Schlüsselwerk

Ich habe mit den Leuten geredet und gefragt: „Wisst ihr noch, wer das war?“, und alle haben nur mit den Schultern gezuckt. Und ich habe dann beschlossen: Das will ich ändern!“ Wolfgang Gebhard, Fotograf, München-Westend

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Künstler sind sensible Menschen. Sie spüren stärker als ihre Mitmenschen, wenn etwas nicht stimmt. Sie ahnen Bedrohungen und registrieren Störungen des gesellschaftlichen Gleichgewichts in den Tiefen ihrer Seele. Künstler suchen keine komplizierten Erklärungen, sondern gestalten Bilder oder Klänge, Metaphern und Theaterstücke. Damit berühren sie uns und erhalten Zugang zu unseren Seelen. Im günstigen Falle entsteht Kommunikation.

Es kann also sein, dass ein kreativer Mensch einen Politiker im Fernsehen sieht und ein ungutes Gefühl bekommt, ein mentales Unbehagen und fühlt: der Kerl lügt. Dieses Unbehagen setzt sich fest und daraus entsteht zum Beispiel ein verrücktes Happening in der Fußgängerzone, und wir eilen kopfschüttelnd vorüber. Oder bleiben stehen und werden nachdenklich. Das findet der Künstler dann gut – dieses Nachdenken. Er hat uns mit seinem Werk inspiriert.

Auch der Fotograf Wolfgang Gebhard aus dem Münchner Westend will uns inspirieren. Gebhard hat dazu Porträtfotos von Menschen aus seiner Nachbarschaft gemacht, die er Ende Juli zu einem Großraumplakat zusammensetzen wird. Sie sollen an Theodoros Boulgarides erinnern, der vor zehn Jahren von Neonazis ermordet wurde. So jedenfalls steht es auf der Erinnerungstafel an der Trappentreustraße 4, da, wo Boulgarides starb.

Damit wir Zugang finden zu einem uns bisher unbekannten Künstler, der uns ja nicht nur zum Nachdenken anregen will, sondern Erinnerungskultur im öffentlichen Raum schafft, werfen wir einen Blick auf diese Gedenktafel. Immerhin haben die Bürgerschaftsvertreter sieben deutscher Städte schon 2012 ein gemeinsames Urteil gefällt, das man nicht einfach ignorieren kann, und öffentlich angeschlagen:1)

                Gedenktafel_NSU_Boulgarides

Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!“

Erinnerungsarbeit leistet auch das Bayerische Fernsehen. Es hat ein Interview mit Wolfgang Gebhard für das interkulturelle Magazin „puzzle“ gemacht. Und auch für den bayerischen Staatsfunk ist klar, wer Boulgarides tötete:2)

Mit einer Kunstaktion will der Münchner Künstler und Designer Wolfgang Gebhard gegen das Vergessen ankämpfen und die NSU-Opfer wieder in das Gedächtnis der Menschen rufen. Insgesamt 705 einzelne Porträts von Menschen sammelt der Künstler. Jeder, der ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und für Toleranz setzen möchte, kann an der Aktion teilnehmen. Die Porträts sollen später auf einem Großraumplakat zu einem Satz verschmelzen: „Ich bin Theodoros Boulgarides“. Ein Satz, den Gebhard vor allem als Symbol des Erinnerns an die NSU-Opfer und der Solidarität mit den Angehörigen verstanden wissen will.

Bekenntniskunst gegen das Vergessen also. Und ein bisschen Memento mori. Eine Moderatorin, die als kleine Schwester der hartgesottenen ARD-Lügnerin Golineh Atai3) durchgehen könnte, aber Özlem Sarikaya heißt und deutlich hübscher ist, lässt bereits in der Anmoderation keine Zweifel an der NSU-Täterschaft aufkommen.

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http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/puzzle/viele-kulturen-ein-land-108.html
(Beitrag ab 16.55 min)

Zwischen all diesen Gewissheiten wird es für einen ambitionierten Künstler schwer, die eigenen Arbeitsprämissen zu hinterfragen. Auch dann, wenn wir ausschließen, dass Gebhard mit dem zehnten Todestag des Griechen, dessen Namen er eingestandenermaßen schon vergessen hatte, nur eine schnöde Geschäftsidee verbindet oder ein städtischer Kulturauftrag. Denn immerhin geht der Fotodesigner ferner dem Beruf eines Kommunikationsberaters und ähnlichen, schwer fassbaren Tätigkeiten nach.

Rassismus kann jeden treffen?

Das Interview selbst gibt keine Auskunft über die Echtheit des künstlerischen Anspruchs, es bleibt knisternder Flirt zwischen orientalischer Schönheit und eitlem Selbstdarsteller. Ein Hauch von Lindenstraße weht durch die „Westendstudios“, also nichts Ernstes. Wenn der Fotograf abschweift, platziert die Interviewerin geschickt das Kürzel NSU, damit wir nicht vergessen, worum es geht.

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Wer führt, wird schnell klar: Als die kluge Özlem den Fotografen auf die Idee bringt, dass das brutale Schicksal des Griechen jeden hätte treffen können, schwant Gebhard, in welcher Gefahr er sich selbst befand. Bei diesem Gedanken läuft es ihm „eiskalt den Rücken herunter“. Und auch den Zuschauer lässt das frösteln. Der Mord an Boulgarides war offenbar ein Angriff auf uns alle. Der Haken: Diese Lesart ignoriert komplett die Legende von der rassistischen Opferauswahl des NSU.

Auf die Frage, was die Botschaft der Fotoaktion sein solle, antwortet Charmeur Gebhard:

Wir sitzen alle in einem Boot, wir sind alle Menschen. Es gibt kein … man sollte davon weggehen, irgendwie Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben und irgendeine Gruppe zu stigmatisieren oder vorzuverurteilen. Also das ist eigentlich die wichtigste Botschaft.

