Anschlagsleugner

 

Der Journalist Thomas Moser hat die Nerven verloren. Das kann jedem passieren und ist nicht der Rede wert, aber seine Invektiven führen eher nebenbei zur amüsanten Frage: Welche Verschwörungstheorien sind unter Verschwörungstheoretikern erlaubt?

Die Gemeinde, die sich mit Staatsterror in der Heimat beschäftigt, ist überschaubar; den deutschen VTler zieht es aufklärerisch in die Ferne, er will die ganz großen Kriminalfälle lösen, vom Kennedymord bis zum 11. September.

Dort, in der 9/11-Trutherbewegung wurden Hypothesen zu Manifesten, um die sich eine Anhängerschaft scharrt, bereit, die eigene Theorie mit allen Mitteln zu behaupten. Dazu gehört der Vorwurf an die Konkurrenz, sie würde mit verrückten Ideen und geheimdienstlicher Tücke die Wahrheitsbewegung zersetzen. Versucht Moser, diesen Kleinkrieg jetzt in die deutsche Internet-Provinz zu tragen? Muß das sein?

Wenn man Abweichlern und ihren Theorien mehr mißtraut, als eigener Selbstgewißheit, dann hätte der „Tiefe Staat“ ohnehin bereits gewonnen und man gerät in eine Tretmühle der Paranoia. Nicht alles beim „Mitbewerber“ ist Blödheit, Bosheit oder Wichtigtuerei.

Und Mosers bedrohte Wahrheit? Für ihn heißt die Gretchenfrage deutschen Staatsterrors: Was wußte der Verfassungsschutz. Wer BfV-Schurken verharmlost, greift ein festes Feindbild an, das aus den 70ern stammt; eine Mischung aus sinistren Altnazis, RAF-Mythen und „Die drei Tage des Condor“. Daß auch das Schweinesystem seine Methoden manchmal ändert, sich anpaßt und „smarter“ wird und damit schwerer zu fassen, mag Moser sich nicht vorstellen. Mindestens muß es LIHOP sein: der VS schaut weg, wenn CIA, IS und Nazis fröhlich mordend durch die Lande zieh’n.

Aber wenn schon Pöbelei, dann bitte nicht alles in einen Topf; unrettbare Radikalskeptiker gibt es bei uns vielleicht eine Handvoll (ich bemerke, daß der Autor dieser Zeilen dazugehört); die Mehrheit der NSU-Leugner ist vom realen Terror auf dem Weihnachtsmarkt überzeugt und hält gemeinsam mit Moser alle Zweifler für Spinner und Desinformanten.

Die Situation beider Leugnergruppen ist indes grundverschieden: Nach fast acht Jahren haben die gesammelten Beweismanipulationen im NSU-Komplex eine so hohe Dichte, daß dem AK NSU sachlich nicht mehr beizukommen ist. Da bleiben nur noch ein Labeln als „rechtsradikale Verschwörungstheoretiker“ und öffentliches Beschweigen. Hier mußte sich Moser blamieren.

Anders beim Breitscheidplatz: keine geleakten Spurenakten, keine Brisanz der Ausschüsse (das System lernt), kein Prozeß, kaum Investigativliteratur – und vor allem: kein politisches Interesse. Nicht bei den „Freiheitlichen“, wo Amri & Co. die eigentliche Bedrohung sind und wo es keine Rolle spielt, ob er über den Breitscheidplatz fuhr (Denn er hätte es ja tun können!); nicht bei der Linken: Dasselbe Desinteresse, das die Linke am Auffliegen des NSU-Schwindels hatte, setzt sich nun fort; aus Dankbarkeit fürs NSU-Phantom trägt sie die Amri-Show bedingungslos mit.

