Copykill

Für alternative NSU-Aufklärer ein untrügliches Zeichen: rätselhafte Todesfälle im Umfeld von Opfern, Verdächtigen und Ermittlern. Sie beweisen die Verstrickung des Staates in Verbrechen, die dem NSU angelastet werden. Ein so genanntes Zeugensterben begleitet die Strafverfolgung auch im NSU-Komplex wie eine tödliche, hoch infektiöse Krankheit.

Die Sache scheint klar: So wenig, wie Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Eisenacher Wohnmobil durch einen erweiterten Selbstmord zu Tode kamen, starben der „aussagewillige“ Florian Heilig oder Thüringer Polizeibeamte1) durch Suizid. Auch Thomas „Corelli“ Richter und Heiligs Ex-Freundin Melisa Marijanovic waren keine Opfer gesundheitlicher Komplikationen. Staatlich geschützte Mörder brachten die unliebsamen Mitwisser zur Seite.

Besonders bei den Todesfällen Heilig, Corelli und Marijanovic herrscht in einer breiten Querfront der NSU-Aufklärung Einigkeit. Die reicht von Wolf Wetzel und Thomas Moser über Hajo Funke und Jürgen Elsässer bis zum sogenannten Arbeitskreis NSU. Etliche weitere Blogger sehen es ähnlich. Auch wenn die vermuteten Gründe für Auftragsmorde zum Wohle des Staates nicht unterschiedlicher sein können.

Allerdings verfügen die übermächtigen staatlichen Schurken über einige zuverlässige Instrumente, mit denen sie sich gegen Verdächtigungen zur Wehr setzen. Das Mutmaßen über das gewaltsame Beseitigen von Zeugen und die Verstrickung der Dienste wird als verschwörungstheoretischer Blödsinn abgetan. Oder sie bügeln ab mit einem Heer treuer Journalisten, sie manipulieren, sie setzen parlamentarische Vertuschungsausschüssen ein. Sie schweigen und verschweigen und wechseln das Thema.

Wird den Regierenden dieser Verdacht mörderischen Verwaltungshandelns irgendwann doch gefährlich? Oder gibt es eine Situation, in der die scheinbar Bedrängten davon sogar profitieren? Was ist der Grund, dass alle Mordvorwürfe am Staat bisher scheinbar spurlos abtropfen?

Wer falsch beschuldigt, entlastet von tatsächlicher Verantwortung. Das allein wäre schon Anlass genug für staatliche Gelassenheit, aber moralische Befindlichkeiten sind im harten NSU-Geschäft belanglos. Der Staat schweigt nicht, weil er ertappt ist. Er wird einsilbig, wenn er verschleiert. Notfalls zulasten des eigenen Ansehens, aber immer zugunsten höherer Güter. Hier also, um Zeugen zu schützen. Das macht ihn selbstgewiss. Vermeintliche Angreifbarkeit verkehrt sich in ihr Gegenteil. Der dienende Staat erfüllt seine Pflicht auch unter widrigsten Umständen. Die Anwürfe der lärmenden Aufklärerschar hält er ruhigen Gewissens aus.

Machen wir uns also auf die Suche nach den Mustern des NSU-Zeugensterbens. Treten wir ein paar Schritte zurück. Versuchen wir zu erkennen, wie sich die bedrohlich wirkende Staatlichkeit zu einem ordnenden Prinzip zusammensetzt. Achten wir auf die Leuchtfeuer, die die verborgene Szenerie des NSU-Projektes erhellen. Ignorieren wir die herrschende Deutungsgewalt.

Vielleicht verstehen wir dann, warum Wolf Wetzels Kassandraruf, dass auf verbrennende Akten verbrennende Zeugen folgen würden,2) mit staatlicher Absicht in die Irre führt.

Suche nach dem Original

Am 16. September 2013 verbrennt Florian Heilig in seinem Auto. Die Nachricht vom Feuertod des „aussagewilligen“ Zeugen bahnt sich nur mühsam den Weg ins Netz. Die hoch sensibilisierte Aufklärergemeinde muss praktisch erst darauf gestoßen werden.3)

Die Lokalredaktion der Heilbronner „Stimme“4) erkennt das Potential des Themas. Sie bringt Hintergründe zum Todesfall, den Hinweis auf eine geplante Vernehmung durch die EG „Umfeld“ und schaltet eine Todesanzeige für Florian. In der Netzzeitung „Kontext“5) macht die Mutter des Brandopfers kryptische Andeutungen zur staatlichen Gewaltenteilung und zweifelt am Suizid ihres Sohnes. Damit beginnen die Spekulationen um den Tod des jungen Mannes. Florian Heiligs angebliches Wissen über ein rechtsextremistisches Netzwerk in Baden-Württemberg, das bereits im Abschlussbericht des Berliner NSU-PUA erwähnt wird, heizt die Phantasie zusätzlich an. In eine vorbestimmte Richtung.

