Siedlerheim

          

The true mystery of the world is the visible, not the invisible.“
Oscar Wilde

Früher ging ein Mord in Deutschland so: Mann erschlägt Frau nach 30 Jahren Ehe, fährt zum nächsten Polizeirevier und stellt sich. Oder er brennt das Haus nieder, damit es die Kinder nicht bekommen, bevor er sich erhängt. Oder lässt die Abrechnung weg und steigt gleich zum Dachboden hinauf. Wer so einen Dreizeiler las, wusste: Die Welt ist ein Jammertal, aber manche betrachten die Sterne.

Irgendetwas ist seither passiert. Das Obszöne hat Hieronymus Boschs Bilder verlassen und schafft nun selbst massenhaft Monster, die Monströses tun und teilt ihre Taten per Handy: verwackelte und schemenhafte Schnipsel. Das Wesentliche behält es für sich, falls es das gibt. Das macht es unwirklich, allgegenwärtig, unfassbar.

Um den Horror zu verstehen, reicht kein Dreizeiler mehr, auch kein ARD-Brennpunkt; es bleibt eine hartnäckige Dissonanz. Das Vertraute verschwindet wie Peter Lustigs Löwenzahnidylle. Auf unterster Stufe der Bedürfnispyramide schützen Betonbarrieren von nun an unsere überflüssige Existenz.

Gefahrenzone mit Madonna

Seit Doktor Faust und den Rolling Stones aber kennen wir das Geheimnis aller Dialektik: das Böse schafft das Gute und bildet sich ein, Stil und Geschmack zu besitzen. Es wählt heute fürs routinierte Verbrechen eindrucksvolle Kulissen europäischer Metropolen, kennt Leute vom Fernsehen, sucht telegene Täter, Opfer und Helden aus, dazu passende Zeugen, lässt es professionell knallen und rauchen, illuminiert Sehenswürdigkeiten und erzeugt schöne Gesten der Humanität bei Kerzenschein. Fast wie ein Jesuitentheater, das auf Tournee geht mit eingeschworener Truppe. Fürs Publikum gilt Teilnahmepflicht.

Was uns verwirrt, ist nicht die Natur seines Spiels, sondern ein Mangel an Souveränität, die den Zweifler schnell zum Ketzer erklärt und samt Aluhut in den Tiber wirft. Denn was kann er schon ausrichten gegen die Macht der Bilder, Augenzeugen und Experten?

1797, vier Jahre nachdem Frankreichs König Louis seinen Kopf auf dem Pariser Platz der Revolution verlor, gaben in Rom sechsundneunzig Zeugen unter Eid an, auf einem Madonnenbild habe die Mutter Gottes ihre gemalten Augen so verdreht, „dass man das Weiße darin sehen konnte“. Sechsundneunzig! Wer wollte da widersprechen? Als Maria im Jahre 1917 bei Fatima die Sonne wie wild tanzen ließ und farbige Blitze schleuderte, da bestätigten das bis zu 100.000 Gläubige und Ungläubige.1)

Fast einhundert Jahre nach Fatima benannte die Bundesanwaltschaft für den NSU-Prozess immerhin 606 Zeugen.2) Allein, die Angehörigen der NSU-Orthodoxie dürften nach Millionen zählen.

Villa Dosenfleisch

Wichtigste Uwe-Zeugin vom Hörensagen ist noch immer Beate Zschäpe. Sie hat die Moritaten in einem „Geständnis“ verarbeitet und sich eigener Verbrechen bezichtigt. Ob das bei Richter Götzl, der ihr die Lebensbeichte abnahm, Erbarmen bewirkt, ist fraglich. Auch sonst fiel sie durch: Zschäpes Visionen scheitern aus brandtechnischen Gründen, an Fehlern, an Unglaubwürdigkeit.3)  Was sie erzählt, entlastet sie eher vom Vorwurf, den Brand gelegt zu haben und nährt Zweifel an ihrer Anwesenheit am Tattag.

Eine These, die der AK NSU seit Langem durch mehrere Indizien stützt: das „falsche“ Phantombild, Susann Emingers „Fluchthandy“, ein atypischer Internetverlauf, Zschäpes Angabe einer sechstägigen Flucht oder ihr Abschied von Heike Kuhn bereits am 1. November 2011.4)  Minz und Maunz, die Katzen, warnten also möglicherweise ein anderes Paulinchen.

An dieser Stelle aber rollt die Madonna mit den Augen, denn Zschäpe wurde gesehen. Zum Beispiel von Nachbarin Gisela Fischer:5)

Im nächsten Moment kam auch Rauch aus Richtung Nachbarhaus, also Frühlingstraße 26. Und gleichzeitig sah ich auch aus der Haustür Frühlingstraße 26 eine junge Frau raus rennen, welche ich vom Ansehen her kannte und weiß, dass sie in dem Haus in der betreffenden Wohnung wohnt. Wie sie heißt, kann ich jetzt nicht sagen. Sie wohnt mit ihrem Partner da drin. Auf jeden Fall kam die junge Frau aus dem Haus raus gerannt und im Vorbeirennen bei uns sagte sie noch in meine bzw. meinem Mann Richtung: „Ruft die Feuerwehr!“ Dann rannte sie die Frühlingsstraße stadteinwärts.

Das notierte noch am 4. November die Polizei im Rahmen einer Zeugenvernehmung zu schwerer Brandstiftung um 16.40 Uhr. Unterschrieben hat Nachbarin Fischer zwar nicht, aber Beate Zschäpe im Münchner Prozess erneut identifiziert: „Dass es Zschäpe war, könne sie schon sagen.“ 6) Und wer wird das infrage stellen.

Die Verschwörungstheoretiker Diemer und Weingarten ganz sicher nicht. Das darf, wer beteuert, keine Wahrheiten zu verkünden und Reizwörter vermeidet, denn auch unter Aufklärern geht es rauh zu. Dann ist ein wenig Spekulation erlaubt. Etwa so: Wenn nicht Beate Zschäpe das Siedlerheim abbrannte, wer war es dann? Die Handwerker? Reaktivierte Sprengmeister der NVA ohne Rechtsschutz? Die Feuerwehr?

Riskieren zwei namentlich bekannte Trockenbauer viele Jahre Knast, um – ja, um wem eigentlich einen Gefallen zu tun? Wurden sie eingeschüchtert, erpresst? Dass man Herrn Vu irgendwie unter Druck setzen konnte, als Strohmann das Siedlerheim trotz Leerstands halb zu erwerben,7)  um die Brandruine nach abgeschlossener „Selbstenttarnung“ an die Stadt weiterzureichen, das mag noch vorstellbar sein, aber Portleroi und Kaul?

Klar ist, etwas stimmt nicht mit den beiden, ihre Aussagen bei der Polizei sind grob widersprüchlich; René Kauls Zeitangaben bringen den ganzen Tathergang durcheinander. Schweigen, wegsehen, choreographische Anweisungen befolgen – das wäre ohne weiteres denkbar; aber vorsätzlich eine Explosion herbeizuführen inklusive Mordversuch?

Das braucht Fachkenntnisse, spektakuläre Bilder zu bekommen bei maximaler Wirkung und Kollateralschäden zu vermeiden. Das muss überwacht werden, abgesichert und benötigt einen rechtlichen Rahmen mit der Aussicht, den flexibel anzuwenden. Auf welcher Rechtsgrundlage auch immer in Sachsen und Thüringen gezündelt worden wäre; Menschenleben nicht zu gefährden, hat überall Priorität.

Unter diesem Vorbehalt wäre interessant, wann und wie Oma Erber ihre Wohnung wirklich verließ und wie weit Vor- und Nachsorge des Freistaates für die Seniorin reichte. Ein Klingeln des Täters allein hätte nicht gereicht, wie Prozessbeobachter im Falle Zschäpes meinen. Da beweist das Klingeln sogar bedingten Vorsatz, also die Einschätzung, die gehbehinderte Nachbarin habe sich in Lebensgefahr befunden.8)

Frühling

Die verschränkte Sequenz der beiden Ereignisse in Eisenach und Zwickau verlangte länderübergreifende Abstimmung. Etwa so wie zwischen den Herren Leucht, Merten und Wötzel nach dem Arnstädter Bankraub oder der Zusammenarbeit beim Nichtfinden des abgetauchten Trios in Sachsen.

Auch das spricht gegen den improvisierten, nachgeschobenen Ad-hoc-NSU, bei dem das Antifa-Schwänzchen mit dem Schweinesystem wedelt. Terrorsimulation im Übergang: Hier musste das Siedlerheim geräumt sein, dort ein geeigneter Stellplatz her für ein mit Waffen, Beutegeld und Leichen präpariertes Wohnmobil und eine reibungslose NSU-Geburt. Erst dann ward es Licht; kraftvoll elementar und gut sichtbar als Signalfeuer.

Spannend aber bleiben die logischen und rechtlichen Konsequenzen der Brände: Wenn Beate Zschäpe das „Terrornest“ nicht anzündete, muss es zwingend einen anderen Täter geben und der oder die sind noch zu ermitteln. Das bedeutet, gegen gefasste Brandstifter ist eine Anklage möglich. Leicht abgewandelt sähe die dann aus wie die Vorlage der BAW:9)

Ferner wird ihr ihnen in der Anklageschrift zur Last gelegt, die Unterkunft der terroristischen Vereinigung in Zwickau in Brand gesetzt und sich dadurch wegen eines weiteren versuchten Mordes an einer Nachbarin (und zwei Handwerkern?) und wegen besonders schwerer Brandstiftung strafbar gemacht zu haben.

Bei wenigstens zehn Jahren Verfolgungsverjährung müssen behördlich geschützte Pyromanen noch dreieinhalb Jahre zittern, eher länger. In einem komatösen Rechtsstaat bleibt solange die Chance gewahrt, den NSU-Schwindel doch juristisch zu knacken. Und das ist in dieser Zeit eine gute Nachricht.

 


Quellen und Anmerkungen

1)   https://www.welt.de/print-welt/article685336/Madonna-weint-nicht-mehr.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwunder

2)  http://www.zeit.de/news/2013-04/15/prozesse-der-nsu-prozess-in-zahlen-und-fakten-15132406

3)

[1998 Nichtsprengung der Garage in Jena, mit Benzin, Schwarzpulver und Riesaer Zündhölzern.]
Ich besorgte mir jedenfalls eine leere 0,7 Literflasche und füllte diese an der Tankstelle mit Benzin. Mit der Flasche unterm Arm bin ich zur Garage gelaufen, um mit Hilfe des Benzins das dort gelagerte Propagandamaterial zu verbrennen. Ganz in der Nähe der Garage sah ich mehrere Personen, die anscheinend ihr Auto reparierten.
Dieser Umstand hielt mich davon ab, das Benzin in der Garage auszuschütten und anzuzünden. Denn ich ging aus Erzählungen der beiden davon aus, dass sich eine Menge – wie viel genau wusste ich nicht – Schwarzpulver dort befindet und ich nicht abschätzen konnte, was wohl mit den in der Nähe befindlichen Personen passiert, wenn das Benzin brennt und mit dem Schwarzpulver in Berührung kommt. Das Schwarzpulver hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Silvesterknallern entnommen. Erst in diesem Augenblick war mir der Gedanke gekommen, dass das Schwarzpulver und damit die Garage explodieren könnte.
Nach dem Anmieten der Garage hatte ich diese nur ein paar Mal betreten und am 26. Januar keine Kenntnis von den im Bau befindlichen Rohrbomben und vom TNT. Dies hatten mir Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verschwiegen. Heute vermute ich, dass ich mich wohl selbst in die Luft gesprengt hätte, wenn ich das Benzin ausgeschüttet und angezündet hätte.
[2011 Sprengung der Wohnung FS 26 mit Benzin und Riesaer Zündhölzern, ohne Schwarzpulver, denn zumindest 5 Pfund haben überlebt]
Ich nahm mein Feuerzeug, entzündete dies und hielt die Flamme an das Benzin, das sich auf dem Boden verbreitet hatte. Das Benzin fing sofort Feuer, und dieses schoss geradezu durch den gesamten Raum. Alles, was sich in der Wohnung befand, sollte verbrennen. Ich bin mir des Widerspruches bewusst.

Zitiert aus: Siegfried Mayr, „Beate Zschäpe – Weltordnung der Ergebung“
(gerettetes Textfragment eines Staatsterrorkenners und von mir hochgeschätzten Melancholikers)

https://parlograph.wordpress.com/2015/12/13/betonsteinschnecke/

http://arbeitskreis-n.su/blog/2014/11/05/zwickau-4-11-2011-sprengstoff-schwarzpulver-und-benzin-teil-3/

Unglaubwürdig ist das Geständnis auch für Staatsschützer Aust, wenn auch aus anderer Perspektive: Zschäpes Aussage – „Zu konstruiert, um wahr zu sein“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article149803799/Dokumentation-Die-Aussage-der-Beate-Zschaepe.html

4) https://sicherungsblog.wordpress.com/2017/03/24/4-11-2011-zwickau-gesucht-wird-frau-taetowiert-surfte-am-pc-nach-tierschuetzerseiten-gab-2-katzen-ab/

5) NSU-Leaks, Band 4.2, Ordner 2, Komplex Wohnung Trio

6) NSU-Watch, 36. Verhandlungstag, 19. September 2013

7) https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/02/27/der-merkwurdige-nicht-so-ganz-verkauf-des-hauses-fruhlingsstrasse-26-in-zwickau-2011/

8) http://gfx.sueddeutsche.de/politik/2016-04-25_nsu-prozess/article10/

9) http://www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?newsid=460

 

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Betonsteinschnecke

That’s my dream. That’s my nightmare: crawling, slithering, along the edge of a straight razor and surviving.“
Colonel Kurtz

Wir trafen uns an einem Jugendtreff. Einem Spielplatz, welcher Schnecke genannt wurde, benannt nach einem Betonstein, der das Aussehen einer Schnecke hatte.“
Beate Zschäpe

 

        diemer_typewriter

Was viele Menschen im Lande nicht wissen: Die deutsche Beamtenschaft ist kunstsinnig und kreativ. Kaum der Tristesse ihrer Dienststuben entronnen, werden Polizisten zu Poeten; sie singen und musizieren. Staatsanwälte und Richter eilen ins Kabarett, Schlapphutträger greifen in die Tasten, aber auch der Appendix der Strafverteidiger macht respektables Theater.

