Mimikry des Terrors

Die wichtigsten europäischen Terrorgruppen haben sich aufgelöst oder die Waffen niedergelegt. In dieses Vakuum stößt der Staat. Der neue staatliche Terror verlässt zunehmend die Realität. Er braucht sie nicht mehr. Was unterscheidet authentischen Terror von staatlicher Inszenierung? Was sind die Gründe für diesen Prozess? Der NSU ist eine wichtige Wegmarke dieser Entwicklung.

18.Dezember 2013 im Münchner Oberlandesgericht: Ein älterer Mann legt einen roten Apfel vor sich auf den Tisch. Er ist Vater eines mutmaßlichen Rechtsterroristen und Serienkillers. Den Apfel wird er während seiner Zeugenaussage seelenruhig essen und den Vorsitzenden Richter des Staatsschutzsenates einen „Klugsch“ nennen. An zwei Verhandlungstagen versucht der schneidige Richter Götzl von Siegfried Mundlos zu erfahren, wie Terrorismus entsteht. Vergeblich.

Eine wichtige Lektion darüber, wie Terror funktioniert, erteilt ihm der Professor gerade: Der rote Apfel, der massige Kopf mit den buschigen Augenbrauen, ein ungleicher Kampf, selbst der „Klugsch(eißer)“ – das alles brennt sich in das Gedächtnis einer erschrockenen Volksseele ein. Taser des Terrors in einem surrealen Happening: Symbol, Täter, Kampf, Bekenntnis und eine empörte Öffentlichkeit.

Die Selbstenttarnung des NSU kommt aus heiterem Himmel. Knapp ein halbes Jahr nach dem Massenmord Breiviks hat der Naziterror unvermittelt Deutschland erreicht. Der öffentliche Schock sitzt tief. Wie war das Morden möglich – unbemerkt und mitten unter uns? Der rote Apfel des NSU sind ein explodiertes Haus, ein brennendes Wohnmobil und ein Bekennervideo unbekannter Herkunft. Eingebrannte Bilder als Vorbedingung für ein konditioniertes Aufarbeiten.

Dabei scheint 2011 die lange Zeit des europäischen Terrors endgültig vorbei zu sein. Aus fanatisierten Kämpfern werden kriegsmüde, geläuterte Veteranen. Frühere Aktivisten tingeln durch sentimentale Vortragsabende und behagliche TV-Studios. Das System verwertet gewinnbringend, worauf es in einem Abnützungskrieg am meisten neidisch war: die glühende Hingabe seiner Feinde. Der Staat hat Europas Terroristen über Jahre isoliert, finanziell trockengelegt, in die Enge getrieben, die Übriggebliebenen resozialisiert. Iren, Basken, Korsen haben inzwischen die Waffen gestreckt.1) Lange vor ihnen Gruppen wie die Roten Brigaden oder die deutsche RAF.

Aufgegeben haben sie nicht nur wegen des staatlichen Drucks. Mit den verlorenen Hoffnungen auf Volksbefreiung oder eine bessere Gesellschaft verschwand die Selbstrechtfertigung im Kampf gegen einen immer übermächtiger werdenden Gegner. Die institutionelle Erfolgsgeschichte der Terrorbekämpfung wird längst EU-weit geschrieben:

Da der Terrorismus eine Bedrohung der Sicherheit, Freiheit und der Werte der Europäischen Union und ihrer Bürger darstellt, strebt die Union mit ihrer Politik eine angemessene und passende Antwort auf dieses Phänomen an. Die vier Pfeiler ihres Gesamtkonzepts sind Prävention, Schutz, Verfolgung und Abwehrbereitschaft. Die Europäische Union fühlt sich sowohl der Prävention und Strafverfolgung terroristischer Anschläge als auch dem Schutz der Infrastruktur und ihrer Bürger verpflichtet.

Die Grundlagen für ein Tätigwerden der Union wurden im Vertrag von Amsterdam gelegt, das seinerzeit jedoch auf einige Mitgliedstaaten beschränkt war. Nach den Anschlägen in den USA (2001) und in Europa (Madrid und London 2004 bzw. 2005) hat die Union ihre Maßnahmen intensiviert.“2)

Kurz nach dem NSU-Showdown im November 2011 veröffentlicht die EU eine Liste der wichtigsten Terroristen und terroristischen Gruppen.3) Europäische Bewegungen spielen da keine Rolle mehr.