Vorverurteilen also. Golinehs kleine Schwester lächelt. Sie hat Gebhard da, wo sie ihn haben will. Gemeint ist nämlich nicht die angeklagte Nazisse Zschäpe, die im Oberlandesgericht, an dem Gebhard täglich vorbeikommt, noch immer schweigt. Oder ihre eigene Moderation. Gemeint ist ein Generalverdacht deutscher Ermittler gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Dass Strafverfolgung schon sachlich nichts mit Vorverurteilung zu tun hat, stört Özlem herzlich wenig. Die perfekte Überleitung ist wichtiger; hin zu den Angehörigen des griechischen Mordopfers, die seinerzeit unter Verdacht geraten waren, wie der Bruder des Ermordeten, Gavriil Voulgaridis.

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Auch der darf nun im Beitrag zu Wort kommen und ist von Gebhards Kunstaktion erwartungsgemäß begeistert. München hat Abbitte geleistet für seine rassistischen Mordermittler. Die Ehre der Familie ist wiederhergestellt. Das scheint ihm glaubhaft das Entscheidende. Pflichtgemäß beklagt Voulgaridis auf Özlems Stichwort hin die Notwendigkeit des Erinnerns.

Ich bin München-Westend

Wie vergesslich Menschen sind, hatte unser Fotograf Gebhard bereits erfahren, als er die Nachbarschaft nach Boulgarides befragte. Auf einer Aktionspostkarte ist sicherheitshalber das Wichtigste zur Kunstaktion festgehalten. Natürlich alles in Kleinschreibung, wie es sich für richtige Kunst gehört:4)

ich bin: theodoros boulgarides

am 15. juni 2005 wurde theodoros boulgarides,
kleinunternehmer im westend, vom „nsu“ in seinem
laden in der trappentreustraße 4 ermordet.

unser nachbar, unser viertel! was bedeutet dieses verbrechen an unserem nachbarn für unser viertel, unsere stadtkultur und für unser gemeinsames zusammenleben?
nun jährt sich das ereignis zum zehnten mal! durch den nsu-prozess in münchen stehen die täter im fokus der öffentlichkeit, wer gedenkt indes der opfer?
die westendstudios 15/1 bringen mit dieser aktion im rahmen der westend kunst- und kulturtage „westend hat ein gesicht“ – den menschen – theodoros boulgarides zurück ins gedächtnis und rufen mit der aktion „ich bin: theodoros boulgarides“ zur solidarität auf!

Der Kiez als große Familie, die zusammensteht und für die man ruhig auch werben darf. Wenigstens für die Westendstudios 15/1. Ohne ein „Ich bin“ scheint das nicht zu funktionieren. „Ich bin“ als austauschbares „Sein an sich“. Eine Art Trigger. Wir denken reflexhaft an Terror, an Paris, an Charlie Hebdo, Al Kaida, Osama bin Laden und eine europaweite Welle der Solidarität, während gleichzeitig das politisch korrekte Abschlachten von Zivilisten in der Ostukraine ausgeblendet bleibt. Die Ikonographie des Terrors. Ein paar Filmschnipsel, libidinöse Karikaturen, stumpfe arabische Tätergesichter, Tränen, Entsetzen, Polizisten in Kampfmontur, „Je suis Charlie“. Identifikation mit dem Opfer. Opfer sein als Platzhalter.

Wozu? Wir erinnern uns an fehlende Erinnerung und fühlen uns gleich ein bisschen schuldig. Wir haben es nicht verhindert. Schlimmer noch: Wir hatten auch das Magazincover von Charlie Hebdo schon vergessen, das den Überlebenswillen „unserer Werte“ demonstrieren sollte. Ablesbar an Auflagenhöhe und Verkaufserfolg.

Erfahren wir etwas über Theodoros Boulgarides, wenn wir uns Namen und Gesicht eingeprägt haben? Nein, natürlich nicht. Alles bleibt Projektion und Inszenierung, die mit der Lebenswirklichkeit des gemeinten Menschen nichts zu schaffen hat. Die Ich-bin-Propaganda erzeugt weder Individualisierung, noch Nähe, sondern sie beseitigt ihre letzten Reste. Gedacht wird nicht des Opfers, vermarktet wird ein Sühneritual in öffentlicher Prozession. Das ist kein Erinnern, sondern Manipulation.

Hatte der Fotodesigner Wolfgang Gebhard eine realistische Chance, sich mit dem Thema Boulgarides auseinanderzusetzen und die Nennung einer konkreten Täterschaft zu vermeiden, wenn sie nicht vollständig geklärt ist? Also das Verbrechen auf irgendeiner abstrakten Ebene brutaler Gewalt darzustellen, den Fokus auf das Opfer gerichtet? Als Brudermord zum Beispiel?

Ja, das wäre möglich gewesen und ist es noch immer. Gebhard hätte jederzeit auf seinem Arbeitsweg am Oberlandesgericht vorbei Halt machen und den NSU-Prozess besuchen können. Selbst ohne die seismographischen Fähigkeiten eines Künstlers, der spüren könnte, dass da irgendetwas nicht stimmt mit der Anklage, den Zeugen, den Beweisen, selbst ohne Menschenkenntnis und Lebenserfahrung hätte er sich dem NSU-Komplex auch völlig rational nähern können. Ganz leicht, vom PC aus, durch Recherche zum Mord im Münchner Westend.

Und wenn er ein bisschen subversiv nachforschen würde, dann stieße der NSU-Künstler im Internet auf die Sachstandsberichte der Kriminalisten von der BAO Bosporus in Nürnberg. Nirgendwo wird er den geringsten Beweis dafür finden, dass ein NSU den Griechen Theodoros Boulgarides erschossen hat. Er könnte sogar leicht feststellen, dass Beamte ernsthaft und sorgfältig ihre Arbeit gemacht haben und ganz ohne Vorverurteilung.