In der Netzgemeinde gilt es als ausgemacht, dass Beate Zschäpe für jene Erzählung, die als fiktionale Lebensbeichte am vergangenen Mittwoch in München vorgelesen wurde, nur ein paar biografische Krümel beisteuerte. Das wirkliche Autorenkollektiv ist unbekannt. Es wird kein exklusives Täter- oder auch nur Insiderwissen preisgegeben, einzige Vorlage des Werkes scheint die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft zu sein. Stilistische Brüche, Einfügungen und Montagen zeugen von intensiver Bearbeitung.

Nach dem Fakeanschlag von Paris, der zum Casus Belli avanciert und dem Anschlagsfake von Hannover, den der Mossad „verhinderte“, ist die mit Spannung erwartete NSU-Novelle das dritte künstlerische Terrorismusevent in Folge.

Eigentlich ein Selbstläufer, aber Presse, Nebenkläger und Hinterbliebene zeigen sich schon vorher unzufrieden. Und dabei bleibt es. Beates Bitten um Entschuldigung werden folgerichtig schroff zurückgewiesen.

Haben die Autoren versagt? Nein. Die Bundesanwaltschaft darf sich bestätigt sehen und nur das zählt. Zwar verschwindet vorerst der rechtsterroristische Verein „NSU“, denn die Uwes morden nicht als Nazis, sondern um Frust abzubauen, aber eine haltlose Anklage ohne substantielle Beweise bekommt endlich das passende Zeugnis.

Und das just zu einem Zeitpunkt, als einerseits die Netzgemeinde den NSU-Schwindel immer erfolgreicher dekonstruiert und sich andererseits ein neuer Bundestagsuntersuchungsausschuss anschickt, eine Krokus-Großkampagne zu starten. Das nicht mehr ganz frische Wendeopfer Beate wird nun den Herren Diemer, Weingarten und Götzl auf dem Silbertablett serviert: Macht mit mir, was ihr wollt. Zum vereinbarten Preis.

Too big to fail

Auf innere Widersprüche, Ermittlungsergebnisse oder chronologische Zusammenhänge nehmen die Autoren der Zschäpeaussage keine Rücksicht mehr. Glaubwürdigkeit als höheres Ziel wird aufgegeben, gesunder Menschenverstand bewusst ignoriert. Groteske Überzeichnung schafft endlich eine surreale Ebene. Wer meinte, der „NSU“ ließe sich nicht mehr weiter ins Absurde steigern, sieht sich widerlegt. Alles ist nunmehr möglich und das Gegenteil auch.

Für das Publikum ist die Bestätigung der Mordvorwürfe gegen Böhnhardt und Mundlos im Namen Zschäpes dennoch eine Zäsur. Der Staat selbst hat die letzte Chance auf gesellschaftliche Gemeinsamkeit von Lebenserfahrung und Lebenswirklichkeit verpasst. Er ist vollständig in eine abgespaltene mediale Simulation hinübergeglitten, in der Kausalitäten keine Rolle spielen. Ein Zurück gibt es nicht mehr, einen Ausweg auch nicht. Die NSU-Lüge ist zu groß geworden, um sie scheitern lassen zu können; die Münchner Anklagebank hat diesselbe Systemrelevanz wie eine Münchner Anlagebank.

Woran erkennt man die innere Unwahrheit der Zschäpeaussage? Zentrales Thema und roter Faden ist die dargestellte Unfähigkeit Beates, auszusteigen. Grund seien vor allem ihre starken Gefühle für Uwe Böhnhardt und eine Suiziddrohung gewesen. Das besondere Verhältnis zu Böhnhardt wird schon durch seine Mutter nicht bestätigt.1)

Einmal habe sie Zschäpe gefragt, ob sie die Hausfrau sei. „Ja!“, habe diese entgegnet. Und mit wem sie eine Beziehung führe, wollte die Mutter wissen. Sie seien drei Freunde, mehr nicht, habe Zschäpe geantwortet. Jeder habe sein eigenes Zimmer, selbst Zschäpes zwei Katzen.

Im Jahr 2000 soll bei einer Verabredung auch über einen Ausstieg aus der Illegalität gesprochen worden sein. Ihr Sohn und Beate Zschäpe hätten sich stellen wollen. „Aber der Uwe Mundlos war nicht bereit“, sagt Brigitte Böhnhardt.

Das klingt auch nicht nach Suizidabsichten. Eine geplante Flucht der Uwes nach Südafrika wäre so ziemlich das Gegenteil von Selbstaufgabe, nämlich der Wunsch nach einem Neuanfang. Weitere Kapitalverbrechen ohne erkennbares Motiv zu begehen und sich unnötigen Risiken auszusetzen, widerspricht einem gemeinsamen ernsthaften Plan, ins Ausland zu gehen.

Wer „verkackt hat“, wird kaum Wert auf perfekte Organisation und spurenlose Durchführung von schwersten Straftaten legen. Wen Angst vor Verhaftung quält, wird sich nicht mit seinen mutmaßlich überwachten Eltern treffen oder wie Böhnhardt 2003 mindestens ein Mal selbst die Heimatstadt besuchen.2)

Was Zschäpe davon abhalten sollte, sich zu stellen, ist aus mehreren Gründen nicht nachvollziehbar: Sie wollte nach eigener Aussage das Land keinesfalls verlassen und die fluchtwilligen Uwes sahen sie umgekehrt als Belastung. Niemand bringt sie mit Raubüberfällen in Verbindung, gegen die drei Untergetauchten wird deswegen nicht ermittelt. Das betrifft auch die angeblichen Morde. Ob Beate relevante Straftaten aus der Jenaer Zeit gerichtsfest nachweisbar gewesen wären, ist fraglich.

Und schließlich: Dass eine Reihe schwerster Verbrechen dauerhaft ohne Konsequenzen bleiben würde, konnte dagegen auch Beate nicht ernsthaft hoffen. Ein tödliches Ende der Situation war beschlossene Sache, wenn man den Schilderungen vom „knallenden Abschluss“ glauben will.

Eine seelische Belastung durch Morde, die sich in der angeblichen Adventsbeichte von Uwe Mundlos gegenüber Beate ausdrückt, lässt sich in einer Dreierbeziehung unter Fluchtbedingungen kaum über viele Jahre konfliktarm durchstehen. Schon gar nicht in einer isolierten Lebensgemeinschaft. Stattdessen gibt es regelmäßig gemeinsame harmonische Strandurlaube. An dieser Geschichte stimmt gar nichts.

„Fackel ab!“

Gewiss, Beate Zschäpe darf lügen. Aber da, wo die Zschäpeaussage auf nachprüfbare Fakten zurückgreift, scheitert sie fast durchgängig. Augenfällig wird das bei der versuchten Vertuschungsstraftat zur Garagenrazzia im Januar 1998.  Neben einem gravierenden inhaltlichen Widerspruch, den der Blogger Siegfried Mayr überzeugend darstellt, zeigt das Beispiel auch im Detail, dass sich die Autoren der Zschäpeaussage nicht im Geringsten um veröffentlichte Untersuchungsberichte, Gutachten und Aussageprotokolle kümmern. Der Aussagetext Beates lautet:3)

Während der Hausdurchsuchung ließen ihn die anwesenden Polizeibeamten gehen, und Uwe Böhnhardt fuhr mit seinem Auto davon. Er rief mich an und teilte mir mit, dass die Garage aufgeflogen sei. Er forderte mich wörtlich auf: „Fackel ab.“

Ich weiß nicht mehr, warum ich ihm nicht gesagt habe, dass er das doch selber machen könne, weil er mit seinem Auto schneller dort sei und ich zu Fuß hingehen müsse. Ich besorgte mir jedenfalls eine leere 0,7 Literflasche und füllte diese an der Tankstelle mit Benzin. Mit der Flasche unterm Arm bin ich zur Garage gelaufen, um mit Hilfe des Benzins das dort gelagerte Propagandamaterial zu verbrennen. Ganz in der Nähe der Garage sah ich mehrere Personen, die anscheinend ihr Auto reparierten.

Dieser Umstand hielt mich davon ab, das Benzin in der Garage auszuschütten und anzuzünden.

Das frei zugängliche sog. Schäfergutachten, erstellt im Auftrag des Thüringer Innenministeriums, schreibt dagegen Folgendes (wichtige Zeitangaben gefettet):4)

Am 26.01.1998, 06:00 Uhr, wies der Einsatzleiter des TLKA in der KPI Jena die unterstellten Beamten in ihre Aufgaben ein. Dabei stellte einer der Beamten fest, dass der Besitzer der Garage Nummer 5 (Kläranlage), Herr Apel, selbst Angehöriger der KPI Jena sei. Während der Einsatzleiter das Eintreffen dieses Beamte in in der KPI Jena abwartete, sollte der für die Durchsuchungen in der Richard-Zimmermann-Straße bestimmte Durchsuchungsleiter schon mit den Durchsuchungen beginnen. Die Außensicherung der drei Garagen erfolgte gleichzeitig ab 06:45 Uhr.

(Schäfergutachten, S. 69)

Die Durchsuchung der Garage Nummer 6 begann gegen 07:25 Uhr und endete gegen 09:30 Uhr. Die Beamten suchten zuvor die Wohnung der Familie Böhnhardt in der Richard-Zimmermann-Straße 11 auf. Dort trafen sie Uwe Böhnhardt und seine Mutter, Brigitte Böhnhardt, an. Beiden wurde der Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Jena vom 19.01.1998 eröffnet, ihr Recht auf Anwesenheit bei der Durchsuchung bekannt gegeben und je eine Ausfertigung des Durchsuchungsbeschlusses ausgehändigt.

[…]

Noch während die Durchsuchung der Garage andauerte, entfernte sich Böhnhardt zwischen 08:30 Uhr und 09:00 Uhr mit seinem PKW.

(Schäfergutachten, S. 70)

[…]

Nach Beginn der Durchsuchung der Garage Nummer 6 in der Richard-Zimmermann-Straße fuhren der Einsatzleiter mit Herrn Apel und der Durchsuchungsgruppe „Kläranlage“ zur Garage Nummer 5 (Kläranlage). Gegen 08:15 Uhr schloss Herr Apel mit seinem Schlüssel das Knebelschloss am Garagentor auf.

(Schäfergutachten, S. 71)

Mal angenommen, Beate hätte während Böhnhardts „Flucht“ einen Anruf erhalten, also gegen 08:30 Uhr, wäre zur Tankstelle gelaufen, hätte dort trotz Mindestabgabemenge von 2,0 Litern Benzin entgegen der Gefahrstoffverordnung eine 0,7-Liter-Plastikflasche befüllt, ohne Trichter womöglich; dann hätte sie an der Garage 5 nicht nur mehrere Personen gesehen, die an einem Wintermorgen ein Auto reparieren, sondern Polizisten und „Onkel“ Apel am Garagentor.

Die Geschichte vom Verzicht auf Beweismittelvernichtung aus Sorge um Leib und Leben Unbeteiligter passt nicht. Sie ist vermutlich frei erfunden, um den Vorwurf des Mordversuches in der Zwickauer Frühlingsstraße zu entkräften und die bizarren „Selbstenttarnungen“ durch Brandstiftung in Stregda und Zwickau irgendwie als Kontinuum darzustellen.

Im Schneckenhaus

Je weiter man die Vorgeschichte des NSU-Phantoms zurückverfolgt, desto klarer wird das grundsätzliche Problem. Gesteuerter Aufklärungswille hat zu einem unübersichtlichen Wirrwarr aus Fakten, Lügen und Halbwahrheiten geführt. Wer aber neue überzeugende Lügen erfinden will, muss wissen, wo der Hund begraben liegt.

Im Haskala-Protokoll vom 15. April 2013 erklärt der Jenaer Staatsschutzbeamte Roberto Tuche vor dem Thüringer NSU-Ausschuss, dass er gemeinsam mit seinem Kollegen und damaligen Vorgesetzten, Klaus König, im Vorfeld der Garagendurchsuchungen den Polizisten Klaus Apel besucht hatte, um zu klären, „was es mit der Garage auf sich habe, in wie weit Apel der Besitzer oder Mieter ist und ob es da Verwandtschaftsverhältnisse gibt.“5)

Auch Zschäpes Geburtsname ist Apel. Verwandtschaft wäre also in einer Stadt wie Jena durchaus denkbar und damit, dass die Drei vor einer Durchsuchung gewarnt wurden. Sie hätten dann Zeit genug gehabt, belastendes Material aus Apels Garage zu beseitigen.

Der ehemalige Chef des Jenaer Staatsschutzes, Klaus König, bestreitet jedoch am 1. Juni 2013 im Thüringer Ausschuss in einer Gegenüberstellung vehement diesen Besuch. Sein neben ihm sitzender Nachfolger Tuche, 2013 aktiver Beamter des Staatsschutzes, bleibt bei seiner Darstellung. Eine groteske Situation, die bis heute unaufgeklärt ist. 6)

Auch Garagenbesitzer Klaus Apel hat im Ausschuss einen Kurzauftritt. 7) Er weiß nichts vom Besuch der Staatsschützer. Zschäpe will er vor dem Zeitpunkt der Vermietung nicht gekannt haben. Vom Sprengstoffund in seiner Garage habe er erst 2011 erfahren. Wie glaubwürdig ist das? Der Ausschuss schafft es wirklich, ein mögliches Verwandtschaftsverhältnis zwischen Klaus Apel und Beate Zschäpe und den Verbleib des Garagenmietvertrages nicht zu klären.

Gestützt wird die Vermutung wenigstens einer Vorwarnung dagegen durch die Aussage des Jenaer Kripobeamten Thomas Matczak. Er beobachtet am Durchsuchungstag, wie Uwe Böhnhardt eine Tasche in sein Auto packt. Vor der Schäferkommission ist er sich sicher, dass Böhnhardt zum Zeitpunkt der Funde in Garage 5 noch nicht „geflohen“ sei. Später relativiert er das auf fast sarkastische Weise: „Ich bin verunsichert, weil eine Vielzahl von Beamten eine andere Aussage getroffen haben.“8)

Doch selbst wenn wir an den Ursprung der Tragödie Beate Zschäpes gelangen, wenn die Umstände des „Abtauchens“ der drei Jenaer geklärt werden, wissen wir weder, wer Enver Şimşek, Theodoros Boulgarides und all die anderen ermordete, noch was mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geschehen ist. Die Bezichtigungen der Zschäpeaussage tragen nichts zur Aufklärung von realen Verbrechen und ihrer staatlichen Verwertung bei.