Taten statt Worte

„Wir müssen unsere Prinzipien bekannt machen; nicht mit Worten, sondern mit Taten, denn dies ist die populärste, die stärkste und die unwiderstehlichste Form der Propaganda.“  Michail Bakunin (1814-1876)

Authentischer Terror kommt aus dem Innersten einer soziokulturellen Entität. Der „klassische“ europäische Terrorist ist Idealist, er versteht sich als Teil einer Avantgarde. Spiritualität, Ethos, unbedingter Gehorsam und Opferbereitschaft für die heilige Sache formen terroristische Gruppen zu einer tödlichen Gefahr. Und doch erfahren sie aus dem bedrohten Gemeinwesen heraus Sympathie und Unterstützung.

Terror braucht Medien, um seine Ziele zu erreichen. Er braucht eine Ikonographie, um in unsere Köpfe einzudringen. Wenn das gelingt, kann er gegen Armeen, Dienste und Behörden gewinnen. Aus dem Anspruch anarchistischer Vordenker4) 5) einer Propaganda der Tat wird auf vom Verfassungsschutz gestellten Demonstrationsrequisiten des Thüringer Heimatschutzes die sperrige Parole „Eine Idee sucht Handelnde“.6) Das sogenannte NSU-Bekennervideo verknappt die Forderung auf „Taten statt Worte“.

Noch am 12. November 2011, bevor die Presse ihren natürlichen Reflex, naheliegende kritische Fragen zu stellen und Widersprüche aufzudecken, schlagartig verlernt, fällt allerdings auch dem Spiegel auf: Der NSU kommuniziert seine Taten nicht.7)

Wie will man Terror verbreiten, wenn die Öffentlichkeit gar nicht erfährt, dass es sich um Terrorakte handelt?“, fragt ein Fahnder. Und auch in der mit V-Leuten gespickten rechten Szene schwiegen die mutmaßlichen Mörder offenkundig über ihre Verbrechen. Tut man das, wenn man doch eigentlich mit Gleichgesinnten ein verhasstes System stürzen will?
So erscheinen auch die Umstände der gewaltsamen Tode Mundlos‘ und Böhnhardts rätselhaft. Einem Ermittler zufolge deutet die Spurenlage in dem Wohnmobil, in dem die Leichen der beiden gefunden wurden, nicht unbedingt auf einen gemeinsamen Suizid hin. Überhaupt: Warum sollten sich zwei mutmaßliche Schwerkriminelle nach einem geglückten Banküberfall umbringen? Aus Reue? Aus Angst vor der Polizei?

[…] Auch soll Beate Zschäpe, die anscheinend sehr überstürzt in Begleitung eines Familienrechtlers bei der Polizei aufgelaufen war, bei den Sicherheitskräften Schutz gesucht haben. Warum stellte sie sich plötzlich? Und steckt sie wirklich hinter den Bränden in Wohnung und Wohnwagen, die ihr bislang zugeschrieben werden? Manche Fahnder bezweifeln das.

[…] Eine andere Frage ist: Warum behielten die mutmaßlichen Killer, die sich doch anscheinend nirgendwo mit ihren Taten gebrüstet hatten, ausgerechnet die Waffen, die sie mit zehn Morden in Verbindung bringen konnten? Und warum bewahrten sie sie auch noch in ihrer unmittelbaren Umgebung auf? Auf die Antworten der Behörden darf man gespannt sein.“8)

Diese Antworten der Behörden gibt es bis heute nicht. Kurz nach Veröffentlichung des Spiegelartikels wird das NSU-Bekennervideo bekannt. Ab da ist alles anders.

