Black Box

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lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

Ernst Jandl, 1966

 

Erstaunlich: Jene Werkzeuge, mit denen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ihre Morde und Banküberfälle planten und spurlos ausführten, ihre nationalsozialistischen Denkorgane also, deren Gedankenausscheidungen unsere Experten nach allen Regeln der Kunst untersucht und seziert haben, lagen im Stregdaer Wohnmobil noch unbeachtet unterhalb der Küchenzeile, als Leichen und Waffen längst asserviert und herausgebracht waren. Und auch später kümmerte sich niemand darum.

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Abb. 01 (links): Gehirnmasse linke untere Bildecke;
Übersichtsaufnahme der KPI Gotha, Aktenteil 4.1.6, S. 256
Abb. 02 (rechts): Gehirnmasse am linken Bildrand,
Detailaufnahme aus Band 4.1.9, S. 454

In den Kommentarspalten des Bloggers von „friedensblick.de“ entspann sich vor einigen Wochen eine Diskussion über die Lage dieser Gehirnmassen. Denn es ergeben sich einige Probleme. Zu welchem der beiden Toten gehören sie und was sagt die Auffindesituation über das Geschehen im Wohnmobil aus? Lässt sich anhand der Zellmasse etwas über die Flugbahnen der Geschosse sagen? Und passt ihre Lage zur Tathergangshypothese des BKA?

User Johannes steigt mit einer Hypothese ein, die mehrere Fragen zur Ballistik der Schüsse und den Ablauf der suizidalen „NSU-Selbstenttarnung“ anreißt.1)

Was definitiv auch n i c h t passt, und wohl bisher niemanden aufgefallen ist, sind die beiden Grosshirnmassen die am Wohnmobilboden im Küchen/Herd Bereich waren und fotografiert wurden. Sie lassen rückschliessen (falls die beiden Grosshirnanteile jeweils zu Böhnhard und Mundlos gehörten, dass die Krönleinschüsse (Böhnhard in die Schläfe, Mundlos in den Mund) den beiden Opfern am Boden liegend mit den Köpfen im Bereich der Fundstelle der deutlich sichtbaren Grosshirnanteile zugefügt wurden.

Das ist ein wichtiger Ansatz, auch wenn sich das Vermutete nicht rückschließen lässt. Wir wissen weder wessen Gehirnmasse da liegt, noch wie, wann und durch wen sie dahin gelangte. Von Schussdefekten im Boden des Wohnmobils ist nichts bekannt. Kriminaldirektor Menzel und der Eisenacher Kriminalist Lotz hatten sich nach erster Inaugenscheinnahme auf suizidale Handlungen im Wohnmobil festgelegt, es gab keine Ermittlungen eines Tötungsverbrechens.

Wir können aber jene BKA-Hypothese, die sich als quasioffizielle Darstellung festgesetzt hat, auf Wahrscheinlichkeit hin überprüfen und die Diskussionsgrundlage zum Geschehen im Wohnmobil erweitern.

Die Überlegungen sollen wie folgt gegliedert werden:

  1. BKA-Hypothese und Ausgangslage
  2. Auffindesituation Wohnmobil
  3. Mögliche Positionen und Körperhaltungen von B. und M. in Verbindung mit Schusskanälen, Geschossflugbahnen, Schussdefekten im Dach und Lage der aufgefunden Leichen
  4. Lage der Gehirnmasse, Auffindesituation der Leichen und Spurenbilder (Blutanhaftungen)
  5. Fazit

1. BKA-Hypothese und Ausgangslage

In den vom Arbeitskreis NSU veröffentlichten Aktenteilen2) stellt Kriminaloberkommissar Burkhardt im Vermerk vom 21. November 2011 auf Basis der damaligen Ermittlungsergebnisse eine Hypothese auf, die Kriminaldirektor Menzels unmittelbare und ausschließliche Annahme suizidaler Handlungen ohne Beteiligung Dritter vom 4. November 2011 untermauert.3) Obwohl ausdrücklich im Konjunktiv gehalten, wird dieser Hergang fast unverändert so auch öffentlich kommuniziert. Alternative Erklärungsansätze sind zumindest im Umfeld der bekanntgewordenen Ermittlungen nicht ernsthaft weiterverfolgt worden.

Das ist bemerkenswert, unter anderem deshalb, weil der Konjunktiv „könnte“ im BKA-Vermerk durch Fettstellung und Unterstreichung doppelt hervorgehoben ist und weil beispielsweise die beiden Polizisten Seeland und Mayer Schüsse aus dem Wohnbereichsfenster in Richtung Häuserfront dementierten.

Anhand der Spurensitutation im Inneren des Wohnmobils, der Umstände ausserhalb des Wohnmobils und der Zeugenaussagen könnte es sich im Wohnmobil wie folgt zu getragen haben.

Hypothese:

* Die Täter registrieren innerhalb des Wohnmobils, dass sich Polizeibeamte vor dem Wohnmobil befinden. […]

* BÖHNHARDT eröffnet durch das Fenster des Wohnmobils mit der Maschinenpistole das Feuer auf die Beamten. Das Projektil verfehlt die Beamten und geht zwischen dem Papiercontainer und dem abgeparkten KFZ in die Wand (siehe lila-gestrichelte Linie im Schaubild). + Schuss 1, 9mm Hülse […]

* Die Waffe des BÖHNHARDT erleidet nach einem Schuss einen Defekt (Patronenklemmer) und wird von ihm auf die Bank unter dem Fenster gelegt. + Auffindeort Maschinenpistole, Zustand Maschinenpistole, Auffindesituation Leiche BOHNHARDT

* BÖHNHARDT kommt durch einen Schuss der Winchester Pumpgun in die linke Schläfe zu Tode. + Obduktionsergebnis Böhnhardt, Schuss 2, erste Brennecke-Hülse

Vermutlich wurde der Schuss durch MUNDLOS abgefeuert

noch keine Nachweise hierfür verfügbar, jedoch aufgrund der Umstände (schnelle

Schussfolge zwischen erstem und zweiten Schuss, die je mit verschiedenen Waffen durchgeführt wurden) ist es wahrscheinlicher als eine Selbsttötung mit der Pumpgun (umständlich sich mit einer langläufigen Waffe in die Schläfe zu schießen).

