Das Ohr des Feindes

Annäherung an ein Wohnmobil

Der Suizid von Mundlos und Böhnhardt gehört zu den unglaubwürdigsten Geschichten des Staates über den NSU. Zum Tod der mutmaßlichen Rechtsterroristen gibt es deshalb mehrere Thesen. Die Wahrheitssuche kommt nur mühsam voran. Kann man bei der Identifizierung der aufgefundenen Leichen den Behörden glauben? Oder verraten bekannt gewordene Aktenteile etwas anderes über die Identität der Toten?

Am 4. November 2011 nähern sich gegen zwölf Uhr mittags zwei ältere Polizeibeamte einem verdächtigen Wohnmobil in Eisenach-Stregda. Die Polizei fahndet nach flüchtigen bewaffneten Bankräubern, die am Vormittag eine Eisenacher Sparkasse überfallen hatten. Die Polizisten Frank Mayer und Uwe Seeland haben Anweisung, zunächst nur festzustellen, ob sich Personen im Wohnmobil aufhalten. Nicht klopfen, nur horchen sollen sie.1) Als sich die Beamten auf zwei, drei Meter an das Fahrzeug heranschleichen, hören sie aus dem Inneren drei Schüsse. Die Polizisten gehen in Deckung. Kurz darauf brennt das Wohnmobil. Der NSU hat seine tödliche Selbstenttarnung begonnen.

Unstimmigkeiten bei Todesumständen und Tathergang, das Drama um die Vermisstenakte, der dritte Mann, ignorierte Munitionsteile oder verschwundene Fotoaufnahmen der Feuerwehr: die fragwürdige Aufklärung der Todesfälle im Eisenacher Wohnmobil hat das Vertrauen in Ermittlungsbehörden und die zuständige Jenaer Rechtsmedizin schwer zerrüttet. Sie lässt von Beginn an auch an der Identifizierung der Toten zweifeln und geben alternativen Hypothesen und Theorien Nahrung. Schon einmal wurde der Chefin der Rechtsmedizin von renommierter Seite vorgeworfen, ein Gewaltverbrechen nicht erkannt zu haben.2) Und doch ist klar: Es gibt keine Zwangsläufigkeit, dass Behörden und Rechtsmedizin im Falle der Identifizierung von Böhnhardt und Mundlos vorsätzlich lügen.

Am 10. November 2011 werden von den bereits obduzierten Leichen Ohrabdrücke abgenommen. Die dazugehörigen Fotoaufnahmen werden dokumentiert. Ohrabdrücke helfen durch die ausgeprägten individuellen Merkmale des menschlichen Ohres zum Beispiel bei der Identifizierung von Verdächtigen, wenn es keine DNA-Spuren oder Fingerabdrücke gibt.

Die Fotoaufnahmen der Ohren können im günstigsten Fall die Identifizierung der im Eisenacher Wohnmobil aufgefundenen Leichen bestätigen. Und zwar unabhängig von den Aussagen der beteiligten Behörden. In einem Vergleich des Bildmaterials aus den Akten mit bekannten Pressefotos von Böhnhardt und Mundlos soll mit der vorliegenden Untersuchung dieser Spur nachgegangen werden.

Zur Methodik

Der Vergleich bestimmter morphologischer Merkmale der Ohren soll beschreibend (deskriptiv) erfolgen und durch herausgearbeitete Formen und Größenverhältnisse unterstützt werden. Ein messtechnischer Nachweis von Übereinstimmungen ist wegen fehlender Referenzen bzw. unterschiedlicher Darstellungen und Qualitäten der zu vergleichenden Bildvorlagen nicht möglich. Das untersuchte Fotomaterial basiert auf Inhalten von veröffentlichten Ermittlungsakten. Eine Überprüfung der Echtheit dieser Dokumente ist nicht Bestandteil des Vergleichs.

Die Obduktionsfotos sowie die Fotoaufnahmen für einen Ohrabdruck werden als Referenzdaten mit geeigneten, frei zugänglichen Presseveröffentlichungen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auf Übereinstimmung mehrerer Merkmale geprüft. Die Einzelergebnisse fließen in eine Gesamtaussage über eine Identifizierung ein.