Aber stimmt das so? Oder waren die Ermittlungen gegen das familiäre Umfeld von Theodoros Boulgarides doch Schikane? Wurden Hinweise auf fremdenfeindliche Motive ignoriert?

Ein Streit löst sich auf

Das sind die bekannten Fakten: Theodoros Boulgarides wird am 15. Juni 2005 zwischen 18.35 Uhr und 19.00 Uhr in einem Ladengeschäft ermordet, in dem er mit seinem Geschäftspartner Fehmer einen Schlüsseldienst betreibt. Die beiden haben das Geschäft vierzehn Tage zuvor unter dem Namen „Schlüsselwerk“ eröffnet, die Außenwerbung ist deutsch, nichts deutet auf ausländische Betreiber.

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Vor dem Ladengeschäft befinden sich ein Fußweg, ein Radweg, eine Bushaltestelle mit Wartehäuschen und eine Straße mit zwei Fahrspuren je Richtung. An der Bushaltestelle halten regelmäßig zwei Linien im Abstand von ca. fünf Minuten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es einen öffentlichen Parkplatz. Auf der nahen Landsberger Straße gibt es eine Straßenbahnlinie, am S-Bahn-Haltepunkt Donnersbergerbrücke halten S-Bahn und Bayerische Oberlandbahn.5)

Bei den Zeugenaussagen gibt es zwischen dem Sachstandsbericht der BAO Bosporus und den NSU-Watch-Protokollen zum Münchner Prozess bereits einige erstaunliche Abweichungen.

Die Ermittlungsberichte geben an, dass gegen 18 Uhr ein Zeuge Kaczmarek an der Bushaltestelle vor dem Laden aussteigt und auf das erst kürzlich eröffnete Geschäft „Schlüsselwerk“ zugeht. Er bemerkt vor dem Eingang einen Streit zwischen dem späteren Opfer und einem Gesprächspartner. Boulgarides soll gesagt haben, dass er nicht zahlen könne, worauf die zweite Person antwortet, dass er schon sehen werde, was passiere. Kaczmarek ist nur wenige Meter entfernt. Wegen des heftigen Streites verzichtet er darauf, in den Laden zu gehen und kehrt um.

Ein weiterer Zeuge, Bartsch, gibt an, um 18.10 Uhr am „Schlüsselwerk“ vorbeigefahren zu sein und Boulgarides zusammen mit einem „südländisch“ bzw. türkisch aussehenden Mann vor dem Laden sitzen gesehen zu haben. Beide hätten heftig gestikuliert.

Der Zeuge Papadoupolus sieht Boulgarides um 18.36 Uhr alleine in der Ladentür stehend mit einem Telefon, aber nicht telefonierend.

Daraus wird im NSU-Prozess laut NSU-Watch folgende Aussage des Beamten Kr.:6)

Nach einer Pause folgt der Zeuge Kr. Kr. hat Ermittlungen zur Tatzeit des Mordes an Boulgarides angestellt. Kr. berichtet, er habe sich einen Tag nach der Tat in die Trappentreustraße 4 begeben, um dort die Bewohner des Anwesens zu befragen.

Er habe unter anderem einen Herrn Ka. befragt. Ka. habe ausgesagt, Boulgarides auch noch am vorigen Tag gesehen zu haben. Ka. fahre nachts Bus für den MVV [Münchner Verkehrsverbund] und kenne Boulgarides vom Lokal „Trappentreuhof“. Boulgarides sei damals Fahrkartenkontrolleur gewesen und Ka. vom Sprechen bekannt.

Ka. sei am Abend zuvor kurz vor 18 Uhr aus der Wohnung gegangen, weil seine Nachtschicht um 19 Uhr beginne. Ka. habe dann angegeben im „Trappentreuhof“ gewesen zu sein. Gegen 18.25 habe er nach draußen geschaut, weil er auf seinen Abholer zum Dienst gewartet habe. Da habe Ka. bemerkt, dass Zeuge Pa. am Eingang zur Gaststätte stehe. Dieser habe gesagt, dass noch etwas mit dem Hausmeister bereden müsse. Pa. habe dann beim Hausmeister geklingelt.

Während Pa. den Hausmeister mit dem Handy angerufen habe, habe Ka. Boulgarides im Türrahmen seines Geschäftes stehen gesehen mit einem schnurlosen Telefon oder Handy in der Hand. Kr. sagt, Ka. habe gesagt, dass es sich definitiv um Boulgarides gehandelt habe. Dann sei Ka. wieder ins Lokal gegangen und habe gezahlt, weil sein Abholer da gewesen sei und sei dann gleich rechts zu seinem Abholer gegangen.

Er, Kr., habe die Angaben überprüft. Der Hausmeister habe die Angaben bestätigt. Der Anruf des Herrn Pa. beim Hausmeister habe laut Handy um 18.32 Uhr stattgefunden, die Uhr gehe aber um vier Minuten falsch, es sei also etwa 18.36 Uhr gewesen. Auch der Zeuge Pa. habe das Zusammentreffen mit Ka. bestätigt, habe aber angegeben, Boulgarides nicht gesehen zu haben.

Was fällt im Vergleich auf? Der Streit, der von zwei Zeugen beobachtet wurde, ist verschwunden. Der Zeuge Bartsch ist weg und Kaczmarek geht direkt ins Lokal. Dafür sieht er jetzt 18.36 Uhr Boulgarides mit Telefon, während Papadoupolus gar nichts mitbekommt, sondern den Hausmeister anruft. Für das Verschwinden der Auseinandersetzung gibt es zwei logische Erklärungen: Eine erzwungene Falschaussage vor Gericht oder ein manipulative Fälschung des NSU-Watch-Protokolls. Das ist keine Kleinigkeit, denn erst ohne Konflikte im tatnahen Vorfeld passen willkürliche NSU-Morde widerspruchsfrei in die Verbrechensserie.