Seit Ende 2013 bereits steht für die alternativen Aufklärer aller politischen Richtungen fest, dass Florian Heilig ermordet wurde. Unverändert bleiben seither auch die zwei wichtigsten Thesen: Florian wurde als Mitwisser des Mordanschlages auf die Heilbronner Polizisten Kiesewetter und Arnold am 25. April 2007 vom staatlich gedeckten Täterumfeld beseitigt oder vom vertuschenden Staat resp. seinen Behörden. Zum möglichen Täterumfeld wird auch das NSS-Phantom gerechnet, über das Florian das LKA informieren will. Wie wir heute wissen, hat eine NSS-Struktur nie existiert.6)

Als würde die Sackgasse des NSS nicht schon ausreichen, an einem vorhandenen Motiv für Florian Heiligs Ermordung zu zweifeln oder zu erwägen, dass die Legende vom NSS eine gestreute behördliche Desinformation sein könnte, bleibt die Mordthese sakrosankt: Die Merkwürdigkeiten vom fehlenden Abschiedsbrief bis zum falschen Liebeskummer fokussieren den Blick der Gemeinde starr auf einen vertuschten Zeugenmord als einzig möglicher Erklärung. Dabei werden frühe Hinweise wie die Presseerklärung der Ermittler zum Feuertod Heiligs geflissentlich übersehen:7)

„Bei der am Montagmorgen (16.09.2013) in einem ausgebrannten Fahrzeug an der Mercedesstraße aufgefundenen männlichen Person, handelt es mutmaßlich um einen 21-Jährigen aus dem Landkreis Heilbronn (siehe hierzu Pressemitteilung vom 16.09.2013 des Polizeipräsidiums Stuttgart).

Die am Montagabend (16.09.2013) durchgeführte Obduktion ergab, dass ein Fremdverschulden oder ein Unfallgeschehen nahezu ausgeschlossen werden kann. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei haben ergeben, dass der junge Mann das Fahrzeug vermutlich selber in Brand gesteckt hat. Die Hintergründe für den Suizid dürften im Bereich einer persönlichen Beziehung liegen. […]“

Diese in wesentlichen Punkten unklar gehaltene Erklärung wird gemeinsam von der Staatsanwaltschaft Stuttgart, dem Landeskriminalamt und dem Stuttgarter Polizeipräsidium herausgegeben. Man darf vor dem Hintergrund der NSU-Umfeld-Ermittlungen und des parallel stattfindenden NSU-Prozesses davon ausgehen, dass jedes Komma abgestimmt und mit Bedacht gesetzt wird. Der Text erlaubt deshalb eine Lesart des Todesfalls, die eine weitere mögliche Wahrheit des Geschehens auf exakte Weise beschreibt.

Gestützt wird diese These durch Indizien, die einen Suizid unwahrscheinlich machen und ein Tötungsverbrechen plausibel. Anfang 2014 veröffentlicht der Publizist Jürgen Elsässer ein Interview mit Florians Eltern, in dem sie eine Selbstverbrennung erneut ausschließen: „Wir glauben nicht an Selbstmord. Mein Mann und ich nicht, unsere Kinder nicht, niemand von unseren Freunden.“8) Die Polizei ermittelt jedoch trotz starker Verdachtsmomente für eine Fremdbeteiligung nicht, obwohl es nach Aussagen des Vaters im Vorfeld der Tat Bedrohungen gegen ihren Sohn gegeben habe:

„[…] Wir haben zwei Autos. Etwa sechs bis acht Wochen vor seinem Tod waren an dem einen Auto die Bremskabel durchgeschnitten. Kurz danach waren an einem Vorderreifen des anderen die Radmuttern gelockert. Als Florian das mitbekam, war er furchtbar erschreckt.“

Halten wir aber zunächst fest:

