt. Auf einem einzigen Foto ist das Vorderteil eines Rettungsfahrzeuges zu sehen. Bei den späteren Luftaufnahmen vom Hubschrauber aus fehlt das Fahrzeug.

„Q“ kommentiert:

Der Rettungsdienst war vor Ort. Sogar noch vor der BF Eisenach. In Akte 4-1-2 “Lage des Tatorts” auf S.25 oben erkennt man in der Verlängerung des Gehwegs die Frontpartie eines RTW des DRK Eisenach. Interessanterweise wird dies in keinem Bericht auch nur erwähnt, und die Feuerwehrleute haben nichts davon mitbekommen, d.h. die RTW-Besatzung war wohl nie am Wohnmobil. Das wirft noch viel mehr Fragen auf. Vielleicht sollte der UA mal beim DRK Eisenach anfragen. Deren Story ist sicher noch besser als die der Feuerwehr.

https://parlograph.wordpress.com/2015/06/17/friendly-fire/comment-page-1/#comment-77

Friedensblick-Blog hat das kurze Auftauchen und den fraglichen Verbleib des Rettungsfahrzeuges analysiert. Die Streuung des Bloggers lässt angemessene Reaktionen der offiziellen NSU-Aufklärung erhoffen. Lesen!

Rettungssanitäter waren frühzeitig am NSU-Wohnmobil – warum kein Einsatz?

http://friedensblick.de/16841/rettungssanitaeter-waren-fruehzeitig-nsu-wohnmobil-kein-einsatz/

Update:

„Q“ stellt in einer Ergänzung außerdem mögliche Verstöße der Eisenacher Feuerwehr gegen wichtige Vorschriften beim Löscheinsatz sowie weitere Ungereimtheiten fest und bestätigt den Vorwurf unterlassener Rettungsversuche. Sein umfangreicher Kommentar wird hier ungekürzt veröffentlicht.

Es gibt wie angekündigt noch einiges nachzutragen zu den Bildern in Akte 4-1-2. Der gesamte Feuerwehreinsatz ist das Seltsamste, was ich je gesehen habe:

1) Der absolute Hammer: der Angriffstrupp (das sind die 2 Mann am Schnellangriffsschlauch) trägt KEINEN ATEMSCHUTZ. Das verstößt bei einem Fahrzeugbrand gegen alle Dienstvorschriften und Versicherungsvorschriften. Jede kleine Dorffeuerwehr weiß das, und hier haben wir die Berufsfeuerwehr (!) Eisenach. Nochmal: beim Alarmstichwort “Fahrzeugbrand” legt der AT auf dem 1. Fahrzeug IMMER bei der Anfahrt Atemschutz an. Fahrzeugbrände setzen extrem giftige Stoffe frei. In diesem konkreten Fall hatte dieses unerklärliche Verhalten tatsächlich keine schlimmen Konsequenzen, weil das so ziemlich der harmloseste mögliche Fahrzeugbrand war (das war eigentlich kein Fahrzeugbrand, sondern ein Zimmerbrand auf Rädern). Trotzdem: wäre die Feuerwehr nur 3-5 Minuten später gekommen, hätte der Brand auf den Motorraum / Tankbereich übergegriffen, und was hätte diese Truppe dann gemacht?

2) Der Ablauf nach dem Eintreffen der BF ist komplett unerklärlich. Erste Handlung des AT ist es, die Schnellangriffseinrichtung rauszuholen und durch das Fenster an der Sitzgruppe reinzuspritzen. Aufgabe der Feuerwehr ist aber: ERST retten, DANN löschen. Wenn ein Einsatzleiter direkt nach der Ankunft am Einsatzort bei der Erkundung einen Innenraumbrand in einem verschlossenen Wohnmobil feststellt, dann geht JEDE Feuerwehr davon aus, dass Personen im Wohnmobil sein könnten. Die erste Aufgabe für den AT: Zugang schaffen zum Wohnmobil (Tür öffnen, notfalls mit der Axt), auf Personen im Fahrzeug kontrollieren, ggf. retten. Dazu muss der AT natürlich Atemschutz tragen… (s.o.). Löschen kommt danach, das Wohnmobil ist sowieso Schrott.

3) Warum bleibt die BF mit den zwei wichtigsten Löschfahrzeugen Eisenachs (LF16 und TLF) und der kompletten Wachschicht bis zum Abtransport des Wohnmobils vor Ort, um “Brandwache” zu machen? Das ist Aufgabe der FF, für sowas sind die da, und die drei Leute und ihr LF aus Stregda reichen dafür völlig aus. Aber die wurden wieder weggeschickt?!? Und stattdessen lässt man lieber Eisenach 2-3 Stunden ohne hauptberuflichen Brandschutz?

Ehrlich: ich verstehe diesen Einsatz nicht. Entweder diese Feuerwehr ist komplett inkompetent (glaube ich nicht), oder dieser Einsatz war von der 1. Minute an (=Alarmierung, Anfahrt!) nicht normal. Die Fragen: “wer hat wann die Rettungskräfte alarmiert? Was hat der am Telefon gesagt? Mit welchem Alarmstichwort wurde die Feuerwehr losgeschickt?” sind zentral.

Update 2:

Auf NSU-leaks sind zwei weitere Fotodokumente veröffentlicht worden, die ein Rettungsfahrzeug am Einsatzort und einen Rettungssanitäter direkt am Wohnmobil zeigen.

eaz2

http://www.youtube.com/watch?v=QuGrMm3tUAs

womo-notarzt

http://www.youtube.com/watch?v=DQ154icfMXc

„Q“ kommentiert auf NSU-Leaks:

Noch ein Hinweis zum Rettungsdienst: von “Notarzt” habe ich noch nichts gesehen. In einem RTW fährt kein Arzt mit, sondern 2 Rettungssanitäter/-assistenten. Die haben auf der Jacke “Rettungsdienst” o.ä. stehen. Ein Notarzt hat immer “Notarzt” draufstehen. Wenn tatsächlich einer da war, dann muss es ein 2. Fahrzeug geben, ein NEF. Das ist meist ein PKW/Van. Ist deshalb relevant, weil “nur RTW, kein NEF” bedeutet, dass nicht mit schwer Verletzten gerechnet wurde (seitens der Leitstelle). Typisch wäre dies z.B. auch einfach zur Absicherung der Feuerwehr. Da kommt oft bei Bränden einfach ein RTW mit. Wenn auch nur der Verdacht auf “Brand mit Menschenleben in Gefahr” bestanden hätte, wäre definitv ein NEF gekommen.

Für den Einsatz in Stregda zuständig ist die Zentrale Leitstelle Wartburgkreis. Im gleichen Objekt befindet sich die Berufsfeuerwehr Eisenach. Nach § 14 des Thüringer Rettungsdienstgesetzes koordiniert die Zentrale Leitstelle den Rettungseinsatz.

Die Aufgaben des Rettungsdienstes beschreibt der Landesrettungsdienstplan für den Freistaat Thüringen (LRDP) unter Punkt 4.1

Das Leitstellenpersonal hat im Einzelnen folgende hauptsächliche Aufgaben (vgl. § 14 Abs. 2 ThürRettG):
  • Entgegennahme von Meldungen (insbesondere Notrufen),
  • Alarmierung der Rettungsdienst- und Feuerwehreinheiten, des Katastrophenschutzstabes sowie der Katastrophenschutzeinheiten, die örtlich und sachlich zuständig sind,
  • Unterstützung der Einsatzleitungen und Einsatzkräfte am Notfall- beziehungsweise Gefahren- oder Schadensort durch
  • Alarmierung und Heranführung von Einsatzkräften sowie durch Informationsbeschaffung,
  • Halten der Fernmeldeverbindung zu den eingesetzten Einheiten und Einrichtungen,
  • Halten der Fernmeldeverbindungen zu anderen Leitstellen, anderen Dienststellen, Organisationen und sonstigen Stellen,
  • Funküberwachung und
  • Dokumentation des Einsatzgeschehens.

Unter Punkt 7 werden die Grundsätze der Einsatzsteuerung formuliert, also die Kriterien nach denen über Art und Anzahl der Rettungsmittel und Einsatzkräfte entschieden wird und die den Einsatz eines Notarztes erfordern:

7.2 Indikationskatalog für den Notarzteinsatz
Die Dispositionsentscheidung zum Einsatz von Rettungsmit-
teln und zum Einsatz eines Notarztes erfolgt nach folgendem
Indikationskatalog für den Notarzteinsatz:
a) Patientenzustandsbezogene Indikationen Bei Verdacht auf fehlende oder deutlich beeinträchtigte Vitalfunktion ist der Notarzt einzusetzen […]
b) Notfallbezogene Indikationen:
  • schwerer Verkehrsunfall mit Hinweis auf Personenschaden,
  • Unfall mit Kindern,
  • Brände/Rauchgasentwicklung mit Hinweis auf Personenbeteiligung,
  • Explosions-, thermische oder chemische Unfälle, Stromunfälle mit Hinweis auf Personenbeteiligung,
  • Wasserunfälle, Ertrinkungsunfälle, Eiseinbruch,
  • Maschinenunfall mit Einklemmung,
  • Verschüttung,
  • drohender Suizid,
  • Sturz aus Höhe (> 3 m),
  • Schuss-/Stich-/Hiebverletzungen im Kopf-, Hals- oder Rumpfbereich,
  • Geiselnahme und sonstige Verbrechen mit unmittelbarer
  • Gefahr für Menschenleben,
  • unmittelbar einsetzende oder stattgefundene Geburt,
  • Vergiftungen.
Das ist der rechtliche Rahmen. Also. Welcher Notruf ging von wem bei der Leitstelle ein und wie wurde disponiert? Hat die Einsatzleitung der Polizei die Zentrale Leitstelle Wartburgkreis über die Gefahr für Menschenleben am Einsatzort informiert? Haben die Polizisten Seeland und Mayer die Rettungskräfte informiert? Welche Rettungsmaßnahmen unternahmen der oder die Rettungssanitäter? War ein Notarzt am Einsatzort, der den Tod der Fahrzeuginsassen feststellte? Welche Verletzungen hat er festgestellt, also bei der als Uwe Böhnhardt identifizierten Leiche Brust- oder Kopfschussverletzungen? Es bleibt viel zu klären.