Gegen 19 Uhr trifft Geschäftspartner Fehmer am Ladengeschäft ein. In dieser halben Stunde haben der oder die Killer unbemerkt und ohne Spuren zu hinterlassen, Boulgarides niedergeschossen. Interessant, dass Fehmer seit 18.25 Uhr vergeblich versucht haben will, Boulgarides zu erreichen, also zu einer Zeit, als dieser mit Telefon vor seinem Laden stand.

Der oder die Täter gehen unter hohem Risiko vor und haben erstaunliches Glück, dass die Tat und anschließende Flucht unbemerkt bleiben. Böhnhardt und Mundlos werden ebenso wenig gesehen, wie überhaupt die berühmten Radfahrer. Fingerabdrücke und DNA-Spuren können weitgehend zugeordnet werden. Über die verbliebenen offenen Spuren sagt der Bericht der Nürnberger Kripo:

Bei den Tötungsdelikten YASAR und BOULGARIDES wurden mehrere daktyloskopische- und DNA-Spuren gesichert. Diese konnten jedoch noch nicht vollständig zugeordnet werden. Es zeichnet sich jedoch ab, dass auch bei den letzten beiden Tötungsdelikten keine Tatortspur vorhanden ist, die dem oder den Täter(n) zwingend zugeordnet werden kann.

Aufgrund dieser Umstände ist es vielfach nicht möglich, den bestehenden Tatverdacht gegen Zielpersonen zu bekräftigen bzw. vollständig auszuräumen.

Der Chef der Münchner Ermittler, Blumenröther, bestätigt das im NSU-Prozess. Ob die offen gebliebene Spur mit DNA-Material von Böhnhardt und Mundlos abgeglichen wurde, erfahren wir freilich nicht:7)

Es seien eigentlich keine Spuren offen geblieben, so Blumenröther weiter, alle Spuren hätten „Berechtigten“ und Kunden zugeordnet werden können. Nur an der Außentüre habe es noch eine offene DNA-Spur gegeben.

Die einzige Verbindung zur sogenannten Ceska-Mordserie sind die drei Projektile, mit denen Boulgarides erschossen wurde. Bereits am nächsten Tag bestätigt das BKA die Übereinstimmung mit weiteren Projektilen der Verbrechensserie. Eine beachtliche Leistung bei Einschränkungen der Aussagefähigkeit durch das BKA selbst:8)

5.1 Spurenbewertung

Die Geschosse tragen Waffenspuren, die für die durchzuführenden Standarduntersuchungen im Schusswaffenerkennungsdienst gerade noch geeignet erscheinen. Die Identifizierung der Tatwaffe sowie die Feststellung von Tatzusammenhängen anhand dieser Waffenspuren erscheint jedoch möglich.

5.3 Schusswaffensystembestimmung

Die auf den Geschossen allein erkennbaren Waffenspuren erlauben keine nähere Aussage zu dem bei der Tatausübung benutzten Waffensystem. Aufgrund der festgestellten Tatzusammenhänge kann jedoch als Tatwaffe von einer Selbstladepistole Ceska, Modell 83, Kaliber 7.65 mm Browning ausgegangen werden.

Was hier zum einzigen Indizienbeweis für die Täterschaft der Zwickauer Zelle geführt hat, nämlich die unterstellte Verwendung einer bestimmten Waffe für alle Morde der Serie, ist im Falle des Mordanschlages auf den Generalbundesanwalt Buback im April 1977 in Karlsruhe eine naive Annahme. So stellen es Bundesanwälte gegenüber dem Sohn des Ermordeten, Michael Buback, dar:

Erstaunlicherweise wurden beide über etwa zehn Jahren nicht wegen der Morde angeklagt, aber nach dem Tode der beiden Männer sind die Ermittler fest überzeugt, dies seien die Täter gewesen. Mich erstaunt diese Annahme auch deshalb, weil meiner Frau und mir von zwei Bundesanwälten erklärt wurde, es sei naiv anzunehmen, dass die Besitzer der Karlsruher Tatwaffe, also Verena Becker und Günter Sonnenberg, bei ihrer Verhaftung vier Wochen nach dem Verbrechen, auch die Karlsruher Täter seien.

Eine solch brisante Waffe werde selbstverständlich von den Tätern an Dritte weitergegeben. Beim NSU-Komplex wird der umgekehrte Schluss gezogen: Hier gelten diejenigen als unmittelbare Täter, bei denen oder in deren Bereich die Tatwaffe gefunden wurde.9)

De mortuis nil nisi bene

Im September 2013 wird im NSU-Prozess der Geschäftspartner von Theodoros Boulgarides, Wolfgang Fehmer, als Zeuge gehört. Auch er stößt in das Horn einer rücksichtslos ermittelnden Polizei.10)

Fe. sagt, eine Beziehung sei daran zerbrochen und er habe eine ganze Menge Geld verloren, „weil mich die Polizei schikaniert hat“. Er sei monatelang immer wieder vorgeladen worden, auch Mitarbeiter seien vorgeladen worden, der eine sei sogar weg gezogen. Götzl fragt, um welche Themen es bei den Vernehmungen gegangen sei. Fe. sagt, es sei immer um dasselbe gegangen. Ob sein Kollege sexsüchtig gewesen sei oder spielsüchtig. „Die wollten uns in den Dreck ziehen und das haben sie auch geschafft.“

Richtig ist, dass sich die Ermittlungen im Mordfall Boulgarides zunächst auf das nähere Umfeld und die Angehörigen konzentrieren. Ist das Rassismus? Der langjährige Leiter der Münchner Mordkommision, Josef Wilfling, der an der Aufklärung der Mordfälle Sedlmayr und Moshammer beteiligt war, ohne dass ihm deshalb Homophobie vorgeworfen wurde, stellt klar:11)