  1. Es gibt einen bis heute unklaren Todesfall eines jungen Mannes, der offiziell als Suizid eingestuft wird. Eine Fremdbeteiligung kann nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden.
  2. Das Legen eines Brandes soll Spuren vernichten. Der (freiwilige) Feuertod setzt ein Zeichen, er hat eine Signalwirkung, seine konkrete Botschaft bleibt hier unklar.
  3. Es gibt einen vermuteten Tathintergrund zum Heilbronner Polizistenmord von 2007

Vor allem die Unklarheit der Todesursache interessiert uns. Sie führt zum Tod des 18-jährigen Weinsbergers Arthur Christ, der in der Nacht zum 25. Januar 2009 mit schwersten Verbrennungen neben seinem ausgebrannten Auto stirbt.

Russenmafia oder Rechtsterror?

Auch dieser Feuertod schafft es in den Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss. Die Parallelen zum Todesfall Heilig werden hier evident. In der Südwestpresse wird sogar die Verbindung zur sog. Spur 3740 der Heilbronn-Ermittlungen hergestellt, der These von einem Herointransport aus Kirgisien, in dessen Abwicklung Kiesewetter und Arnold zufällig hineingeraten seien:9)

„Ein Hinweisgeber im NSU-Komplex verbrennt auf mysteriöse Weise im Auto. Der NSU-Untersuchungsausschuss befasst sich seit Wochen mit dem Fall Florian H. Es gibt aber einen weiteren Todesfall: Arthur C. aus Weinsberg. Sein Tod weist Parallelen zum Fall H. auf – und ist ebenfalls Teil der NSU-Ermittlungen.

Kriminalhauptkommissar: Keine Anhaltspunkte für Suizid oder Tötung

Der 18-Jährige starb am 25. Januar 2009 gegen 2 Uhr morgens in einem Waldstück bei Heilbronn. Die Rekonstruktion ergab, dass ein Benzin-Diesel-Gemisch im Lexus gezündet wurde. Kurz darauf muss C. brennend aus dem Auto geflüchtet sein. Als die Rettungskräfte eintrafen, bewegte er sich noch. Todesursache: Schock durch vollständige Verbrennung der Hautoberfläche. Ein Fall, der den Kriminalhauptkommissar Benjamin G. noch heute beschäftigt. Es gäbe keine Anhaltspunkte für einen Suizid oder gar eine Tötung. „Das ist ein unbefriedigendes Ergebnis.“ Allerdings, darüber hat G. nach eigenen Angaben keine Erkenntnise, taucht Arthur C. gleich mehrfach in Akten zum Heilbronner Polizistenmord (2007) auf.

Eine Vertrauensperson der Polizei hatte den Ermittlern aus dem Gefängnis von einem mutmaßlichen gescheiterten Drogendeal berichtet. Ein Kurier sollte demnach ein Fahrzeug, in das mehrere Kilo Heroin verbaut waren, von Kirgistan nach Deutschland fahren. Eine Panne habe den Mann an jenem 25. April gezwungen, das Auto auf der Theresienwiese abzustellen. Ein Taxi habe ihn darauf zum Treffpunkt gebracht. Als er mit den nervösen Dealern zurückkam, sei eine Streife auf den Platz gefahren. Die Männer hätten kurz darauf auf die Polizisten geschossen und seien in mehrere Richtungen geflüchtet.

Diese Aussage korrespondiert zwar mit Hinweisen mehrerer Zeugen in Tatortnähe, aber nicht mit der These der Bundesanwaltschaft. Demnach kommen nur Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom Nationalsozialistischen Untergrund als Täter in Frage.

Der Hinweisgeber aus dem Knast hatte auch den Namen Arthur C. genannt. Dieser sei zufällig am Tatort gewesen und habe deshalb sterben müssen. Die Soko „Parkplatz“ vermerkte in einem Protokoll, dass es „eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem abgebildeten C.“ und dem Phantombild der Zeugin Loretta E. gebe. Diese hatte einen jungen Mann vor dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter gesehen. Die Polizei wertete die Hinweise der Vertrauensperson als vielversprechend, stellte die Ermittlungen am 4. November 2011 aber ein. Ab diesem Punkt kamen für sie nur die beiden Uwes als Täter in Frage.“