Fußnoten und Anmerkungen:

1) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/eltern-des-rechtsextremen-nsu-terroristen-boehnhardt-sprechen-ueber-ihren-sohn-a-828410.html

2) http://www.mdr.de/thueringen/zwickauer-trio770.html

3) http://www.welt.de/politik/deutschland/article149803799/Dokumentation-Die-Aussage-der-Beate-Zschaepe.html

4) https://www.thueringen.de/imperia/md/content/tim/veranstaltungen/120515_schaefer_gutachten.pdf

5) Sitzungsprotokoll Thüringer NSU-PUA vom 15. April 2013
http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:5C6wpesWP3sJ:haskala.de/2013/04/15/ua-15-april-2013/+&cd=5&hl=de&ct=clnk&gl=de

6) https://hajofunke.wordpress.com/2013/07/02/ticker-zum-nsu-untersuchungsausschuss-1-juli-2013-erfurt/

7) ebd.

8) Sitzungsprotokoll Thüringer NSU-PUA vom 15. April 2013
http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:5C6wpesWP3sJ:haskala.de/2013/04/15/ua-15-april-2013/+&cd=5&hl=de&ct=clnk&gl=de

Haskala

                                      a_Kohn_Abraham_standard

Beginnen wir mit einem Mord. Am 6. September 1848 wird auf die Familie des Reformrabbiners im galizischen Lemberg, Abraham Kohn, ein Giftanschlag verübt. An einer mit Arsen versetzten Suppe sterben Rabbi Kohn und seine jüngste Tochter. Galizien gehört damals zur Habsburger Monarchie. Kohn war 1844 aus Vorarlberg nach Lemberg gekommen, um eine Reformgemeinde aufzubauen. Die Tat wird traditionalistischen Kreisen der jüdischen Gemeinde zugeschrieben, ein mutmaßlicher Mörder wird allerdings nicht rechtskräftig verurteilt.1)

In den folgenden Jahrzehnten ist der Mord Gegenstand innerjüdischer Rezeption. Das Verbrechen wird überwiegend im Lichte eines tiefen Konfliktes zwischen der tradierten religiös-kulturellen Welt des Ostjudentums und Reformbemühungen gesehen, die aus der Aufklärung innerhalb des Judentums hervorgingen – der sogenannten Haskala. Aufklärung bedroht Aberglauben, Regelwerke und Dogmen und eine Gemeinschaft, die aus ihnen ihre Sicherheit schöpft. Das ist der Kern des Konfliktes, unabhängig von Ort, Zeit und handelnden Personen.

Haskala heißt auch der Blog der Thüringer Landtagsabgeordneten Katharina König. Ihre Partei „Die Linke“ stellt gegenwärtig den Ministerpräsidenten. Für Suchmaschinen hat Königs Aufklärung eine größere Relevanz als das historische Vorbild: Sie steht an erster Stelle der Ergebnisliste. Katharina stammt aus evangelischem Pfarrhause. Was sie mit der jüdischen Aufklärung verbindet, ist unbekannt.

Wissen ist Macht

Schwerpunkt ihres Wirkens ist seit vielen Jahren der Kampf gegen den Rechtsextremismus in Thüringen. Das NSU-Böse kommt aus der beschaulichen Mitte Deutschlands. Im November 2011 enttarnt es sich. Katharina, die Reine, will es austreiben. Das Ausmaß mutmaßlicher mörderischer Kumpanei von Behörden, Schlapphüten und Naziterroristen lässt bisherige Verschwörungstheorien der Linken blass aussehen wie das kalkige Gesicht des THS-Kerlchens Brandt. Der Verfassungsschutz als natürlicher Feind der Linken ist selbst unter Verdacht geraten.

Als 2012 der erste Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtages zum NSU-Komplex zusammentritt, wird Katharina König engagiertes Mitglied. Unter den NSU-Ausschüssen bundesdeutscher Landtage gibt es ein Alleinstellungsmerkmal Königs: Sie protokolliert die Sitzungen dieses Untersuchungsausschusses in hoher Qualität auf ihrem Blog.

Ihre Haskala-Protokolle sind eine wichtige Quelle für die Aufklärung des Geschehens am 4. November 2011 geworden und unverzichtbar in Verbindung mit den vom Arbeitskreis NSU geleakten Aktenteilen des BKA zum Abgleich von Aussagen, Indizien, Chronologien.

Diese Protokolle sind seit Kurzem verschwunden. Aufklärerin König hatte sie zunächst kommentarlos vom Netz genommen und damit für Irritation gesorgt.

haskala_screenshot

Für die Bloggergruppe AK NSU, mit der sie eine virtuelle Hassliebe verbindet, eine Steilvorlage. Neben BKA-Aktenteilen leakte der Arbeitskreis jetzt auch die Haskala-Protokolle in ihrer unbearbeiteten Form. Denn die Protokolle müssen korrigiert werden, wie Katharina jetzt nachschob. Sie gefährdeten bisher die Persönlichkeitsrechte derer, für die sich niemand interessiert.

Wir haben zur Zeit die Ausschussprotokolle vorübergehend von der Seite genommen, in wenigen Wochen sind sie aber wieder online. Hintergrund ist, dass wir zum Schutz der Persönlichkeitsrechte von Personen, die weniger in der Öffentlichkeit stehen, zum Beispiel einfache Mitarbeiter oder Personen, die keine Führungsfunktionen ausüben oder anderweitig im medialen Fokus stehen, die Namen abkürzen. Aus dem einfachen Feuerwehrmann „Peter Müller“ würde dann ein „Feuerwehrmann Peter M.“ werden.

https://haskala.de/2015/11/30/in-eigener-sache-nsu-untersuchungsausschussprotokolle-bald-wieder-online/

Nur, wie viele Protokolle betrifft das wirklich? Wie glaubhaft ist die Begründung für die Sperrung aller Dokumente? Die späte Stellungnahme Königs darf getrost als Reaktion auf den spöttischen Kommentar des NSU-Arbeitskreises gewertet werden.

Die via Twitter ausgetragenen Sticheleien zwischen Arbeitskreis und „Antifa-König“ sind Beweis einer Kommunikation. Sie dürfte mitbekommen haben, dass die Haskala-Protokolle nicht mehr rückstandsfrei entsorgt werden können.

Der Mossad wars

Der Mossad exekutiert keine Leute, es sei denn, sie haben Blut an den Händen. Dieser Mann würde das Blut israelischer Kinder an den Händen haben, falls er sein Projekt vollenden würde. Warum also warten?

Victor Ostrovsky, Der Mossad

Man kann sich an fünf Fingern abzählen, dass das Interesse Königs eigener politischer Familie an den Protokollen um so stärker erlahmt, je gefährlicher sie dem staatlichen Mythos vom Naziterrortrio werden. Haskala-Aufklärung kann also durchaus bei denen unbeliebt sein, für die sie gedacht ist.

Wenn die Aufklärerin den Zugriff für alle verhindern wollte, die sie dem „feindlichen Lager“ zuordnet oder im verschwörungstheoretischen Abseits wähnt, dann war die Schredderaktion ein Schuss ins Knie. Manipulationen über die angekündigten Anonymisierungen hinaus fliegen nun jederzeit auf.

Mit ihrem Vorgehen verstärkt sie nebenbei jenes Misstrauen, das sie bei den Verschwörungsheinis amüsiert. Ein Misstrauen, dass die Linke selbst lange pflegte. Da traute man dem Staat als „Instrument der herrschenden Klasse“ noch so ziemlich alles zu. Eine der geforderten Konsequenzen aus dem sogenannten NSU-Komplex war ein tiefgreifender Umbau der Sicherheitsarchitektur bis hin zur Abschaffung des Verfassungsschutzes. Davon ist keine Rede mehr.

                     twitter_mossad

Die Hypothese von der Ermordung der Uwes unter Mitwirkung und Mitwissen von Diensten ist zunächst nicht weniger unwahrscheinlich, als die Hypothese des erweiterten Suizids, die Polizeidirektor Menzel vorschnell aufstellte und die das BKA nicht schlüssig verifizieren konnte. Das mag einem persönlich gefallen oder nicht.

Die durchaus plausible Spekulation einer Verstrickung türkischer Geheimdienste in die damals noch als Döner-Morde bezeichnete Verbrechensserie, wie sie noch Anfang 2011 vom ehemaligen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ veröffentlicht wurde,2) hat niemand mit dem Ironieversuch „der MIT war‘s“ goutiert.

Absurd wird es, wenn die Mittäterschaft deutscher Dienste an der Ermordung von Migranten für denkbar gehalten wird, die Mittäterschaft deutscher oder fremder Dienste bei der Ermordung von „Neonazis“ aber als verschwörungstheoretischer Blödsinn gilt.

Ziel alternativer Aufklärung aber ist nicht ein Verschiebebahnhof Mossad, sondern die (Wieder-)Aufnahme von Ermittlungen zu den Ceskamorden, dem Heilbronner Polizistenmord und den im Stregdaer Wohnmobil aufgefundenen Leichen.

Wenn die quasioffizielle Darstellung einer Selbsttötung aus einer Vielzahl von Gründen nicht stimmen kann, dann sind die Ermordung von Mundlos und Böhnhardt oder eine sonstige Tatortinszenierung ebenso vertretbare Hypothesen, die in gleicher Weise geprüft werden müssen. Es sei denn, die Aufklärung des unnatürlichen Todes zweier „Neonazis“ ist aus ideologischen Gründen nicht wünschenswert. Vorurteilsfreie Ermittlungen der Polizei gehörten ebenfalls mal zu den populären Forderungen der Linken.

Noch sind die Original-Protokolle auch auf der Website des Rechtsextremismusexperten Hajo Funke abrufbar. Wenn Sie wissen wollen, wie er’s gerade mit der Aufklärung hält, geben Sie zuweilen den Suchbegriff Haskala ein.

 


1) http://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I0690

2) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77108510.html

 

Flucht nach vorn

Seit 2011 erforscht eine halbstaatliche Interessengemeinschaft aus Politik, Medien und Volkserziehung die düstere Gedankenwelt des NSU. Ferndiagnostisch und faktenfrei geben Experten  Auskunft über das sogenannte Innenverhältnis des Trios. Das heißt, sie orakeln über das Liebesleben der Ménage-à-trois, literarische Vorlagen des „führerlosen Widerstands“, die kleinen und großen Sorgen abgetauchter Terroristen. Prinzipiell gilt: Je phantastischer die Ideenwelt des Trios, desto bereitwilliger werden die Fabeln geglaubt. Bisher jedenfalls.

Nun wollen Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben reden bzw. reden lassen. Das gesprochene Wort löst am Ende eines quälenden Prozesses verdichtete Fiktion ab. Die vollumfängliche, abgestimmte Aussage also als letzter Akt der „NSU-Selbstenttarnung“? Klar ist: Wenn Zschäpe die Beteiligung staatlicher Stellen an einem wie auch immer gearteten „NSU“ schlüssig offenlegt, dann hat das schwerwiegende Folgen.

Das NSU-Konstrukt ist für ein „Limited hangout“ zu instabil, die Herausnahme tragender Elemente übersteht es als Ganzes nicht. Selbst wenn es gelingt, eine Geschichte zu präsentieren, die konsistent wirkt, lässt sie sich nicht in das unglaubwürdige Gesamtbild „NSU“ einpassen, ohne massenhaft neue Widersprüche und Fragen zu erzeugen. Die Aussagen als  Flucht nach vorn, um zu retten, was zu retten ist? Das dürfte schnell in einer Sackgasse enden oder an fehlenden behördlichen Aussagegenehmigungen scheitern.

Ein Staatswesen, das sich mit allen vier Gewalten dem NSU-Phantom verschworen hat, müsste notgedrungen Tabula rasa machen mit weitreichenden Konsequenzen. Hat dieser Staat dafür noch die Kraft? Wird er gerade jetzt unter Umständen angebliche Rechtsterroristen entlasten wollen?

Aber auch die Praxis, eine alte Lüge durch eine neue zu ersetzen, kann beim NSU nicht mehr aufgehen. Die aktengestützte Aufklärung einer gut vernetzten „Truthergemeinde“ ist zu weit fortgeschritten. Ein Dilemma für BAW und Untersuchungsausschüsse. Die entstandene Situation aber, die Durchsetzungsfähigkeit des gesamten Rechtsstaates mit dem NSU zu verbinden und in einer Geisterfahrt alle Stoppschilder zu ignorieren, ist hausgemacht.

In der weiteren sachlichen Offenlegung von Ungereimtheiten und Widersprüchen liegt die einzige Chance, zu verhindern, dass bis heute nicht aufgeklärte Verbrechen eine neue Legendierung erhalten. Sie bleibt auch nach dem bevorstehenden Coup im Münchner Staatsschutzsenat wichtig oder nimmt an Bedeutung sogar zu. Ernsthafte alternative Aufklärung wird in jedem Falle von den Aussagen der Angeklagten profitieren. Denn sie ist den staatlichen NSU-Verwesern inzwischen weit voraus und eher in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Zentrale strittige Punkte des NSU-Komplexes haben mit Beate Zschäpe oder Ralf Wohlleben ohnehin nichts zu tun. Dazu gehören vor allem die Ermittlungen und die Rolle der Behörden bei den angeklagten Verbrechen selbst. Das Geschehen in Eisenach am 4. November 2011 oder der Heilbronner Polizistenmord bleiben Schlüssel des NSU-Komplexes und können durch prozessuale Inszenierungen nicht verdrängt werden. Gegen neue NSU-Märchen helfen weiter nur Fakten.

Leprechaun

So so. Nelly Rühle, Alexander Neidlein, Sigrun Häfner, KKK Schwäbisch Hall, Mord an Kiesewetter, Florian Heilig, Yasmin Maier, Melisa Marijanovic, NSS und Matthias Klabunde u.a. alles in Eigenregie? Dummschwätzer! Kommt restlos alles von uns und sonst niemanden!“

Alexander Gronbach

 

Wer eine Sache untersucht, deren wahrer Kern unter mehreren Schichten aus Lügen, falschen Spuren und sonderbarsten Widersprüchen verborgen liegt, kann selbst Opfer von Täuschungen und Irrtümern werden. Auch sorgfältigstes Prüfen und Gegenprüfen von Fakten und Plausibilitäten verhindern das nicht. Der Wahrheitssucher kennt dieses Risiko, er muss es akzeptieren.

Wo klare Beweisführung unmöglich ist, soll Hypothesenbildung und -ausschluss Hindernisse überwinden. Die Hypothese des Aufklärers ist das Gegenstück zur Desinformation, die den Zugriff auf eine geschützte Wahrheit abwehren soll. Die Sache ist vertrackt: Desinformanten bedienen sich problemlos der Wahrheit, Aufklärer können ohne Absicht desinformieren, wenn sie selbst getäuscht wurden oder falsche Schlüsse ziehen. Das eine vom andern zu unterscheiden, ist mühselig bis unmöglich, aber manchmal unumgänglich.

