Flucht nach vorn

Seit 2011 erforscht eine halbstaatliche Interessengemeinschaft aus Politik, Medien und Volkserziehung die düstere Gedankenwelt des NSU. Ferndiagnostisch und faktenfrei geben Experten  Auskunft über das sogenannte Innenverhältnis des Trios. Das heißt, sie orakeln über das Liebesleben der Ménage-à-trois, literarische Vorlagen des „führerlosen Widerstands“, die kleinen und großen Sorgen abgetauchter Terroristen. Prinzipiell gilt: Je phantastischer die Ideenwelt des Trios, desto bereitwilliger werden die Fabeln geglaubt. Bisher jedenfalls.

Nun wollen Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben reden bzw. reden lassen. Das gesprochene Wort löst am Ende eines quälenden Prozesses verdichtete Fiktion ab. Die vollumfängliche, abgestimmte Aussage also als letzter Akt der „NSU-Selbstenttarnung“? Klar ist: Wenn Zschäpe die Beteiligung staatlicher Stellen an einem wie auch immer gearteten „NSU“ schlüssig offenlegt, dann hat das schwerwiegende Folgen.

Das NSU-Konstrukt ist für ein „Limited hangout“ zu instabil, die Herausnahme tragender Elemente übersteht es als Ganzes nicht. Selbst wenn es gelingt, eine Geschichte zu präsentieren, die konsistent wirkt, lässt sie sich nicht in das unglaubwürdige Gesamtbild „NSU“ einpassen, ohne massenhaft neue Widersprüche und Fragen zu erzeugen. Die Aussagen als  Flucht nach vorn, um zu retten, was zu retten ist? Das dürfte schnell in einer Sackgasse enden oder an fehlenden behördlichen Aussagegenehmigungen scheitern.

Ein Staatswesen, das sich mit allen vier Gewalten dem NSU-Phantom verschworen hat, müsste notgedrungen Tabula rasa machen mit weitreichenden Konsequenzen. Hat dieser Staat dafür noch die Kraft? Wird er gerade jetzt unter Umständen angebliche Rechtsterroristen entlasten wollen?

Aber auch die Praxis, eine alte Lüge durch eine neue zu ersetzen, kann beim NSU nicht mehr aufgehen. Die aktengestützte Aufklärung einer gut vernetzten „Truthergemeinde“ ist zu weit fortgeschritten. Ein Dilemma für BAW und Untersuchungsausschüsse. Die entstandene Situation aber, die Durchsetzungsfähigkeit des gesamten Rechtsstaates mit dem NSU zu verbinden und in einer Geisterfahrt alle Stoppschilder zu ignorieren, ist hausgemacht.

In der weiteren sachlichen Offenlegung von Ungereimtheiten und Widersprüchen liegt die einzige Chance, zu verhindern, dass bis heute nicht aufgeklärte Verbrechen eine neue Legendierung erhalten. Sie bleibt auch nach dem bevorstehenden Coup im Münchner Staatsschutzsenat wichtig oder nimmt an Bedeutung sogar zu. Ernsthafte alternative Aufklärung wird in jedem Falle von den Aussagen der Angeklagten profitieren. Denn sie ist den staatlichen NSU-Verwesern inzwischen weit voraus und eher in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Zentrale strittige Punkte des NSU-Komplexes haben mit Beate Zschäpe oder Ralf Wohlleben ohnehin nichts zu tun. Dazu gehören vor allem die Ermittlungen und die Rolle der Behörden bei den angeklagten Verbrechen selbst. Das Geschehen in Eisenach am 4. November 2011 oder der Heilbronner Polizistenmord bleiben Schlüssel des NSU-Komplexes und können durch prozessuale Inszenierungen nicht verdrängt werden. Gegen neue NSU-Märchen helfen weiter nur Fakten.

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5 Gedanken zu “Flucht nach vorn

  1. Das Zschäpe V-Frau ist, war selbst im bürgerlichen Aufklärungslager keine Frage mehr. Die Frage war nur, für wen, wer hat das eingefädelt. Mein Favorit für die Grundsteinlegung war immer der Helmut. Nur, danach ging es weiter über zehn Jahre. Den Einblick in die Arbeit der Dienste wird man wohl hinter dem Vorhang lassen oder einen Pausenclown auf die Ablenkungsbühne beordern.