Es wird immer von innen nach außen ermittelt“, erklärt er das Vorgehen der Beamten. Die Polizei überprüft zuerst das Umfeld des Opfers, die Familie, denn die meisten Tötungsdelikte sind Beziehungstaten. „Für München kann ich aber ausschließen, dass die Angehörigen unter Druck gesetzt wurden.“

Gibt es Anhaltspunkte, die Motive im persönlichen Umfeld und eine Beziehungstat plausibel machen? Ja, auch die gibt es reichlich. Aus der offiziellen Rezeption des NSU-Komplexes werden sie weitgehend verdrängt. Ersetzt durch die Fokussierung auf inkompetente und vorurteilsbeladene Kriminalbeamte. Es scheint, als wäre das nicht nur einer Pietät gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen geschuldet, sondern Teil einer Strategie, die Zweifel an einer NSU-Täterschaft verhindern soll, indem sie die Ermittler kompromittiert.

Als Wilfling hört, dass es um Opferangehörige gehen soll, lächelt er. „Da sind Sie bei mir richtig. Zu den Angehörigen der Opfer hatte ich immer ein ganz enges Verhältnis.“ Nun geht es um die Angehörigen der NSU-Opfer von München, es waren zwei: Habil Kiliç, der am 29. August 2001 ermordet wurde, und Theodoros Boulgarides. „Wir haben uns um beide Familien wahnsinnig gekümmert. Es tut weh, wenn sie jetzt sagen, wir hätten sie nicht gut behandelt“, sagt Wilfling. Es scheint zwei sehr verschiedene Wahrnehmungen des Geschehenen zu geben.12)

Wer sich gegen das Vergessen stemmen will, darf die dunklen Seiten dieses Mordfalles auch bei respektvollem Umgang mit persönlicher Tragik nicht völlig aussparen. Dort ist eine Realität zu finden, die wir auf politisch korrekten Fotoinstallationen vergeblich suchen.

Die Lebensumstände des Theodoros Boulgarides sind bei NSU-Leaks recherchierbar. Anhaltspunkte für eine Beziehungstat auch. Wenige Stichworte der Ermittlungsakten genügen, um die Absurdität des Vorwurfes einer zwanghaft fixierten Polizei zu erkennen, die tatsächlich mit großem Einsatz nach den verbindenden Punkten der Ceska-Mordserie und Motiven für Auftragsmorde sucht. Nicht nur im privaten Bereich.

Ermittler haben keine moralischen Wertungen zu treffen. Aber das mögliche Konfliktpotential, das sich aus tiefen seelischen Verletzungen ergeben kann, einzuschätzen und abzuklären, ist Routinearbeit. Wer sich also erinnern will, muss zur Kenntnis nehmen: Das Leben von Theodoros Boulgarides befindet sich in der Vortatphase im Umbruch. Nach Trennung und Scheidung lebt er mit einer neuen Frau zusammen, die ihrerseits Mann und Kinder in Griechenland verlassen hat. Boulgarides hat seine Anstellung bei der Bahn aufgegeben und sich selbständig gemacht. Mit der Abfindung finanziert er den Ausbau einer Anliegerwohnung und die Geschäftseröffnung des Schlüsseldienstes. Finanzermittlungen ergeben zudem Verbindlichkeiten der noch nicht rechtskräftig geschiedenen Eheleute in erheblicher Höhe. Nach dem Mord kommt eine Risikolebensversicherung an die Witwe zur Auszahlung, die der Absicherung einer vermieteten Eigentumswohnung diente.

Eine mindestens unklare finanzielle Situation der Mordopfer ist Kennzeichen der gesamten Mordserie. Die Ermittler stellen fest, „dass alle Opfer, zumindest dem Finanzamt gegenüber, Einkünfte geltend machten, mit denen eine normale Lebensführung nicht möglich war.“ Noch stärker als die persönlichen Hintergründe Theodoros‘ selbst geraten laut Bericht die Verhältnisse seines Bruders ins Blickfeld der Ermittler.

Die Finanzsituation des Gavriil VOULGARIDIS darf als angespannt bezeichnet werden, immer wieder muss er größere Kredite aufnehmen. Gavriil selbst räumte ein, in der Vergangenheit schon gelegentlich Kokainkontakte gehabt zu haben, ohne seine „Quellen“ zu nennen. Es liegen aber auch Angaben von Zeugen vor, die behaupten, dass Gavriil Voulgaridis zeitweise in hohem Maße Kokain konsumierte. Er soll das Kokain von einem türkischen Dealer namens „Arif“ bezogen haben.

Die Identifizierung dieser Person ist noch nicht gelungen. Aus den Vernehmungen ist weiter klar ersichtlich, dass die beiden Brüder ein sehr enges Verhältnis hatten, Theodoros stets seinem Bruder in kniffligen Situationen half und die beiden alles übereinander wussten.

Es kann daher die These aufgestellt werden, ob nicht nur Theodoros B. das gezielte Opfer war, sondern sein Bruder Gavriil ein Motiv für die Tat gesetzt hat, indem er beispielsweise seinen Geldbedarf von unbekannter dritter Seite zu decken versuchte und das Brüderpaar hier den Forderungen nicht mehr ausreichend nachkam.

Die heißeste Spur

Diese Ermittlungen im persönlichen Umfeld des Ermordeten führen nicht zur Aufklärung, aber sie deshalb vorgreifend zu unterlassen, wäre das Ende aller staatlichen Strafverfolgung. Auch die Einzeltätertheorie als Keimzelle der Neonazimörder ist bereits im Sachstandsbericht von 2005 untersucht – zusammen mit den wichtigsten Ausschlusskriterien:

Aufgrund des Umstandes, dass sich bei den Opfern kein konkretes Motiv ergibt, kriminelle Bezüge nicht zu finden sind und Beziehungen untereinander fehlen, werden auch Überlegungen zu Einzeltätern mit einbezogen, die ohne Mordauftrag Dritter aus eigenen Motiven (ähnlich den in den USA aufgetretenen „Snipern“) handeln.