Die Fotodokumente zu den Ohrabdrücken wurden in einem Bildbearbeitungsprogramm schonend optimiert durch Kontrasterhöhung, Nachbelichtung, Bildschärfenmodifikation sowie bei Format, Auflösung und Bildausschnitten an die Erfordernisse angepasst. Die Farbigkeit der Aufnahmen ist im Sinne einer verbesserten Darstellung verändert und leicht verfremdet. Damit wurde auch dem teils verstörenden Charakter der Aufnahmen Rechnung getragen.

Die gute Qualität der Ohrabdruck-Fotos ermöglichte das Extrahieren signifikanter Konturen der Ohrregionen. Diese Konturen wurden auf verfügbare Pressefotos gelegt, die in Kopfhaltung und Aufnahmewinkel den Referenzen möglichst nahe kommen. Die Bemaßung der Ohrabdruck-Fotos erlaubt eine eingeschränkte Berücksichtigung der Größenverhältnisse.

Neben den Ohrabdruck-Fotos liegen Obduktionsfotos der Ohren beider Toter vor.  Qualitätsunterschiede gibt es bei Modellierung, Zeichnung, Lichtreflektionen und Aufnahmewinkel.

Für den Ohrvergleich von Uwe Mundlos wird ein Obduktionsfoto des Komplexes 1.2 herangezogen. Grund dafür ist, dass in den Ermittlungsakten keine Ohrabdruck-Aufnahmen des Asservats 1.2 dokumentiert sind. Die aktenseitig Uwe Böhnhardt zugeordnete Aufnahme eines rechten Ohres weicht stark von den Darstellungen des verfügbaren Pressematerial ab. Deshalb war dieses Ohrabdruck-Foto (ADUB02) versuchsweise alternativ mit einem Pressefoto von Uwe Mundlos zu vergleichen, um eine mögliche falsche Aktenzuordnung auszuschließen.

Für Mundlos liegen keine Pressefotos mit linksseitiger Profilansicht in ausreichender Qualität vor. Statt einer frühen Aufnahme mit ungünstigem Aufnahmewinkel wird deshalb eine rechte Profilansicht gespiegelt. Das Ergebnis dieses Vergleiches ist von stark eingeschränktem Aussagewert, da nicht zwingend von einer Form- und Größenidentität des linken und rechten Ohres bei Uwe Mundlos ausgegangen werden kann.

Besonderheiten des Ohrvergleichs      

Abstehende Ohren (besonders Böhnhardt) lassen aufgrund des höheren Abstandwinkels in Richtung Gesichtsvorderseite bei einer seitlichen Profilansicht eine perspektivisch verkürzte Sicht auf das Ohr und seine Merkmale erwarten. Das ist bei den vorliegenden Referenzaufnahmen der Ohrabdrücke jedoch offensichtlich nicht der Fall. Ob frühere operative Veränderungen oder perspektivische Einstellungen der Aufnahmen für das Fehlen der bekannt gewordenen Ohrfehlstellungen verantwortlich sind, kann hier nicht geklärt werden. Für die Untersuchung der einzelnen Vergleichsmerkmale wird dieses Problem als nachrangig eingeschätzt. Mögliche perspektivische Verzerrungen finden beim Vergleich deshalb keine Beachtung.

Darstellungen von Personen in der Presse können aus gestalterischen Gründen gespiegelt sein. Hier geben weitere Bildindikatoren eine gewisse Sicherheit der seitenrichtigen Bildwiedergabe.3) Die einheitliche Veröffentlichung von Fotos in mehreren führenden Publikationen erlaubt einen Rückschluss auf eine hohe Wahrscheinlichkeit seitenrichtiger Darstellung.

Inwieweit Schussverletzungen, thermische Einwirkung oder der Verfallsprozess die Knorpelstruktur und das Gewebe der Ohrmuschel verändern konnten, ist nicht Gegenstand des Vergleiches. Der behördenseitig veranlasste Ohrabdruck lässt allerdings den Rückschluss zu, dass das Vergleichsmaterial prinzipiell als tauglich eingeschätzt wurde.

Unberücksichtigt bleiben ferner mögliche alterungsbedingte Veränderungen des Ohrreliefs zwischen Aufnahmedatum der Pressefotos und den Aufnahmen post mortem sowie Unstimmigkeiten einer Identifizierung von Uwe Böhnhardt durch Tätowierungen. Ungeklärte Fragen zu daktyloskopischen Befunden bzw. DNA-Abgleichen werden bei der Bewertung der Ohrvergleiche ebenfalls nicht einbezogen.