 

Friendly Fire

Der NSU-PUA in Thüringen befragte Anfang Juni neun Feuerwehrleute, die am
4. November 2011 das brennende Wohnmobil in Eisenach-Stregda löschten.
Die Zeugen bestätigten einen schwerwiegenden Verdacht: Polizisten schickten Einsatzkräfte ungeschützt gegen mutmaßliche bewaffnete Bankräuber vor.
Dem Unwissen der Feuerwehr steht das Vorwissen der Polizei gegenüber.
Was heißt das für die Selbstenttarnung des NSU?

Unter allen NSU-Untersuchungsausschüssen nimmt der Thüringer eine Sonderstellung ein. Am Nationalsozialistischen Untergrund selbst wird auch in Erfurt nicht gezweifelt. Aber: Das Temperament der Thüringer Vollweiber, die dort das Sagen haben, hebt sich wohltuend ab vom schäbigen Aufklärungstheater der Simulanten in Stuttgart, Wiesbaden oder Düsseldorf.

Neben der Sozialdemokratin Marx treibt vor allem die Linke Katharina König den Ausschuss an. König ist es auch, die als Bloggerin eine kritische Öffentlichkeit mit PUA-Protokollen versorgt1). Das ist ihr hoch anzurechnen. Freilich hat auch diese Wahrheitsliebe Grenzen und Ziel: Der NSU ist rote Linie, Faustpfand und Allerheiligstes.

Ein verfestigter Irrtum hat den NSU unantastbar gemacht. Für den thüringischen Antifaschismus beweist er, wie das kapitalistische System Rechtsterroristen heranzüchtet und mit mörderischer Mission unters Volk schickt. Diese Vorstellung der Linken hat einen realen Kern. Der bürgerliche Staat organisierte und finanzierte im Osten Strukturen wie den THS und deckte kriminell gewordene V-Leute. Möglicherweise sogar die V-Zelle Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe. Selbst für den durchschnittlichen Untertanen ein schwer erträglicher Gedanke. Verantwortlich für eine Strategie der Spannung ist aus dieser Perspektive vor allem der Verfassungsschutz.

Das Problem dabei: Mit dem NSU hat die Kollaboration von Diensten und extremistischen Subkulturen nichts zu tun. Im Gegenteil. Der NSU ist ein staatliches Integrationsangebot auch an Frau König und ihre Genossinnen. Ein Angebot sogar an jene Altlasten, die alle Umstrukturierungen der Thüringer Behörden überlebten und deren Antifaschismus einer DDR-Sozialisation entstammt. Ihnen gegenüber zeigt sich der fremd gebliebene Staat großzügig und entschlossen bei der gemeinsamen Jagd auf ein Phantom.

Für die Gegenöffentlichkeit ist das Vergebliche dieser Hatz Fluch und Segen: Je stärker der Jagdeifer unserer Artemis-Katharina in Thüringens Fluren wütet, desto mehr dürfen wir hoffen, dass sich der verwilderte Staat in den Fallstricken seiner Inszenierung verfängt, dass ihm die Jagdgesellschaft auf die Schliche kommt. Die Beute der Thüringer Landesherrlichkeit musste er bereits der Linken lassen. Aus staatlicher Sicht ein hoher Preis für heimliche Komplizenschaft.

„Es war alles ein bisschen komisch“

Neun Feuerwehrleute also, die am 4. November 2011 das brennende NSU-Fluchtfahrzeug löschten, werden Anfang Juni 2015 vor dem zweiten NSU-Untersuchungsausschuss in Erfurt befragt. Was die Einsatzkräfte schildern, wird brisant im Kontext weiterer Behördenberichte, Zeugenaussagen und PUA-Protokolle. Den bodenständigen Feuerwehrleuten ist dabei eher zu trauen als aktengebrieften Politikern, V-Mann-Führern und Polizisten. Obwohl auch die Brandbekämpfer als loyale Beamte und Einheimische bei ihren Aussagen taktieren, weil sie Fallen oder Ärger wittern und echte oder vorgeschobene Erinnerungslücken haben. In ihren Bewertungen des Löscheinsatzes halten sie sich spürbar zurück, versuchen eigene Wut und Kritik sarkastisch abzumildern.

Den vermutlich authentischsten Bericht zu den Vorgängen in Eisenach und Stregda hat Kriminaloberkommissar Michael Lotz von der Eisenacher Kriminalpolizeistation verfasst.2) An ihm lassen sich die Angaben der Feuerwehrleute chronologisch sinnvoll einordnen. Darum muss es gehen. Nicht, dass der Bericht des KOK Lotz der Wahrheit notwendigerweise am nächsten kommt, denn er datiert vom Februar 2012, also mehr als einem viertel Jahr nach dem Wohnmobilbrand. Zeit genug, um Widersprüche zu glätten, Darstellungen zu synchronisieren, eigenes Handeln an das spätere NSU-Narrativ anzupassen. Dennoch lässt sich noch immer eine Grundstruktur im Bericht erkennen; bleiben Brüche unbearbeitet, enthält er viele glaubwürdige und durch die Feuerwehr bestätigte Details.

Sein eigentlicher Wert aber besteht in der Autorenschaft eines der wichtigsten Akteure an diesem 4. November in Stregda. Jedenfalls bis zum Eintreffen des Gothaer Polizeidirektors, Menzel, am Tatort. Aber KOK Lotz ist es auch, der am 5. November nach Niedersachsen fliegt, um eine der Schlüsselfiguren der NSU-Erzählung zu vernehmen: Holger Gerlach. Lotz wird in München aussagen. Für den Fortgang des NSU-Projektes ist er mindestens so wichtig wie Einsatzleiter Menzel, auf den sich die Medien konzentrieren. Und Michael Lotz kann nicht in Deckung gehen, wie die Polizisten Seeland und Mayer. Sein Bericht zeugt für ihn, für uns macht ihn das verbindlich.

Vorgewusst oder vorgeahnt?

Am 4. 11., dem Tag der Selbstenttarnung, wird KOK Lotz um 9.25 Uhr von seinem Vorgesetzten, KHK Mayer, über den Raubüberfall auf die Wartburgsparkasse am Eisenacher Nordplatz informiert. Damit beginnt der Einsatz des Kriminalisten. Mit vier weiteren Kollegen macht er sich auf den Weg zur überfallenen Sparkasse, um die Tat aufzunehmen, Spuren zu sichern, Zeugen zu befragen. Eine Stunde später, gegen 10.20 Uhr, erhält Lotz einen wichtigen Anruf seines Gothaer Kollegen KOK Mario Wötzel. Wötzel ist ebenfalls Bearbeiter eines Sparkassenüberfalls, der allerdings bereits zwei Monate zuvor, am 7. September, in Arnstadt stattfand.

Zu diesem Anruf kommt es aufgrund einer Serienraubthese. Der Eisenacher Überfall wird erwartet. Man kommt schnell überein, dass es sich um die gleiche Tätergruppe handeln müsse. Masken, Modus Operandi, Bewaffnung sollen das belegen. Lotz spricht von Offenkundigkeit.

Die Fixierung der Thüringer Polizei auf eine zu erwartende Wiederholungstat, die genau so eintrifft, ist bemerkenswert. Sie basiert auf einem angeblichen Misserfolg des Bankraubes in Arnstadt, bei dem zwei als etwa zwanzigjährig beschriebene Täter 15.000 Euro erbeutet hatten. Statistisch gesehen war dieser Überfall jedoch ein ziemlicher Erfolg.

An das große Geld kommt kaum einer der Täter heran“, erklärt Staatsanwältin Daniela Tausend. Die meisten Bankräuber erbeuteten Summen zwischen 2000 und 3000 Euro.
Der Grund ist simpel: Banken und Sparkassen lassen sich immer ausgebufftere Sicherungssysteme einfallen. Kassierer verfügen nur mehr über geringe Bargeldbeträge. Höhere Summen liegen in Safes mit speziell gesicherten Zeitschlössern. Oft gelingt es dem Personal ein Security-Pack unter die Beute zu schmuggeln – ein Mini-Sprengsatz, der Farbe verspritzt. Die Scheine sind damit sogleich wertlos, und der Täter ist auf der Flucht sofort zu erkennen.“ 3)

Die Anzahl der Banküberfälle ist aus gutem Grund seit Jahren stark rückläufig.4) Die Aufklärungsquote liegt bei rund 80 Prozent. Die im Vorfeld des 4. November entstehende Vermutung der Thüringer und sächsischen Beamten Wötzel, Leucht und Merten, die Bankräuber von Arnstadt würden erneut zuschlagen, hat mit Bezug auf die Beute also keine Grundlage. KOK Jens Merten, einer der drei Beamten, die an der These einer wiederaufgenommenen Raubserie und Prognose einer Wiederholungstat wegen Misserfolgs basteln, kennt nicht einmal die Höhe der Arnstädter Beute. Im Berliner NSU-PUA nimmt er 300 bis 500 Euro an.5)

Wie sich später zeigt, haben die Bankräuber ohnehin keine Geldsorgen. Sie führen – vermutlich einmalig in der Kriminalgeschichte – reichlich Bares im Fluchtfahrzeug mit, wohl, um den Ermittlern die spätere Beweissicherung leichter zu machen. Darunter auch die Beute des Arnstädter Überfalls.