Eine der schillerndsten virtuellen Akteure des NSU-Komplexes macht nicht einmal den Versuch, in die Rolle des Aufklärers zu schlüpfen. Wer sich mit dem Heilbronner Polizistenmord und dem seltsamen Fall Florian Heilig beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei, obwohl er aus dem Off Irlands operiert. Bis heute ist unentschieden, ob Alexander Gronbach als hyperaktiver Borderliner den NSU-Irrsinn in eigener Mission auf die Spitze treibt oder im Auftrag einer Behörde falsche Spuren legt.

Die Ermittlungsgruppe „Umfeld“ des Stuttgarter Landeskriminalamtes, die seit Januar 2013 frei schwebend und ohne Auftrag des zuständigen Generalbundesanwalts verborgene rechtsextremistische Verbindungen ins Ländle aufhellen sollte, widmet Gronbach in ihrem Abschlussbericht einen eigenen Unterpunkt. Gronbachs Glaubwürdigkeit wird dort restlos zerstört, seine persönliche Leidenschaft für die NPD im Hohenlohischen bleibt unerwidert, die Krokus-Geschichte seiner Partnerin erhält ein Staatsbegräbnis erster Klasse.1)

b) Hinweisgeber G.

G. ist der Polizei seit Jahren als Hinweisgeber in den unterschiedlichsten Kriminalitätsbereichen bekannt. Die weit überwiegende Zahl seiner Hinweise ließ sich nicht erhärten beziehungsweise erwies sich als haltlos.

G. wird seitens sämtlicher Behörden (LKA BW, LfV BW, BKA) als unzuverlässig und unglaubwürdig eingeschätzt, da sich seine Hinweise beziehungsweise Behauptungen nach aufwändigen Ermittlungen in der Vergangenheit zumindest zum großen Teil nicht bestätigt haben beziehungsweise ihre Grundlage in allgemein zugänglichen Quellen lag, die dann von G. entsprechend „angereichert“ wurden.

Seit März 2013 gingen nahezu 100 E-Mails von G. und seiner Lebensgefährtin zum NSU-Komplex ein. Die Verfasser der E-Mails befinden sich im Besitz des öffentlich zugänglichen Berichts des PUA NSU und offenbar zumindest auszugsweise im Besitz der Anklageschrift der GBA für den NSU-Prozess.

Die Mails werden zumeist zeitgleich an die Presse, den GBA, das BKA und das LKA BW versandt. Die Hinweise wurden geprüft, insgesamt wurden aus den Mails sechs Spuren durch die EG Umfeld generiert, ohne dass hierdurch neue Erkenntnisse erlangt wurden.

G. gab in einer Vielzahl von E-Mails den Hinweis, dass die rechte Gruppierung um A. N. [Alexander Neidlein – Verf.] Kenntnisse über den Aufenthalt und die medizinische Versorgung des bei der Tat in Heilbronn schwerverletzten Polizeibeamten kurz nach der Tat gehabt haben soll und dieser „ausgeschaltet“ werden sollte. Umfangreiche Ermittlungen konnten diese Angaben nicht bestätigen.

In der Gesamtschau ergaben sich aus keinem der von G. und seiner Lebensgefährtin genannten Sachverhalte beziehungsweise Hinweisen neue Ermittlungsansätze.“

Diese öffentliche Demontage des Krokus-Phantoms und seines Promoters hält Tatjana Heilig, die Schwester des angeblich verstorbenen NSU-NSS-Zeugen Florian, allerdings nicht davon ab, auf Einladung Gronbachs im Sommer 2014 gemeinsam mit einer früheren Freundin Florians nach Irland zu fliegen.

Zusammen mit Gronbach/Senghaas will sie ein herbeiphantasiertes Mordkomplott gegen ihren Bruder aufklären. Im Stuttgarter Untersuchungsausschuss gibt Tatjana an, sie habe „versucht, die Situation zu entzerren“.2) Was immer das heißt.

Im „Mohrenköpfle“

Noch im Jahr zuvor, 2013, waren Gronbachs Fähigkeiten der Informationsbeschaffung nicht nur in einem weitaus günstigerem Licht dargestellt worden, er galt sogar als wertvoller V-Mann des LKA.3)

Gronbach war den baden-württembergischen Behörden nur zu gut bekannt. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor war er selber V-Mann des Landeskriminalamts (LKA) gewesen. Er spürte als wertvoll geltende Informationen aus dem Drogenmilieu auf und half bei der Aufklärung einer Brandserie.

Deswegen brachte das LKA den Mann auch zeitweise in einem Zeugenschutzprogramm unter. Allerdings galt Gronbach als kaum steuerbar und latent gewalttätig. Außerdem sahen Ermittler ein Drogenproblem bei ihrem Drogenspitzel.“

Wollte sich das LKA mit der Herabstufung Gronbachs zum irren Hinweisgeber von einem Psychopathen distanzieren oder gibt es einen anderen Grund, seine Erfolge plötzlich kleinzureden? Ist die alte Zusammenarbeit im Geheimen reaktiviert worden? Trägt das LKA Baden-Württemberg die Kosten für Gronbachs irisches Exil?

Das Phänomen Gronbach ist ohne seine verwirrende Beziehung zur NPD im Hohenlohischen nicht zu verstehen. Seit Jahren versucht das Gespann Gronbach/Senghaas die Nationalen um Alexander Neidlein irgendwie mit dem Heilbronner Polizistenmord in Verbindung zu bringen.

Nelly Rühle, Friseuse und NPD-Mitglied aus Wolpertshausen, gehört zum engeren Kreis der „Krokus-Verdächtigen“. Sie hat eine bemerkenswerte Chronologie aufgestellt,4) die nicht zwangsläufig in allen Punkten der historischen Wahrheit entsprechen muss, aber überwiegend authentisch erscheint. Eine unabhängige Bestätigung ihrer Darstellung werden wir nicht bekommen. Vorsicht ist selbstverständlich auch hier geboten.

Das von Rühle geschilderte Persönlichkeitsbild Gronbachs entspricht den Darstellungen des EG-Abschlussberichtes. Wichtig für uns sind die Gespräche im Umfeld eines Treffens im „Mohrenköpfle“ Ostern 2012. Alexander Gronbach wird hier als Agent Provocateur beschrieben, der den Rechten gegenüber nicht nur seine Geliebte enttarnt, sondern auch ihre „Ruhigstellung“ fordert.

Man darf davon ausgehen, dass Senghaas eingeweiht war und den NPD-Leuten eine Falle gestellt werden sollte. Auch hier ist die Kernfrage: Handelte das Duo Gronbach-Senghaas autonom oder mit Wissen, Billigung oder im Auftrag Stuttgarter Behörden? Das LfV jedenfalls dürfte kaum Interesse an der Enttarnung einer V-Frau gehabt haben, gleichgültig wie intensiv die Zusammenarbeit tatsächlich war.

Am Ostermontag 2012, haben gegen 09.30 Uhr morgens zwei Männer an der Tür geklingelt. Herr Gronbach und ein Herr E. Jäger mit zwei Hunden. Herr Gronbach sagte zu mir, ich solle mitkommen und ein Stückchen mit ihm gehen, weil ich abgehört werde und er mir etwas Wichtiges zu erzählen habe.

Ich ging mit ihm ein Stückchen und er fragte mich, ob ich Frau Senghaas kenne und ich bejahrte dies natürlich. Darauf sagte er, dass sie ein Spitzel sei und auf mich angesetzt wurde und dass sie morgen, also am Dienstag, 03.04.2012, meine Akte an die Polizei übergeben werde und ich dann ziemliche Probleme bekäme.

Ich dachte zuerst an einen verspäteten Aprilscherz. Dann sagte er, er würde mir helfen, weil sie auch auf ihn angesetzt wurde und nannte sie „Die Schlampe.“

Er meinte, er müsse unbedingt heute noch mit Alexander Neidlein und Matthias Brodbeck reden. […]

Herr Gronbach erzählte uns, dass Frau Senghaas behaupten würde, ich hätte etwas mit dem Mord an Frau Kiesewetter zu tun, es solle sich auch noch etwas um eine Kundin drehen, welche Krankenschwester war. Außerdem hätte er noch weitere Informationen für uns. Ich sagte ihm, dass solch einen Quatsch doch keiner glauben würde.

Alexander Neidlein und Matthias Brodbeck sagten, dass sie kommen würden und sich anhören, was er zu sagen habe. Bis 06.04.2012 sollten alle V Männer abgezogen werden, aufgrund des zweiten Verbotsantrags gegen die NPD, daher war es natürlich interessant, zu wissen, wer der Spitzel sei.

[…]

Wir gingen dann nach Wolpertshausen ins Mohrenköpfle, mein Mann, Stefan Rühle, Alexander Neidlein, Matthias Brodbeck, ich und mein Baby. Dabei waren ebenso Herr Gronbach und Herr Jäger, welcher sich als Berufsschullehrer von Herrn Gronbach ausgab und bei diesem Herr Gronbach seit gestern lebe, da er Petra verlassen hätte.

Er erzählte uns seltsame Dinge, dass er Frau Senghaas „Ruhigstellen“ würde, er brauche dafür aber unsere Hilfe. Er wollte wissen, ob wir oder die NPD sich um die Sache kümmern könnten. Selbstverständlich lehnten wir ab. Außerdem wollte er der NPD Kontakte zur „Revolutionären Garde“ im Iran vermitteln, meines Wissens hat Alexander Neidlein ihm die Telefonnummer der Bundesgeschäftsstelle in Berlin gegeben, da er sich mit so etwas nicht befassen wollte.“

Quellenschutz

Der Verdacht, dass Gronbach im Auftrag einer Behörde nicht nur versuchte, NPD-Mitglieder in Straftaten zu verwickeln und dafür eine vermeintliche Verbindung zum Polizistenmord nutzte, sondern schon den Kontakt zu Petra Senghaas mit dem Ziel herstellte, über sie an diese NPD-Strukturen heranzukommen, wird gestützt durch Gronbachs großzügiges Geschenk eines Dubai-Urlaubs im Wert von angeblich 5.000 Euro an Senghaas zu Beginn ihrer Liaison Anfang 2011.

War der 4. November 2011 der Startschuss für eine längst geplante Krokus-Kampagne? Wurde Gronbach vom Stuttgarter LKA in Marsch gesetzt, weil endlich eine politisch-korrekte Lösung für den Heilbronner Polizistenmord her musste?

Nach dem 4. November 2011, dem Tag, als die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil starben, ging eine Veränderung mit dem Pärchen vor. Petra Klass erinnerte sich an den Hinweis auf eine Täterschaft der NPD im Zusammenhang mit dem Heilbronn-Mord. Sie begann, unter Regie ihres Freundes, ihren Vorwurf zu verbreiten, in Baden-Württemberg seien seit 2007 Hinweise auf rechtsextreme Täter unterdrückt worden.“ 5)

Verstärkt wird die Hypothese eines Agent Provocateur des LKA durch ein weiteres Detail. Nach Veröffentlichung eines Fotos Florian Heiligs und Kameraden in Nazi-Pose erhält der Blogger von NSU-Leaks eine Drohmail aus Irland.6)

foto_heilig_urheberrecht

Gronbach macht eindringlich Eigentumsrechte am Foto geltend und verweist auf Quellenschutz. Wer soll geschützt werden und in wessen Auftrag? Ist das seine eigene Aufnahme? Kommt auch das NSS-Phantom von Gronbach, wie NSU-Leaks vermutet, oder doch von BIG Rex?

Diese Mail datiert vom Sommer 2014. In diese Zeit fällt der Besuch von Tatjana Heilig und Florians Freundin „Bandini“ bei Gronbach/Senghaas. Ein Interview entsteht, in dem Alexander Gronbach seine Lieblingsthesen zur Haller NPD, NSS und Florians alten Kameraden verwurstet.7) „Bandini“ wird sich später in nicht öffentlicher Befragung vor dem Untersuchungsausschuss vom Inhalt dieses Interviews distanzieren. Die Hälfte sei gelogen.

Alles nur geklaut

Familie Heilig wendet sich in der Folgezeit von Gronbach ab und Prof. Hajo Funke zu. Heute würde Vater Heilig mit dem Iren nicht einmal ein gemeinsames Guinness trinken.8) Wenn Funke der Mann Berlins ist, dann scheint im Sommer 2014 klar geworden zu sein, dass Stuttgart die Kontrolle über das NSU-Phantom zu verlieren droht. Alexander Gronbach wird offenbar ausgebootet und beschwert sich in seinem „Offenen Brief“ bitter über den „Lügenprofessor Funke“.

Er geht sogar noch weiter. Bereits Anfang April 2015 spricht Gronbach offen aus, was damals nur heimlich vermutet wird: Hajo Funke sei gemeinsam mit Heiligs an manipulierten Beweisnachfindungen in Florians Autowrack beteiligt.9)

Ich Alexander Gronbach sagte sehr deutlich, dass die Familie Heilig die nun 12 präsentierten Gegenstände unter Anleitung von Demagogen Funke in diesen PKW gelegt haben!

Ich Alexander Gronbach sagte sehr deutlich, dass Heike Heilig und Tatjana Heilig Ende Juni 2014 einen Deal an dem Urlaubsort Fehmarn mit Sicherheitsbehörden machten! Wobei ich hier anfügen muss, dass wahrscheinlich Gerhard Heilig nicht in diesen Deal eingebunden war, da er erst einige Tage später dort nachgefahren ist – nach Fehmarn!

Was genau passierte hier? Tatsächlich wissen wir nicht, wer die Idee einer mutmaßlichen Beweismittelfälschung hatte und wie groß die Anteile der Heiligs und Funkes daran wirklich sind.

Wenn wir den Imageverlust Hajo Funkes als Kollateralschaden ignorieren, ist im Ergebnis der Aktion vor allem die Glaubwürdigkeit der Heiligs schwer beschädigt worden. Und genau darum könnte es gegangen sein. In der Sache hatten die nachgefundenen Gegenstände je nach Sichtweise und Interpretation sowohl die Suizid- als auch die Mordthese gestärkt. Theoretisch eine Nivellierung beider Lösungsansätze bei maximalem Schaden für Heiligs Anliegen einer Mordaufklärung. Praktisch hat sich der Untersuchungsausschuss unter Wolfgang Drexler auf den Selbstmord festgelegt.