Ohrvergleich

Es ist sinnvoll, sich zunächst mit dem Aufbau des äußeren menschlichen Ohres bekannt zu machen.4)

Morphologie der Ohrmuschel

Der Ohrknorpel ist stark gefaltet, so dass sich ein typisches Ohrrelief mit zahlreichen Erhebungen und Vertiefungen ergibt, die jeweils eigene Bezeichnungen tragen. Der prominente äußere Rand der Ohrmuschel wird Helix genannt. Parallel zur Helix – getrennt durch eine enge gekrümmte Einziehung, die Scapha genannt wird – verläuft als prominenter Wulst die sichelförmige Anthelix. An ihrem kranialen Ende teilt sie sich in zwei getrennte Falten, die obere (Crus superius anthelicis) und untere Anthelixwurzel (Crus inferius anthelicis). Zwischen ihnen liegt eine dreieckige Einziehung, die Fossa triangularis.

Die Anthelix rahmt die eigentliche „Ohrmuschel“ (Concha auricularis) ein, eine ausgedehnte Vertiefung. Sie wird durch einen Ausläufer der Helix (Crus helicis) in 2 Teile getrennt, die kranial gelegene Cymba conchæ und das kaudal gelegene Cavum conchæ (Muschelhöhle), das den Übergang zum äußeren Gehörgang (Meatus acusticus externus) darstellt. Lateral vor dem Cavum conchae erkennt man zwei Vorwölbungen: Den rostral gelegenen Tragus (Ohrdeckel) und den dorsal gelegenen Antitragus. Kaudal des Tragus schließt sich das Ohrläppchen (Lobulus auriculae) an, das frei von Knorpel ist.

schema_ohr_mit_beschriftung

Legende zu den verwendeten Fotos:

A) Anthelix, B) Antitragus, C) Cavum conchae (Muschelhöhle), D) Cymba conchae, E) Crus helicis (Helixwurzel), F) Crus inferius anthelicis (untere Anthelixwurzel), G) Crus superius anthelicis (obere Anthelixwurzel), H) Fossa triangularis, I) Lobulus auriculae (Lobulo/Ohrläppchen), J) Helix, K) Scapha, L) Tragus (Ohrdeckel), M) Incisura intertragica, N) Incisura anterior, O) Tuberculum auriculare (Darwinhöckerchen)

Asservat 1.1./Ohrabdruckfoto/Ohr links

leiche_id_1.1_boehnhardt_ohr_01_links Kopie

1-1_ohr_links_merkmale_vergleich

Referenzbild Ohrabdruckfoto (ADUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,5:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,4:1

Vergleichsbild (PFUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2,3:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,25:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.1./Obduktionsfoto/Ohr links

leiche_id_1.1_boehnhardt_ohr_obd_links Kopie

1_1_ohr_links_obduktionsfoto_vergleich_merkmale

Referenzbild Obduktionsfoto (ODUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Vergleichsbild (PFUB01)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2,3:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,25:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.1/Ohrabdruckfoto/Ohr rechts

leiche_id_1.1_boehnhardt_ohr_01_rechts Kopie 1_1_ohr_rechts_vergleich_merkmale

Referenz Ohrabdruck-Foto (ADUB02):
Gesamtverhältnis Länge/Breite: ca. 1,8:1
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,3:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,6:1

Vergleichsbild (PFUB02)
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 2,1:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.2./Obduktionsfoto/Ohr links

leiche_mundlos_ohr_links_vergleich_montage Kopie

1_2_ohr_links_vergleich_merkmale

Referenz Obduktionsfoto (ODUM01), Ausschnitt:
Gesamtverhältnis Länge/Breite: ca. 1,5:1
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 0,7:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,2:1

Vergleichsbild (PFUM01), gespiegelt:
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 1,7:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 0,85:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Asservat 1.2/Obduktionsfoto/Profilansicht links

mundlos_ohr_rechts_links_winkel_vergleich Kopie

Verglichen werden das Obduktionsfoto Asservat 1.2 (ODUM01), linke Profilansicht mit einem gespiegelten Pressefoto. Wegen des fehlenden Nachweises der Form- und Größengleichheit von linkem und rechtem Ohr nur geringer Aussagewert. Auffällig allerdings die stark unterschiedlichen Neigungswinkel des Ohres zur vertikalen Kopfachse, sowie die Ohrform.