* MUNDLOS entfacht mit Papier ein Feuer im Wohnwagen. + BOHNHARDT war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben (Kein Rauch in der Lunge). Der Brandgutachter geht durch eine Entzündung mit Papier in der Mitte des Wohnwagens aus.

MUNDLOS setzt sich im hinteren Teil des Wohnmobils auf den Boden, stellt die Pumpgun auf den Boden, steckt sich die Waffe in den Mund und tötet sich selbst.

Obduktionsergebnis MUNDLOS, Zeugenaussage bzgl. wegfliegender Deckenverkleidung im hinteren Teil des Wohnmobils, zweite Brennecke-Hülse, Auswurf der Hülse aus der Pumpgun nur möglich durch einen Schuss von unten nach oben

Wir konzentrieren uns auf die Aussagen zur Abfolge der Schüsse, des erweiterten Suizidgeschehens und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zur Ballistik und räumlichen Situation im Wohnmobil. Die Schussdefekte im Fahrzeugdach werden einbezogen. Alle sonstigen Widersprüche bleiben im Wesentlichen unberücksichtigt.

Die beiden Leichen im Wohnmobil wurden anhand von Fingerabdrücken und DNA-Vergleich als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt identifiziert. An der Zuverlässigkeit dieser Identifizierung bestehen nach Auffassung des Verfassers zwar weiter begründete Zweifel. Die Namen Böhnhardt (Asservatkomplex 1.1) und Mundlos (Asservatkomplex 1.2) werden dennoch aus Gründen der leichteren Zuordnung der Ermittlungsergebnisse verwendet.

Der Jenaer Rechtsmediziner Dr. Reinhard Heiderstädt beschreibt im Münchner NSU-Prozess Böhnhardts Kopfverletzung so, dass der sogenannte Krönleinschuss die Hirnmasse fast vollständig aus dem Schädel herausgeschleudert habe. Im Schädel seien lediglich noch etwa einhundert Gramm Gehirn verblieben (Anm. Die Gesamtmasse eines männlichen Gehirns hat ein Gewicht von etwa 1.400 g). Böhnhardt sei sofort handlungsunfähig gewesen. Bei Mundlos habe es eine große Aufreißung der hinteren Kopfoberseite gegeben. Auch hier sei das Gehirn bis auf fünfhundert Gramm Resthirn aus dem Kopf herausgeschleudert worden.4)

2. Auffindesituation Wohnmobil

Die als Uwe Böhnhardt identifizierte Leiche befand sich im mittleren Teil des Wohnbereiches, Uwe Mundlos im hinteren Teil. Beide Personen wurden nach Angaben der Ermittler durch je einen Kopfschuss mit einem Brenneke Flintenlaufgeschoss aus einer Pumpgun Winchester Defender 1.300 getötet.

Beide Schüsse soll Uwe Mundlos abgegeben haben; auf Uwe Böhnhardt durch Nahschuss in die linke Schläfe mit einem Austritt des Geschosses im Bereich der rechten Schläfe bzw. oberhalb des rechten Ohres. Angenommen werden kann deshalb ein Schusswinkel von ca. 5° bis 10°. Dem Kopfschuss auf Böhnhardt wird der Schussdefekt im vorderen Wohnmobildach zugeordnet (BT 2).

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Abb. 03: Schussdefekte im Wohnmobildach, im Aktenkonvolut vorn als BT02, hinten BT01 bezeichnet

Bei der anschließenden Selbsttötung soll Mundlos den Schuss von vorn in den Mund mit Geschossaustritt im hinteren Schädelbereich ausgelöst haben. Hier darf ein Schusswinkel von etwa 45° angenommen werden. Ein wesentlich steilerer oder flacherer Schusswinkel würde eine unnatürliche Zwangshaltung von Waffe, Kopf und Körper erfordern, für die situativ keine Notwendigkeit bestand.

Der Arbeitskreis NSU hat herausgearbeitet,5) dass die öffentlich gewordenen Fotodokumente Abweichungen der Auffindesituation zeigen insbesondere bei der Lage der als Uwe Böhnhardt identifizierten Leiche. Der Kopf des Opfers im Vordergrund schließt in Abb. 4 mit der Rücklehne der Sitzbank ab. In Abb. 5 ist die Lage des Kopfes in Richtung Fahrerkabine versetzt und schließt etwa in der Mitte der Sitzbanktiefe ab.

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Abb. 04: Aufnahme mutmaßlich in Stregda; Abb. 05: Aufnahme mutmaßlich nach Abtransport des Wohnmobils; (zum Vergrößern anklicken)

Es ist anhand der Lichtverhältnisse und der durchs Seitenfenster erkennbaren Umgebung überzeugend dargestellt worden, dass einige Aufnahmen am Auffindeort in Eisenach-Stregda entstanden, andere mutmaßlich in der Fahrzeughalle der Abschleppfirma, in die das Wohnmobil am 4. November 2011 verbracht wurde.

Widersprüchliche Zeugenaussagen (Feuerwehr, Polizei) in Bezug auf sichtbare Verletzungen und Körperpositionen bleiben hier unberücksichtigt. In Abb. 4 ist die Lage Böhnhardts wegen herabgefallenen Deckenmaterials nicht erkennbar. Abb. 5 zeigt eine vermutlich später entstandene Aufnahme. Die Dachverkleidung ist offenbar entfernt worden, Böhnhardt liegt auf der linken Bauchseite. Links neben Böhnhardts Kopf, also auf der Seite der Geschosseintrittswunde, ist deutlich Gehirnmasse zu erkennen. Die Austrittswunde, aus der das Gehirn herausgeschleudert wurde, befindet rechts (hier in Richtung Sitzgruppe). Ein schweres Problem, wie wir sehen werden.