Mit seiner frühzeitigen Denunziation der Heiligs nimmt Gronbach die nachfolgende Entwicklung vorweg. Zweifel an Heiligs und Florians Exklusivwissen werden nun ohne weitere Rücksicht geäußert. Sind Heiligs also mit den Nachfindungen von Handy, Autoschlüsseln, Waffen usw. hereingelegt worden? Vom LKA selbst?

Zu den erstaunlichen Wendungen Gronbachs gehört, dass er noch 2014 Zeugenschutz für Bandini gefordert haben will, weil sie wegen ihres Wissens über Rechtsextremisten in Gefahr sei.10)

Frage: Wir haben ja anhand der Akte der STA Stuttgart zu Florian Heilig mit dem Aktenzeichen 5 UJs 8127/13 umfangreiche Dinge erarbeitet, was wir jedoch momentan getrennt halten. Wuerdest Du Dich unter hoechsten Sicherheitsmassnahmen und weil Du nur ein Treffen ausserhalb Deutschland wuenscht, bei kompletten Schutz fuer Dich und deine „Gesamte Familie” in unserem Beisein mit zwei LKA Beamten treffen und eine verwertbare Aussage taetigen?

Bandini: Unter diesen Umstaenden und wenn solange, bis dies alles gewaehrleistet ist, mein Name komplett geheim bleibt, wuerde ich hier bei Dir in deinem Beisein mit zwei LKA Beamten sprechen. Ansonsten nein!“

Im April 2015 gibt er die Identität Bandinis ohne Weiteres preis. 11)

Wir gaben ihr den Decknamen “Bandini” nach einem Pferd, was sie mal als Pflegepferd geritten hatte. Unter diesem Decknamen “Bandini” wurde z.b. der Vizepräsident und heutige Vorsitzende des PUA Stuttgart – Wolfgang Drexler kontaktiert, nebst dem ehemaligen Mitglied des Bundes PUA Clemens Binninger sowie das Zeugenschutzdezernat des LKA Baden Württemberg, um einen Schutz für diese Yasmin Maier zu erhalten. Eine Hilfe oder gar Schutz wurde ABGELEHNT!“

Des Pudels Kern

Auch zum Tod Florians liefert Gronbach eine eigene Version. So phantastisch sie erscheint, auch diese Geschichte erfüllt eine konkrete Funktion. 12)

Melisa Marijanovic hat um ca. 23.25 Uhr am 15 September 2013 Florian Heilig an den Campingplatz Bad Cannstadt einbestellt. Es ist eine schon tolldreiste Lüge der Staatsanwaltschaft Stuttgart, dass in Folge suggeriert wurde, dass sich Florian Heilig in Nähe zum LKA Gebäude Selbstmord verübte und so sollte dargestellt werden, dass er in seiner Verzweiflung vor dieser angeblichen Aussage in räumlicher Nähe Selbstmord verübt habe.

TATSACHE ist jedoch, es gab gar kein Treffen in Bad Cannstadt mit BIG REX oder gar LKA. Das ist eine reine Erfindung des zuständigen Staatsanwaltes um den Tatort zu erklären! Florian Heilig sollte weitab von Bad Cannstadt in der Nähe seines Schulungszentrums befragt werden.

Es gab keinerlei Grund, dass sich Florian Heilig am Campingplatz in Bad Cannstadt befand, an dem Campingplatz wo sich in der Vergangenheit auch schon Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt “belegt” mit anderen Personen getroffen hatten!“

Gronbach postet seinen „Offenen Brief“ am 1. April 2015. Melisa Marijanovic ist wenige Tage zuvor, am 28. März, überraschend verstorben, vier Tage nach dem sie im Stuttgarter Untersuchungsausschuss aussagte und als potentielle Zeugin im wiederaufgenommenen Heilig-Verfahren galt.13) Sie ist damit als Platzhalter in Gronbachs NSU-Lügengewirr frei verfügbar. Jetzt soll sie Florian nach Cannstatt gelockt haben. Und zwar etwa fünfundzwanzig Minuten, bevor er auf der Nürnberger Straße geblitzt wurde. Beweisen lässt sich das praktischerweise nicht mehr.

Entscheidend aber ist: Alexander Gronbach verschiebt die geplante Befragung Florians durch die EG Umfeld (LKA BW) am 16. September 2013 weit weg von der Taubenheimstraße, raus aus Stuttgart, in Richtung Geradstetten. De facto versucht er damit, den Verdacht zu zerstreuen, das LKA selbst könnte in Verbindung stehen mit dem „Suizid“ am Cannstatter Wasen.

Zeitpunkt und Todesursache des plötzlichen Sterbens erscheinen auch bei Melisa so ungewöhnlich, dass sich selbst im Untersuchungsausschuss verschwörungstheoretische Zweifel regen.14) Offiziell glaubt man freilich weiter an verrückte Zufälle. Für einen staatlichen Mord an Melisa jedoch gibt es, nachdem Florian inzwischen zunehmend als paranoider Aufschneider dargestellt wird, die Glaubwürdigkeit der Familie beschädigt ist und sich die Suizidthese tendenziell durchgesetzt hat, kein Motiv.

Ein LKA-Zeugenschutz, wie ihn Gronbach vergeblich für „Bandini“ forderte, ist jedenfalls nicht weniger wahrscheinlich als plötzliche Lungenembolie oder Staatsmord. Fast alles ist inzwischen möglich und vermittelbar im Florian-Heilig-Komplex, mit weiteren Volten ist zu rechnen. Letzte Gewissheiten gibt es bisher nicht.

Auch ohne Alexander Gronbachs Mitwirkung driftet der Fall Florian zunehmend ins Irreale ab. Das aber sollte den Blick auf das Wesentliche nicht verstellen: Der Heilig-Komplex hat, ebenso wie KKK-Klamauk und rechtsextremistische Verdachtsaura, keine andere Funktion, als von den Hintergründen des Heilbronner Polizistenmordes abzulenken. Und um den geht es im Kern.

Art und Weise der überzogenen Inszenierungen im Fall Heilig lassen inzwischen allerdings auch den Mordanschlag auf Kiesewetter und Arnold in einem neuen Licht erscheinen. Dazu ein anderes Mal mehr.

 


Fußnoten/Quellennachweise

1) http://www.nsu-watch.info/2015/04/besser-spaet-als-nie-nsu-untersuchungsausschuss-in-bawue/

2) http://bw.nsu-watch.info/?p=89

3) http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.rechte-umtriebe-in-hohenlohe-die-folgenreiche-liaison-zweier-v-leute.b1a28725-e57f-481d-bf4a-d9eff7ddfe6b.html

4) https://www.facebook.com/permalink.php?id=581431391927662&story_fbid=835029913234474

5) http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.rechte-umtriebe-in-hohenlohe-die-folgenreiche-liaison-zweier-v-leute-page1.b1a28725-e57f-481d-bf4a-d9eff7ddfe6b.html

6)https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/04/27/nsu-ausschuss-landle-27-4-2015-gedons-statt-mordaufklarung/

7) http://www.das-zob.de/tag/stefan-ruehle-nelly-ruehle/

8) http://bw.nsu-watch.info/?p=89

9) http://www.das-zob.de/alexander-gronbach-zum-nsunss-komplex-florian-heilig-funke-drexler-melisa-und-co/

10) http://www.das-zob.de/tag/stefan-ruehle-nelly-ruehle/

11) http://www.das-zob.de/alexander-gronbach-zum-nsunss-komplex-florian-heilig-funke-drexler-melisa-und-co/

12) ebd.

13) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-zeugin-tot-aufgefunden-a-1026171.html

14) http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/2015/03/30/der-zufall-geht-um/

Typographie und Orthographie wurden in den Zitaten teilweise zurückhaltend korrigiert.

Den Fuchs fangen

 

               gustav-gruendgens_faust

Gerhard H. sagt, er habe kein Vertrauen mehr in den Staat. Zu zwei Menschen habe er bodenloses Vertrauen, unter anderem zu Prof. Hajo Funke. Der solle gefragt werden, ob sie das Handy bekommen könnten.“
5. öffentliche Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses Baden-Württemberg

Tue nichts Gutes, dann widerfährt dir nichts Schlechtes. Professor Hajo Funke wollte nur helfen und steht nun selbst im Zentrum der Kritik. Beweismittel fehlen, um deren Auswertung er sich als Berater der Familie Heilig bemühte.1) Der Verdacht der Manipulation steht im Raum und Zweifel an Funkes Vorgehen wurden zuletzt immer unverhohlener formuliert. Aber alles endet furchtbar am 17. Juli 2015 in einem Lamento vor kleingeistig-schwäbischen Parlamentariern, die dem Rechtsextremismusexperten mit offenem Misstrauen begegnen.2)


Nebenbei: Hajo Funkes Vortrag und konzentrierte Gestaltung einer Täuschung und Enttäuschung brauchen den Vergleich mit den ganz Großen der darstellenden Kunst nicht zu fürchten (www.youtube.com/watch?v=fxOI3fTlBiA#t=1m50s).

Aber, es halfen nicht mal die forschen Rechtsbelehrungen des NSU-Ghostbusters Narin. Beide Seiten, nämlich die zerstrittene Heilig-Funke-Gronbach-Narin-Fraktion und der Stuttgarter Untersuchungsausschuss, der die Nichtaufklärung eines Polizistenmordes deckt, werfen sich jetzt gegenseitig einen Mangel an Aufklärungswillen vor. Zumindest in diesem Punkt kommen sie im Ergebnis dem Ziel aller Ausschüsse, der sogenannten Wahrheit, etwas näher. Ansonsten wiederholt sich auf anderer Ebene, was bereits die Enquete-Kommission zum Scheitern brachte: die öffentlich zelebrierte Zerstörung von Vertrauen.3)

Professor Funke hat seine persönlichen Konsequenzen gezogen und die Beratung der Familie Heilig aufgekündigt. Sollte das ernst gemeint sein, verliert Funke damit allerdings auch den direkten Einfluss auf die Steuerung des Heilig-Komplexes nach seinen Vorstellungen.

Schuld an der Situation trägt der Rechtsextremismusexperte selbst. Die Heiligs waren bereits zum Beginn seines Engagements traumatisierte Missbrauchsopfer des Hasardeurs Alexander Gronbach. Das Eingreifen eines weiteren Märchenonkels in das NSS-NSU-Gespinst musste irgendwann die Geduld selbst eines Ausschusses reißen lassen, der im Normalfalle auch die gröbsten Lügen anstandslos hingenommen hätte.

Denn der Ausschuss ist zwar noch immer an Verbindungen des NSU nach Baden-Württemberg interessiert, obwohl alle diesbezüglichen Ermittlungen bisher ergebnislos geblieben sind, aber eben nicht um jeden Preis. Die verbreitete Skepsis gegenüber der Existenz solcher Verbindungen, gegen die staatliche NSU-Aufklärung erbittert ankämpfen muss, dürfte eher größer geworden sein. Eine vage Verdachtsaura in Richtung Haller NPD als verbindendes Element zwischen Kiesewetter/Arnold und Florian Heilig wäre akzeptabel gewesen. Dilettantisch nachgefundene Beweisgegenstände in Florian Heiligs Autowrack überschreiten dagegen selbst die Schmerzgrenze der Aufklärungssimulanten um Sozi Drexler.

Man sollte sich da nichts vormachen: Die Desavouierung Funkes dient einzig dem Eigenschutz der politischen Klasse Baden-Württembergs. Wegen des Regierungswechsels 2011, der zwischen Polizistenmord, NSU-Showdown und Florians Tod lag, umfasst der Zusammenhalt sowohl Union und FDP, als auch Grüne und Sozialdemokraten. Die ärgerliche Konfrontation zwischen dem Heilig-Betreuer Funke und dem Ausschuss, über die kaum eine Zeitungsredaktion berichtet hat, dient aus Parlamentariersicht dem Schutz des NSU-Phantoms, in dessen Entstehung Landesregierung und Behörden Baden-Württembergs mutmaßlich verwickelt sind. In der Not sitzt auch dem Ländle das Hemd näher als die Jacke.

Unabhängig davon jedoch, ob mögliche Beweismittelmanipulation unter Beteiligung der Familie Heilig und Funkes den Hintergrund dieser jüngsten Turbulenzen abgeben, bleiben die zentralen Fragen weiter unbeantwortet: Verfügte Florian Heilig über echtes Wissen zum Heilbronner Mordanschlag auf die Polizisten Kiesewetter und Arnold? Wurde Florian Heilig Opfer eines Verbrechens? Und besteht zwischen seinem angeblichen Wissen und dem Tod beim Fahrzeugbrand ein Zusammenhang?

Schnitzel mit Pommes

                tatjana_heilig

In der Zeit, wo er so rechts war, hat er nur deutsches Essen konsumiert. Also, der mochte früher Pizza und Spaghetti. Und das hat er alles nicht mehr gegessen. Nur, zum Beispiel, Schnitzel mit Pommes oder ein Käsebrot.“
Tatjana Heilig über die Wesensveränderung ihres Bruders, Florian; TV-Reportage „Kampf um die Wahrheit“, 2015

Dass der Florian-Heilig-Komplex die NSU-Aufklärung im Südwesten dominiert, liegt nur teilweise an den überraschend gefundenen und wieder verschwundenen Gegenständen des ausgebrannten Autowracks, den Einflüssen der „Spindoktoren“ Gronbach und Funke oder der Präsenz der Eltern. Florians Tod ist der Schlüssel für die Verbindung von Rechtsextremismus und Heilbronner Polizistenmord. Das macht Florians Geschichte für die Pseudoaufklärung so wichtig. Sie ist der Strohhalm, an den sich NSU-Jäger und politische Profiteure klammern.

Ziel der Eltern Heilig scheint, einen Mordverdacht mit allen Mitteln weiter zu verdichten. Von allem gibt es überreichlich: Exklusives Heilbronner Täterwissen, Neonazis, behördliche Beteiligung und Vertuschung.

Die Darstellung Florians durch seine Familie durchläuft gleichfalls eine Entwicklung. Aus dem rechten Mitläufer des NSU-PUA-Abschlussberichtes ist über das noch eher zurückhaltende Compact-Interview Ende 2013 heute eine komplexe Erzählung mit erstaunlichen Detailschilderungen und Ausschmückungen entstanden. Noch mehr Namen werden genannt, es sind die üblichen Verdächtigen. Florian soll inzwischen seiner Mutter sogar „immer wieder“ gesagt haben, dass er Beate Zschäpe kenne. Dem Vater gegenüber habe Florian Ende Mai oder Juni 2011 den NSU erwähnt.4)

Wolfgang Drexler (SPD) fragt, ob Florian etwas über Kenntnisse zum Mord in Heilbronn gesagt habe. Gerhard H. bejaht das. Das Thema „rechts“ habe man nicht wegschieben können. Florian habe gesagt, der ganze Prozess in München sei eine Farce, so lange nicht Alexander, Nelly, Matze und „Frontschek oder so ähnlich“ ebenfalls auf der Anklagebank säßen.