Asservat 1.2/Ohrabdruckfoto aus 1.1/Ohr rechts

Versuchsweise verwendet als Referenz Asservat 1.1/Ohrabdruckfoto/Ohr rechts (ADUB02) für Vergleich mit Mundlos, Ohr rechts um auszuschließen, dass Ohrabdruckfoto rechts aus Asservat 1.1 falsch zugeordnet wurde

leiche_mundlos_ohr_boehnhardt_rechts_vergleich_montage Kopie

1_2_ohr_rechts_vergleich_merkmale Kopie

Referenz Ohrabdruck-Foto (ADUB02):
Gesamtverhältnis Länge/Breite: ca. 1,8:1
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 1,3:1;
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,6:1

Vergleichsbild (PFUM01) :
Gesamtverhältnis Ohr Länge/Breite: ca. 1,7:1;
Verhältnis Abstand Incisura anterior/Incisura intertragica zu Breite Concha-Höhle: ca. 0,85:1
Verhältnis Abstand untere Anthelixwurzel/Unterkante Ohrläppchen zu unterer Anthelixwurzel/oberer Helixrand: ca. 1,8:1

Ergebnisse

Vorbemerkung

Bei der Bewertung der Einzelergebnisse beim Vergleich ausgewählter Merkmale müssen mit dem Verfahren verbundene Fehlerquellen berücksichtigt werden, die hier nicht näher erläutert werden. Das betrifft die Qualität des Bildmaterials und eine Vielzahl von Faktoren, die selbst bei identischen Vergleichspersonen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen konnten, z.B. unterschiedliche aufnahmespezifische Bedingungen wie Beleuchtung, Perspektive, Tiefenschärfe oder natürliche Faktoren wie altersbedingte Veränderungen bzw. Veränderungen durch operative Eingriffe usw.

Die Einbeziehung der Einzelergebnisse in eine Gesamtaussage versucht diese Beeinträchtigungen global zu berücksichtigen. Der Schwerpunkt der Beurteilung wird deshalb auf die leicht erkennbare Grundstruktur des Ohres gelegt, also die Grundform des Ohres und die dominanten durch Knorpel gebildeten Einzelformen sowie ihre Größenverhältnisse zueinander. Gewebeanteile wie das Ohrläppchen treten in der Gewichtung zurück wegen möglicher Veränderungen post mortem.

Asservat 1.1

Beim linken Ohr ergeben sich aus den direkten Vergleichen des Ohrabdruckfotos und des Obduktionsfotos mit einem Pressefoto große Übereinstimmungen. Zu berücksichtigen ist zwar, dass Formen und Reliefbildung abgesehen von der Fehlstellung des Ohres einen eher durchschnittlichen und weit verbreiteten Charakter haben. Allerdings stellt die Krempenausbildung der Helix, die durch die innere Helix-Konturlinie dargestellt wird, ein besonderes Merkmal dar. Hier ist die spitze Einkerbung am oberen Ohrbogen zu erwähnen.

Unterschiede zwischen Referenzbildern und Vergleichsbildern können zudem auf eingeschränkte Bildqualität der Pressefotos bzw. Interpolationen der Bildauflösung zurückgeführt werden. Dazu kommen Ungenauigkeiten durch perspektivische Verzerrungen, unterschiedliche Beleuchtung, alterungsbedingte Veränderungen des Ohrs, physikalische Einflüsse unmittelbar vor und nach Eintritt des Todes.

Das rechte Ohrabdruckfoto stimmt in wichtigen Merkmalen und Größenverhältnissen nicht mit den Vergleichsdokumenten aus der Presse überein. Die Analyse der veröffentlichten Pressefotos zeigt überdies eine ungefähre Gleichförmigkeit von linker und rechter Ohrmuschel bei Uwe Böhnhardt.