Um das zu verdeutlichen, wurde die Lage der Leichen schematisch in einen Grundriss gezeichnet und in eine Seitenansicht übertragen (Abb. 6). Gleiches gilt für die Position der Geschossaustrittslöcher im Wohnmobildach. Die Körpergrößen von Mundlos und Böhnhardt wurden als gerundete Werte berücksichtigt (Asservatekomplex 1.2, UM ca. 180 cm, Asservatekomplex 1.1, UB ca. 185 cm). Für alle grafischen Darstellungen gilt, dass Größenverhältnisse der Zweckmäßigkeit der Darstellung entsprechend beachtet wurden.

05_womo_uebersicht_leichen_grafikAbb. 06: oben: Lage der Leichen in Aufsicht und Lage der Leichen (Asservatkomplexe 1.1 – Böhnhardt, 2.1 – Mundlos); unten: seitliche Darstellung (Beifahrerseite); Angabe der Schussaustritte im Dach

Es herrscht teilweise Unklarheit darüber, ob Uwe Mundlos eine überwiegend sitzende oder liegende Haltung im hinteren Teil des Wohnbereiches einnimmt. Das rechte Knie von Mundlos schließt etwa in der Mitte der Kühlschrankverkleidung ab. Der Abstand bis zum rückwärtigen Bett beträgt etwa 110 cm ohne die Unterschenkellänge. Der Kopf der Leiche schließt in der Höhe mit der leicht erkennbaren Bettrahmenfront ab, das sind ca. 40 cm. Diese beiden Maße belegen eine liegende Haltung der Leiche. Der Eindruck einer „sitzenden“ Position entsteht durch Aufnahmewinkel und perspektivische Verkürzung.

Soweit die Ausgangssituation.

3. Mögliche Positionen und Körperhaltungen von B. und M. in Verbindung mit Schusskanälen, Geschossflugbahnen, Schussdefekten im Dach und Lage der aufgefunden Leichen

Wir untersuchen zunächst die Schussabgabe auf Uwe Böhnhardt. Laut BKA-Hypothese hielt sich U.B. an der Sitzgruppe auf mit Blickrichtung zur gegenüberliegenden Straßenseite. Dort sind nach eigenen Angaben auch die Polizisten in Deckung gegangen. Dem Schuss auf Böhnhardt durch Mundlos wird der Schussaustritt BT02 im vorderen Dachaufbau zugeordnet. Eine andere Zuordnung ist vor allem wegen der Lage des toten Mundlos nicht plausibel darstellbar.

Der letale Schuss erfolgte nach Hypothese aus einem Vorderschaftsrepetiergewehr Pumpgun Winchester 1300 Defender Kaliber 12. Verwendet wurden ausweislich BKA-Akten Brenneke Flintenlaufgeschosse mit einer Länge von 62 mm. Ein Schusswinkel von ca. 5° bis 10° ergibt sich aus Eintritts- und Austrittswunde in Böhnhardts Schädel. Eine möglicherweise geringfügige Ablenkung des Geschosses innerhalb des Schusskanals ist nicht einbezogen.

Wir nehmen zunächst der Hypothese folgend eine geduckte Haltung Böhnhardts an, der aus dem Seitenfenster (Fahrerseite) auf die Polizisten geschossen haben soll oder dies versuchte. Neben der Geschossflugbahn wird die mögliche Fallrichtung Böhnhardts gezeigt. Böhnhardt befand sich selbst bei geduckter Haltung in relativ instabiler Position. Der Schussaufprall des Flintenlaufgeschosses hätte aufgrund hoher kinetischer Energie mit Wahrscheinlichkeit ein Abkippen in Richtung Fahrerzelle bewirkt.

09_womo_ub_01Abb.07: Geschossflugbahn bei kauernder Körperhaltung Böhnhardts und ungefähre Position des Dachdefektes; angenommene Sturzrichtung Böhnhardts

Zwei gravierende Widersprüche zur BKA-Hypothese werden erkennbar: Bei einer hockenden bzw. kauernden Körperhaltung Böhnhardts ist wegen des Schusskanalwinkels zwischen Eintritts- und Austrittswunde der Schussdefekt im vorderen Wohnmobildachaufbau nicht darstellbar. Die zu erwartende Sturzrichtung aufgrund der Geschossaufprallwucht entspricht nicht der Auffindsituation, die eine Lage zeigt, bei der Böhnhardt in Richtung des Schützen Mundlos gefallen ist. Im Falle eines Sturzes in Richtung Mundlos hätten die engen räumlichen Verhältnisse die anschließende Brandlegung an der Sitzgruppe erheblich erschwert.

Alternativ ist zu untersuchen, ob eine andere Körperhaltung Böhnhardts das Problem des Schussaustritts im Dachbereich lösen kann. Die nächste Abbildung zeigt sowohl Böhnhardt als auch den Schützen Mundlos in stehender Position.

10_womo_ub_02Abb. 08: Geschossflugbahn bei stehender Körperhaltung Böhnhardts und ungefähre Position des Dachdefektes; angenommene Sturzrichtung Böhnhardts

Beide bereits beschriebenen Widersprüche zur BKA-Hypothese treten erneut auf: Auch bei stehender Körperhaltung Böhnhardts wird wegen des Schusskanalwinkels zwischen Eintritts- und Austrittswunde der Schussdefekt im vorderen Wohnmobildachaufbau verfehlt.

Auch bei diesem Szenario ist davon auszugehen, dass der mutmaßlich überraschte Böhnhardt der Wucht des Geschossaufpralls keine dem Schussaufprall entgegengesetzte Bewegungen ausführt und deshalb in Schussrichtung fällt. Eine entgegengesetzte Kipprichtung ist nicht zuletzt fragwürdig, weil im beengten Gang des Wohnbereiches die Leiche Böhnhardts den Zugang zur Brandlegung stark erschwert hätte. Nach Darstellung der Polizisten war der gesamte von außen beschriebene Ablauf bis zur Rauchentwicklung zeitlich dicht gedrängt.