Wötzels früher Anruf bei seinem Kollegen Lotz und die schnelle Festlegung auf die gleiche Tätergruppe von Arnstadt und Eisenach haben eine wichtige Konsequenz. Eine weitere Prognose der länderübergreifenden Ideenwerkstatt rückt in den Fokus: Die Bankräuber, so die These, werden ihre Flucht mit einem Transportfahrzeug fortsetzen, in dem sie ihre Fahrräder verstauen. Nach diesem größeren Fahrzeug ist nun zu fahnden.

Der Zufall will es, dass KOK Lotz kurz darauf der Zeugenhinweis auf ein weißes Wohnmobil erreicht. Der Rentner Stutzke hat beobachtet, wie zwei Radfahrer ihre Räder in ein Wohnmobil mit V-Kennzeichen laden und zügig wegfahren. 11.15 Uhr werden mehrere Beamte zur Verladestelle geschickt, ab 11.40 Uhr soll ein Spürhund die Spurensicherung unterstützen. Allerdings ohne greifbare Ergebnisse. Aber KOK Lotz hat Glück. Gegen 12.00 Uhr wird er informiert, dass ein weißes Wohnmobil mit V-Kennzeichen in Stregda steht. Das passt zeitlich perfekt, denn die Tatortermittlungen sind eben abgeschlossen. Lotz weist zwei Begleiter an, Schutzwesten überzuziehen und fährt mit ihnen zur Wohnsiedlung. Dort trifft er 12.10 Uhr ein und bewegt sich zu Fuß zum stark qualmenden Wohnmobil. Die Selbstenttarnung des NSU hat bereits begonnen.

Verrußte Scheiben am Führerhaus

Qualm und Ruß lassen KOK Lotz bereits auf Sichtweite zur festen Überzeugung gelangen, dass alle Fahrzeuginsassen, über deren Anzahl und Ausrüstung er zu diesem Zeitpunkt nichts weiß, handlungsunfähig oder bereits tot sein müssen. Strenggenommen gibt es nicht einmal Sicherheit, dass sich überhaupt Personen im Fahrzeug aufhalten. Die Polizisten Seeland und Mayer hatten niemanden gesehen, sondern Knallgeräusche gehört, die sie als Schüsse identifizierten. Auch das Wohnmobil, das Rentner Stutzke beobachtet haben will, wird lediglich am V-Kennzeichen erkannt.

Der Unterzeichner begab sich zu Fuß in Richtung des Wohnmobiles. Es war zu erkennen, dass bereits erheblich Rauch aus dem Inneren drang und die Scheiben des Führerhauses dick mit Rußniederschlag von innen bedeckt waren.

Da dem Unterzeichner klar war, dass unter diesen Umständen niemand mehr im Wohnmobil handlungsfähig sein kann und mit hoher Sicherheit schon allein wegen der Rauchgasintoxikation im Sterben ist bzw. schon verstorben ist, näherte sich der Unterzeichner dem Wohnmobil aus südöstlicher Richtung an. Die Gesamte Zeit vom Eintreffen bis dahin war keine Person an dem Wohnmobil.“ 6)

Die schon zu diesem frühen Zeitpunkt getroffene Einschätzung des Kriminalisten Lotz, lebensrettende Sofortmaßnahmen seien nicht mehr nötig, wird während des gesamten Einsatzes nicht in Frage gestellt. Erstaunlich. Lotz vermittelt den Eindruck völliger Gewissheit, obwohl der Innenraum des Wohnmobils für ihn nicht einsehbar ist. Einsatzleiter Michael Menzel hatte im Münchner NSU-Prozess noch auf mögliche Geiseln in der Gewalt der vermuteten Bankräuber hingewiesen. KOK Lotz hält sich mit solchen Spekulationen nicht auf.

Die Kollegen hätten Verstärkung gerufen und dann sei es zum Brand gekommen. Die Feuerwehr sei verständigt worden. „Das war 12.05, 12.06 Uhr.“ Das habe auch ihn veranlasst, von Gotha nach Eisenach zu verlegen: „Ich musste annehmen, dass das Fahrzeug in unmittelbarem Tatzusammenhang steht und die Täter sich im Fahrzeug befinden“. Es habe sich auch die Frage nach der Gefahr einer Geiselnahme gestellt, „da hat in Thüringen der höhere Dienst die Maßnahmen zu übernehmen”. Als er eingetroffen sei, sei der Brand schon weitgehend abgelöscht gewesen.“7)

Menzels hauseigener Sachstandsbericht mit Datum vom 5. November 2011 an den Meininger Staatsanwalt Klüpfel fasst die Gefährdungslage so zusammen:8)

„Als sich die Polizeibeamten in Uniform dem Fahrzeug näherten, nahmen sie zwei Knallgeräusche war, die kurz hintereinander erfolgten. Daraufhin zogen sich die Beamten aus Eigensicherungsgründen zunächst zurück und evakuierten unbeteiligte Personen aus dem direkten Umfeld des parkenden Wohnmobils.

Durch die Polizeidirektion Gotha war nach Bekanntwerden dieser Umstände sofort ein Führungsstab unter der Leitung von Kriminaldirektor Menzel, Leiter der Polizeidirektion Gotha, gebildet. KD Menzel übernahm die Führung vor Ort. Das SEK des Thüringer Landeskriminalamtes wurden angefordert und weitere Kräfte am nunmehr neuen Tatobjekt zusammengezogen.“

In Kenntnis eines vorangegangenen möglichen Schusswaffengebrauches, ordnet KOK Lotz zwar seinen Kollegen gegenüber das Anlegen von Schutzwesten an, die eintreffende Feuerwehr jedoch warnt er nicht. Auch die Polizisten Seeland und Mayer, die eben noch wegen der gehörten Schüsse in Deckung gegangen waren und angeblich unbeteiligte Personen aus dem Wohnmobilumfeld evakuierten, lassen den Einsatzzug der ahnungslosen Feuerwehrleute in unmittelbarer Nähe des brennenden Wohnmobils halt machen.

Die Feuerwehr fuhr gerade mit Sondersignal in das Wohngebiet ein, als das Dachfenster des Wohnmobils nach innen stürzte. Dadurch schlugen dann die Flammen nach oben aus dem Wohnmobil. Die Feuerwehr fuhr direkt neben das Wohnmobil. Der Unterzeichner forderte die Feuerwehrleute auf, nur vorsichtig zu löschen, da möglicherweise Tote sich im Inneren befinden und die dortige Spurenlage möglichst erhalten bleiben soll. In diesem Sinne löschte die Feuerwehr vorsichtig. Ca. zwei Minuten später war der Brand gelöscht. Die Feuerwehrleute fragten den Unterzeichner, ob die Tür des Wohnmobils geöffnet werden kann, um weiter löschen zu können. Die Tür wurde unter Zuhilfenahme von Hebelwerkzeugen aufgehebelt.“

Retten, Löschen, bergen, schützen

Diese schweren Fahrlässigkeiten, dass die eintreffende Feuerwehr weder über eine erhöhte Gefährdung informiert wird, während gleichzeitig ein SEK unterwegs ist, noch dass lebensrettenden Maßnahmen eingeleitet werden, bleiben bis heute unaufgeklärt. Die Feuerwehrleute haben nun in Erfurt gleich mehrfach bestätigt: Eine Eigensicherung der Brandbekämpfer wird nicht veranlasst, die Rettung von Menschenleben aus dem brennenden Fahrzeug ist nicht vorgesehen. Einzige Sorge der Polizei ist ein spurenschonendes Vorgehen beim Löschen. Die spätere Kritik an der Einsatzleitung der Polizei wird gegenüber der Feuerwehr zurückgewiesen:9)

[…] man habe nur mit dem Eisenacher Polizeichef Herrn Gubert gesprochen. Es ging da im Kern um die Kritik, dass man nicht rechtzeitig als Feuerwehr darüber informiert war, dass im zu löschenden Fahrzeug geschossen wurde. Aus Feuerwehr-Sicht habe man dargestellt, „dass wir quasi in Gefahr waren, beschossen zu werden“. Herr Gubert hat dann den Einsatz erklärt und dementiert, dass eine solche Gefahr bestanden habe. Zum Eintreffen der Feuerwehr „hätte angeblich keine Gefahr mehr bestanden“.

Zwischen dem Eintreffen des Kriminalbeamten Lotz und der Feuerwehr liegen gerade zehn Minuten Rauch- und Brandentwicklung im Wohnmobil. Der erste große Löschangriff dauert zwei Minuten. Das Eintreffen eines Rettungsdienstes wird nicht erwähnt, nur einer der Feuerwehrleute kann sich überhaupt an die Anwesenheit medizinischen Personals erinnern, während andere angeben, keine Sanitäter gesehen zu haben. Der Versuch einer Kontaktaufnahme der Einsatzkräfte mit den Fahrzeuginsassen findet zu keinem Zeitpunkt statt. Die mögliche Verwendung von Atemschutzgeräten durch die mutmaßlichen Bankräuber scheint prinzipiell ausgeschlossen.