Die Wurzel bekämpfen

Im Mai 2012 finden Ermittler des Bundeskriminalamtes während einer Wohnungsdurchsuchung bei dem Schweriner NPD-Landtagsabgeordneten Petereit9) das einzige Exemplar eines NSU-Manifestes.10) Also ein halbes Jahr nach der Selbstenttarnung des NSU und hochtouriger medialer Präsenz. Im Vergleich mit Manifesten wichtiger Terrorgruppen11) fällt auch hier ein erheblicher Mangel an Ernsthaftigkeit und Konsistenz auf. Inhaltliche Oberflächlichkeit wird von ebenso infantilem wie überflüssigem Layout-Schnickschnack flankiert. Das Manifest liefert weitere Gründe an der Echtheit des NSU zu zweifeln.

Neben vermeidbaren Rechtschreib- und Grammatikfehlern werden anglisierte Begriffe verwendet, bleibt der Aufruf allgemein und unverbindlich in der Zielsetzung, den Forderungen, der Organisation des Widerstandes. Die Notwendigkeit revolutionärer Taten wird nicht begründet. Ebenso fehlen eine Spezifizierung der Feinde des deutschen Volkes oder eine Erwähnung bereits erfolgreich verübter Aktivitäten und deren Bewertung. Unverhältnismäßige Erklärungen zum NSU-Signet, das selbst stilistisch an westliche Graffiti-Tags angelehnt ist, bleiben phrasenhaft. Die Ankündigung, erreichbar zu sein, bleibt ein leeres Versprechen; der NSU ist V-Leuten und Behörden bis zur „Selbstenttarnung“ angeblich unbekannt.

Aber wichtiger: Die Opferauswahl bei den Ceska-Morden hat mit dem Anspruch der „energischen Bekämpfung der Feinde des deutschen Volkes“ nichts zu tun. Das ist auch dem ehemaligen THS-Kameraden, André Kapke, klar, der als Zeuge im NSU-Prozess geladen ist:

Nach der „Ausländerpolitik“ der Jenaer Naziszene befragt, erwiderte er, „wenn Sie was gegen Unkraut machen, dann zupfen Sie [nicht] unten zwei, drei Blätter, sondern da fangen Sie an der Wurzel an.“12)

Warum die NSU-Terroristen diesen schweren methodischen Fehler über viele Jahre konsequent begangen haben sollen, bleibt unerklärlich. Umso mehr, als Kapke seinen früheren Mitstreiter Mundlos als „sehr intelligent“ beschreibt.13) Die unsystematische Ermordung von Kleingewerbetreibenden können auch die Turner-Diaries nicht begründen. Andere theoretische Vorlagen innerhalb der Szene stehen ohnehin im Geruch behördlicher Autorenschaft.

Um mitzubekommen, dass das verhasste System nicht nur den THS, sondern die gesamte Szene Thüringens und Sachsens mit V-Leuten durchsetzt hat, ist eine besondere Intelligenz nicht erforderlich. Spätestens nach dem Auffliegen Tino Brandts (2001) und dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren (2003) sollte dem abgetauchten Trio klar sein, dass ein wirksam vernetzter und geheimer Untergrund Illusion bleiben muss. Und auch das nur für den unwahrscheinlichen Fall, das Abtauchen des Jenaer Trios selbst sei keine VS-Operation gewesen – mit oder ohne planmäßiger Einbindung der Drei.

Der Terrorverdächtigen Beate Zschäpe anhand von Vergleichstexten eine Mitwirkung am Manifest nachzuweisen, gelingt nicht. Eine Analyse von Schulaufsätzen des NSU-Intellektuellen, Uwe Mundlos, wäre vermutlich ähnlich erfolglos geblieben.

Fazit der Kriminalwissenschaftler: Zwischen den Vergleichstexten „bestehen in geringem Umfang und mit geringer Aussagekraft Übereinstimmungen und Unterschiede.“ Dass Beate Zschäpe Autorin oder Mitautorin des NSU-Manifests war, könne „weder festgestellt noch ausgeschlossen werden“.

Das BKA widerspricht damit einer Expertise, die eine Illustrierte 2013 in Auftrag gegeben hatte. Damals meinten die mit der Analyse befassten Wissenschaftler, Zschäpe sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ Co-Autorin des brisanten NSU-Papiers.“14)

Staatsterror oder NSU-Phantom

Am 11. November 2013 stellt Professor Siegfried Mundlos gegenüber dem Thüringer Untersuchungsausschuss fest:15)

Durch die Übergabe von bis zu 200.000 DM an den V-Mann Brandt sei an der Entstehung des Thüringer Heimatschutzes maßgeblich von Herrn Roewer mitgewirkt worden. „Ohne den Herrn Brandt und ohne den Herrn Kapke wäre diese Gruppierung nie so entstanden“.