Bei der anschließenden Selbsttötung von Mundlos geht die BKA-Hypothese davon aus, dass sich Mundlos, nachdem er den Brand legte, in den hinteren Bereich setzte und die Waffe von unten nach oben gerichetet in den Mund schoss. Eine natürliche Körperhaltung würde auf einen Schusswinkel von etwa 45° als plausibel erscheinen lassen.

11_womo_um_01Abb. 09: Geschossflugbahn bei sitzender Körperhaltung von Mundlos und ungefähre Position des Schussdefektes im Dach; mit Sturzrichtung

Die mögliche Sitzposition von Mundlos im hinteren Wohnbereich wird nach vorn durch die Lage der Leiche Böhnhardts, nach hinten durch das hochgeklappte untere Bett begrenzt. Um die Geschossflugbahn mit Schussdefekt BT01 sowie die Endposition der Leiche nach Möglichkeit in Einklang zu bringen, wurde die Sitzposition beim Suizid so weit wie möglich an die Leiche Böhnhardts verlagert. Dennoch gibt es eine erhebliche Abweichung zwischen erwartetem Schussaustritt im Dachbereich und dem tatsächlichen Schussdefekt.

Nehmen wir ein hochgeklapptes Bett mit textiler bzw. kunststoffgefüllter Matratze und einem Lattenrost aus Holz an, erscheint ein Ab- bzw. Rückpraller unwahrscheinlich.6) Eine signifikante Ablenkung des Geschosses innerhalb des kurzen Schusskanals im Schädel zwischen Eintritt und Austritt ist in Bezug auf die Austrittswunde im hinteren Schädel unwahrscheinlich.

Das erwartete Spurenbild wird weiter unten besprochen. Es ist in der folgenden Darstellung alternativ zur BKA-Hypothese zu untersuchen, ob eine stehende Schussposition zumindest den Schussaustritt im Dach erklären kann.

12_womo_um_02Abb. 10: Geschossflugbahn bei stehender Körperhaltung von Mundlos und ungefähre Position des Dachdefektes; mit Sturzrichtung

Hier ergibt sich theoretisch eine mögliche Übereinstimmung zwischen Geschossflugbahn und Position des Schussdefektes im Wohnmobildach. Allerdings ließe der abschließende suizidale Akt eher eine „kontemplative“ und zurückgezogene Position, etwa der Sitzhaltung erwarten, statt angespannten Stehens mit Blickrichtung auf die Leiche Böhnhardts.

Eine Notwendigkeit, die Selbsttötung ohne Rücksicht auf den Umständen entsprechende selbstgewählte Bedingungen eines endgültigen Abschieds schnellstmöglich durchzuführen, bestand nicht.

4. Lage der Gehirnzellmasse, Auffindesituation der Leichen und Spurenbilder (Blutanhaftungen)

Wir legen weiter die BKA-Hypothese zum Geschehen im Wohnmobil trotz der gezeigten erheblichen Widersprüche bei Geschossflugbahnen, Schussdefekten im Dach sowie Position und Lage der Leichen zugrunde. Es ist zu klären, ob und wie die Kopfschussverletzungen (Krönleinschüsse) mit der Lage der Gehirnmasse(n) in Einklang zu bringen sind.

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Abb. 11: Deutlich erkennbar drückt der rechte Oberschenkel von Mundlos gegen die Kühlschrankfront. Ein Verrutschen der Gehirnzellmasse wird blockiert.

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Abb. 12: In Richtung Fahrerkabine verhindern die Leiche Böhnhardts sowie Deckenverkleidung ein Verrutschen der Gehirnmasse

Charakteristisch für die Lage der Gehirnzellmasse ist, dass sie durch beide Leichen, herabgefallenes Dachmaterial und die seitliche Begrenzung durch Küchenzeile und Sitzbank fixiert wird. Ein Verrutschen der herausgeschleuderten Gehirnteile über größere Distanz durch Löscharbeiten der Feuerwehr ist nicht plausibel. Die Ebene der Wohnbereichsgrundfläche im Wohnmobil ist zur Fahrerseite hin abschüssig, eine Veränderung der Lage hätte also eher in Richtung Fahrerkabine erfolgen müssen. Das würde besonders im Fall Böhnhardt die BKA-Hypothese noch mehr schwächen.

14_womo_gehirn_ub_01Abb. 13: Bewegungsrichtung der herausgeschleuderten Gehirnmasse bei Böhnhardt mit Schussrichtung nach vorn

Der Schuss wurde Böhnhardt in die linke Schläfenseite beigebracht, die Schussaustrittsverletzung befindet sich auf der rechten Kopfseite. Die Grafik macht deutlich: Der Blut- und Zellgewebeaustritt auf der rechten Kopfseite Böhnhardts hätte bei Blickrichtung Böhnhardts zur gegenüberliegenden Hausseite mit signifikanten Blut- und Gewebespuren in Richtung Fahrerkabine erfolgen müssen. Die mutmaßliche genaue Endposition der Gehirnmasse ist dafür unerheblich.

 

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Abb. 14: Bluttypische Anhaftungen am Zugang zum vorderen Wohnbereich auf der Beifahrerseite

Außer wenigen Blutanhaftungen an Türinnenseite und Fahrzeugkabinenrückseite ist jedoch kein nennenswertes, eventuell konzentrisch verlaufendes Spurenbild dokumentiert, das dem Auftreffen herausgeschleuderten Blutes und Gehirnteile nachvollziehbar entspricht (etwa am Beifahrersitz). Es ergibt sich außerdem keine plausible Möglichkeit, dass Schussverletzung und Lage der Gehirnmasse in Auffindessituation in Einklang zu bringen sind.

Ähnlich widersprüchlich stellt sich das Spurenbild bei Uwe Mundlos dar. Dabei ist zu vernachlässigen, ob man von einer sitzenden oder stehenden Schussposition ausgeht.