Wie der Blogger des „Arbeitskreises NSU“10) treffend bemerkt, ist diese These einer außer Kontrolle geratenen Drogenübergabe, von der staatliche Stellen Kenntnis hatten, trotz einiger damit verbundener neuer Widersprüche die bisher stimmigste Erklärung für den Mordanschlag auf die Polizisten und erfolglose Ermittlungen, die bis heute den Geruch der gezielten Vertuschung nicht losgeworden sind. Vom „Arbeitskreis NSU“ veröffentlichte Auszüge der Ermittlungsakten belegen diese Vertuschungsabsichten in ernstzunehmender Weise.11)

Mit der Parallelität der Fälle Christ und Heilig gibt es allerdings auch ein Problem. Wenn Arthur Christ als Zeuge oder gar aufgrund von Mitwisser- oder Mittäterschaft ermordet wird und seine Verbrennung neben einer beabsichtigten Spurenbeseitigung das sichtbare Signal einer Warnung ist, dann stellt sich die Frage, warum derselbe Täterkreis Florian Heilig auf fast identische Weise ermorden soll. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als die Verantwortung des „NSU“ für den Heilbronner Polizistenmord in vorverurteilender Weise quasi staatsoffiziell als aufgeklärt gilt und durch den Dienstwaffenfund im Eisenacher Wohnmobil auch faktisch besiegelt wird.

Warum sollten beispielsweise Drogendealer das Friedensangebot des Staates, den Polizistenmord zusammen mit dem Feuertod von Böhnhardt und Mundlos als Rechtsterror zu entsorgen, ausschlagen? Warum sollten sie durch einen weiteren Zeugenmord, der auch das eingestellte Ermittlungsverfahren Arthur Christ reaktivieren könnte, neue Ermittlungen zum Polizistenmord provozieren?

Das ergibt keinen Sinn. Wer aber profitiert dann von einem weiteren Feuertod im Frühherbst 2013? Kopierten Landesbehörden den Tod von Arthur Christ, um Florian bei Seite zu bringen? Und gibt es zum Feuertod Florians eine direkte Linie von Arthur Christ über die sogenannten Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im brennenden Wohnmobil von Eisenach?

Suizid oder Verbrechen – oder Show?

Die Duplizität der Todesfälle Christ und Heilig lässt eine Erklärung ins Blickfeld rücken, die unsere Aufklärergemeinde meidet, wie der Teufel das Weihwasser. Das hat zwei Gründe: Der verhasste Staat muss unbedingt auch ein Blutsäufer sein und es gibt zwei Sorten Verschwörungstheorien; coole und ungeliebte.

Ein Ansatz für letztere ergibt sich aus dem hervorstechenden Unterschied der beiden sonst so ähnlichen Todesfälle selbst: Arthur Christs Tod weist in Richtung organisierte Kriminalität, Florian Heiligs Tod legt eine Spur zum Rechtsterrorismus. Ein rechtsterroristischer Hintergrund im Fall Heilig stärkt die Glaubwürdigkeit eines rechtsterroristischen Mordmotives in den Fällen Kiesewetter/Arnold. Florians Tod füllt damit zeitweise eine öffentlich gefühlte Lücke aus zwischen dem Nationalsozialistischen Untergrund aus Thüringen und dem Heilbronner Polizistenmord. Aus heutiger Sicht allerdings erscheint er auch wie ein missglückter Rettungsversuch des NSU-Phantoms durch das NSS-Phantom.

Ist nämlich die „Selbstenttarnung“ des NSU am 4. November 2011 für die erfolglose Aufklärung des Polizistenmordes zunächst ein Glückfall, wird die Täterschaft des NSU in der öffentlichen Rezeption immer weniger überzeugend. Einziges Faustpfand bleiben die in Thüringen aufgefundenen angeblichen Dienst- und Tatwaffen. Tatzeugen, die Böhnhardt und Mundlos in Heilbronn gesehen haben wollen, bleiben unglaubwürdig. Parallel zum Münchner NSU-Prozess laufende Stuttgarter Ermittlungen der EG Umfeld haben nichts gebracht. Der Heilbronner NPD kann offenbar weder NSU-Verstrickung noch Beteiligung am Polizistenmord nachgewiesen werden, das erneut aufgewärmte Krokus-Kapitel erweist sich trotz heldenhaften Einsatzes Alexander Gronbachs als unglaubwürdig.