Der Unterzeichner nahm von außen durch die geöffnete Tür Einsicht in das Wohnmobil. Im Gang vorn wurde eine leblose männliche Person auf dem Bauch liegend festgestellt und im hinteren Bereich des Ganges war eine weitere leblose männliche Person im zusammengesunkener Lage zu erkennen, Der Schädel dieser Person war offenbar durch Schusseinwirkung erheblich verletzt.“

Nach dem Löschen nimmt Michael Lotz von der geöffneten Tür aus Einsicht ins Fahrzeuginnere. Die bewusstlose Person, die unmittelbar vor ihm liegt und bei der erhebliche Verletzungen durch Schusseinwirkung dann wohl eher nicht zu erkennen sind, kümmert ihn nicht. Für KOK Lotz ist sie leblos, also tot. Lotz findet bestätigt, was er sich bereits beim Eintreffen am Wohnmobil gedacht hatte. Bergungs- oder Wiederbelebungsversuche sind unnötig, es geht ihm nur noch um Spurensicherung.

Was der Beamte ignoriert: Bewusstlosigkeit gehört zu den Symptomen einer Rauchgasvergiftung. „Ein Turnschuh mit Bein“, wie es Gerd Lindenlaub von der FFW Stregda beschreibt, reicht nicht, den Tod der Fahrzeuginsassen festzustellen und Hilfeleistungen zu unterlassen. Anzeichen und Rettungsmaßnahmen bei Rauchgasinhalation sind auch in Thüringen bekannt.10) Im Münchner NSU-Prozess bestätigt Menzel, dass der Tod der später als Uwe Böhnhardt identifizierten Person zum Zeitpunkt der Erstbegehung des Tatortes nicht sicher war: 11)

RA Klemke will wissen, wann zum ersten Mal festgestellt worden sei, dass sich verstorbene Personen im Wohnmobil befinden. Mit seinem Eintreffen habe ihm der Polizeiführer vor Ort gesagt, dass die Feuerwehr rein geschaut habe, so Menzel. Der Brand sei wohl 12.06 Uhr gemeldet worden, die Ablöschung habe gegen 12.20 Uhr stattgefunden. Es müsse zwischen 12.20 Uhr und 12.40 Uhr gewesen sein. Die Feuerwehr habe mitgeteilt, dass sie hinein gegangen sei, um von innen zu löschen. Eine Person sei tot festgestellt, bei dem zweiten hätten sie es nicht so genau gewusst. Er denke, so Menzel auf RA Klemkes Frage, dass er die Rechtsmedizin kurz nach seinem Eintreffen angefordert habe, so gegen 13 Uhr. Das sei eine kriminalpolizeiliche Standardmaßnahme. Die Rechtsmedizin sei vor dem Abtransport vor Ort gewesen. Wann die Rechtsmedizin da gewesen sei, könne er nicht mit Sicherheit sagen, wohl um 14 Uhr herum. Klemke hält vor, Kriminaloberkommissar Lo. habe vermerkt, die Rechtsmedizin sei um 13.12 Uhr eingetroffen. Das könne sein, so Menzel.“

Wer den Tod vor allem der Person im Eingangsbereich feststellt, wenn schon niemand helfen will, bleibt unklar. Nach einem Vermerk der BKA-BAO Trio12) brauchte die Feuerwehr für drei Kilometer Anfahrt sogar nur fünf bis zehn Minuten. Theoretisch wäre es möglich, dass sich nach Ablöschung gegen 12.15 Uhr bis zum Eintreffen der Rechtsmedizin um 13.12 Uhr fast eine Stunde lang niemand um den Bewusstlosen kümmert.

Als KOK Lotz unter dem Wohnmobiltisch ein rot leuchtendes, unbekanntes Gerät entdeckt, veranlasst er die Räumung des Fahrzeugnahbereiches. So schreibt er es in seinen Bericht. Eine nachvollziehbare Entscheidung. Die ungewöhnliche Tötung der Fahrzeuginsassen durch Nahschüsse mit großkalibrigen Waffen und das Inbrandsetzen des Wohnmobils lassen weitere Überraschungen möglich erscheinen.

Allerdings bestätigt diese Räumung keiner der Feuerwehrleute. Im Gegenteil. Ihr Einsatzleiter Nennstiel betritt selbst das Fahrzeug, um Fotoaufnahmen des Innenraums zu machen. Nach eigener Aussage erscheint Lotz die Gefahr einer Sprengfalle gleichzeitig groß genug, den Sprengdienst zu rufen. Später wird Menzel auch diese Gefährdungslage ignorieren und das Ladegerät selbst abklemmen.

Auf dem Rücken der zuerst genannten Person waren die Reste des Dachfensters zu sehen. Daneben befand sich ein Tisch, auf welchem im Brandschutt eine Pistole zu erkennen war, vom groben Aussehen glich sie der Heckler & Koch-Dienstwaffe des Unterzeichners. Unter dem Tisch befand sich ein nicht näher erkennbares Gerät, an dem ein rotes Licht leuchtet. wie eine Leuchtdiode. Es war zu erkennen, dass dort Kabel angeschlossen waren. Inwieweit es sich um einen Sprengsatz oder ein harmloses Gerät handelt, konnte so zunächst nicht geklärt werden. Alle Einsatzkräfte sollten sich zunächst aus Gründen der Eigensicherung von dem Wohnmobil weg begeben […]

Um nichts unnötig am Brandort bzw. Leichenfundort zu verändern, beließ der Unterzeichner den Ort so, um geeignete Kräfte für die weitere Bearbeitung heranzuziehen. Aus diesem Grunde wurde mit dem nun vor Ort befindlichen Leiter der PI Eisenach, Herrn PR Gubert, Rücksprache gehalten. Diesem wurden die ersten Feststellungen des Unterzeichner mitgeteilt und auch, dass der Unterzeichner die Tatortgruppe des TLKA, die Abteilung USBV, weitere Verstärkung vom Kommissariat I aus Gotha sowie die Rechtsmedizin, welche sowieso wegen einer Sektion gerade in Eisenach ist, heranziehen möchte. […]

In der Folge trafen weitere Polizeikräfte vor Ort ein, insbesondere der Leiter der Polizeidirektion Gotha, Herr PD Menzel. Nach entsprechender Lagebesprechung statteten sich Herr PD Menzel und der Unterzeichner entsprechend aus, um das Wohnmobil zu betreten. Das war gegen 12:45 Uhr. Eine Gummimatte wurde über den Boden des Einstiegbereiches des Wohnmobiles innen gelegt, um dieses Spuren schonend betreten zu können. Durch den Unterzeichner wurden dabei erste Fotos von der vorgefundenen Situation gemacht. Die Einnahme von Augenschein durch Herrn PD Menzel und den Unterzeichner hatte primär zum Ziel, zumindest im Überblick festzustellen, ob für die Schussabgaben im Wohnmobil oder auch sonst im Zusammenhang mit dem Sachverhalt noch eine dritte Person in Betracht kommt und ob im Wohnmobil jeder sich selbst getötet hat oder einer den anderen und dann sich selbst.

Der Held von Eisenach

Auch nachdem Polizeidirektor Menzel den Tatort übernimmt, reißen die Merkwürdigkeiten nicht ab. Es kommt zu einer bizarren Auseinandersetzung zwischen Feuerwehr und Polizei, die sich über eine Stunde hinzieht. Streitobjekt ist Einsatzleiter Nennstiels Fotoapparat. Der Feuerwehrmann hatte für die Einsatzdokumentation Aufnahmen des Fahrzeuginneren gemacht. Kriminaldirektor Menzel fordert die Herausgabe der Kamera. Die erhält der Feuerwehrmann später zurück, die Speicherkarte samt Fotos verbleibt bei der Polizei. Wochen später bekommt Nennstiel auch die Speicherkarte wieder, die Fotos sind gelöscht. Auch das kommt im Untersuchungsausschuss auf den Tisch. Die Frage Katharina Königs, ob schon mal eine Kamera beschlagnahmt worden sei, verneint Nennstiel. Er sei der erste, dem das passierte.

Für diese Konfiszierung gibt es nur zwei mögliche Erklärungen. Ermittlungstaktische Erwägungen überzeugen allerdings kaum. Menzel hatte sich schnell die Suizidtheorie zu eigen gemacht. Die Ermittlungen zur Fremdbeteiligung bei den Tötungen sind damit praktisch bereits eingestellt. Weitere Tatbeteiligte am Banküberfall werden nicht gesucht. Der berühmt gewordene dritte Mann scheidet frühzeitig aus den Überlegungen aus. Eine Fahndung wird nicht herausgegeben.