16_womo_gehirn_um_02Abb. 15: Bewegungsrichtung der herausgeschleuderten Gehirnmasse bei Mundlos mit Schussrichtung nach hinten-oben, mögliche Endposition der Gehirnteile im Vergleich zur Auffindeposition

Mundlos musste zwingend den eigenen suizdalen tödlichen Schuss in Richtung Fahrzeugheck abgeben, so dass das herausgeschleuderte Gehirn ebenfalls in Richtung Fahrzeugende bewegt wurde. Gehirnmasse, die beim Austritt in größeren Teilen erhalten blieb, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit durch den nach hinten kippenden Mundlos bedeckt oder bei späterem Herabfallen des Gehirngewebes aufgefangen wurden. Die Leiche Mundlos hätte durch ihre Lage ein Verrutschen der Hirnmassen zusätzlich blockiert.

Ein plausibles Szenario wird hier wie bei Böhnhardt durch das fehlende Spurenbild signifikanter Blut- und Zellgewebeanhaftungen im Bereich unterhalb des Schussdefektes im hinteren Dach bzw. auf der textilen Bettverkleidung erschwert. Die Fotodokumente weisen außer einigen zufällig wirkenden Blutspritzern im unteren Türbereich der Nasszelle keine der Schwere der Schussverletzung entsprechende Verteilung von Blut- und Gewebeteilen aus. Bei Mundlos wären aufgrund des Kontaktes mit dem hochgeklappten Bett insbesondere Rutschspuren durch Heruntergleiten des tödlich Verletzten in die Endposition zu erwarten.

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Abb. 16 und 17: Links: Auffindesituation der Leiche Mundlos, hervorgehoben wenige bluttypische Anhaftungen im unteren Bereich der Badtürinnenseite; rechts: Bereich, für den die Verteilung von Blut- und Gewebespuren im Einklang mit der Schuss- und Fallrichtung Mundlos wahrscheinlich wäre

5. Fazit

Die Lage der Gehirnmassen sowie die Position der Leichen und Schussdefekte im Wohnmobildach ist für beide aufgefundenen Leichen nicht mit der Tathergangshypothese des BKA in Übereinstimmung zu bringen. Es ergibt sich ausgehend von den Schussein- und -austrittsverletzungen derzeit kein Szenario, das Auffindesituation der Leichen, der Gehirnmassen und der Schussdefekte im Dach plausibel erklärt. Lediglich für Uwe Mundlos ist bei hypothetischer Annahme eines Suizides in stehender Position der Schussaustritt im hinteren Bereich des Wohnmobildaches nachvollziehbar.

Es konnte gezeigt werden, dass die vom BKA aufgestellte Hypothese mehrere schwerwiegende Widersprüche der Auffindesituation nicht auflösen kann. Dazu gehören Probleme der Geschossflugbahnen, die Lage der Gehirnmasse in Abhängigkeit der Schussverletzungen oder die Lage der Leiche Böhnhardts.

Die BKA-Hypothese ist damit in wesentlichen Teilen nicht haltbar und muss durch neue Erklärungsansätze ersetzt werden. Der Ablauf des Geschehens im Wohnmobil am 4. November 2011 bleibt weiter ungeklärt. Er ist jedoch von zentraler Bedeutung für die Aufklärung des gesamten NSU-Komplexes u.a. in Bezug auf Todesumstände der aufgefundenen Leichen, die Klärung behördenseitigen Vorwissens und mutmaßliche Tatortveränderung.

 


Fußnoten und Anmerkungen

1) http://friedensblick.de/17619/tatort-eisenach-stregda-thueringer-nsu-ausschuss-deckt-immer-neue-fragwuerdigkeiten-auf/#comment-4872

2) Band 4.1, Ordner 1, Allgemeines, Aktenvermerk BKA, nicht paginiert, PDF-Dokument S. 20

3) eda., siehe Einsatzverlaufsbericht Lotz, S. 3 von 5, PDF-Dokument S. 25

4) https://www.nsu-watch.info/2014/06/protokoll-114-verhandlungstag-21-mai-2014/

5) http://arbeitskreis-n.su/blog/2015/11/05/4-11-2011-womo-fotobeweis-badwaffenfoto-wurde-nach-entfernung-der-leichen-aufgenommen/

6) vgl. Rückpralluntersuchung von Baumstämmen und Mauern bei Flintenlaufgeschossen, Pkt. 8.2 bes. 45°, und Ergebnisse 8.3.1 und 8.3.2

Das verwendet Fotomaterial des Auffindeortes Wohnmobil stammt aus den öffentlich zugänglichen Aktenteilen.

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17 Gedanken zu “Black Box

  1. Das ergänzt kongenial die Blutbilder aus dem Wohnmobil.
    Erlaube mir zu BT01 und BT02 die Bemerkung, daß das im Grunde schnöde Physik, Ballistik und Materialkunde nebst zeitgemäßer 3D-Analyse des Innenraums vom Wohnmobil ist, die entweder unterlassen wurde, also nicht stattfand, oder wo die Veröffentlichung der Ergebnisse die Bevölkerung nur verunsichern täte.
    Im Teil 5, kann man im oben verlinkten anwählen, wird zur Ballistik etwas gesagt.
    Nicht diskutiert wurde in “Black Box” das Auffinden von 6 Metallteilen im Resthirn des Böhnhardt und der Schmauch von Polizeimunition.
    Mord mit einer Dienstpistole und Vertuschung mittels Pumpgun ist somit immer noch im Rennen.
    Das war aber nicht Aufage des vorstehenden Artikels.
    Note 1. Setzen.

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    • Danke, sehr guter Verweis. Sehe das auch so; Pumpgun-Schüsse post mortem außerhalb des Wohnmobils zur Verdeckung der Todesursachen (Geschossfragmente bei Böhnhardt). Vermute außerdem, Großkaliber um eine Identifizierung anhand von Gesichtsmerkmalen zu erschweren. Interessant in dem Zusammenhang ist, dass die Pumpgun laut BKA zuvor in Besitz eines Berliners gewesen sein soll (Bachmann), aber nicht auf dessen Waffenbesitzkarte stand (unklare Formulierung in der Asservate-Akte; „Die Ermittlungen führten zu …“). Hat das LKA Berlin die Winchester beigesteuert?