Im Gegensatz dazu zeichnen Florians Heiligs Eltern das Bild ihres Sohnes als eines willensschwachen, leicht beeinflussbaren Jugendlichen, der sich vergeblich aus den Fängen der Behörden und alter rechtsextremer Verbindungen zu befreien versucht und ihnen schließlich zum Opfer fällt.

Diese Legendierung gelingt nur auf Kosten der Glaubwürdigkeit des Feindbildes Neonazi. Während Gewalttäter im Osten verstärkt mit Brandfackel inszeniert werden, verdrückt der Rechtsradikale im Ländle nach den skurrilen Vorstellungen der Familie Heilig deutsche Schnitzel, uriniert in Dönerbuden und denkt sich infantil-sadistische Quälereien aus.5)

Wolfgang Drexler (SPD) fragt, ob Florian wegen diese Drucks aussteigen wollte. Gerhard H. meint, es sei nicht wegen der Verhöre gewesen. Er habe einem Dunkelhäutigen die Zunge mit Brennpaste einreiben und anzünden sollen. Das sei zu viel für ihn gewesen, deshalb habe er aussteigen wollen.

Gesetzt, der Pinkel-Anschlag auf einen türkischen Imbiss, von dem Heike Heilig in der Filmreportage „Kampf um die Wahrheit“ berichtet, habe wirklich stattgefunden: Würde ein Sohn damit vor seiner Mutter prahlen? Und würde eine Mutter diese Geschmacklosigkeit aller Welt weiter erzählen, um das eigene verstorbene Kind bloßzustellen?

Nicht nur bei der Schilderung Florians und seines Umfeldes verlieren Heiligs inzwischen das Gespür für Zumutbares und Grenzen der Glaubwürdigkeit. Auch der angebliche Zynismus ermittelnder Beamter wirkt erfunden. Ein Polizist habe Gerhard Heilig, so beteuert der Vater im Film, die angekohlten Schuhe Florians zurückgeben mit dem Hinweis, die könnten geputzt und noch aufgetragen werden. Tochter Tatjana will beobachtet haben, wie sich Polizisten vom Balkon aus amüsierten, als die Familie das verbrannte Autowrack bei der Stuttgarter Polizei abholte.

Was du morgen erlebst

Zwar sei der Einsatz „grundsätzlich gerechtfertigt“ gewesen, findet Schneider. Allerdings hätten Planung, Kommunikation und Abstimmung besser laufen müssen. „Die Planungstiefe hat unter der Geheimhaltung gelitten“, […]
Aus einem Interview mit Dieter Schneider, LKA-Präsident Baden-Württemberg

Eine weitere Tendenz hat sich verfestigt, die sich bereits im ersten Kommentar der Mutter in der Kontext-Wochenzeitung kurz nach Florians Tod ankündigte:6) Heiligs zeigen sich enttäuscht, sie zweifeln, sie klagen öffentlich an, sie haben das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren. Ihre kaum verschleierten Mord- und Vertuschungsvorwürfe, vorgebracht auch mit Unterstützung des alten Fuchses Funke, werden von Polizei und Staatsanwaltschaft trotz ihrer Schwere lapidar zurückgewiesen oder bleiben ganz ohne Reaktion. Wäre an den Mordvorwürfen etwas dran, man müsste sich in einer offenen Diktatur wähnen.

So aber haben sich beide Seiten in der Absurdität eingerichtet: Land und Behörden halten still und lassen Heiligs gewähren. Heiligs verharren ihrerseits in der Rolle von ohnmächtigen Opfern eines zeugenmordenden Staates und seiner rechtsextremen Killer. Eines Staates, dessen kriminelles Handeln allerdings ebenso wenig fassbar ist, wie das Wirken des NSS oder der neu dazugekommenen Standarte Württemberg.

Halbwegs reale Schnittstelle zwischen Florian Heilig, seiner Familie und den Landesbehörden ist das LKA-Aussteigerprogramm BIG Rex. Die Darstellungen der Heiligs, die bei BIG Rex das Anliegen vermuten, mit erpresserischen Methoden Wissen ihres Sohnes über rechte Aktivitäten seines Umfeldes abzuschöpfen und eine längerfristige Bindung aufzubauen, decken sich hier mit der vielfach dokumentierten Vorgehensweise von Verfassungsschutzämtern.

Gerhard H. antwortet, Florian habe einmal eine frische SIM-Karte gehabt. BIG Rex habe 2012 einmal angerufen und gesagt sie erreichten ihn unter seiner alten Nummer nicht. Er habe ihnen daraufhin die neue Nummer gegeben. Florian sei nach hause gekommen und er habe ihm gesagt, er kenne die Abmachungen. Es komme nicht zur Anzeige wegen Dingen die gegen ihn vorlägen wenn er Infos abgebe. Als er erfahren habe, das BIG Rex die Nummer habe sei Florian wütend geworden. Er habe gesagt sobald BIG Rex die Nummer habe, sei sie auch bei den Rechten.7)

Heiligs beschreiben BIG Rex – und damit das LKA Baden-Württemberg – quasi als Drahtzieher und Auslöser von Bedrohungen gegen ihren Sohn. Auch wenn die angeblichen Todesdrohungen durch ehemalige Kameraden einen Widerspruch zum Tatwissen um den Polizistenmord bedeuten – denn nur eins ist möglich innerhalb der Mordlegende: Mord wegen des Wissens um Heilbronn oder Mord aus Rache, mangelnder Kooperation und Schulden – so ist auch bei diesen Bedrohungen ein realer Kern zu vermuten.

Zweifelhaft sind Ausmaß, Motiv und Schwere. Eine koordinierte Abwehr der Bedrohungen unter Einbeziehung der Polizei scheint es nicht gegeben zu haben, die Eltern erstatteten keine Anzeige.8) Ging es also darum, Florian Heilig erst zur Mitarbeit und dann für eine Entlastungsoperation zu benutzen? Schwester Tatjana stellt ungewollt einen Zusammenhang her:9)

Tatjana H. berichtet, er habe gedacht, dass es ein betreutes Aussteigen gebe mit Sozialarbeitern und Polizei. Es sei aber mehr so gewesen, dass kurz gefragt werde „Wie geht’s dir?“ und dann nur noch über die Nazigeschichten geredet worden sei. Zu Florian sei gesagt worden wenn er nicht kooperiere werde er die Konsequenzen spüren.

[…]

Tatjana H. sagt, es habe eine Ausstiegsoptionen von BIG Rex gegeben. Er habe an einen Ort kommen sollen und nichts mitbringen und sie hätten gesagt sie brächten ihn dann weg. Das habe er aber nicht gewollt, weil er dann die Familie verloren hätte.

Fühlt sich nun eine Mutter um ihren Sohn betrogen, der am Ende doch „weggebracht“ wurde? Bereut sie ihr Einverständnis, weil sie ahnt, wer Florian unter Druck setzen ließ, um ihn zur Mitarbeit zu bewegen? Ist hier der Grund für den „Vertrauensverlust“ zu suchen?

Die Gretchenfrage

Was spricht für eine „falsche“ Trauer? Die übertriebene Emotionalität der Heiligs in der TV-Dokumentation „Kampf um die Wahrheit“ entspricht den absurden Übertreibungen ihrer Erzählungen. Vor allem aber: Was um Himmels willen haben die Eltern davon, der persönlichen Obsession Gronbachs nachzujagen, wenn es ihnen wirklich um Aufklärung des Mordes an ihrem Sohn ginge? Was haben sie von einer Beweismittelmanipulation des Autowracks? Warum wenden sie sich ausgerechnet an Hajo Funke und Yavuz Narin, deren NSU-Tamtam mit sachlichen Ermittlungen so gar nichts zu tun hat?

Fassen wir an diesem kritischen Punkt die wenigen bekannten Informationen des Abends vor dem Fahrzeugbrand in Stuttgart-Cannstatt chronologisch und reduziert zusammen. Es ist dabei nicht entscheidend, ob sie geschickt platzierte Desinformationen sind, Irrtümer oder zuverlässige Fakten. Die Schwierigkeiten, das eine vom anderen zu unterscheiden, werden schon augenfällig, wenn man die Aussagen zweier Kollegen von Florian, Mehmet A. und Philip R.,10) zur Frage der Mitfahrer vergleicht.

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Relevant sind der Verwarnungsgeldbescheid11) und das Ende der Kommunikation um Mitternacht. Die Merkwürdigkeiten des folgenden Morgens bleiben unberücksichtigt:

  • Florian Heilig erhält am Sonntag, dem 15. September 2013, um 17 Uhr einen Anruf, der ihn emotional aufwühlt. Das wird meist als Drohanruf dargestellt. War er das wirklich?
  • Zwischen 18 und 19 Uhr fährt er gemeinsam mit zwei Kollegen in sein Ausbildungswohnheim nach Geradstetten. Über den Ablauf der Fahrt gibt es divergierende Darstellungen der Zeugen
  • Gegen 21 Uhr informiert Florian seine Eltern, dass er angekommen sei. Er fährt wieder weg;
  • 23.49 Uhr wird er in Stuttgart, Nürnberger Straße, in Fahrtrichtung Augsburger Platz geblitzt.
  • 23.56 Uhr postet er die Whats-App-Nachricht „Du weißt nicht, was Du morgen erlebst. Du weißt nicht, ob Du morgen noch lebst“. Das wird als Suizidankündigung interpretiert. Warum?
  • 23.58 Uhr soll Florian vom Handy aus via WhatsApp das Foto eines grünen Sportwagens gepostet haben. In der alternativen Aufklärung gilt das Foto vom Sportwagen als Hinweis auf Verfolger.

Wohin also fuhr Florian, der weder unter schlechten Zensuren, noch an Liebeskummer litt, wen wollte er „an der Schwelle zum Unbekannten“ treffen? Fand um 00.00 Uhr eine Übergabe von Florians Auto statt? Aber wo könnte das gewesen sein? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen und was mitzuteilen auch nach restriktivster Gesetzesnovelle auch künftig keinen Geheimnisverrat darstellen dürfte, ist: Nur wenige Autominuten von der Nürnberger Straße entfernt, auf halber Strecke etwa zur Cannstatter Wasen, befindet sich die Taubenheimstraße.

 


Für meine Freunde des geselligen Kartenspiels:
Den Fuchs fangen

Fußnoten/Quellennachweise

1) http://www.pz-news.de/baden-wuerttemberg_artikel,-NSU-Ausschuss-erwaegt-Beschlagnahme-von-Beweismitteln-zu-Florian-H-_dossier,-NSU-Prozess-_arid,1034734_dossierid,127.html

2) https://rdl.de/beitrag/nsu-untersuchungsausschu-24-sitzung-und-eine-konzentrierte-kampagne-gegen-hajo-funke

3) http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.nsu-ausschuss-landtag-rauft-sich-zusammen-und-setzt-gremium-ein.f10d2aa3-ae97-4472-89f2-d8088cb91a65.html

4) https://www.youtube.com/watch?v=I4viFr6g6-U

5) ebd.

6) http://www.kontextwochenzeitung.de/politik/130/ungeklaerter-todesfall-1744.html

7) http://bw.nsu-watch.info/?p=89

8) http://www.stimme.de/heilbronn/polizistenmord/archiv/Zweifel-im-NSU-Ausschuss-an-Polizeiarbeit;art133317,3322584

9) http://bw.nsu-watch.info/?p=89

10) ebd.

11) https://www.youtube.com/watch?v=I4viFr6g6-U

 

Rechtschreibfehler in den Zitaten wurden zurückhaltend korrigiert.

 

Schlüsselwerk

Ich habe mit den Leuten geredet und gefragt: „Wisst ihr noch, wer das war?“, und alle haben nur mit den Schultern gezuckt. Und ich habe dann beschlossen: Das will ich ändern!“ Wolfgang Gebhard, Fotograf, München-Westend

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Künstler sind sensible Menschen. Sie spüren stärker als ihre Mitmenschen, wenn etwas nicht stimmt. Sie ahnen Bedrohungen und registrieren Störungen des gesellschaftlichen Gleichgewichts in den Tiefen ihrer Seele. Künstler suchen keine komplizierten Erklärungen, sondern gestalten Bilder oder Klänge, Metaphern und Theaterstücke. Damit berühren sie uns und erhalten Zugang zu unseren Seelen. Im günstigen Falle entsteht Kommunikation.

Es kann also sein, dass ein kreativer Mensch einen Politiker im Fernsehen sieht und ein ungutes Gefühl bekommt, ein mentales Unbehagen und fühlt: der Kerl lügt. Dieses Unbehagen setzt sich fest und daraus entsteht zum Beispiel ein verrücktes Happening in der Fußgängerzone, und wir eilen kopfschüttelnd vorüber. Oder bleiben stehen und werden nachdenklich. Das findet der Künstler dann gut – dieses Nachdenken. Er hat uns mit seinem Werk inspiriert.

Auch der Fotograf Wolfgang Gebhard aus dem Münchner Westend will uns inspirieren. Gebhard hat dazu Porträtfotos von Menschen aus seiner Nachbarschaft gemacht, die er Ende Juli zu einem Großraumplakat zusammensetzen wird. Sie sollen an Theodoros Boulgarides erinnern, der vor zehn Jahren von Neonazis ermordet wurde. So jedenfalls steht es auf der Erinnerungstafel an der Trappentreustraße 4, da, wo Boulgarides starb.