Drei Konsequenzen scheinen möglich:

  1. Die Referenzdaten schließen Uwe Böhnhardt für eine infrage kommende Identifizierung aus.
  2. Die Struktur des Ohres wurde vor oder nach Eintritt des Todes zwar stark verändert, das Ergebnis der Identifizierung mit Uwe Böhnhardt bleibt gültig wegen der hohen Übereinstimmung beim Ohrvergleich des linken Ohres.
  3. Die Referenzdaten wurden einem falschen Asservat zugeordnet, es handelt sich bei den Bilddokumenten mglw. um ein Foto des Komplexes 1.2 (konnte nicht bestätigt werden; s.o.).

Eine abschließende Klärung der Gründe für die signifikanten Unterschiede von linkem und rechtem Ohr des Asservats 1.1 ist in diesem Rahmen nicht darstellbar. Eine mögliche falsche Zuordnung der Asservatdokumentation konnte im Ohrenvergleich mit Uwe Mundlos jedenfalls nicht bestätigt werden.

Der hohe Grad an übereinstimmenden Merkmalen beim Vergleich des linken Ohres mit der Besonderheit einer „Kerbe“ im oberen Helixbogen berechtigt allerdings, eine Tendenz zu formulieren. Das wird dadurch unterstützt, dass die vorliegenden starken Formunterschiede der Ohren ungewöhnlich sind und eine Veränderung des rechten Ohres durch äußere Einflüsse möglich erscheint. Basierend auf den Ergebnissen des Ohrvergleiches zum linken Ohr handelt es sich beim Komplex 1.1 mit großer Wahrscheinlichkeit um Uwe Böhnhardt.

Asservat 1.2

Beim Komplex 1.2 konnte in einem Ohrvergleich nur bei wenigen Merkmalen Übereinstimmung erzielt werden. Gründe dafür sind zum einen, dass nur ein klar zuzuordnendes Referenzdokument eines Obdukitionsfotos vorlag. Die dokumentierten Ohrabdruckaufnahmen sind im verfügbaren Bestand der Ermittlungsakten nicht vorhanden. Geeignetes Vergleichsmaterial aus Presseveröffentlichungen einer linken Profilseite von Uwe Mundlos liegt nicht vor.

Ein Vergleich des Obduktionsfotos eines linken seitlichen Kopfprofils mit einem rechten seitlichen Kopfprofil aus Presseveröffentlichungen ist von erheblich eingeschränktem Aussagewert, weil identische Ohrformen und -stellungen nicht vorausgesetzt werden können. Eine hohe Übereinstimmung an Merkmalen hätte dagegen auf vorhandene Gleichförmigkeit schließen und eine Identifizierung wahrscheinlicher werden lassen. Die beschriebenen Abweichungen der Merkmale lassen drei Möglichkeiten zu:

  1. Die Referenzdaten schließen Uwe Mundlos bei vorausgesetzter Gleichförmigkeit des linken und rechten Ohres für eine infrage kommende Identifizierung aus.
  2. Die Struktur des Ohres wurde vor oder nach Eintritt des Todes zwar stark verändert, eine Identifizierung anhand des Ohres ist trotz angenommener Gleichförmigkeit nicht möglich
  3. Das Abdruckfoto rechtes Ohr aus Komplex 1.1 wurde nicht fehlerhaft Asservat 1.2 zugeordnet, ein Ohrvergleich basiert auf falschen Referenzdaten und ist ungültig

Die Identifizierung des Komplexes 1.2 mit Uwe Mundlos kann durch Ohrenvergleich unter den dargestellten Voraussetzungen weder bestätigt, noch ausgeschlossen werden.

Zusammenfassung

Unter dem Vorbehalt, dass eine plausible Erklärung für die starken Abweichungen von linkem und rechtem Ohr gefunden werden kann, ist für den Asservatekomplex 1.1 eine Identifizierung mit Uwe Böhnhardt mit großer Wahrscheinlichkeit zu bestätigen. Für den Asservatekomplex 1.2 kann eine Identifizierung wegen ungenügender Vergleichsvoraussetzungen nicht erfolgen.

Schlussbetrachtung

Die fehlende Eindeutigkeit der Ergebnisse mag unbefriedigend erscheinen. Dem sind mehrere Überlegungen entgegenzuhalten.