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  2. Ein paar Anmerkungen:
    1. Die Auffindesituation der Leiche von Mundlos war so, dass diese gegen Badtür und Kleiderschrank eine sitzende Position einnahem.
    Das kann BEWIESEN werden, einerseits durch die Tatortbilder TO-Gruppe der Kripo Gotha (dass sind die heller belichteten in der Akte), andererseits an den Aufnahmen der Badtür wie des Kleiderschrank, wo in Schulterhöhe Rußstreifen zu sehen sind. D.h. während des Brandes war der Körper M hier angelehnt.

    [Rest gelöscht]

    — Nö. Der Kopf von Mundlos schließt mit der Oberkante des unteren Bettkastens ab. Das ist nach Innenraumbemaßung (Fotos in den Akten vorhanden) eine Höhe von max. 40 cm. Das ist dann keine sitzende Positon. Bitte sachliche Einwände, trollen kannst du woanders. —

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    • — Nö. Der Kopf von Mundlos schließt mit der Oberkante des unteren Bettkastens ab. Das ist nach Innenraumbemaßung (Fotos in den Akten vorhanden) eine Höhe von max. 40 cm. Das ist dann keine sitzende Positon. Bitte sachliche Einwände, trollen kannst du woanders. —

      Oberkante Schulter sind über 40cm, siehe hellen Fleck am Kleiderschrank, S. 476, Bd4-1-9

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      • Den Kleiderschrank findest Du im Bild? Die unverruste Stelle im unteren Drittel ebenso?
        Ob die Spitze des Fleckes jetzt 43, 46 oder 47,3cm hoch ist, kann ich perspektivisch nicht erkennen. Interessiert mich auch eigentlich nicht.
        Ich hätte Dir ja bei Unverständnis auch eben ein entsprechendes Bild gemailt, aber nach dem unhöflichen und beleidigenden Tonfall deinerseits, sehe ich dazu keine Veranlassung.

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      • Sieh dir die Fotos mit Bemaßung (S 475, 476) und die Lage von Mundloss (S. 449) einfach noch mal in Ruhe an. Erst kritisch prüfen, dann posten. Beide an der hinteren Unterbettfront lehnenden Schultern schließen bei einer Höhe von ca. 30cm ab. Ich weiß nicht, von welchem Fleck du sprichst; das ist auch irrelevant, weil die deutlich sichtbare Bettkante eine klare Referenzhöhe zur Liegeposition darstellt.

        Nachtrag: Ich denke, ich weiß jetzt, worum es dir geht: Die Aussparung der Verrußung an der Badtür. Du gehst davon aus, dass Mundlos an der Tür lehnte und während des Transportes in die liegende Position sackte. Die Aussparung hat zwar die Form der linken Schulter von Mundlos, aber es ergeben sich dann neue Komplikationen (Spurenbild hinter dem Kopf). Ein Verrutschen der Gehrnmasse zur gegenüberliegenden Seite ist auch unter dieser Prämisse unwahrscheinlich, weil die blockierende Wirkung des Körpers erhalten auch im Falle einer weiter nach hinten-oben verlagerten Position erhalten bliebe. Das Problem mit dem plausiblen Schusswinkel bleibe ebenfalls.

        Die Aussparung kann i.Ü. ebenfalls Ergebnis einer „Tatort“-Veränderung gewesen sein.

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      • “ Nachtrag: Ich denke, ich weiß jetzt, worum es dir geht: Die Aussparung der Verrußung an der Badtür. Du gehst davon aus, dass Mundlos an der Tür lehnte und während des Transportes in die liegende Position sackte.“

        Ja. Es gibt eine entsprechende Aussparung sowohl rechts an der Badtür als auch links an der Kleiderschranktür. Soweit ich das in Erinnerung habe – habe jetzt keine Lust in den Akten zu suchen – ist diese sitzend-lehnende Haltung von UM auch auf den helleren TO-Bildern zu sehen, die noch in Stregda gemacht wurden.
        Das ist alles sehr eindeutig und schlüssig.

        “ Die Aussparung hat zwar die Form der linken Schulter von Mundlos, aber es ergeben sich dann neue Komplikationen (Spurenbild hinter dem Kopf). Ein Verrutschen der Gehrnmasse zur gegenüberliegenden Seite ist auch unter dieser Prämisse unwahrscheinlich, weil die blockierende Wirkung des Körpers erhalten auch im Falle einer weiter nach hinten-oben verlagerten Position erhalten bliebe. “

        Bestreite ich nicht, gehe aber nicht davon aus, dass die Gehirnmasse vor der Küchenzeile von UB stammt.

        “ Die Aussparung kann i.Ü. ebenfalls Ergebnis einer “Tatort”-Veränderung gewesen sein. “

        Möglich ist vieles, aber eben nicht wahrscheinlich.

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      • Zitat: „Ja. Es gibt eine entsprechende Aussparung sowohl rechts an der Badtür als auch links an der Kleiderschranktür. Soweit ich das in Erinnerung habe – habe jetzt keine Lust in den Akten zu suchen – ist diese sitzend-lehnende Haltung von UM auch auf den helleren TO-Bildern zu sehen, die noch in Stregda gemacht wurden.
        Das ist alles sehr eindeutig und schlüssig.“

        Nö. Halbwegs schlüssig eben nur in Bezug auf die ausgesparte helle Stelle und eine Rußverteilung.

        Rußablagerung und Ausparung fehlen allerdings an der Front des unteren Bettkastens, ein Übergang dieser Verrußung wäre zwingend zu erwarten. Die scharfe Zeichnung der Kontur ist zweifelhaft, weil der Schulter-/Rückenbereich UMs kaum so eng an der Tür anliegen würde, dass keinerlei verlaufende Übergänge entstehen.

        Was außerdem fehlt, ist das notwendige Spurenbild durch Gewebeaustritt und größerer Mengen Blutantragungen in diesem gesamten Bereich.

        Dieses TOG-Foto, das die an der Tür lehnende Haltung zeigen soll, ist mir unbekannt. Also bitte Schweinehund überwinden und Quellenverweis raussuchen!