Die Anklage in München droht gerade beim Heilbronn-Komplex, der sich grundlegend von den sogenannten Ceska-Morden unterscheidet, unter Druck zu geraten. Ungeklärt ist selbst, ob die Polizisten Zufallsopfer des NSU sind oder Verbindungen durch Kiesewetters familiäre Wurzeln bestehen.

Der Beweis für ein rechtsextremes NSS-Netzwerk in Baden-Württemberg, auf das es den Hinweis eines „rechten Mitläufers“ gibt, käme da gerade recht. Er könnte das Fehlen plausibler Täterschaft der NSU-Verdächtigen heilen oder sogar ersetzen. Das Manko: Der reale Kern der Neo-Schutzstaffel ist dürftig. Er geht auf eine bekannte Aussage Florian Heiligs gegenüber der Soko „Parkplatz“ zurück, es habe ein Treffen zwischen NSS und NSU in Öhringen gegeben. Diese Aussage konnte allerdings nicht verifiziert werden.12) Als vage Verdachtsaura wabert der NSS dennoch weiter durch den NSU-Komplex.

Seine volle Wirkung entfaltet das NSS-Phantom jedoch erst, als es mit einem Mord in Verbindung gebracht wird. Praktischerweise stirbt dabei der einzige Zeuge für die Existenz des geheimnisvollen Netzwerkes. Damit wird eine virtuelle Blackbox dauerhaft konserviert, die mit beliebigen Spekulationen gefüttert werden kann und bizarre Gruselgeschichten auswirft über die geheime Verflechtung von Neonazis, Honoratioren, Polizei und Verfassungsschutz im Ländle. Der Tod des NSS-Zeugen Florian Heilig – oder die Legende dieses Todes – nützt der Aufrechterhaltung der NSU-Konstruktion weit mehr, als lediglich diffuse Hinweise ohne jede Aussicht auf realen Ermittlungserfolg.

Biedermann und die Brandstifter

Der Tod Florian Heiligs ist also geeignet, von der schwachen Beweislage einer Täterschaft von Böhnhardt und Mundlos im Fall Kiesewetter/Arnold abzulenken und neue Trugspuren zu legen. Er wird zu einem so genannten Roten Hering, begierig aufgelesen von politisch-korrekt agierenden Parteien und Medien. Eine Spur, die gefahrlos weiterverfolgt werden kann, denn sie führt immer zurück an ihren Anfang. Der Stuttgarter PUA muss das gerade erfahren. Wenn Florians Tod den NSU-Komplex glaubwürdiger macht, dann darf mit Recht gefragt werden, ob und inwieweit baden-württembergische Behörden seinen Feuertod inszenierten.

Die Vorstellung aber, eine grün-rote Landesregierung unter dem Gymnasiallehrer Kretschmann, die an die Macht kam, wie die Jungfrau zum Kind, hätte nichts anderes zu tun, als mit einem von ihr befohlenen Zeugenmord die Verfehlungen verfilzter Sicherheitsstrukturen in der Unionsära geradezubiegen, ist absurd. Die seltsam schwebende postdemokratische Politblase des grün-katholischen Landesvaters würde bei Berührung mit echtem Blut zerplatzen. Nicht einmal Gernegroß Mappus hätte sich mit einem Mord aus Staatsräson belastet.

Und doch beobachtet die Aufklärergemeinde Behinderungen, Manipulationen und absichtliches Doofstellen auch beim Stuttgarter Untersuchungsausschuss, der unter der vorfestlegenden Überschrift „NSU“ endlich Licht in den Heilbronn-Komplex bringen soll. Das wäre dann allerdings die fortgesetzte Erfolglosigkeit der Soko „Parkplatz“ mit demokratischen Mitteln.

Wenn dieser Eindruck stimmt, dann darf Grünen und Sozialdemokraten außer politischer Vorteilsnahme im „Kampf gegen rechts“ durchaus Einverständnis mit einem überparteilichen Staatswohl zugestanden werden. Eines Staatswohls, das sich von einem weit gefassten Rechtsstaatsbegriff immer gerade noch gedeckt weiß. Die Mittäterschaft einer mordenden Exekutive wäre damit aus praktischen Gründen unvereinbar. Das Überschreiten der Grenze zum Gewaltverbrechen hieße nämlich: Eine vergleichsweise frische Landesregierung hätte sich ohne Not zum erpressbaren Komplizen gemacht.