Wollte man also freie Hand, um den Tatort später nach Belieben verändern zu können? War dieses Vorgehen, Fotoaufnahmen der Feuerwehr vom Brandort zu verhindern eine eigenständige Entscheidung Menzels oder Vorgabe übergeordneter Stellen? Feuerwehrmann Nennstiel jedenfalls kann sich nicht erinnern, Waffen gesehen zu haben.13)

„Die Vors. Abg. Marx (SPD) fragt weiter zu den Fotos in der Küchenecke, ob er auch Waffen gesehen habe als er drin war. „Ne, ich habe nix gesehen von Waffen. War mir auch nicht bewusst.“ Die Vors. Abg. Marx (SPD) macht darauf aufmerksam, dass seitens eines Polizisten ja eine Pistole im Brandschutt [auf dem Tisch] gesehen worden sein soll. Der Zeuge kann dazu nichts sagen. Und auf dem Boden? „Ich will ’s jetzt nicht beschwören, aber ich bin der Meinung, irgendwas lag neben so einem, im vorderen Bereich jedenfalls nicht“. Herr Nennstiel: „Das habe ich fotografiert“. Frau Marx: „Die [Fotos, die] wir jetzt nicht mehr haben“.

KOK Lotz hatte selbst auch fotografiert, seine Aufnahmen fehlen ebenso in den geleakten NSU-Akten.14)

Wie sein Kollege Lotz hat Michael Menzel zumindest beim Timing am Tatort das Glück des Tüchtigen. Mit dem frühen Eintreffen der Rechtsmediziner Mall und Heiderstädt gleich zweifach. Die geschmeidigen Expertisen der Jenaer Obduzenten haben inzwischen einen bundesweiten Ruf erlangt.15) Dass Professorin Mall und Dr. Heiderstädt so schnell in Stregda sein können, verdankt die Polizei dem interessanten Zufall, dass die beiden an diesem Tag in Eisenach obduzieren und ihre Arbeit offenbar beendet ist.

Eine Anreise aus dem Institut in Jena dagegen dauert via Autobahn über eine Stunde, Freitagmittag vermutlich eher länger. Um gegen 13.15 Uhr am Tatort zu sein, hätte man die Rechtsmediziner schon 12 Uhr über einen Leichenfund informieren müssen. Das wäre ein Husarenstück wie Menzels Beiziehung der Vermisstenakte Mundlos gewesen. Aber Kommissar Zufall wählte diesmal den kurzen Dienstweg.

Die Einsatzleitung liegt gut in der Zeit. Die Tatortgruppe des LKA ist eingetroffen. Verpackung und Abtransport des Tatortes Wohnmobil können endlich in Angriff genommen werden. Auch dabei helfen die Feuerwehrleute trotz erheblicher brandschutztechnischer Bedenken. Aber alles geht gut. Und erneut trifft den Polizeidirektor ein günstiges Geschick. Ein örtlicher Abschleppdienst, die Firma Tautz, stellt der Polizei kurzfristig nicht nur Abdeckplanen und Dienstleistung zur Verfügung, sondern auch die eigene Halle zur Unterbringung des mobilen Tatorts. Dass professionelle Brandnachsorge im Wohnmobil durch die Polizei mit Verweis auf die Spurensicherung verhindert wird, dass sich im Wohnmobil Leichen mit schwersten Verletzungen befinden, Waffen und Munition gefunden werden und das TLKA die Halle mit Beschlag belegt, all das scheint für Tautzens kein Problem zu sein.

Es fällt im PUA eine interessante Zeitangabe. Gegen 15 Uhr trifft Feuerwehrmann Jens Claus vom A-Dienst in Stregda ein. Da ist das Wohnmobil bereits abfahrtfertig eingepackt. Claus begleitet die Überführung des Fahrzeuges ins Firmengelände der Firma Tautz. Nach der Einweisung von Wärmemesstechnik und Übergabeprotokell ist für ihn der Einsatz gegen 16.30 Uhr beendet.

Auch wenn KOK Lotz in seinem Bericht einen Zeitstempel vermeidet, als sich die Beamten seines Kommissariats vom Acker machen, kann man grob schätzen: Spätestens 16 Uhr, vier Stunden nach den Knallgeräuschen am Schafrain, ist der Spuk in der idyllischen Wohnsiedlung vorbei, als wäre nie etwas gewesen.

Der Dank des Vaterlandes

Das Unwirkliche, das Groteske der NSU-Selbstenttarnung wird polizeilich abgeschirmt in der Halle eines Abschleppdienstes fortgesetzt, verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Der NSU kehrt nach seinem Kontakt mit der Realität zurück ins Virtuelle, in die Betreuung durch Kriminalpolizei, Anwaltschaft und Politik. Wie der mobile Tatort in Stregda wird später auch das abgebrannte Terrornest in Zwickau spurlos verschwinden.

Das Unbehagen der Feuerwehrleute im Erfurter PUA, der Ablauf des Einsatzes, Missachtung der Gefährdungslage und frühe Gewissheit der toten Bankräuber – das alles verstärkt und begründet den Verdacht einer Inszenierung. Harte Beweise sind es nicht. Den offiziellen Rahmen eines Vorwissens setzt allein schon die Vorfeldthese der Bankraubserie. Die beschlagnahmte Speicherkarte Nennstiels bleibt ein weiteres starkes Indiz für eine gelenkte Aufklärung und vermutete Tatortmanipulation. Michael Menzel ist nach wie vor ein Protagonist des 4. November. Aber welcher Art sein Vorwissen ist, bleibt vorerst weiter ungeklärt.

In der Rezeption der alternativen NSU-Aufklärung erscheint der Einsatzleiter überwiegend als Aufschneider, als Lügner oder Vertuscher, als einer, der die Intention der NSU-Planer nicht verstanden hat. Seine Stellung als Einsatzleiter der Polizeimaßnahmen in Eisenach ist herausgehoben. Er kann Tatort- und Ermittlungsmaßnahmen steuern. Das tut er auf vielfältige Weise. Als er Frank Nennstiel die Kamera abnimmt, da scheint er ganz Mitwisser zu sein, Vorbereiter und Helfer der später Agierenden von LKA und BKA. Weiß er auch, wer da im Wohnmobil liegt?

Rätselhaft bleibt bis heute das Drama um die Vermisstenakte. Warum tappt Menzel in die chronologische Falle? Ist er unfähig, die Konsequenzen seiner Aussagen zu überblicken? Oder versucht er, eine Verbindung herzustellen, aus seinem Vorwissen und dem, was nachträglich entsteht, einen Kompromiss zu finden zwischen abweichenden Berichten und Aktenlagen?

Es ist viel über seinen Anruf bei Ex-Verfassungsschützer Norbert Wießner spekuliert worden. Wießner selbst korrigierte den Anruf weg vom 4. November. Im Berliner PUA ist es nicht Wießner, der einen nachprüfbaren Hinweis auf die Identifizierung gibt, sondern der FDP-Mann Patrick Kurth. Der verweist während der Befragung des Thüringer Ex-Verfassungsschützers auf ihm vorliegende Akten. Akten, die möglicherweise auch Kenntnisstand Menzels sind:16)

Ich will nur noch mal sagen, damit das abgeschlossen ist an der Stelle: Am 04.11. war maximal eine Person bekannt, wenn überhaupt, zweifelsfrei überhaupt erst am 05.11. Eingeliefert wurden zwei unbekannte männliche Personen. In den Akten, die wir hier zur Verfügung haben, legt sich niemand auf den Namen fest. „Mutmaßlich“ heißt es an der Stelle bei einer Person, und das auch erst um 16, 17 Uhr, also relativ später am Tag.

Da ist es wieder, dieses „mutmaßlich“. Hat Michael Menzel versucht, die Wahrheit zu sagen, als er vom Brainstorming erzählt, in dessen Verlauf man auf Mundlos gekommen sei? Zog er sein Vorwissen auf dieses angebliche Brainstorming zusammen? Bekam er Hinweise auf die Verwicklung des Jenaer Bombenbastlertrios in den Banküberfall von Arnstadt bereits im Vorfeld von interessierter Seite konspirativ zugespielt?

Steckte man Menzel außerhalb dienstlicher Strukturen, dass „da noch ein größeres Ding im Hintergrund läuft“, in Richtung Rechtsterrorismus oder Polizistenmord, dass das Trio – Du erinnerst dich an die Drei? – noch mehr „Dreck am Stecken“ hat und man von einer geheimdienstlichen Quelle in ihrem Umfeld weiß: In den Knast gehen die auf keinen Fall. Dass sie einen gemeinschaftlichen Suizid planen, wenn der nächste Bankraub schiefgeht. Ist das denkbar?

Wenn wabernde Gerüchte und Spekulationen eine politische Aura erzeugten, dann war klar, dass der zu erwartende Bankraub weite Kreise ziehen würde, aber ebenso unklar blieb dann auch, was genau wer vom Einsatzleiter Menzel erwartete.

Diese Unsicherheit und die Absicht, doch alles richtig zu machen, der Ehrgeiz alles aufzuklären, macht das Phänomen Menzel aus. Ihm fehlen Maß und Gespür für staatliches Wollen in heikler Situation, das scheinbar launenhaft bremst und forciert und immer auch nach Alternativen sucht. Ist Menzels übermotiviertes Vorgehen als Leiter der Soko Capron, sein Auftrag an Wunderlich, Beate Zschäpe ausfindig zu machen oder das Abklemmen seiner Ermittlungen vom Polizeinetz bereits am Nachmittag des 4. Novembers, Hinweis auf ein Misstrauen? Befürchtet er, dass der fremde Staat, in den er hineingeraten ist, die Neonazis decken und den Hintergrund des 4.11. verschleiern würde? Wurde Menzels Antifaschismus andererseits gerade deshalb in gleicher Weise genutzt, wie später bei Katharina König und anderen – zur Einbindung in das NSU-Projekt?