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  3. Sehr schönes Blog und ein gefälliger Schreibstil, stets mit Literaturhinweisen. Das gefällt!

    Allerdings möchte ich hier einwenden, dass deine Annahme zur Fallrichtung, z.B. v. UB, auf einer falschen physikalischen Vorstellung beruht. Der wesentliche Vorgang ist eine Impulsübertragung von Geschoss auf den Körper, wobei diese Übertragung naturgemäß durch Deformationen und/oder Durchdringung nicht vollständig erfolgt. Impuls ist Masse mal Geschwindigkeit, die jeweils vorher/nachher an beiden Objekten zu bilanzieren sind.
    Das bedeutet, bei großen Unterschieden in der Masse – hier Geschoss im Grammbereich, da Körper im Kilogrammbereich – nur extrem kleine Geschwindigkeitsänderungen am massigeren Körper stattfinden. Will heißen: Ein getroffener Körper folgt nicht dem Geschossvektor sondern der viel stärker wirkende Erdbeschleunigung, sofern der Körper aus eigenem Antrieb nicht bereits einer Trajektorie folgt. Oder einfacher: Er sackt schlicht zusammen.
    Der Mythos vom nach hinten geschleuderten Getroffenen wurde in der Sendung MythBusters eindrucksvoll widerlegt.

    Aus dieser Erkenntnis ergeben sich völlig neue Eingangvoraussetzungen für eine Betrachtung. Demnach hätte UB nämlich in Nähe zur Seitentür stehen müssen, um so zu liegen zu kommen, wie aufgefunden. Was grundsätzlich noch nicht erklärt, wie diverse Fundstücke (Waffe, Anzünder etc.) unter den Körper Bs kommen konnten.
    Und auch die Geschossbahn ist damit nicht geklärt. Im Gegenteil wird der Schusswinkel bei vornestehendem UB noch größer als hier mit 5-10° angenommen. Entsprechend muss UBs Kopfhaltung gewesen sein, tendenziell eher unnatürlich.

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    • Danke für deinen Hinweis. Es geht hier weniger um ein „mehrere Meter geschleudert werden“, sondern um ein Kippen, bzw. die Sturzrichtung bei einem unerwarteten Geschossaufprall mit hoher kinetischer Energie. Es wird davon ausgegangen, dass UB in leichter Hockstellung stand, um aus dem Fenster zu schauen und deshalb eine eher instabile Position einnahm und eine höhere Wahrscheinlichkeit der Sturzrichtung bei Gleichgewichtsstörung angenommen. Letztlich ist die Kipprichtung nicht entscheidend für die Problematik der Geschossflugbahn zum Dachdefekt und ändert nichts an der „falsch“ liegenden Gehirnmasse.

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      • Mit letzterem hast du natürlich recht. Insbesondere bei der Flugbahn durch die Schläfe und Alkoven sind Zweifel angebracht.

        Die Wahrscheinlichkeit einer Fallrichtung sehe ich indes nicht, da es physikalisch nicht begründet ist. Der Begriff „hohe kinestische Energie“ zieht ebenso wenig. Das Rottweil-Geschoss hat eine kin. Energie an der Mündung von 2900 J, das entspricht der gleichen Energie eines VW Golf 7 bei 8 km/h. Bei 100 km/h hat der Wagen die 164-fache Energie des Geschosses. Soviel zu Alltäglichkeiten.

        Man kann auch noch mehr rechnen: Beim Durchschuss werden ca. 20% der Energie des Geschosses übertragen. Beim Schuss durch einen Kopf 6 kg erfährt dieser einen Geschwindigkeitszuwachs von 0,1 m/s. Dieser Kopf fällt frei in 0,7 s aus 1,85m Höhe, er bewegt sich entsprechend um 7 cm, wohlgemerkt der Kopf, nicht der 75 kg Körper. Ob die 7cm reichen, über den Körperschwerpunkt hinauszuwirken, darf bezweifelt werde, zumal eine Rückfederung durch Sehnen und Muskeln erwartet werden darf.
        Ich würde behaupten, die Fallrichtung ist ausschließlich ein Zufallsprodukt das im hohen Maß von der Beinstellung und der Körperhaltung beeinflusst wird.

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      • Okay, danke. Es geht imho nicht um eine Verlagerung des Schwerpunktes allein, die durch eine günstige Beinstellung aufgefangen werden könnte, sondern um die Störung der Balance (Gleichgewicht). Der Ausfall des Zentralnervensystems unmittelbar nach der Schussverletzung (Krönleinschuß) beeinflusst eine gesteuerte Ausgleichsbewegung. Die Motorik fällt unmittelbar aus. Eine koordinierte Rückfederung findet vermutlich nicht mehr statt.

        Die erhebliche Schädelverletzung der Schussaustrittswunde, die ja zum Herausschleudern des Gehirns geführt hat, lässt auf einen höheren Energieabgabeanteil auf den Körper schließen (Heiderstädt: Es habe eine erhebliche Deformierung des gesamten Kopfes mit großen Gewebsaufreißungen und Einfallen des Schädeldachs). Von einem „glatten“ Durchschuss kann kaum die Rede sein.

        Die Alltäglichkeiten sehen so aus, dass bereits weit geringere – überraschende – Krafteinwirkungen zur Störung der Balance und der Standfestigkeit führen. Die Kipprichtung (des Kopfes mit Gleichgewichtsorgan Ohr) verläuft meist zunächst in Richtung der Krafteinwirkung. Das lässt sich bei Balltreffern, Schlägen usw. leicht beobachten. Das betrifft auch echte Kopfschussverletzungen, die du bei youtube findest.

        Ich habe mal zwei Beispiele angefügt, die verschiedene „Kopfschüsse“ mit unterschiedlichen Körpern (inkl. Federball) zeigen. Die erkennbare biomechanische Reaktion verläuft in den meisten Fällen in Bewegungsrichtung des auftreffenden Körpers. Es gibt vielfach sogar eine „übertriebene“ reflexhafte Bewegung vom auftreffenden Körper weg, bzw. ein „Nachgeben“.


        https://www.youtube.com/watch?v=EvlggT6oydI (hier besonders min. 1:00)

        Ich stimme aber zu, dass es bei der Kipprichtung Unsicherheit gibt. Deshalb spreche ich auch von einer wahrscheinlichen Sturzrichtung, die aber letztlich von untergeordneter Relevanz ist (in Bezug auf das Thema).