Als der Vater des flüchtigen „Jenaer Bombenbastlers“ Kontakt zum damaligen Präsidenten des Thüringer Verfassungsschutzes sucht, um von ihm etwas über den Verbleib seines Sohnes zu erfahren, macht er eine wichtige Beobachtung:

Vater Mundlos erinnert sich an die Veranstaltung in Jena, er war mit einem FDP-Abgeordneten dort. Der meinte, wenn „wenn du was erfahren willst, frag doch mal den obersten Chef“. Es waren auch zwei Punks im Publikum gewesen. Dann „dann marschierte angeführt von Andre Kapke das Jenaer Jungvolk ein“, dass seien 10 Leute in schwarz gewesen, diese wurden direkt von Herrn Roewer kameradschaftlich gegrüßt. Roewer ist während des Vortrages als eine Art Anwerber von Informanten aufgetreten, schildert Vater Mundlos.

Die Szene bestätigt den Vorwurf: Der Staat induziert extremistische Strukturen, mit der vorgeblichen Absicht, sie aufzuklären, zu kontrollieren und zu bekämpfen. Strukturen, die später in den NSU-Terror münden. Der Einsatz von V-Leuten als Agents provocateurs, um durch strafbare Handlungen Erpressungspotential zu beschaffen, ist Teil dieses Sicherheitskonzeptes.

Genau an diesem Punkt wird es spannend: Hat also der deutsche Staat den NSU-Terror erzeugt? Aber was ist dann mit dem staatlichen NSU-Phantom? Nur eines kann zutreffen.

Wir müssen akzeptieren: Wenn das NSU-Projekt ein staatliches ist, eine Erfindung am Grünen Tisch, wenn also bedeutender Rechts- wie Linksterror staatliche Simulationen sind, dann ist der Aufbau extremistischer Strukturen durch Verfassungsschutzbehörden keine Gefährdung des Staatswesens, sondern dient der inneren Sicherheit. Es geht dann also nicht primär um eine vermutete Strategie der Spannung, sondern um den Schutz staatlicher Ordnung.

Vater Mundlos drückt sich – bewusst oder unbewusst – vor dieser Entscheidung. Er trägt zur Legendierung und Plausibilität einer mörderischen Terrorzelle bei, die Bankraube begeht, fordert aber gleichzeitig eine Unschuldsvermutung. Trotz seiner weitgehenden Überlegungen zu den Hintergründen des Abtauchens, die er immerhin im feindlichen öffentlichen Raum vorträgt, durchbricht Mundlos zu keinem Zeitpunkt die vorgezeichnete Linie vom abgetauchten Trio zu den Ceska-Morden. Er sucht nicht die Anklage zu erschüttern, er sucht nach mildernden Umständen.

Der NSU ist unser 11. September

Wer die Kluft zwischen „klassischem“ Terror und dem NSU verstehen will, muss zur Kenntnis nehmen, dass sich Terror verändert hat. Das Agieren terroristischer Gruppen ist innerhalb staatlicher Infrastruktur unmöglich geworden. Ebenso unmöglich ist ein autarker Untergrund. Das Oktoberfestattentat von 1980 ist nicht geeignet, die Entwicklung staatlichen Softterrors zu erklären.

Das Ziel realen Terrors und staatlicher Terrorsimulation aber ist identisch: Der rote Apfel, der sich als Bild in unsere Köpfe brennt und Pawlowsche Reflexe erzeugt.