Thüringen ist in den Nachwendejahren ein Schlachtfeld schwerster Grabenkämpfe zwischen Ost und West, DDR-Mentalität und freiheitlicher Selbstherrlichkeit, Opfern von Umstrukturierungen und Karrieristen. Auch Rechtsextremismus und Kriminalität erscheinen aus einheimischer Perspektive als hereingetragen oder Folge einer verfehlten Transformation. All das werden „Ehemalige“ vorzugsweise dem fremden Staat anlasten. Zumindest heimlich. Finden sich da also die Gründe für Menzels forschen Aktionismus?

Als er noch der Held von Eisenach ist, bezieht er Stellung und deutet behördliches Versagen beim Umgang mit Rechtsextremen an. Da ist Michael Menzel bei Katharina König und dem NSU.17)

Dass die Polizei Fehler machen könnte, räumt Menzel offenherzig ein, nicht aber in diesem Fall: „Von der polizeilichen Seite haben wir bewiesen, dass wir nicht mit Rechtsextremen unter einer Decke stecken. Das wird auch in Zukunft so sein.“

Für ein Spannungsverhältnis zwischen Verwaltungsbehörden und Polizeidirektor Menzel spricht: Sein Einsatz für die Aufklärung des 4. Novembers wird zunächst nicht belohnt. Er wird im Zusammenhang mit der Soko Capron disziplinarisch belangt, eine Bewerbung nach Erfurt wird abgelehnt. Nach dem jüngsten Regierungswechsel in Thüringen ereilt Michael Menzel dann doch noch der Dank des Vaterlandes. Kürzlich wechselte er von der Saalfelder Landespolizeiinspektion als Referatsleiter ins Innenministerium.18)

 

Fußnoten:

1) http://haskala.de/2015/06/05/protokoll-des-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-erste-sitzung-mit-zeugenbefragung-4-6-2015-feuerwehr-polizeieinsatz/#more-17648

2) http://fdik.org/nsuleaks/Bd4-1Ordner1WohnmobilAllgemeines.pdf
PDF-Dokument-Seite 22ff

3) http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.muenchen-bankraub-ist-nur-fuer-trottel.d9968e5e-86e7-4594-8d84-4a7ba0df837c.html

4) http://de.statista.com/statistik/daten/studie/5820/umfrage/raubueberfaelle-auf-geldinstitute-in-deutschland/

5) 2. Untersuchungsausschuss des Bundestages, 43. Sitzung am 29.11.2012, S. 131
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD14600/Protokolle/Protokoll-Nr%2043.pdf

6) http://fdik.org/nsuleaks/Bd4-1Ordner1WohnmobilAllgemeines.pdf
PDF-Dokument-Seite 22ff

7) http://www.nsu-watch.info/2013/11/protokoll-52-verhandlungstag-6-november-2013/

8) http://fdik.org/nsuleaks/Bd4-1Ordner1WohnmobilAllgemeines.pdf
PDF-Dokument-Seite 5

9) http://haskala.de/2015/06/05/protokoll-des-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-erste-sitzung-mit-zeugenbefragung-4-6-2015-feuerwehr-polizeieinsatz/

10) http://www.zna.uniklinikum-jena.de/zna_media/SOPs/Rauchgasintox.pdf

11) http://www.nsu-watch.info/2013/11/protokoll-52-verhandlungstag-6-november-2013/

12) http://fdik.org/nsuleaks/Bd4-1Ordner1WohnmobilAllgemeines.pdf
PDF-Dokument-Seite 48

13) http://haskala.de/2015/06/05/protokoll-des-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-erste-sitzung-mit-zeugenbefragung-4-6-2015-feuerwehr-polizeieinsatz/#fuenfter

14) https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/06/04/was-sagen-die-feuerwehrleute-heute-aus-einer-sass-am-tisch-mit-einem-loch-in-der-stirn/

15) http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Mysterioeser-Tod-in-Meiningen-Experte-glaubt-an-Toetung-1107388817

16) 2. Untersuchungsausschuss des Bundestages, 56. Sitzung am 28.02.2013, S. 49
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD14600/Protokolle/Protokoll-Nr%2056a.pdf

17) http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Was-beim-Tod-der-Neonazis-in-Eisenach-wirklich-geschah-463100895

18) http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Saalfelds-neuer-Polizeichef-Dirk-Loether-ist-ein-waschechter-Thueringer-110694136

http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/NSU-Trio-als-groesster-Fahndungserfolg-Neuer-Polizeichef-fuer-Saalfeld-Rudolsta-716610433

 

Die Rechtschreibung in den Zitaten wurde teilweise zurückhaltend korrigiert. Zusätzliche Absatzumbrüche wurden der Lesbarkeit halber eingefügt. Zitate ohne Fußnote verwenden Textabschnitte aus dem Bericht von KOK Lotz.

Das Ohr des Feindes

Annäherung an ein Wohnmobil

Der Suizid von Mundlos und Böhnhardt gehört zu den unglaubwürdigsten Geschichten des Staates über den NSU. Zum Tod der mutmaßlichen Rechtsterroristen gibt es deshalb mehrere Thesen. Die Wahrheitssuche kommt nur mühsam voran. Kann man bei der Identifizierung der aufgefundenen Leichen den Behörden glauben? Oder verraten bekannt gewordene Aktenteile etwas anderes über die Identität der Toten?

Am 4. November 2011 nähern sich gegen zwölf Uhr mittags zwei ältere Polizeibeamte einem verdächtigen Wohnmobil in Eisenach-Stregda. Die Polizei fahndet nach flüchtigen bewaffneten Bankräubern, die am Vormittag eine Eisenacher Sparkasse überfallen hatten. Die Polizisten Frank Mayer und Uwe Seeland haben Anweisung, zunächst nur festzustellen, ob sich Personen im Wohnmobil aufhalten. Nicht klopfen, nur horchen sollen sie.1) Als sich die Beamten auf zwei, drei Meter an das Fahrzeug heranschleichen, hören sie aus dem Inneren drei Schüsse. Die Polizisten gehen in Deckung. Kurz darauf brennt das Wohnmobil. Der NSU hat seine tödliche Selbstenttarnung begonnen.

Unstimmigkeiten bei Todesumständen und Tathergang, das Drama um die Vermisstenakte, der dritte Mann, ignorierte Munitionsteile oder verschwundene Fotoaufnahmen der Feuerwehr: die fragwürdige Aufklärung der Todesfälle im Eisenacher Wohnmobil hat das Vertrauen in Ermittlungsbehörden und die zuständige Jenaer Rechtsmedizin schwer zerrüttet. Sie lässt von Beginn an auch an der Identifizierung der Toten zweifeln und geben alternativen Hypothesen und Theorien Nahrung. Schon einmal wurde der Chefin der Rechtsmedizin von renommierter Seite vorgeworfen, ein Gewaltverbrechen nicht erkannt zu haben.2) Und doch ist klar: Es gibt keine Zwangsläufigkeit, dass Behörden und Rechtsmedizin im Falle der Identifizierung von Böhnhardt und Mundlos vorsätzlich lügen.

Am 10. November 2011 werden von den bereits obduzierten Leichen Ohrabdrücke abgenommen. Die dazugehörigen Fotoaufnahmen werden dokumentiert. Ohrabdrücke helfen durch die ausgeprägten individuellen Merkmale des menschlichen Ohres zum Beispiel bei der Identifizierung von Verdächtigen, wenn es keine DNA-Spuren oder Fingerabdrücke gibt.

Die Fotoaufnahmen der Ohren können im günstigsten Fall die Identifizierung der im Eisenacher Wohnmobil aufgefundenen Leichen bestätigen. Und zwar unabhängig von den Aussagen der beteiligten Behörden. In einem Vergleich des Bildmaterials aus den Akten mit bekannten Pressefotos von Böhnhardt und Mundlos soll mit der vorliegenden Untersuchung dieser Spur nachgegangen werden.

Zur Methodik

Der Vergleich bestimmter morphologischer Merkmale der Ohren soll beschreibend (deskriptiv) erfolgen und durch herausgearbeitete Formen und Größenverhältnisse unterstützt werden. Ein messtechnischer Nachweis von Übereinstimmungen ist wegen fehlender Referenzen bzw. unterschiedlicher Darstellungen und Qualitäten der zu vergleichenden Bildvorlagen nicht möglich. Das untersuchte Fotomaterial basiert auf Inhalten von veröffentlichten Ermittlungsakten. Eine Überprüfung der Echtheit dieser Dokumente ist nicht Bestandteil des Vergleichs.

Die Obduktionsfotos sowie die Fotoaufnahmen für einen Ohrabdruck werden als Referenzdaten mit geeigneten, frei zugänglichen Presseveröffentlichungen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auf Übereinstimmung mehrerer Merkmale geprüft. Die Einzelergebnisse fließen in eine Gesamtaussage über eine Identifizierung ein.

Die Fotodokumente zu den Ohrabdrücken wurden in einem Bildbearbeitungsprogramm schonend optimiert durch Kontrasterhöhung, Nachbelichtung, Bildschärfenmodifikation sowie bei Format, Auflösung und Bildausschnitten an die Erfordernisse angepasst. Die Farbigkeit der Aufnahmen ist im Sinne einer verbesserten Darstellung verändert und leicht verfremdet. Damit wurde auch dem teils verstörenden Charakter der Aufnahmen Rechnung getragen.