Darstellungen der Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden zu den Ereignissen am 4. November 2011 in Eisenach-Stregda sind in einer Reihe von Punkten falsch oder widersprüchlich. Es liegen zahlreiche Indizien für Verschleierung der Tathintergründe sowie Beweismittelmanipulation am Tatort durch Behörden vor. Das Tatgeschehen und eine mögliche Fremdbeteiligung konnten bis heute nicht schlüssig geklärt werden.5)

Kritische Fragen an Ermittlungs- und Untersuchungsergebnisse richten sich deshalb auch an die Identifizierung der im Wohnmobil aufgefundenen Leichen. Behördenseitig veröffentlichte Untersuchungsergebnisse können vielfach nicht oder nur eingeschränkt verifiziert werden. Ergebnisse der NSU-Untersuchungsausschüsse stehen gleichfalls in der Kritik. Skepsis ist umso mehr angezeigt, als staatliche Behörden verdächtigt werden, im Kontext des sog. NSU in schwere Straftaten involviert zu sein.

Der vorliegende Ohrvergleich sollte die behördenseitig dargestellte Identifizierung untersuchen. Eine Bestätigung gelang zwar nur teilweise. Allerdings bietet der Ohrenvergleich einen unabhängigen Aufklärungsansatz, der seinerseits Grundlage für weitere Untersuchungen sein kann und mit den Ergebnissen alternative Thesen zum NSU jetzt schon stützt oder schwächt.

Fußnoten:

1)  Protokoll des Thüringer Untersuchungsausschusses vom 31.03.2014;
Vernehmung der Polizisten Mayer und Seeland
https://haskala.de/2014/03/31/ticker-zum-nsu-untersuchungsausschuss-31-03-2014/

2) http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Mysterioeser-Tod-in-Meiningen-Experte-glaubt-an-Toetung-1107388817
In einem weiteren Fall, 2009, also 2 Jahre vor der NSU-Selbstenttarnung, musste die Jenaer Rechtsmedizin nachträglich von Stichverletzung zu Schussverletzung korrigieren.
http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Gothaer-Mord-war-ein-Auftrag-761831405

Lesenswert dazu hier:
http://web-archive-net.com/page/2778195/2013-09-01/http://www.bitterlemmer.net/wp/2010/03/19/pling-kullerte-die-pistolenkugel-aus-dem-toten-auf-den-sektionstisch-wahrend-die-polizei-einen-messerstecher-suchte/

3) Beispiel: Eine bekannte Aufnahme aus einem Wohnmobil zeigt Uwe Böhnhardt auf der Fahrerseite, eine Links-rechts-Zuordnung wäre damit zweifelsfrei gegeben.

4) http://flexikon.doccheck.com/de/Ohrmuschel
Die Website bietet eine gute interaktive Grafik, in der die Regionen der Ohrmuschel übersichtlich dargestellt werden.

5) Stellvertretend hier der Verweis auf zahlreiche Artikel des Bloggers friedensblick.de (http://friedensblick.de/) und des Sicherungsblogs NSU des AK NSU (http://sicherungsblog.wordpress.com/)

Bildnachweis Grafik Ohr: http://wwwlehre.dhbw-stuttgart.de/~memmeshe/studienarbeiten/Ear%20Recognition/ohrmuschel.htm

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15 Gedanken zu “Das Ohr des Feindes

  1. Den Anlauf gab es schon im NSU-Leakblog. Deiner ist allerdings deutlich akribischer.
    Denke aber Ergebnis ist das gleiche. Man kann nicht ausschließen, das es die beiden sind. Der Ausschluss wäre ja auch was gewesen.
    Ist damit jetzt auch für dich die Tiefkühltruhe vom Tisch?

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  2. Der Beitrag ist eine Fleißarbeit. Danke dafür. Jeder Vorstoß in dieser Sache ist begrüßenswert.

    Für mich zählen allerdings nur die veröffentlichten Ermittlungsakten als Grundlage.

    “ Und doch ist klar: Es gibt keine Zwangsläufigkeit, dass Behörden und Rechtsmedizin im Falle der Identifizierung von Böhnhardt und Mundlos vorsätzlich lügen.“ Zitat Ende

    Natürlich geht aus den Ermittlungsakten und aus den diversen öffentlichen Protokollen hervor, dass vorsätzlich bei der Identifizierung der beiden gelogen wurde. Die Zwangsläufigkeit ergibt sich bereits aus der ersten „Lüge“, welche durch Beweismittelfälschungen direkt nach Betreten des WoMos erfolgte und welche – logischerweise – eine ganze Kette neuer Lügen erzeugen mußte. Letztendlich ist diese „Zwangsläufigkeit des vorsätzlichen Lügens“ in den heutigen UAs angekommen – wo man gezwungen ist, die Geschichte auf Teufel komm raus zu verteidigen, weil sonst die „Republik“ in die Luft fliegt.