Arthur Christ und das Fanal von Eisenach

Durchaus denkbar dagegen sind exekutiv gedecktes Manipulieren von Beweismitteln oder platzierte Dienstwaffen als wohl verstandene Notwendigkeit und ohne Detailunterrichtung einer amnesischen Ministerialbürokratie mit beschränkter Aussagegenehmigung.

Der Stuttgarter Untersuchungsausschuss jedenfalls scheint entschlossen, die vorgegebene NSU-Täterschaft in wesentlichen Punkten stützen zu wollen. Restzweifel bleiben ausdrücklich erlaubt mit dem obligatorischen Hinweis, dass letztlich nicht alle Fragen geklärt werden können.

Ebenfalls mit dem Streben nach Staatswohl vereinbar wäre eine Vertuschungskontinuität über den Regierungswechsel von 2011 hinaus mit dem Ziel, Zeugen vor fiktiver rechtsterroristischer Bedrohung zu schützen. Oder vor einer übermotivierten Presse. Zeugenschutz legendiert notfalls als Todesfall, der offen lässt, ob es sich um Suizid, Tötungsverbrechen oder eine zu spät erkannte Krankheit handelt.

Denn warum sollte ein konzertiert agierender Sicherheitsapparat, der, wie von der Aufklärergemeinde mit Recht angenommen, die Ermittlung der Heilbronner Polizistenmörder über Jahre mindestens verschleppt, unter neuer Regierung den NSS-Fake-Zeugen Heilig vor einer Befragung beseitigen, deren Zustandekommen dieser Apparat selbst initiiert und deren Ergebnisse er in jede gewünschte Richtung beeinflussen kann.

Lässt man diese Möglichkeit einer inszenierten Zeugenbeseitigung ohne Mord gedanklich zu, dann erscheint plötzlich der Feuertod des jungen Arthur Christ nicht nur als Vorlage für die „Beseitigung“ Florian Heiligs, sondern auch für das sogenannte Fanal von Eisenach; den erweiterten Suizid von Böhnhardt und Mundlos, dem in gleicher Weise die Unklarheit des vermuteten Mordes durch Dritte anhaftet. Die Parallelität dieser Feuertode legt nahe, dass Stuttgart nicht nur Nutznießer der NSU-Selbstenttarnung war, sondern aktiver Mitgestalter.


1) Compact-Magazin, 1/2014, S.19

2) https://wolfwetzel.wordpress.com/2013/10/28/erst-verbrennen-akten-dann-zeugen-statt-fragen-mediales-schweigen/

3) Bei Jürgen Elsässer taucht der tote NSU-Zeuge erst Anfang Oktober 2013 auf, im stark frequentierten Diskussionsstrang des Politforums HPF wird die Nachricht ab dem 20. September 2013 diskutiert, also mehrere Tage nach dem Feuertod Heiligs

4) http://www.stimme.de/heilbronn/hn/Brandleiche-Staatsschutz-ermittelt;art31502,2896748

5) http://www.kontextwochenzeitung.de/politik/130/ungeklaerter-todesfall-1744.html

Heike Heilig, 06.10.2013 14:29:
„Legislative, Judikative, Exekutive, ausführende Gewaltteilung des Staates, dies habe ich mehrmals in der Schule und in all meinen Weiterbildungen gelernt. Inzwischen haben diese Formen einen sehr negativen Beigeschmack. Florian war ein sehr lebenslustiger und kritischer Mensch. Er hatte so viele Träume Wünsche und Ziele. wer ihn gekannt hat, geht nicht von einem Suizid aus.“

6) http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nsu-untersuchungsausschuss-zweifel-an-der-existenz-der-neoschutzstaffel.ad3cc52c-b150-4571-8d01-65c91a408027.html

7) http://web.archive.org/web/20130924085354/http://presse.polizei-bwl.de/_layouts/Pressemitteilungen/DisplayPressRelease.aspx?List=7fba1b0b-2ee1-4630-8ac3-37b4deea650e&Id=73314

8) Compact-Magazin, 1/2014, S.21 ff

9) http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/art1188139,3175521

10) https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/02/24/heilbronn-augenzeugin-sah-3-manner-direkt-nach-dem-mord-eine-gesperrte-brucke-hinauf-fluchten/

11) https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/08/page/2/

12) Abschlussbericht NSU-Untersuchungsausschuss, 17. Wahlperiode, S.466

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