Der Staat simuliert Terror, um Terror zu verhindern. Das Prinzip lautet: Wenn wir es nicht machen, werden es andere tun. Wenn wir geplant scheitern, werden andere aufgeben. Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Klaus-Dieter Fritzsche, der mit der Planung des NSU-Projektes in Verbindung gebracht wird,16) verweist im NSU-Untersuchungsausschuss auf die abschreckende Wirkung gescheiterter Anschlagspläne.17)

Als 2003 im September durch die Exekutivmaßnahmen der bayerischen Polizei ein Sprengstoffanschlag der „Kameradschaft Süd“ um Martin Wiese auf die Grundsteinlegung der jüdischen Synagoge in München im November 2003 verhindert wurde, hatte der gesamte Verfassungsschutzverbund und ich auch persönlich zum ersten Mal den Eindruck, dass hier, Gott sei Dank, das Werk einer terroristischen Vereinigung früh beendet wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war die einhellige Bewertung der Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder und, soweit ich mich erinnere, auch der Polizeibehörden, dass die Zerschlagung der „Kameradschaft Süd“ im Herbst 2003 einen erheblichen Abschreckungseffekt in der Szene hinterlassen hatte […]

Die Anwältin des späteren Hauptangeklagten, Martin Wiese, hält den vereitelten Anschlag dagegen für eine VS-Aktion:18)

ZUSPIELUNG (REPORT Mainz / Anja Seul)
Der V-Mann hat Wiese eine Menge Dinge erzählt und beigebracht, was Wiese noch nicht wusste, und hat insofern nicht nur Wiese inspiriert und geprägt, sondern mittelbar über Wiese selbstverständlich auch diese ganze Gruppierung, denn Wiese hat alles, was er da neu erfahren hat, postwendend an die Gruppe weitergegeben.

Erz.
Rechtsanwältin Seul, die wegen eines schweren Schlaganfalles inzwischen keine Interviews mehr geben kann, führte an, V-Mann Didier Magnien habe Ideen für gewaltsame Aktionen entwickelt. Mehrfach habe er einen Selbstmordanschlag auf dem Münchner Marienplatz ins Gespräch gebracht, „den großen Bumm“, wie er es nannte.

ZUSPIELUNG (REPORT Mainz / Anja Seul )
Das Interessante an der Rolle dieses V-Mannes in Verbindung mit den Sprüchen vom „großen Bumm“ ist, dass es so gut wie nicht beachtet wird

Reporter: Womit erklären Sie sich das?

Seul: Das wäre relativ unangenehm, wenn rauskäme, dass nicht mein Mandant über Attentatspläne gesprochen hat, sondern der V-Mann.

Es dürfte in vielen Fällen unmöglich sein, beim Einsatz von V-Leuten Anstiftung, Übersteuerung und Inszenierung von Terror nachweisbar abzugrenzen. Wenn der Eindruck entsteht, die Dienste könnten jede Terrorzelle beliebig infiltrieren, überwachen und steuern, werden potentielle Terroristen verzagen. Eine komfortable Situation: Bereits der Verdacht des Verrates durch V-Leute lähmt jeden effektiven Widerstand. Dem Staatsfeind wird mit einer Mimikry des Terrors signalisiert: Das System hat seinen Terror okkupiert. Abwehr terroristischer Bedrohung findet also in den Köpfen statt. Präventive Terrorbekämpfung rechtfertigt sich selbst noch bei nicht vorhandener Gefahr.

Die Politik verfolgt diese Entwicklung einer verstärkten Prävention auch juristisch durch weiter gehende Vorfeldverlagerung von Strafbarkeit.19) Die Begründungen und Erfordernisse im öffentlichen Diskurs beziehen sich auf islamistischen Terror. Mit Widerspruch aus der Bevölkerung muss deshalb nicht gerechnet werden. Dabei betrifft der Verdacht staatlicher Terrorinszenierung islamistischen Terror in gleicher Weise.

Terrorsimulation bietet einige weitere unschätzbare Vorteile. Dazu gehört auch: Ein Verbrechen, das nicht oder nicht so stattfindet, kann nicht aufgeklärt werden.