Dagegen spricht, dass fast alle Opfer vor den Tatzeiten von Personen aufgesucht wurden, die nicht zur Stammkundschaft oder zum näheren Bekanntenkreis der Opfer gezählt werden können. Die Besuche wurden von unbeteiligten Zeugen als Bedrohungslagen oder als Streitgespräche interpretiert. Weiterhin liegen Aussagen vor, dass es z.B. bei den Opfern SIMSEK und TASKÖPRÜ zu Wesensveränderungen in den Wochen vor der Tat gekommen war, was ebenfalls gegen diese Theorie spricht.

Das erklärt, warum die Möglichkeit eines fremdenfeindlichen Motives zwar erkannt, aber plausibel verworfen und nicht auf Rechtsextremisten erweitert wurde. Und schon gar nicht auf ein NSU-Phantom. Auch eine Verwechslungstat in Bezug auf den Griechen Boulgarides wird damit unwahrscheinlich. Das hält die Nebenklage, der die Aktenlage bekannt ist, nicht davon ab, im Münchner NSU-Prozess medienwirksam so zu tun, als habe die Polizei aus ideologischen Gründen diese Spur nicht intensiv genug verfolgt.

Narin fragt, ob es Hinweise auf ein mögliches rassistisches Motiv gegeben habe, was Blumenröther verneint. Narin fragt anders, ob es Hinweise auf mögliches ausländerfeindliches Motiv gegeben habe. Blumenröther: „Ja, natürlich, allein bedingt durch die Serie ist ein Ausländermotiv gegeben.“ 13)

Ob die BAO Bosporus, in der die Münchner Soko „Theo“ aufging, die Täter der Ceskamordserie ermittelt hatte, als Wolfgang Geier Ende 2007 seinen Abschied nahm, ist unbekannt. Für eine Täterschaft der drei Jenaer Bombenbastler liegen im Falle des Griechen jenseits der im Zwickauer Brandschutt gefundenen Ceska keine stichhaltigen Indizien vor.

Es passt in die Serie der Merkwürdigkeiten, dass sich die Witwe des Mordopfers im Frühjahr 2011 um Akteneinsicht bemüht. Vertreten wird sie von einem damals unbekannten Anwalt Yavuz Narin, der aktuell versucht, den Politikwissenschaftler Funke aus misslicher Lage zu befreien.

Ein halbes Jahr bevor der rechtsextremistische Hintergrund der Tat bekannt wird, will Boulgarides die Akten lesen, noch immer treibt sie die Frage um, ob ihr Exmann tatsächlich ein Doppelleben geführt hat. Im Frühjahr 2011 lernt sie ihren Anwalt Yavuz Narin kennen. Er ist jung, türkischer Abstammung, sehr ambitioniert und hat sich schon mit den Morden beschäftigt.

Narin bemüht sich bei der Polizei um Akteneinsicht. Sofort meldet sich der zuständige Beamte bei Boulgarides, erzählt sie. Noch am Abend steht er in ihrer Wohnung und stellt Fragen zum neuen Anwalt: Wer der Türke sei, woher sie ihn kenne? »Vielleicht war ich die heißeste Spur seit Langem«, meint Narin.14)

Wenn wir nach sorgfältiger Prüfung aller erreichbaren Informationen nicht sagen können, wer Theodorus Boulgarides ermordete, dann ist die zugeschriebene Täterschaft an einen NSU eine Lüge. Dann wird das Opfer instrumentalisert, um die Lebenden zu korrumpieren.

Woher kommt die Bereitschaft der Nebenklage und der Angehörigen mutmaßlich falsche Mörder zu akzeptieren und die wirklichen Täter zu decken? Wem nützt das? Neben einem zynischen Ehrbegriff, der rassistische Nazikiller einem Auftragsmord vorzieht, ist es vor allem das Kräftespiel der politischen Interessen, dass das NSU-Phantom auch innerhalb der Migrantencommunity schützt, denn das Festhalten am NSU dient der Integration.

Künstler wie Wolfgang Gebhard und die Moderatorin Özlem Sarikaya sensibilisieren deshalb nicht, sie stumpfen uns mit einer Lüge ab. Sie stärken nicht die Achtung vor dem Leben, sie betreiben das Geschäft des Todes. Wer durch falsche Rassismusvorwürfe das Ermitteln der Mörder verhindert, erleichtert weitere Verbrechen, die ungesühnt bleiben werden. Ungesühnt, wie der Mord an Theodoros Boulgarides.

Fußnoten/Quellennachweise

1) http://www.hamburg.de/bwvi/medien/3362048/2012-04-03-erinnerung-opfer/

„Gedenktafel NSU Boulgarides“ von Cholo 3 – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel_NSU_Boulgarides.JPG#/media/File:Gedenktafel_NSU_Boulgarides.JPG

2) http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/puzzle/kunst-fuer-nsu-opfer-puzzle-100.html

3) https://propagandaschau.wordpress.com/2015/07/08/ard-propaganda-machwerk-zerrissene-ukraine-die-marchenwelt-der-golineh-atai/

4) http://www.westendstudios.de/15-1/downloads/Ich%20bin-Theodoros%20Boulgarides.pdf

5) http://www.nsu-watch.info/2013/09/protokoll-39-verhandlungstag-25-sept-2013/

6) a.a.O.

7) http://www.nsu-watch.info/2013/10/protokoll-46-verhandlungstag-15-oktober-2013/

8) NSU-Leaks; Dönermorde Waffengutachten Morde 5-9.pdf

9) http://www.heise.de/tp/artikel/42/42089/1.html

10) http://www.nsu-watch.info/2013/09/protokoll-38-verhandlungstag-24-sept-2013/

11) http://www.zeit.de/2012/48/Opfer-NSU-Hinterbliebene/seite-3

12) a.a.O.