    Spannend wird es allerdings durch den TUA.
    Der ist voll aktiv und dort schlägt ja die V-Frau Bombe ein.
    Und da sitzen mit Linke und AfD zwei, die sich auf Verfassungsschutz eingeschossen haben.
    Wenn die jetzt keine vorgefertigten Schießscheiben bekommen, suchen die sich selber welche.
    Oder beides.
    Mal sehen wie die Eingefangen werden sollen …

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    • Man muss jetzt aufpassen, dass wir nicht mit irrelevantem VS-Anglerlatein abgespeist werden. Als die Mordserie begann, war Roewer raus. Wer hat das Label NSU für ungeklärte Altfälle erfunden, wer ist für die NSU-Kampagne 2011ff verwortlich? Also BMI, Kanzleramt müssen Antworten geben.

      Die Aufklärung der Ceskamordfälle, Heilbronn, Köln, Banküberfälle – alles Extrasachen. Roewers Projekt „Jenaer Bombenleger“ hat imho eher zeitgeschichtliche Relevanz, wenn es keine Verbindung zu den Anklagepunkten gibt. Also Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos – das ist das eine, die ungeklärten Verbrechen das andere. Dazu kommt dringend die Aufklärung der staatlichen NSU-Kampagne.

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  2. Lieber sleepwell, zumindest die AfD hat sich nicht auf den VS eingeschossen. Man ist ergebnisoffen. Die Gefahr der Aussagen von Z. und W. liegt wohl ganz woanders: durch die damit erreichte „Aufklärung“ des NSU, auch wenn dabei ein Dienst über die Klinge springen muss, entfällt jedes Bedürfnis, weiter zu erforschen. Nach dem Gesetz besteht die Möglichkeit, einen eingesetzten UA auch ganz schnell wieder aufzulösen. Die weitere, richtige Nachforschung zu den Hintergründen wird damit von den Ermittlungsbefugnissen der UA, so unvollkommen die auch sein mögen, da sie von den persönlichen Fähigkeiten der jeweiligen Abgeordneten abhängen, entkoppelt. Kurz: Man ist wieder ausschließlich auf so böse Truther wie den AK NSU angewiesen, wodurch alle Erkenntnisse notwendig im Nebel der Verschwörungstheorie hängen bleiben oder dorthin verschoben werden. Dass ist sehr schlau.
    Durch die neue Personalie an der Spitze des Thüringer VS wird das auch schön belegbar: die Thüringer bekommen den Schwarzen Peter, aber der neue Mann räumt auf und macht die Behörde zum Vorzeige-VS im ganzen Land. Sollte es Schwierigkeiten geben, ist daran der alltägliche und institutionelle Antisemitismus schuld. Das ist sehr sehr gut, muss man anerkennen. Betrachtet man aber die Personen an der Spitze dieses Coups, den linken MP und seine Pfarrerstochter, die seit einiger Zeit mit Hilfe eines speziellen Spindoctors die Linke von ihrer antisemitischen Richtung befreien wollen, bekommt die Sache ein besonderes Gewicht. Der persönliche Referent von Ignaz Bubis, der mit tödlicher Sicherheit Verbindungen zu den israelischen Geheimdiensten hat, wird Chef eines deutschen Inlandsgeheimdienstes – deutlicher kann es nach außen kaum werden, wer hierzulande das Sagen hat. Mögliche Verwicklungen in das NSU-Narrativ sind dabei noch nicht einmal angesprochen und bleiben zumindest zunächst der Fantasie jedes Einzelnen überlassen. Aufklären wird sich das ohnehin nie lassen. Zurück zum Anfang: wer wirklich wissen will, was in Eisenach, Zwickau und Heilbronn passiert ist, wird sein Wählerkreuz da machen müssen, wo ein Nachfolge-UA zugesagt wird.

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    • Ich sehe da keinen Widerspruch zu mir?
      Der Unangreifbare wird in Position gebracht, um die Zschäpewelle, die so oder so, in Thüringen landet, in ein Becken für Nichtschwimmer zu lenken. Da soll keiner absaufen, außer die, die eine Schwimmweste bekommen ;-))
      Einzig beim Verfassungsschutz und AfD Thüringen möchte ich widersprechen. Höcke ist da anders im Visier der Scherenfernrohre.
      Mit der neuen Chef-Besetzung könnte der Schusswechselbedarf sogar noch zunehmen.

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  3. Pingback: Flucht nach vorn | NSU LEAKS

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