    Das Argument, dass die gefälschten Akten ja keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Hergang erlauben, ist ein Scheinargument. Die Akten sind Grundlage des Staates für den Sachverhalt – hier – der Identifizierung. Sie sind mithin ein Maßstab, welchem sich der „Staat“ in einer Auseinandersetzung schwerlich verschließen könnte. Deswegen muß genau diese Auseinandersetzung auf Basis der Ermittlungsakten erzwungen werden. Allein zur Identifizierung der beiden gibt es eine Menge Beweise in den Akten, welche die Lügen der Ermittler an anderer Stelle offenlegen. Man darf nicht den Fehler machen, Aktenbeweise je nach persönlicher Ansicht umzubewerten. Was dort drinsteht, mit Datum und Uhrzeit ist verbindlich. Allein schon am Abschnitt „Identifizierung“ würde der „Staat“ kollabieren. Es bedarf halt der juristischen Auseinandersetzung.

    Jede noch so einleuchtende „private“ Untersuchung, ist zwar erhellend, wird aber in der öffentlichen Auseinandersetzung aus formalen Gründen keine Berücksichtigung finden können.
    Diese Feststellung beinhaltet keine Abwertung des obenstehenden Vortrags. Interessant ist er auf jeden Fall und ich habe ihn gern gelesen.

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    • Danke für Deinen Kommentar. Dem ist nicht zu widersprechen. Ja, es gibt da zwei Ebenen; die juristische Verwertbarkeit und die „kriminalistische“ private oder öffentliche Wahrheitsfindung. Du argumentierst sozusagen juristisch und hast damit recht. Denn wenn die Aufklärung aus dem Privaten heraustritt, muss sie ja in irgendeiner Form versuchen, rechtsstaatliche Instrumente zu gebrauchen.

      Wenn eine Beweismittelmanipulation auf Grundlage gefälschter Akten ermittelt und angeklagt würde, wäre das ein Erfolg des Rechtsstaates, aber wir wüssten mglw. noch immer nicht, was sich warum zugetragen hat. Mit der Gefahr, erneut gelinkt zu werden.

      Rechtsfrieden umfasst imho weit mehr als formaljuristisch saubere Urteile, aber nur Juristen können das Biest erlegen. Die juristisch wertlose Wahrheitsfindung kann vll. zu einer Art Neuanfang beitragen. Falls es so etwas gibt. Also an beiden Fronten weitermachen 😉

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    • „Allein schon am Abschnitt “Identifizierung” würde der “Staat” kollabieren.“ … fällt nur kaum jemanden auf.
      Und über den Gender-Sprech welchen die Leute von publikative & Co. pflegen plötzlich bei den NSU KameradInnen auftaucht … verwundert sich kaum jemand über diese gegenderten Voll-Nazis …
      [Link gelöscht; Grund: verknüpftes Bild nicht mehr vorhanden]
      http://www.publikative.org/2014/04/25/nsu-geheime-botschaft-im-weissen-wolf/

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  3. Du sagst es!

    https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/06/02/vorverurteilung-und-widerstandsrecht/

    Die juristische Aufarbeitung dieser Angelegenheit läßt sich nicht von der Wiederherstellung des Rechtsfriedens und auch nicht von weltanschaulichen Gesichtspunkten trennen. Für mich ist das EINE Front! Hätte ich nicht getan, was ich von Anbeginn an tun wollte, ich wäre verbrannt und krank geworden. Es gab Zeiten, da habe ich von Menzel geträumt.

    Allerdings sehe ich – wenn überhaupt – nur eine winzige Chance, diese Ziele auf Grundlage der veröffentlichten Akten zu erreichen. Eine andere – „private“ Grundlage, würde eine Revolution zur Wiederherstellung des Rechtsfriedens und des Rechtsstaates benötigen. Womit wir wieder bei Mahler, Schily und Ströbele wären. Die waren Revolutionen mit diesen Zielen ja auch nicht abgeneigt – obwohl sie „Formaljuristen“ waren.