Die Anschlagsleugner haben Elias Davidssons „Gelben Bus“, den niemand lesen will und das Geomatiko-Forum, wo nach Mosers Vorstellung „alles zusammenläuft“, tatsächlich aber spärliche Informationsschnipsel archiviert und ausgewertet werden, die die Sage vom islamistischen Anschlag – sagen wir: erschüttern. Dazu kommen ein paar längst gelöschte Youtube-Filmchen verschiedener Qualität. Das ist alles und mühselig genug, um so erstaunlicher die Wirkung der Geomatiker auf Moser und seine Leserschaft.

Dieses Ungleichgewicht in der alternativen Aufklärung ist allerdings kein Wunder: Der NSU war „unser 11. September“, der Breitscheidplatz eben nur noch „unser Nizza“. Moser hat immerhin verstanden, daß beides zusammengehört.

5 Gedanken zu “Anschlagsleugner

  1. Pingback: Anschlagsleugner by parlograph | NSU LEAKS

  2. „Welche Verschwörungstheorien sind unter Verschwörungstheoretikern erlaubt?“

    Die Frage ist amüsant, aber alles andere als irrelevant. Aktuell kann man das auch am Fall Pohlmann deutlich machen. Der bringt diesen Herbst ein Buch im Westend-Verlag heraus, dass sich anlässlich des 30. Jahrestag des Herrhausen-Attentates der Frage nach Urheberschaft mehrerer politischer Attentate widment.

    Pohlmann war in diversen Streams recht auskunftsfreudig und so gibt es bereits vorab ein recht klares Bild: Er meint das Attentat aufgeklärt zu haben, hat mit mind. einem Beteiligten gesprochen und – großer Trommelwirbel – präsentiert als des Rätsels Lösung eine Version, die „Verschwörungstheorien“ (RAF-Phantom von Wisnewski, Sieker, Landgräber) mit offiziellen Erklärungen (3. Generation der RAF) verbindet. Das Attentat soll von der RAF ausgeführt worden sein, allerdings wirkten im Hintergrund bisher unbekannte Personen und Zusammenhänge maßgeblich mit.

    Das sind steile Thesen, ich bin gespannt was er nun im Detail präsentiert und wie belastbar seine Erkenntnisse sind. Zweifeln lässt mich jedoch die in diesem Zusammenhang (mal wieder) offene kommunizierte Ahnungslosigkeit im Fall NSU. Den faßt einer wie Pohlmann nur mit der Kneifzange an, oder anders: das Interesse an Aufklärung dürfte allenfalls mäßig sein, die Täter sind nämlich die Richtigen. Und so versteigt sich Pohlmann anlässlich der Ankündigung seines Buches zu der These: Im Fall NSU „stimme vieles nicht“. Da dürfte „im Verborgenen ein Unterstützernetzwerk gewirkt haben“. Das ist schon hart: da fabuliert ein selbsternannter „investigativ recherchierender Journalist“ aus dem „alternativen Lager“ genau denselben Sermon zusammen, wie vor ihm unfähige Politiker in überflüssigen Untersuchungsausschüssen und gläubige Journalisten in Medien mit herbeihalluzinierten Leit- und Meinungsbildungsanspruch.

    Aktuelle Quellen für Pohlmanns Aussagen: The False Flag – Im Gespräch mit Dirk Pohlmann (12.09.2019)

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    • Ja dieses politische Nutzendenken bei Aufklärern ist fatal und kurzsichtig; dem sog. Tiefen Staat (um diesen problematischen Begriff zu verwenden) ist es vollkommen gleichgültig, ob eine linke, rechte oder moslemische Sau durchs Dorf getrieben wird. Gemacht wird, was dran ist und funktioniert.

      Zu Pohlmann: Klar bin auch ich skeptisch, wenn jemand verkündet, er kenne die am besten gehüteten Staatsgeheimnisse. Auch die Art und Weise, wie er das promotet, macht es nicht gerade vertrauenswürdig. Aber ja, erst mal sehen, was er zu berichten hat und wie belastbar das ist.

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