Die gute Qualität der Ohrabdruck-Fotos ermöglichte das Extrahieren signifikanter Konturen der Ohrregionen. Diese Konturen wurden auf verfügbare Pressefotos gelegt, die in Kopfhaltung und Aufnahmewinkel den Referenzen möglichst nahe kommen. Die Bemaßung der Ohrabdruck-Fotos erlaubt eine eingeschränkte Berücksichtigung der Größenverhältnisse.

Neben den Ohrabdruck-Fotos liegen Obduktionsfotos der Ohren beider Toter vor.  Qualitätsunterschiede gibt es bei Modellierung, Zeichnung, Lichtreflektionen und Aufnahmewinkel.

Für den Ohrvergleich von Uwe Mundlos wird ein Obduktionsfoto des Komplexes 1.2 herangezogen. Grund dafür ist, dass in den Ermittlungsakten keine Ohrabdruck-Aufnahmen des Asservats 1.2 dokumentiert sind. Die aktenseitig Uwe Böhnhardt zugeordnete Aufnahme eines rechten Ohres weicht stark von den Darstellungen des verfügbaren Pressematerial ab. Deshalb war dieses Ohrabdruck-Foto (ADUB02) versuchsweise alternativ mit einem Pressefoto von Uwe Mundlos zu vergleichen, um eine mögliche falsche Aktenzuordnung auszuschließen.

Für Mundlos liegen keine Pressefotos mit linksseitiger Profilansicht in ausreichender Qualität vor. Statt einer frühen Aufnahme mit ungünstigem Aufnahmewinkel wird deshalb eine rechte Profilansicht gespiegelt. Das Ergebnis dieses Vergleiches ist von stark eingeschränktem Aussagewert, da nicht zwingend von einer Form- und Größenidentität des linken und rechten Ohres bei Uwe Mundlos ausgegangen werden kann.

Besonderheiten des Ohrvergleichs      

Abstehende Ohren (besonders Böhnhardt) lassen aufgrund des höheren Abstandwinkels in Richtung Gesichtsvorderseite bei einer seitlichen Profilansicht eine perspektivisch verkürzte Sicht auf das Ohr und seine Merkmale erwarten. Das ist bei den vorliegenden Referenzaufnahmen der Ohrabdrücke jedoch offensichtlich nicht der Fall. Ob frühere operative Veränderungen oder perspektivische Einstellungen der Aufnahmen für das Fehlen der bekannt gewordenen Ohrfehlstellungen verantwortlich sind, kann hier nicht geklärt werden. Für die Untersuchung der einzelnen Vergleichsmerkmale wird dieses Problem als nachrangig eingeschätzt. Mögliche perspektivische Verzerrungen finden beim Vergleich deshalb keine Beachtung.

Darstellungen von Personen in der Presse können aus gestalterischen Gründen gespiegelt sein. Hier geben weitere Bildindikatoren eine gewisse Sicherheit der seitenrichtigen Bildwiedergabe.3) Die einheitliche Veröffentlichung von Fotos in mehreren führenden Publikationen erlaubt einen Rückschluss auf eine hohe Wahrscheinlichkeit seitenrichtiger Darstellung.

Inwieweit Schussverletzungen, thermische Einwirkung oder der Verfallsprozess die Knorpelstruktur und das Gewebe der Ohrmuschel verändern konnten, ist nicht Gegenstand des Vergleiches. Der behördenseitig veranlasste Ohrabdruck lässt allerdings den Rückschluss zu, dass das Vergleichsmaterial prinzipiell als tauglich eingeschätzt wurde.

Unberücksichtigt bleiben ferner mögliche alterungsbedingte Veränderungen des Ohrreliefs zwischen Aufnahmedatum der Pressefotos und den Aufnahmen post mortem sowie Unstimmigkeiten einer Identifizierung von Uwe Böhnhardt durch Tätowierungen. Ungeklärte Fragen zu daktyloskopischen Befunden bzw. DNA-Abgleichen werden bei der Bewertung der Ohrvergleiche ebenfalls nicht einbezogen.

Ohrvergleich

Es ist sinnvoll, sich zunächst mit dem Aufbau des äußeren menschlichen Ohres bekannt zu machen.4)

Morphologie der Ohrmuschel

Der Ohrknorpel ist stark gefaltet, so dass sich ein typisches Ohrrelief mit zahlreichen Erhebungen und Vertiefungen ergibt, die jeweils eigene Bezeichnungen tragen. Der prominente äußere Rand der Ohrmuschel wird Helix genannt. Parallel zur Helix – getrennt durch eine enge gekrümmte Einziehung, die Scapha genannt wird – verläuft als prominenter Wulst die sichelförmige Anthelix. An ihrem kranialen Ende teilt sie sich in zwei getrennte Falten, die obere (Crus superius anthelicis) und untere Anthelixwurzel (Crus inferius anthelicis). Zwischen ihnen liegt eine dreieckige Einziehung, die Fossa triangularis.

Die Anthelix rahmt die eigentliche „Ohrmuschel“ (Concha auricularis) ein, eine ausgedehnte Vertiefung. Sie wird durch einen Ausläufer der Helix (Crus helicis) in 2 Teile getrennt, die kranial gelegene Cymba conchæ und das kaudal gelegene Cavum conchæ (Muschelhöhle), das den Übergang zum äußeren Gehörgang (Meatus acusticus externus) darstellt. Lateral vor dem Cavum conchae erkennt man zwei Vorwölbungen: Den rostral gelegenen Tragus (Ohrdeckel) und den dorsal gelegenen Antitragus. Kaudal des Tragus schließt sich das Ohrläppchen (Lobulus auriculae) an, das frei von Knorpel ist.

schema_ohr_mit_beschriftung

Legende zu den verwendeten Fotos:

A) Anthelix, B) Antitragus, C) Cavum conchae (Muschelhöhle), D) Cymba conchae, E) Crus helicis (Helixwurzel), F) Crus inferius anthelicis (untere Anthelixwurzel), G) Crus superius anthelicis (obere Anthelixwurzel), H) Fossa triangularis, I) Lobulus auriculae (Lobulo/Ohrläppchen), J) Helix, K) Scapha, L) Tragus (Ohrdeckel), M) Incisura intertragica, N) Incisura anterior, O) Tuberculum auriculare (Darwinhöckerchen)

Asservat 1.1./Ohrabdruckfoto/Ohr links

leiche_id_1.1_boehnhardt_ohr_01_links Kopie

1-1_ohr_links_merkmale_vergleich

Referenzbild Ohrabdruckfoto (ADUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,5:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,4:1

Vergleichsbild (PFUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2,3:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,25:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.1./Obduktionsfoto/Ohr links

leiche_id_1.1_boehnhardt_ohr_obd_links Kopie

1_1_ohr_links_obduktionsfoto_vergleich_merkmale

Referenzbild Obduktionsfoto (ODUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Vergleichsbild (PFUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2,3:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,25:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.1/Ohrabdruckfoto/Ohr rechts

leiche_id_1.1_boehnhardt_ohr_01_rechts Kopie 1_1_ohr_rechts_vergleich_merkmale

Referenz Ohrabdruck-Foto (ADUB02):
Gesamtverhältnis Länge/Breite: ca. 1,8:1
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,3:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,6:1

Vergleichsbild (PFUB02)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2,1:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.2./Obduktionsfoto/Ohr links

leiche_mundlos_ohr_links_vergleich_montage Kopie

1_2_ohr_links_vergleich_merkmale

Referenz Obduktionsfoto (ODUM01), Ausschnitt:
Gesamtverhältnis Länge/Breite: ca. 1,5:1
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 0,7:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,2:1

Vergleichsbild (PFUM01), gespiegelt:
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 1,7:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 0,85:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.2/Obduktionsfoto/Profilansicht links

mundlos_ohr_rechts_links_winkel_vergleich Kopie

Verglichen werden das Obduktionsfoto Asservat 1.2 (ODUM01), linke Profilansicht mit einem gespiegelten Pressefoto. Wegen des fehlenden Nachweises der Form- und Größengleichheit von linkem und rechtem Ohr nur geringer Aussagewert. Auffällig allerdings die stark unterschiedlichen Neigungswinkel des Ohres zur vertikalen Kopfachse, sowie die Ohrform.

Asservat 1.2/Ohrabdruckfoto aus 1.1/Ohr rechts

Versuchsweise verwendet als Referenz Asservat 1.1/Ohrabdruckfoto/Ohr rechts (ADUB02) für Vergleich mit Mundlos, Ohr rechts um auszuschließen, dass Ohrabdruckfoto rechts aus Asservat 1.1 falsch zugeordnet wurde

leiche_mundlos_ohr_boehnhardt_rechts_vergleich_montage Kopie

1_2_ohr_rechts_vergleich_merkmale Kopie

Referenz Ohrabdruck-Foto (ADUB02):
Gesamtverhältnis Länge/Breite: ca. 1,8:1
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,3:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,6:1

Vergleichsbild (PFUM01) :
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 1,7:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 0,85:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Ergebnisse

Vorbemerkung

Bei der Bewertung der Einzelergebnisse beim Vergleich ausgewählter Merkmale müssen mit dem Verfahren verbundene Fehlerquellen berücksichtigt werden, die hier nicht näher erläutert werden. Das betrifft die Qualität des Bildmaterials und eine Vielzahl von Faktoren, die selbst bei identischen Vergleichspersonen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen konnten, z.B. unterschiedliche aufnahmespezifische Bedingungen wie Beleuchtung, Perspektive, Tiefenschärfe oder natürliche Faktoren wie altersbedingte Veränderungen bzw. Veränderungen durch operative Eingriffe usw.