Damit wir Zugang finden zu einem uns bisher unbekannten Künstler, der uns ja nicht nur zum Nachdenken anregen will, sondern Erinnerungskultur im öffentlichen Raum schafft, werfen wir einen Blick auf diese Gedenktafel. Immerhin haben die Bürgerschaftsvertreter sieben deutscher Städte schon 2012 ein gemeinsames Urteil gefällt, das man nicht einfach ignorieren kann, und öffentlich angeschlagen:1)

                Gedenktafel_NSU_Boulgarides

Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!“

Erinnerungsarbeit leistet auch das Bayerische Fernsehen. Es hat ein Interview mit Wolfgang Gebhard für das interkulturelle Magazin „puzzle“ gemacht. Und auch für den bayerischen Staatsfunk ist klar, wer Boulgarides tötete:2)

Mit einer Kunstaktion will der Münchner Künstler und Designer Wolfgang Gebhard gegen das Vergessen ankämpfen und die NSU-Opfer wieder in das Gedächtnis der Menschen rufen. Insgesamt 705 einzelne Porträts von Menschen sammelt der Künstler. Jeder, der ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus und für Toleranz setzen möchte, kann an der Aktion teilnehmen. Die Porträts sollen später auf einem Großraumplakat zu einem Satz verschmelzen: „Ich bin Theodoros Boulgarides“. Ein Satz, den Gebhard vor allem als Symbol des Erinnerns an die NSU-Opfer und der Solidarität mit den Angehörigen verstanden wissen will.

Bekenntniskunst gegen das Vergessen also. Und ein bisschen Memento mori. Eine Moderatorin, die als kleine Schwester der hartgesottenen ARD-Lügnerin Golineh Atai3) durchgehen könnte, aber Özlem Sarikaya heißt und deutlich hübscher ist, lässt bereits in der Anmoderation keine Zweifel an der NSU-Täterschaft aufkommen.

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http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/puzzle/viele-kulturen-ein-land-108.html
(Beitrag ab 16.55 min)

Zwischen all diesen Gewissheiten wird es für einen ambitionierten Künstler schwer, die eigenen Arbeitsprämissen zu hinterfragen. Auch dann, wenn wir ausschließen, dass Gebhard mit dem zehnten Todestag des Griechen, dessen Namen er eingestandenermaßen schon vergessen hatte, nur eine schnöde Geschäftsidee verbindet oder ein städtischer Kulturauftrag. Denn immerhin geht der Fotodesigner ferner dem Beruf eines Kommunikationsberaters und ähnlichen, schwer fassbaren Tätigkeiten nach.

Rassismus kann jeden treffen?

Das Interview selbst gibt keine Auskunft über die Echtheit des künstlerischen Anspruchs, es bleibt knisternder Flirt zwischen orientalischer Schönheit und eitlem Selbstdarsteller. Ein Hauch von Lindenstraße weht durch die „Westendstudios“, also nichts Ernstes. Wenn der Fotograf abschweift, platziert die Interviewerin geschickt das Kürzel NSU, damit wir nicht vergessen, worum es geht.

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Wer führt, wird schnell klar: Als die kluge Özlem den Fotografen auf die Idee bringt, dass das brutale Schicksal des Griechen jeden hätte treffen können, schwant Gebhard, in welcher Gefahr er sich selbst befand. Bei diesem Gedanken läuft es ihm „eiskalt den Rücken herunter“. Und auch den Zuschauer lässt das frösteln. Der Mord an Boulgarides war offenbar ein Angriff auf uns alle. Der Haken: Diese Lesart ignoriert komplett die Legende von der rassistischen Opferauswahl des NSU.

Auf die Frage, was die Botschaft der Fotoaktion sein solle, antwortet Charmeur Gebhard:

Wir sitzen alle in einem Boot, wir sind alle Menschen. Es gibt kein … man sollte davon weggehen, irgendwie Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben und irgendeine Gruppe zu stigmatisieren oder vorzuverurteilen. Also das ist eigentlich die wichtigste Botschaft.

Vorverurteilen also. Golinehs kleine Schwester lächelt. Sie hat Gebhard da, wo sie ihn haben will. Gemeint ist nämlich nicht die angeklagte Nazisse Zschäpe, die im Oberlandesgericht, an dem Gebhard täglich vorbeikommt, noch immer schweigt. Oder ihre eigene Moderation. Gemeint ist ein Generalverdacht deutscher Ermittler gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Dass Strafverfolgung schon sachlich nichts mit Vorverurteilung zu tun hat, stört Özlem herzlich wenig. Die perfekte Überleitung ist wichtiger; hin zu den Angehörigen des griechischen Mordopfers, die seinerzeit unter Verdacht geraten waren, wie der Bruder des Ermordeten, Gavriil Voulgaridis.

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Auch der darf nun im Beitrag zu Wort kommen und ist von Gebhards Kunstaktion erwartungsgemäß begeistert. München hat Abbitte geleistet für seine rassistischen Mordermittler. Die Ehre der Familie ist wiederhergestellt. Das scheint ihm glaubhaft das Entscheidende. Pflichtgemäß beklagt Voulgaridis auf Özlems Stichwort hin die Notwendigkeit des Erinnerns.

Ich bin München-Westend

Wie vergesslich Menschen sind, hatte unser Fotograf Gebhard bereits erfahren, als er die Nachbarschaft nach Boulgarides befragte. Auf einer Aktionspostkarte ist sicherheitshalber das Wichtigste zur Kunstaktion festgehalten. Natürlich alles in Kleinschreibung, wie es sich für richtige Kunst gehört:4)

ich bin: theodoros boulgarides

am 15. juni 2005 wurde theodoros boulgarides,
kleinunternehmer im westend, vom „nsu“ in seinem
laden in der trappentreustraße 4 ermordet.

unser nachbar, unser viertel! was bedeutet dieses verbrechen an unserem nachbarn für unser viertel, unsere stadtkultur und für unser gemeinsames zusammenleben?
nun jährt sich das ereignis zum zehnten mal! durch den nsu-prozess in münchen stehen die täter im fokus der öffentlichkeit, wer gedenkt indes der opfer?
die westendstudios 15/1 bringen mit dieser aktion im rahmen der westend kunst- und kulturtage „westend hat ein gesicht“ – den menschen – theodoros boulgarides zurück ins gedächtnis und rufen mit der aktion „ich bin: theodoros boulgarides“ zur solidarität auf!

Der Kiez als große Familie, die zusammensteht und für die man ruhig auch werben darf. Wenigstens für die Westendstudios 15/1. Ohne ein „Ich bin“ scheint das nicht zu funktionieren. „Ich bin“ als austauschbares „Sein an sich“. Eine Art Trigger. Wir denken reflexhaft an Terror, an Paris, an Charlie Hebdo, Al Kaida, Osama bin Laden und eine europaweite Welle der Solidarität, während gleichzeitig das politisch korrekte Abschlachten von Zivilisten in der Ostukraine ausgeblendet bleibt. Die Ikonographie des Terrors. Ein paar Filmschnipsel, libidinöse Karikaturen, stumpfe arabische Tätergesichter, Tränen, Entsetzen, Polizisten in Kampfmontur, „Je suis Charlie“. Identifikation mit dem Opfer. Opfer sein als Platzhalter.

Wozu? Wir erinnern uns an fehlende Erinnerung und fühlen uns gleich ein bisschen schuldig. Wir haben es nicht verhindert. Schlimmer noch: Wir hatten auch das Magazincover von Charlie Hebdo schon vergessen, das den Überlebenswillen „unserer Werte“ demonstrieren sollte. Ablesbar an Auflagenhöhe und Verkaufserfolg.

Erfahren wir etwas über Theodoros Boulgarides, wenn wir uns Namen und Gesicht eingeprägt haben? Nein, natürlich nicht. Alles bleibt Projektion und Inszenierung, die mit der Lebenswirklichkeit des gemeinten Menschen nichts zu schaffen hat. Die Ich-bin-Propaganda erzeugt weder Individualisierung, noch Nähe, sondern sie beseitigt ihre letzten Reste. Gedacht wird nicht des Opfers, vermarktet wird ein Sühneritual in öffentlicher Prozession. Das ist kein Erinnern, sondern Manipulation.

Hatte der Fotodesigner Wolfgang Gebhard eine realistische Chance, sich mit dem Thema Boulgarides auseinanderzusetzen und die Nennung einer konkreten Täterschaft zu vermeiden, wenn sie nicht vollständig geklärt ist? Also das Verbrechen auf irgendeiner abstrakten Ebene brutaler Gewalt darzustellen, den Fokus auf das Opfer gerichtet? Als Brudermord zum Beispiel?

Ja, das wäre möglich gewesen und ist es noch immer. Gebhard hätte jederzeit auf seinem Arbeitsweg am Oberlandesgericht vorbei Halt machen und den NSU-Prozess besuchen können. Selbst ohne die seismographischen Fähigkeiten eines Künstlers, der spüren könnte, dass da irgendetwas nicht stimmt mit der Anklage, den Zeugen, den Beweisen, selbst ohne Menschenkenntnis und Lebenserfahrung hätte er sich dem NSU-Komplex auch völlig rational nähern können. Ganz leicht, vom PC aus, durch Recherche zum Mord im Münchner Westend.

Und wenn er ein bisschen subversiv nachforschen würde, dann stieße der NSU-Künstler im Internet auf die Sachstandsberichte der Kriminalisten von der BAO Bosporus in Nürnberg. Nirgendwo wird er den geringsten Beweis dafür finden, dass ein NSU den Griechen Theodoros Boulgarides erschossen hat. Er könnte sogar leicht feststellen, dass Beamte ernsthaft und sorgfältig ihre Arbeit gemacht haben und ganz ohne Vorverurteilung.

Aber stimmt das so? Oder waren die Ermittlungen gegen das familiäre Umfeld von Theodoros Boulgarides doch Schikane? Wurden Hinweise auf fremdenfeindliche Motive ignoriert?

Ein Streit löst sich auf

Das sind die bekannten Fakten: Theodoros Boulgarides wird am 15. Juni 2005 zwischen 18.35 Uhr und 19.00 Uhr in einem Ladengeschäft ermordet, in dem er mit seinem Geschäftspartner Fehmer einen Schlüsseldienst betreibt. Die beiden haben das Geschäft vierzehn Tage zuvor unter dem Namen „Schlüsselwerk“ eröffnet, die Außenwerbung ist deutsch, nichts deutet auf ausländische Betreiber.

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Vor dem Ladengeschäft befinden sich ein Fußweg, ein Radweg, eine Bushaltestelle mit Wartehäuschen und eine Straße mit zwei Fahrspuren je Richtung. An der Bushaltestelle halten regelmäßig zwei Linien im Abstand von ca. fünf Minuten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es einen öffentlichen Parkplatz. Auf der nahen Landsberger Straße gibt es eine Straßenbahnlinie, am S-Bahn-Haltepunkt Donnersbergerbrücke halten S-Bahn und Bayerische Oberlandbahn.5)

Bei den Zeugenaussagen gibt es zwischen dem Sachstandsbericht der BAO Bosporus und den NSU-Watch-Protokollen zum Münchner Prozess bereits einige erstaunliche Abweichungen.

Die Ermittlungsberichte geben an, dass gegen 18 Uhr ein Zeuge Kaczmarek an der Bushaltestelle vor dem Laden aussteigt und auf das erst kürzlich eröffnete Geschäft „Schlüsselwerk“ zugeht. Er bemerkt vor dem Eingang einen Streit zwischen dem späteren Opfer und einem Gesprächspartner. Boulgarides soll gesagt haben, dass er nicht zahlen könne, worauf die zweite Person antwortet, dass er schon sehen werde, was passiere. Kaczmarek ist nur wenige Meter entfernt. Wegen des heftigen Streites verzichtet er darauf, in den Laden zu gehen und kehrt um.

Ein weiterer Zeuge, Bartsch, gibt an, um 18.10 Uhr am „Schlüsselwerk“ vorbeigefahren zu sein und Boulgarides zusammen mit einem „südländisch“ bzw. türkisch aussehenden Mann vor dem Laden sitzen gesehen zu haben. Beide hätten heftig gestikuliert.

Der Zeuge Papadoupolus sieht Boulgarides um 18.36 Uhr alleine in der Ladentür stehend mit einem Telefon, aber nicht telefonierend.

Daraus wird im NSU-Prozess laut NSU-Watch folgende Aussage des Beamten Kr.:6)

Nach einer Pause folgt der Zeuge Kr. Kr. hat Ermittlungen zur Tatzeit des Mordes an Boulgarides angestellt. Kr. berichtet, er habe sich einen Tag nach der Tat in die Trappentreustraße 4 begeben, um dort die Bewohner des Anwesens zu befragen.

Er habe unter anderem einen Herrn Ka. befragt. Ka. habe ausgesagt, Boulgarides auch noch am vorigen Tag gesehen zu haben. Ka. fahre nachts Bus für den MVV [Münchner Verkehrsverbund] und kenne Boulgarides vom Lokal „Trappentreuhof“. Boulgarides sei damals Fahrkartenkontrolleur gewesen und Ka. vom Sprechen bekannt.

Ka. sei am Abend zuvor kurz vor 18 Uhr aus der Wohnung gegangen, weil seine Nachtschicht um 19 Uhr beginne. Ka. habe dann angegeben im „Trappentreuhof“ gewesen zu sein. Gegen 18.25 habe er nach draußen geschaut, weil er auf seinen Abholer zum Dienst gewartet habe. Da habe Ka. bemerkt, dass Zeuge Pa. am Eingang zur Gaststätte stehe. Dieser habe gesagt, dass noch etwas mit dem Hausmeister bereden müsse. Pa. habe dann beim Hausmeister geklingelt.

Während Pa. den Hausmeister mit dem Handy angerufen habe, habe Ka. Boulgarides im Türrahmen seines Geschäftes stehen gesehen mit einem schnurlosen Telefon oder Handy in der Hand. Kr. sagt, Ka. habe gesagt, dass es sich definitiv um Boulgarides gehandelt habe. Dann sei Ka. wieder ins Lokal gegangen und habe gezahlt, weil sein Abholer da gewesen sei und sei dann gleich rechts zu seinem Abholer gegangen.

Er, Kr., habe die Angaben überprüft. Der Hausmeister habe die Angaben bestätigt. Der Anruf des Herrn Pa. beim Hausmeister habe laut Handy um 18.32 Uhr stattgefunden, die Uhr gehe aber um vier Minuten falsch, es sei also etwa 18.36 Uhr gewesen. Auch der Zeuge Pa. habe das Zusammentreffen mit Ka. bestätigt, habe aber angegeben, Boulgarides nicht gesehen zu haben.

Was fällt im Vergleich auf? Der Streit, der von zwei Zeugen beobachtet wurde, ist verschwunden. Der Zeuge Bartsch ist weg und Kaczmarek geht direkt ins Lokal. Dafür sieht er jetzt 18.36 Uhr Boulgarides mit Telefon, während Papadoupolus gar nichts mitbekommt, sondern den Hausmeister anruft. Für das Verschwinden der Auseinandersetzung gibt es zwei logische Erklärungen: Eine erzwungene Falschaussage vor Gericht oder ein manipulative Fälschung des NSU-Watch-Protokolls. Das ist keine Kleinigkeit, denn erst ohne Konflikte im tatnahen Vorfeld passen willkürliche NSU-Morde widerspruchsfrei in die Verbrechensserie.