13) http://www.nsu-watch.info/2013/10/protokoll-46-verhandlungstag-15-oktober-2013/

14) http://www.zeit.de/2012/48/Opfer-NSU-Hinterbliebene/seite-5

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13 Gedanken zu “Schlüsselwerk

  1. Danke für einen weiteren gut gemachten Beitrag zum NSU!
    Ich habe bis 1999 ein Jahr im Münchner Westend gewohnt, gegenüber vom Lebensmittelladen einer freundlichen griechischen Familie, in dem ich regelmäßig eingekauft habe, und eine Viertelstunde zu Fuß von dort entfernt, wo 2005 Boulgarides ermordet wurde. Der Lebensmittellladen lief anständig, aber es war klar, dass die Leute damit nur ein bescheidenes Einkommen erzielen konnten in einer sehr teuren Stadt. Es gab viele kleine Läden dort im Viertel, bei denen man sich schlechter vorstellen konnte, wie sie wirtschaftlich überhaupt funktionieren konnten. So ein Viertel fühlt sich idyllisch an, denn es hat etwas Wunderbares, wenn man sieht, womit die Leute ihren Arbeitstag zubringen und gleichzeitig die beinharten Mieten kennt, die auch für Bruchbuden verlangt und bezahlt werden.
    Im Juni 1999 bin ich weggezogen in einen anderen, günstigeren Stadtteil mit mehr Grün, weil ich von Vermietern die Schnauze voll hatte und eine Wohnung wollte, die mir gehört. Wie der Zufall so spielt, habe ich mich eine Viertelstunde zu Fuß von dem Ort niedergelassen, an dem Habil Kilic 2 Jahre später ermordet werden sollte. Ich kannte auch seinen Laden, weil ich dort regelmäßig mit dem Fahrrad vorbeigefahren bin und heute noch vorbeifahre. Ich habe dort noch wenige Wochen vor seinem Tod eingekauft, Gemüse, Fladenbrot und solche Sachen. Der Laden war weniger einladend als der Grieche im Westend und ich bin mir sicher, dass er weniger gut lief. Die Lage war nicht besonders, weniger Laufkundschaft und in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnten sicherlich weniger Leute, die nicht so aufs Geld sehen mussten.
    Beiden Läden ist gemeinsam, dass sie an großen Ausfallstraßen liegen, an denen niemand vorbeikommt und anhält, der ohne Ortskenntnis nach München fährt. Ich habe mich immer gefragt: wie um alles in der Welt kommen zwei ortsunkundige Rechtsradikale aus Jena an diese Ecken einer weit entfernten und ihnen völlig fremden Millionenstadt? Selbst ein süddeutsches Landei und anfangs eingeschüchtert durch die große Stadt kann ich mir nicht vorstellen, wie jemand ohne sorgfältiges Ausspähen in einen solchen Laden hineingehen und den Besitzer erschießen kann, den er nicht kennt. Apropos Ausspähen: eine Glatze mit Thüringer Dialekt hätte nicht einmal einen Probebesuch in diesen Läden machen können, ohne massiv aufzufallen. Die Idee, dass Böhnhardt und Mundlos 2001 und 2005 interaktionslos und konspirativ diese beiden Ladenbesitzer in zwei völlig verschiedenen Ecken Münchens erschossen haben könnten, ist völlig absurd und überhaupt nur in einer durch Medienverblödung geprägten Welt kommunizierbar.
    An dem Tag, an dem der Mehrheit der Leute bewusst wird, dass die NSU-Täterschaft ein kompletter Fake ist, wird die Medienmacht und auch die Meinungsmacht der Art von Künstlern, die auf diesem Geisterzug mitgefahren sind, hoffnungslos zusammenbrechen. Der Zusammenbruch wird total sein, und deshalb kämpfen sie auch mit hemmungsloser Erbitterung und allen möglichen und unmöglichen Mitteln für ihr Phantom. Da gibt es kein Vertun: die Wahrheit oder sie!

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  2. Wie immer sehr gut gemacht und einen schönen Bogen gebastelt. Aus der Vogelperspektive des Themas geschmeidiger Gleitflug zu einem Opfer. Das passt.

    Es bleibt ein Wermutstropfen, wer liest das und wer ist bereit, es auch verstehen zu wollen?
    Der Einwurf soll dich nicht ausbremsen, aber er trifft ein Problem bei dem ganzen Thema.
    Zumindest könntest du deine Nische aber leicht ausbauen. Du hast einige NSU-Anbeter in deinem Beitrag angesprochen. Personen und Institutionen. Schicke ihnen doch mal deinen Artikel ;-), bitte sie um ihre Meinung zu deiner anderen Sicht. Die möchtest du auch gerne Veröffentlichen, schließlich ist es ja aller Anliegen den NSU nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, an dir soll es nicht liegen …

    Klar, mit Antworten ist nicht wirklich zu rechnen, aber das wäre dann auch eine Antwort, welche Art der Öffentlichkeitsarbeit diese Protagonisten im Auge haben …

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    • Danke sleepwell. Die Texte werden gelesen, es gibt eine beachtliche Streuung (auch international). Das Interesse am Thema ist nach wie vor groß. Danke für deinen Vorschlag der direkten Ansprache, ich denke darüber nach.

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  3. Danke auch von mir. Wenn ich groß bin möchte ich auch so schreiben können.
    Zu weit gegangen sind die mit Sicherheit. Ich will aber nicht jemanden, der mal eben zum Verantwortung übernehmen bereit steht. Ich will die Mistkakerlakentruppe, die die schützen.