Die Einbeziehung der Einzelergebnisse in eine Gesamtaussage versucht diese Beeinträchtigungen global zu berücksichtigen. Der Schwerpunkt der Beurteilung wird deshalb auf die leicht erkennbare Grundstruktur des Ohres gelegt, also die Grundform des Ohres und die dominanten durch Knorpel gebildeten Einzelformen sowie ihre Größenverhältnisse zueinander. Gewebeanteile wie das Ohrläppchen treten in der Gewichtung zurück wegen möglicher Veränderungen post mortem.

Asservat 1.1

Beim linken Ohr ergeben sich aus den direkten Vergleichen des Ohrabdruckfotos und des Obduktionsfotos mit einem Pressefoto große Übereinstimmungen. Zu berücksichtigen ist zwar, dass Formen und Reliefbildung abgesehen von der Fehlstellung des Ohres einen eher durchschnittlichen und weit verbreiteten Charakter haben. Allerdings stellt die Krempenausbildung der Helix, die durch die innere Helix-Konturlinie dargestellt wird, ein besonderes Merkmal dar. Hier ist die spitze Einkerbung am oberen Ohrbogen zu erwähnen.

Unterschiede zwischen Referenzbildern und Vergleichsbildern können zudem auf eingeschränkte Bildqualität der Pressefotos bzw. Interpolationen der Bildauflösung zurückgeführt werden. Dazu kommen Ungenauigkeiten durch perspektivische Verzerrungen, unterschiedliche Beleuchtung, alterungsbedingte Veränderungen des Ohrs, physikalische Einflüsse unmittelbar vor und nach Eintritt des Todes.

Das rechte Ohrabdruckfoto stimmt in wichtigen Merkmalen und Größenverhältnissen nicht mit den Vergleichsdokumenten aus der Presse überein. Die Analyse der veröffentlichten Pressefotos zeigt überdies eine ungefähre Gleichförmigkeit von linker und rechter Ohrmuschel bei Uwe Böhnhardt.

Drei Konsequenzen scheinen möglich:

  1. Die Referenzdaten schließen Uwe Böhnhardt für eine infrage kommende Identifizierung aus.
  2. Die Struktur des Ohres wurde vor oder nach Eintritt des Todes zwar stark verändert, das Ergebnis der Identifizierung mit Uwe Böhnhardt bleibt gültig wegen der hohen Übereinstimmung beim Ohrvergleich des linken Ohres.
  3. Die Referenzdaten wurden einem falschen Asservat zugeordnet, es handelt sich bei den Bilddokumenten mglw. um ein Foto des Komplexes 1.2 (konnte nicht bestätigt werden; s.o.).

Eine abschließende Klärung der Gründe für die signifikanten Unterschiede von linkem und rechtem Ohr des Asservats 1.1 ist in diesem Rahmen nicht darstellbar. Eine mögliche falsche Zuordnung der Asservatdokumentation konnte im Ohrenvergleich mit Uwe Mundlos jedenfalls nicht bestätigt werden.

Der hohe Grad an übereinstimmenden Merkmalen beim Vergleich des linken Ohres mit der Besonderheit einer „Kerbe“ im oberen Helixbogen berechtigt allerdings, eine Tendenz zu formulieren. Das wird dadurch unterstützt, dass die vorliegenden starken Formunterschiede der Ohren ungewöhnlich sind und eine Veränderung des rechten Ohres durch äußere Einflüsse möglich erscheint. Basierend auf den Ergebnissen des Ohrvergleiches zum linken Ohr handelt es sich beim Komplex 1.1 mit großer Wahrscheinlichkeit um Uwe Böhnhardt.

Asservat 1.2

Beim Komplex 1.2 konnte in einem Ohrvergleich nur bei wenigen Merkmalen Übereinstimmung erzielt werden. Gründe dafür sind zum einen, dass nur ein klar zuzuordnendes Referenzdokument eines Obdukitionsfotos vorlag. Die dokumentierten Ohrabdruckaufnahmen sind im verfügbaren Bestand der Ermittlungsakten nicht vorhanden. Geeignetes Vergleichsmaterial aus Presseveröffentlichungen einer linken Profilseite von Uwe Mundlos liegt nicht vor.

Ein Vergleich des Obduktionsfotos eines linken seitlichen Kopfprofils mit einem rechten seitlichen Kopfprofil aus Presseveröffentlichungen ist von erheblich eingeschränktem Aussagewert, weil identische Ohrformen und -stellungen nicht vorausgesetzt werden können. Eine hohe Übereinstimmung an Merkmalen hätte dagegen auf vorhandene Gleichförmigkeit schließen und eine Identifizierung wahrscheinlicher werden lassen. Die beschriebenen Abweichungen der Merkmale lassen drei Möglichkeiten zu:

  1. Die Referenzdaten schließen Uwe Mundlos bei vorausgesetzter Gleichförmigkeit des linken und rechten Ohres für eine infrage kommende Identifizierung aus.
  2. Die Struktur des Ohres wurde vor oder nach Eintritt des Todes zwar stark verändert, eine Identifizierung anhand des Ohres ist trotz angenommener Gleichförmigkeit nicht möglich
  3. Das Abdruckfoto rechtes Ohr aus Komplex 1.1 wurde nicht fehlerhaft Asservat 1.2 zugeordnet, ein Ohrvergleich basiert auf falschen Referenzdaten und ist ungültig

Die Identifizierung des Komplexes 1.2 mit Uwe Mundlos kann durch Ohrenvergleich unter den dargestellten Voraussetzungen weder bestätigt, noch ausgeschlossen werden.

Zusammenfassung

Unter dem Vorbehalt, dass eine plausible Erklärung für die starken Abweichungen von linkem und rechtem Ohr gefunden werden kann, ist für den Asservatekomplex 1.1 eine Identifizierung mit Uwe Böhnhardt mit großer Wahrscheinlichkeit zu bestätigen. Für den Asservatekomplex 1.2 kann eine Identifizierung wegen ungenügender Vergleichsvoraussetzungen nicht erfolgen.

Schlussbetrachtung

Die fehlende Eindeutigkeit der Ergebnisse mag unbefriedigend erscheinen. Dem sind mehrere Überlegungen entgegenzuhalten.

Darstellungen der Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden zu den Ereignissen am 4. November 2011 in Eisenach-Stregda sind in einer Reihe von Punkten falsch oder widersprüchlich. Es liegen zahlreiche Indizien für Verschleierung der Tathintergründe sowie Beweismittelmanipulation am Tatort durch Behörden vor. Das Tatgeschehen und eine mögliche Fremdbeteiligung konnten bis heute nicht schlüssig geklärt werden.5)

Kritische Fragen an Ermittlungs- und Untersuchungsergebnisse richten sich deshalb auch an die Identifizierung der im Wohnmobil aufgefundenen Leichen. Behördenseitig veröffentlichte Untersuchungsergebnisse können vielfach nicht oder nur eingeschränkt verifiziert werden. Ergebnisse der NSU-Untersuchungsausschüsse stehen gleichfalls in der Kritik. Skepsis ist umso mehr angezeigt, als staatliche Behörden verdächtigt werden, im Kontext des sog. NSU in schwere Straftaten involviert zu sein.

Der vorliegende Ohrvergleich sollte die behördenseitig dargestellte Identifizierung untersuchen. Eine Bestätigung gelang zwar nur teilweise. Allerdings bietet der Ohrenvergleich einen unabhängigen Aufklärungsansatz, der seinerseits Grundlage für weitere Untersuchungen sein kann und mit den Ergebnissen alternative Thesen zum NSU jetzt schon stützt oder schwächt.

Fußnoten:

1)  Protokoll des Thüringer Untersuchungsausschusses vom 31.03.2014;
Vernehmung der Polizisten Mayer und Seeland
https://haskala.de/2014/03/31/ticker-zum-nsu-untersuchungsausschuss-31-03-2014/

2) http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Mysterioeser-Tod-in-Meiningen-Experte-glaubt-an-Toetung-1107388817
In einem weiteren Fall, 2009, also 2 Jahre vor der NSU-Selbstenttarnung, musste die Jenaer Rechtsmedizin nachträglich von Stichverletzung zu Schussverletzung korrigieren.
http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Gothaer-Mord-war-ein-Auftrag-761831405

Lesenswert dazu hier:
http://web-archive-net.com/page/2778195/2013-09-01/http://www.bitterlemmer.net/wp/2010/03/19/pling-kullerte-die-pistolenkugel-aus-dem-toten-auf-den-sektionstisch-wahrend-die-polizei-einen-messerstecher-suchte/

3) Beispiel: Eine bekannte Aufnahme aus einem Wohnmobil zeigt Uwe Böhnhardt auf der Fahrerseite, eine Links-rechts-Zuordnung wäre damit zweifelsfrei gegeben.

4) http://flexikon.doccheck.com/de/Ohrmuschel
Die Website bietet eine gute interaktive Grafik, in der die Regionen der Ohrmuschel übersichtlich dargestellt werden.

5) Stellvertretend hier der Verweis auf zahlreiche Artikel des Bloggers friedensblick.de (http://friedensblick.de/) und des Sicherungsblogs NSU des AK NSU (http://sicherungsblog.wordpress.com/)

Bildnachweis Grafik Ohr: http://wwwlehre.dhbw-stuttgart.de/~memmeshe/studienarbeiten/Ear%20Recognition/ohrmuschel.htm