Am 12. März 2012 kann Generalbundesanwalt Harald Range verkünden:20)
„Die NSU-Morde sind unser 11. September.“


Fußnoten:

1) http://www.zeit.de/news/2014-06/25/frankreich-korsika-extremismus-gewalt-korsische-nationalisten-der-flnc-wollen-waffen-niederlegen-25230636

Vgl. auch: http://www.berliner-zeitung.de/politik/baskische-terrororganisation-kleine-schritte-zur-aufloesung-der-eta,10808018,26308382.html

„Die Eta ist nicht mehr handlungsfähig. Vielleicht 30 Eta-Aktivisten verstecken sich nach glaubhaften Schätzungen der spanischen Polizei noch irgendwo in Frankreich oder anderen Ländern und halten die Fiktion einer existierenden Organisation aufrecht. Es sind zu wenige und sie sind zu schwach, um Spanien noch drohen zu können.“

2) http://europa.eu/legislation_summaries/justice_freedom_security/fight_against_terrorism/index_de.htm

3) http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=uriserv:OJ.L_.2011.343.01.0054.01.DEU

4) Michail Bakunin (1814-1876): “We must spread our principles, not with words but with deeds, for this is the most popular, the most potent, and the most irresistible form of propaganda”

https://www.marxists.org/reference/archive/bakunin/works/1870/letter-frenchman.htm

5) http://dwardmac.pitzer.edu/Anarchist_Archives/bright/most/actionprop.html

6) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-terroristin-zschaepe-tarnte-sich-als-mandy-s-a-820123.html

7) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/ermittlungen-in-doener-mordserie-rechtes-raetsel-a-797355.html

8) Beate Zschäpe wird weder juristisch noch durch NSU-Aufklärer für den Wohnmobilbrand verantwortlich gemacht.

9) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-verschickte-geldbriefe-an-rechtsextreme-organisationen-a-867632.html

10) http://friedensblick.de/wp-content/uploads/2014/10/nsu-manifest.jpg

11) Vgl. RAF, Bsp. Gudrun Ensslin 1970; http://www.rafinfo.de/archiv/raf/rafgrund.php
bzw. andere RAF-Erklärungen: http://www.rafinfo.de/archiv/raf.php

Selbst der mutmaßliche Einzeltäter Anders Breivik verfasst ein 1000-seitiges Manifest, in dem er Ursachen für europäischen Werteverfall umfangreich untersucht, Ziele präzise definiert usw. Das PDF-Dokument ist im Internet verfügbar.

12) http://www.nsu-nebenklage.de/blog/tag/andre-kalke/

Einfügung „nicht“ durch den Autoren, vgl. auch FR:

Wohlleben und Kapke sind damals der Meinung, dass es nichts bringe, „beim Unkraut (also: Ausländer) nur ein paar Blättchen abzuzupfen. Man muss da schon an der Wurzel anpacken.“

http://www.fr-online.de/neonazi-terror/nsu-prozess-ein-ziemlich-vergesslicher-zeuge,1477338,25105546.html

13) a.a.O.

14) http://www.focus.de/politik/deutschland/nazi-terror/report-musste-an-dich-denken_id_4294308.html

15) https://haskala.de/2013/11/11/ticker-zum-nsu-untersuchungsausschuss-am-11-november/
(Rechtschreibfehler im Zitat korrigiert)

16) Interview mit Thomas Wüppesahl, Radio Lotte Weimar, 14.12.2013; „Das Trio muss geführt worden sein“ http://mediathek.tagsucht.de/?p=1232
http://www.kritische-polizisten.de/pressemitteilungen/2013-12-13-0-Lotte_Weimar.html
vgl. http://www.sueddeutsche.de/politik/klaus-dieter-fritsche-auf-du-und-du-mit-den-geheimdienst-chefs-1.1845214

17) Untersuchungsausschuss des Bundestages, 17. Wahlperiode, 34. Sitzung am 18.10.2012 – öffentliche Zeugenvernehmung, S.9

18) http://web.ard.de/media/pdf/radio/radiofeature/genosse_quelle_sendemanuskript.pdf

19) http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-02/islamismus-gesetzentwurf-heiko-maas-ausreise-islamisten

20) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/generalbundesanwalt-harald-range-die-nsu-morde-sind-unser-11-september-11696086.html
„Man weiß zwar nicht, was noch kommt, aber für dieses Jahrzehnt könnten die Morde der Rechtsterroristen das bestimmende Ereignis sein. Von der Bedeutung für die Bundesanwaltschaft her gesehen, aber auch hinsichtlich der politischen Folgen sage ich: Die NSU-Morde sind unser 11. September.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s