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  4. Pingback: Schlüsselwerk | NSU LEAKS

  5. Danke, Parlograph. Der von ihnen hier ausgebreitete Fall Gebhardt ist exemplarisch für das heutige Totalversagen unserer künstlerisch-intellektuellen „Eliten“, nicht nur dem NSU-Fake gegenüber. Willfährige, armselige Sprechpuppen des Systems! Armes Deutschland!
    Danke auch hintermbusch für den Erfahrungsbericht. So, d.h. anschaulich, mithin narrativ, müsste man die Geschichte überhaupt aufbereiten. [gekürzt] Die ermittelte (und vom linken Mainstream leichtfertig-entrüstet abgetane) Verwicklung der meisten ausländischen Opfer in die organisierte Kriminalität z. B. ließe sich gut erzählen. 9 sprechende Geschichten (mit Bulgaridis hat P. ja schon angefangen) plus die Räuberpistole um M.K. Dann ganz sachlich und knapp die so genannten „Beweise“ für eine Schuld des „NSU“ dagegen gehalten…

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    • Ein kleiner Hinweis: Bitte keine wertenden Vergleiche der wenigen Blogger, die sich mit dem NSU beschäftigen. Das erzeugt unnötige Reibungsverluste. Am besten mit dem Kritisierten selbst klären oder besser machen. Auch mit Hinblick auf die Ressourcen des Staates, seiner Behörden, der Medien und der anderen zahlreichen Interessengruppen, mit denen wir es zu tun haben. Dann relativert sich manches. Ich habe die betreffende Stelle deshalb gekürzt.

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    • Über Verwicklung der beiden Münchner Opfer in die organisierte Kriminalität habe ich nichts erzählt, weil ich darüber nichts weiß. Die frühere Vermutung der Ermittler, dass manche Opfer von der Hand im Mund gelebt haben und womöglich in Geldschwierigkeiten gesteckt haben, ist für mich allerdings nicht abwegig. Dass jemand bestimmt kriminell ist, wenn er ein hartes Brot mit einem Laden verdient, entspricht nicht meinem Weltbild, aber die Härte der Existenz lässt sich kaum leugnen. Der Fall Boulgarides liegt außerdem etwas anders, weil er gerade erst mit einem gewissen Startkapital eröffnet hatte (Den Laden kannte ich nicht, wohl aber das ladenreiche Stadtviertel). Wichtig ist für mich, dass die Tatversion der BAW (isoliertes Terror-Trio) angesichts der beiden mir bekannten Tatorte in München absolut unglaubwürdig ist. Ohne ein lokales Helfernetz geht sowas gar nicht, weil die Täter aus Thüringen regelrecht durch die Peripherie der Stadt stolpern müssten, um auf diese Läden zu stoßen. Wie hätte aber ein Helfernetz von Neonazis auf den neuen Schlüsseldienst von Boulgarides kommen und ihn so schnell ausspähen sollen, dass B+M in kürzester Zeit zuschlagen konnten? Warum ist bisher kein Helfer aufgeflogen? Warum hat keiner die ausgesetzte Belohnung haben wollen? Alle diese Fragen bleiben in den heutigen Ex-Post-Happenings zum NSU komplett ungestellt. Das Prinzip ist immer dasselbe: man tut so, als wäre alles klar.
      Es ist aber nicht so, dass die Möglichkeit eines Helfernetzes nie erwähnt wurde:
      http://www.sueddeutsche.de/muenchen/rechter-terror-in-muenchen-unheimliche-parallelen-1.1221070
      Die „unheimlichen Parallelen“ wurden von der SZ noch im November 2011 erörtert, aber natürlich niemals davor. Zur rechten Zeit war dann einfach dieser vage Artikel da: Griechen hier und Türken dort und Neonazis in Ramersdorf und im Westend. Sehr viel Atmosphärisches und kein einziger spezifischer Ansatzpunkt für das Opfer Boulgarides: 2 Jahre nach dem Wegzug von Wiese! Und da stehen dann auch solche Sätzen drin:
      „Jetzt führt die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen. ‚Wir gehen allen Hinweisen nach‘, heißt es dort. Auch, um mögliche Kontakte des Zwickauer Trios in die Münchner Szene zu erkennen und Hintermänner zu finden.“
      Ergebnis nach bald 4 Jahren: nie wieder etwas davon gehört. Die BAW stößt immer nur heiße Luft aus, wenn sie gerade gebraucht wird, und im Regelfall kommt dann einfach nichts mehr. So auch hier: Das überraschende neue Bild für den Leser kurzfristig geglättet, kein Grund zur Beunruhigung, wir arbeiten dran und tschüss. Eindeutig ein staatsstützender und kein staatskontrollierender oder staatskritischer Journalismus. Als ich den Artikel damals gelesen habe, war ich allerdings noch nicht in der Lage, das zu durchschauen. Dazu muss man sich erst einmal einen richtig eindeutigen Hammer wie die Desinformation zu Stregda genau angesehen haben 🙂

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  6. Danke für den wichtigen Hinweis.
    Es ist immer mühsam, die Zeitschiene sauber zu rekonstruieren. Die Eröffnung des Jüdischen Zentrums in München war 2003 und zu der Zeit wurde Wiese auch verhaftet. Der Bericht über das Urteil trägt ein Datum von 2010. Das wäre sehr spät und kann auch gar nicht sein, denn laut Wikipedia ist Wiese ein Jahr später schon wieder aktiv gewesen. Wer soll das verstehen?
    Man müsste mal ein Projekt starten, das gedruckte und Online-Artikel vollautomatisch am Erscheinungstag als Text scannt, fingerprintet und unter dem Scandatum archiviert, so dass später mit der aktuellen Online-Version immer wieder mal einen Diff gemacht werden kann. Die Korrekturen wären bestimmt aufschlussreich! Eine Versionsführungsoftware wie Git wäre für die Speicherung eine gute Grundlage und bietet auch Schnittstellen für die besten Diff-Werkzeuge am Markt 🙂

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