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  4. Ja, das ist anschaulich. Wie du auch schreibst biomechanische Reaktionen, also Reaktionen des ZNS auf den äußeren Impuls, um die Balance zu halten oder auszuweichen.
    Kein Mensch wird durch einen Federball umgerissen! Trotzdem fallen dort die Leute.

    Im speziellen Fall muss berücksichtigt werden, dass nach dem Durchschuss kaum bis keine Reaktion des ZNS erfolgt. Bei einem Schuss in die linke Schläfe ist auch eine Ausweichreaktion im Vorhinein unwahrscheinlich, da das Opfer keine Sicht hat.
    Schieß mal einen Federball auf den Hinterkopf eine Mitspielers!

    Google mal zur Energieabgabe von Flintenlaufgeschossen in Zusammenhang mit den Schusskanälen. Daher habe ich auch meine Infos, angereichert mit physikalischen Gesetzen. 20% ist realistisch und der Wundkanal selber, hier weit öffnend, ist natürlich auch abhängig von der Patronenform, der Gewichtsverteilung in der Patrone und ggf von Hindernissen im Körper.

    Ich meine, sollte UB seitlich angeschossen worden sein, hat er oder sein ZNS keine Möglichkeiten zu einer Ausweichreaktion gehabt. Durch den Durchschuss wurde sein Körper nicht zum Kippen gebracht, sondern durch seine Beinstellung und Körperhaltung die Richtung des Falls vorgegeben oder – dafür spricht wegen fehlender Spuren nichts – durch räumliche Begebenheiten.

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  5. Sorry, wenn ich hier so einfach reinplatze und bzgl. der Abfolge der Abb. 04 und Abb. 05 zu widersprechen wage.
    Abb. 05 ist höchstwahrscheinlich in Stregda aufgenommen worden, weil:
    1. vordere Leiche liegt näher Fahrerhaus, dadurch sind auf den Aufnahmen, die in Stregda von Aussen, mit Sicht durch die WoMo-Türe, gemacht wurden, die Füße mit halbem Unterschenkel zu sehen. Die Deckenverkleidung ist wahrscheinlich zum Großteil dort wo sie hingehört.
    2. Das WoMo wurde zur Verladung mit der Front voraus ansteigend auf den Transporter gezogen, dadurch verrutschte der Inhalt, also die Leichen, nach Hinten -> siehe Abb. 04. Im folgenden Abtransport fiel durch Erschütterungen die Deckenverkleidung herab.

    Bzgl. der Positionen bei, durch BKA/BAW behaupteter, letaler Schußbeibringung läßt sich eindeutig festhalten, daß eine unvermeidliche Spurenlage durch austretende Hirnmasse und folgende Spritzblutungen nicht gegeben ist, mithin die Behauptungen absolut unhaltbar erscheinen.

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    • Bitte den Tageslichteinfall bei Aufnahme der Sitzgruppe Bd. 4-1 9; S. 460 vergleichen; außen ist der Löschzug erkennbar. Vgl. auch abgelöste Tischbeschichtung. Lage der Leiche S. 435 nach Entnahme des Brandschutts ausweislich der Aufnahmebeschriftung.
      Und folgende Aufnahmen nach Bergung Leiche 1. Auch hier bitte die Lichtverhältnisse der Aufnahmen und Positionen der Spurenmarkierungen beachten. Klarer geht nicht. 😉 Vermutl. wurde Leiche 1 nach dem Transport – zu weit – in Richtung Fahrerkabine zurückgezogen.

      Bezügl. Spurenbild Spritzblut und Lage der Hirnmassen: Austrittsrichtung des Gewebes ist durchaus unvermeidlich vorgegeben durch Schussrichtung, ebenso wahrscheinliche Spritzverteilung – und zwar bezogen auf BKA-Tathergangshypothese. Hier geht es um den Nachweis, dass das Spurenbild nicht mit der BKA-Hypothese in Einklang zu bringen ist.

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  6. Eigentlich wollte ich nach der (völlig unnötig harschen) Reaktion plus anfängliche Zensur, auf den berechtigten Einwand von Steinbruch nichts schreiben. Um der Klarheit bzgl. des Themas tue ich das nun doch.

    1) M. hinten war ursprünglich wohl in sitzender Posiiton, Steinbruch sieht das m.E. richtig

    2) die Unterschiede der Pumpgun Lage (50 cm in Richtung Fahrerhaus) unter B. ist durch das Wegziehen der Leiche während der Bergung zu erklären

    3) das Foto der „Aufklärungs“ Pistole mit der angeblich schwebenden Nr.5 kann entgegen der Polizeiaussage nicht vor Entfernugn dieser Pistole vor Ort gemacht worden sein, weil sonst von M, ein Teil seines beschuhten linken Fußes im Bild sein müsste und dies auf dem Foto nun mal nicht der Fall ist.

    4) die Annahme die beiden Opfer hätten die Krönleinschüsse a u s s e r halb des Wohnmobils verabreicht bekommen und es wären dann „fremde“ Grosshirnanteile ins Wohnmobil eingebracht worden halte ich für gewagt bis wirklichkeitsfremd, solange nicht geklärt ist welche Munitionsteile sich im Kopf von B. befanden u n d wie sich ein Krönleinschuss des Kopfes mit bestimmter (sowohl der fraglichen als auch anderer) Munition auswirkt, bzw. ob es da überhaupt eine durchschlagende Wirkung ( vgl. die nicht passenden Ausschusslöcher) gibt.

    5) die offensichtliche Tatsache, daß die beiden Uwes ermordet wurden, lässt Mörder in beide mögliche Richtungen vermuten.
    Daß die beiden Uwes ermordet wurden, beweist nicht deren Unschuld z.B. an der Ceska Mordserie.

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