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    • „Hätte ich nicht getan, was ich von Anbeginn an tun wollte, ich wäre verbrannt und krank geworden. Es gab Zeiten, da habe ich von Menzel geträumt.“

      Was willst du uns damit sagen?
      Wer von „Brain“ träumt, braucht dazu persönliche Nähe zum Womo Finale ???
      Die wäre ungesund.
      Du schreibst aber viel zu gewählt, als das du nicht weißt, was du schreibst und warum.
      Helf mal dahinter zu steigen … 😉

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  4. Pingback: Neues Gedöns aus Dortmund: Brot und Spiele | NSU LEAKS

  5. Ein Hammer wenn das Sauber ist und nicht wie beim Justizopfer Donald Stellwag.

    Wobei Sie auf parlograph sehr übervorsichtig weil ein von vier Ohren passt.

    NSU Uwe DNA mit Eltern abgeglichen … (warum eigentlich nicht?) … es findet sich nur folgendes:

    „Da habe man Hinweise auf Tätowierungen gehabt, dazu seien Bilder herangezogen worden, und man habe ihn anhand von DNA der Familie Böhnhardt identifizieren können“

    http://friedensblick.de/12406/die-leiche-im-nsu-wohnmobil-war-gar-nicht-uwe-boehnhardt/
    http://www.nsu-watch.info/2013/11/protokoll-52-verhandlungstag-6-november-2013/

    Ich theoretisiere mal … unsere Dienste hatten wie im Film „Die drei Tage des Condor“ plötzlich Leichen zu entsorgen, und diese wurden über den Kühlkeller der erstaunlich schnellen Gerichtsmediziner nach Stregda zur Auffindung gebracht

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  6. ich lese das erst jetzt, und weil ich so doof bin, frage ich mich, weshalb keine dna-analyse gemacht wird (abstammungsgutachten -> https://de.wikipedia.org/wiki/Abstammungsgutachten_%28DNA-Analyse%29 ) ????
    was ist denn das bitte für eine show mit dem ohrenabgleich????

    die eltern der beiden uwes hätten sicherlich gerne dna-proben (blut, speichel o.ä.) abgegeben, anhand derer man die beiden toten aus dem womo eindeutig identifizieren oder auch auschliessen kann (hätte können).

    was habe ich nicht verstanden???

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    • Ist im Text ausführlich erklärt, man muss nur verstehen wollen. Uwe Mundlos wurde anhand von Fingerabdrücken, Uwe Böhnhardt durch Vergleichs-DNA (Eltern) identifiziert. Bei der Identifizierung gibt es sowohl chronologische Widersprüche (Vermisstenakte Menzel), Widersprüche bei besonderen Merkmalen (Tätowierungen Böhnhardt), als auch Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Auffindeort (Stregda) durch fehlende Treffer bei Fingerabdrücken auf Waffen bzw. im Fahrerkabinenbereich.

      Die Gesichtsmerkmale zur eindeutigen visuellen Identifizierung der Toten wurden durch großkalibrige Schussverletzungen zerstört. Für diese Schussverletzungen selbst gibt es bisher keine plausible Theorie des Tathergangs im Wohnmobil. Sie sind also ebenfalls Teil des Problems.

      Tatortveränderungen und ungeklärte Abläufe am 4. November 2011 in Eisenach-Stregda (Warnung der medizinischen Einsatzkräfte, keine Warnung der Feuerwehrkräfte, keine Rettungsversuche der Fahrzeuginsassen, keine Feststellung des Todes durch Notarzt, fehlende Auffindefotos usw. -> Vorwissen) berechtigen folglich auch, Identifizerung und Identität der aufgefundenen Leichen zu überprüfen. Das geschah hier durch den visuellen Ohrenvergleich. Alles klar?

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      • ja, danke, etwas klarer. 🙂
        ich hatte mich auf diesen eingangs gemachten satz von dir/euch gestürzt: „Kann man bei der Identifizierung der aufgefundenen Leichen den Behörden glauben? “
        und ja, natürlich kann man das, wenn einfach eine dna-analyse gemacht wird.
        dass es in dem artikel im grunde genommen um viel mehr geht, ist schon klar (jetzt)

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