Gegen 19 Uhr trifft Geschäftspartner Fehmer am Ladengeschäft ein. In dieser halben Stunde haben der oder die Killer unbemerkt und ohne Spuren zu hinterlassen, Boulgarides niedergeschossen. Interessant, dass Fehmer seit 18.25 Uhr vergeblich versucht haben will, Boulgarides zu erreichen, also zu einer Zeit, als dieser mit Telefon vor seinem Laden stand.

Der oder die Täter gehen unter hohem Risiko vor und haben erstaunliches Glück, dass die Tat und anschließende Flucht unbemerkt bleiben. Böhnhardt und Mundlos werden ebenso wenig gesehen, wie überhaupt die berühmten Radfahrer. Fingerabdrücke und DNA-Spuren können weitgehend zugeordnet werden. Über die verbliebenen offenen Spuren sagt der Bericht der Nürnberger Kripo:

Bei den Tötungsdelikten YASAR und BOULGARIDES wurden mehrere daktyloskopische- und DNA-Spuren gesichert. Diese konnten jedoch noch nicht vollständig zugeordnet werden. Es zeichnet sich jedoch ab, dass auch bei den letzten beiden Tötungsdelikten keine Tatortspur vorhanden ist, die dem oder den Täter(n) zwingend zugeordnet werden kann.

Aufgrund dieser Umstände ist es vielfach nicht möglich, den bestehenden Tatverdacht gegen Zielpersonen zu bekräftigen bzw. vollständig auszuräumen.

Der Chef der Münchner Ermittler, Blumenröther, bestätigt das im NSU-Prozess. Ob die offen gebliebene Spur mit DNA-Material von Böhnhardt und Mundlos abgeglichen wurde, erfahren wir freilich nicht:7)

Es seien eigentlich keine Spuren offen geblieben, so Blumenröther weiter, alle Spuren hätten „Berechtigten“ und Kunden zugeordnet werden können. Nur an der Außentüre habe es noch eine offene DNA-Spur gegeben.

Die einzige Verbindung zur sogenannten Ceska-Mordserie sind die drei Projektile, mit denen Boulgarides erschossen wurde. Bereits am nächsten Tag bestätigt das BKA die Übereinstimmung mit weiteren Projektilen der Verbrechensserie. Eine beachtliche Leistung bei Einschränkungen der Aussagefähigkeit durch das BKA selbst:8)

5.1 Spurenbewertung

Die Geschosse tragen Waffenspuren, die für die durchzuführenden Standarduntersuchungen im Schusswaffenerkennungsdienst gerade noch geeignet erscheinen. Die Identifizierung der Tatwaffe sowie die Feststellung von Tatzusammenhängen anhand dieser Waffenspuren erscheint jedoch möglich.

5.3 Schusswaffensystembestimmung

Die auf den Geschossen allein erkennbaren Waffenspuren erlauben keine nähere Aussage zu dem bei der Tatausübung benutzten Waffensystem. Aufgrund der festgestellten Tatzusammenhänge kann jedoch als Tatwaffe von einer Selbstladepistole Ceska, Modell 83, Kaliber 7.65 mm Browning ausgegangen werden.

Was hier zum einzigen Indizienbeweis für die Täterschaft der Zwickauer Zelle geführt hat, nämlich die unterstellte Verwendung einer bestimmten Waffe für alle Morde der Serie, ist im Falle des Mordanschlages auf den Generalbundesanwalt Buback im April 1977 in Karlsruhe eine naive Annahme. So stellen es Bundesanwälte gegenüber dem Sohn des Ermordeten, Michael Buback, dar:

Erstaunlicherweise wurden beide über etwa zehn Jahren nicht wegen der Morde angeklagt, aber nach dem Tode der beiden Männer sind die Ermittler fest überzeugt, dies seien die Täter gewesen. Mich erstaunt diese Annahme auch deshalb, weil meiner Frau und mir von zwei Bundesanwälten erklärt wurde, es sei naiv anzunehmen, dass die Besitzer der Karlsruher Tatwaffe, also Verena Becker und Günter Sonnenberg, bei ihrer Verhaftung vier Wochen nach dem Verbrechen, auch die Karlsruher Täter seien.

Eine solch brisante Waffe werde selbstverständlich von den Tätern an Dritte weitergegeben. Beim NSU-Komplex wird der umgekehrte Schluss gezogen: Hier gelten diejenigen als unmittelbare Täter, bei denen oder in deren Bereich die Tatwaffe gefunden wurde.9)

De mortuis nil nisi bene

Im September 2013 wird im NSU-Prozess der Geschäftspartner von Theodoros Boulgarides, Wolfgang Fehmer, als Zeuge gehört. Auch er stößt in das Horn einer rücksichtslos ermittelnden Polizei.10)

Fe. sagt, eine Beziehung sei daran zerbrochen und er habe eine ganze Menge Geld verloren, „weil mich die Polizei schikaniert hat“. Er sei monatelang immer wieder vorgeladen worden, auch Mitarbeiter seien vorgeladen worden, der eine sei sogar weg gezogen. Götzl fragt, um welche Themen es bei den Vernehmungen gegangen sei. Fe. sagt, es sei immer um dasselbe gegangen. Ob sein Kollege sexsüchtig gewesen sei oder spielsüchtig. „Die wollten uns in den Dreck ziehen und das haben sie auch geschafft.“

Richtig ist, dass sich die Ermittlungen im Mordfall Boulgarides zunächst auf das nähere Umfeld und die Angehörigen konzentrieren. Ist das Rassismus? Der langjährige Leiter der Münchner Mordkommision, Josef Wilfling, der an der Aufklärung der Mordfälle Sedlmayr und Moshammer beteiligt war, ohne dass ihm deshalb Homophobie vorgeworfen wurde, stellt klar:11)

Es wird immer von innen nach außen ermittelt“, erklärt er das Vorgehen der Beamten. Die Polizei überprüft zuerst das Umfeld des Opfers, die Familie, denn die meisten Tötungsdelikte sind Beziehungstaten. „Für München kann ich aber ausschließen, dass die Angehörigen unter Druck gesetzt wurden.“

Gibt es Anhaltspunkte, die Motive im persönlichen Umfeld und eine Beziehungstat plausibel machen? Ja, auch die gibt es reichlich. Aus der offiziellen Rezeption des NSU-Komplexes werden sie weitgehend verdrängt. Ersetzt durch die Fokussierung auf inkompetente und vorurteilsbeladene Kriminalbeamte. Es scheint, als wäre das nicht nur einer Pietät gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen geschuldet, sondern Teil einer Strategie, die Zweifel an einer NSU-Täterschaft verhindern soll, indem sie die Ermittler kompromittiert.

Als Wilfling hört, dass es um Opferangehörige gehen soll, lächelt er. „Da sind Sie bei mir richtig. Zu den Angehörigen der Opfer hatte ich immer ein ganz enges Verhältnis.“ Nun geht es um die Angehörigen der NSU-Opfer von München, es waren zwei: Habil Kiliç, der am 29. August 2001 ermordet wurde, und Theodoros Boulgarides. „Wir haben uns um beide Familien wahnsinnig gekümmert. Es tut weh, wenn sie jetzt sagen, wir hätten sie nicht gut behandelt“, sagt Wilfling. Es scheint zwei sehr verschiedene Wahrnehmungen des Geschehenen zu geben.12)

Wer sich gegen das Vergessen stemmen will, darf die dunklen Seiten dieses Mordfalles auch bei respektvollem Umgang mit persönlicher Tragik nicht völlig aussparen. Dort ist eine Realität zu finden, die wir auf politisch korrekten Fotoinstallationen vergeblich suchen.

Die Lebensumstände des Theodoros Boulgarides sind bei NSU-Leaks recherchierbar. Anhaltspunkte für eine Beziehungstat auch. Wenige Stichworte der Ermittlungsakten genügen, um die Absurdität des Vorwurfes einer zwanghaft fixierten Polizei zu erkennen, die tatsächlich mit großem Einsatz nach den verbindenden Punkten der Ceska-Mordserie und Motiven für Auftragsmorde sucht. Nicht nur im privaten Bereich.

Ermittler haben keine moralischen Wertungen zu treffen. Aber das mögliche Konfliktpotential, das sich aus tiefen seelischen Verletzungen ergeben kann, einzuschätzen und abzuklären, ist Routinearbeit. Wer sich also erinnern will, muss zur Kenntnis nehmen: Das Leben von Theodoros Boulgarides befindet sich in der Vortatphase im Umbruch. Nach Trennung und Scheidung lebt er mit einer neuen Frau zusammen, die ihrerseits Mann und Kinder in Griechenland verlassen hat. Boulgarides hat seine Anstellung bei der Bahn aufgegeben und sich selbständig gemacht. Mit der Abfindung finanziert er den Ausbau einer Anliegerwohnung und die Geschäftseröffnung des Schlüsseldienstes. Finanzermittlungen ergeben zudem Verbindlichkeiten der noch nicht rechtskräftig geschiedenen Eheleute in erheblicher Höhe. Nach dem Mord kommt eine Risikolebensversicherung an die Witwe zur Auszahlung, die der Absicherung einer vermieteten Eigentumswohnung diente.

Eine mindestens unklare finanzielle Situation der Mordopfer ist Kennzeichen der gesamten Mordserie. Die Ermittler stellen fest, „dass alle Opfer, zumindest dem Finanzamt gegenüber, Einkünfte geltend machten, mit denen eine normale Lebensführung nicht möglich war.“ Noch stärker als die persönlichen Hintergründe Theodoros‘ selbst geraten laut Bericht die Verhältnisse seines Bruders ins Blickfeld der Ermittler.

Die Finanzsituation des Gavriil VOULGARIDIS darf als angespannt bezeichnet werden, immer wieder muss er größere Kredite aufnehmen. Gavriil selbst räumte ein, in der Vergangenheit schon gelegentlich Kokainkontakte gehabt zu haben, ohne seine „Quellen“ zu nennen. Es liegen aber auch Angaben von Zeugen vor, die behaupten, dass Gavriil Voulgaridis zeitweise in hohem Maße Kokain konsumierte. Er soll das Kokain von einem türkischen Dealer namens „Arif“ bezogen haben.

Die Identifizierung dieser Person ist noch nicht gelungen. Aus den Vernehmungen ist weiter klar ersichtlich, dass die beiden Brüder ein sehr enges Verhältnis hatten, Theodoros stets seinem Bruder in kniffligen Situationen half und die beiden alles übereinander wussten.

Es kann daher die These aufgestellt werden, ob nicht nur Theodoros B. das gezielte Opfer war, sondern sein Bruder Gavriil ein Motiv für die Tat gesetzt hat, indem er beispielsweise seinen Geldbedarf von unbekannter dritter Seite zu decken versuchte und das Brüderpaar hier den Forderungen nicht mehr ausreichend nachkam.

Die heißeste Spur

Diese Ermittlungen im persönlichen Umfeld des Ermordeten führen nicht zur Aufklärung, aber sie deshalb vorgreifend zu unterlassen, wäre das Ende aller staatlichen Strafverfolgung. Auch die Einzeltätertheorie als Keimzelle der Neonazimörder ist bereits im Sachstandsbericht von 2005 untersucht – zusammen mit den wichtigsten Ausschlusskriterien:

Aufgrund des Umstandes, dass sich bei den Opfern kein konkretes Motiv ergibt, kriminelle Bezüge nicht zu finden sind und Beziehungen untereinander fehlen, werden auch Überlegungen zu Einzeltätern mit einbezogen, die ohne Mordauftrag Dritter aus eigenen Motiven (ähnlich den in den USA aufgetretenen „Snipern“) handeln.

Dagegen spricht, dass fast alle Opfer vor den Tatzeiten von Personen aufgesucht wurden, die nicht zur Stammkundschaft oder zum näheren Bekanntenkreis der Opfer gezählt werden können. Die Besuche wurden von unbeteiligten Zeugen als Bedrohungslagen oder als Streitgespräche interpretiert. Weiterhin liegen Aussagen vor, dass es z.B. bei den Opfern SIMSEK und TASKÖPRÜ zu Wesensveränderungen in den Wochen vor der Tat gekommen war, was ebenfalls gegen diese Theorie spricht.

Das erklärt, warum die Möglichkeit eines fremdenfeindlichen Motives zwar erkannt, aber plausibel verworfen und nicht auf Rechtsextremisten erweitert wurde. Und schon gar nicht auf ein NSU-Phantom. Auch eine Verwechslungstat in Bezug auf den Griechen Boulgarides wird damit unwahrscheinlich. Das hält die Nebenklage, der die Aktenlage bekannt ist, nicht davon ab, im Münchner NSU-Prozess medienwirksam so zu tun, als habe die Polizei aus ideologischen Gründen diese Spur nicht intensiv genug verfolgt.

Narin fragt, ob es Hinweise auf ein mögliches rassistisches Motiv gegeben habe, was Blumenröther verneint. Narin fragt anders, ob es Hinweise auf mögliches ausländerfeindliches Motiv gegeben habe. Blumenröther: „Ja, natürlich, allein bedingt durch die Serie ist ein Ausländermotiv gegeben.“ 13)

Ob die BAO Bosporus, in der die Münchner Soko „Theo“ aufging, die Täter der Ceskamordserie ermittelt hatte, als Wolfgang Geier Ende 2007 seinen Abschied nahm, ist unbekannt. Für eine Täterschaft der drei Jenaer Bombenbastler liegen im Falle des Griechen jenseits der im Zwickauer Brandschutt gefundenen Ceska keine stichhaltigen Indizien vor.

Es passt in die Serie der Merkwürdigkeiten, dass sich die Witwe des Mordopfers im Frühjahr 2011 um Akteneinsicht bemüht. Vertreten wird sie von einem damals unbekannten Anwalt Yavuz Narin, der aktuell versucht, den Politikwissenschaftler Funke aus misslicher Lage zu befreien.

Ein halbes Jahr bevor der rechtsextremistische Hintergrund der Tat bekannt wird, will Boulgarides die Akten lesen, noch immer treibt sie die Frage um, ob ihr Exmann tatsächlich ein Doppelleben geführt hat. Im Frühjahr 2011 lernt sie ihren Anwalt Yavuz Narin kennen. Er ist jung, türkischer Abstammung, sehr ambitioniert und hat sich schon mit den Morden beschäftigt.

Narin bemüht sich bei der Polizei um Akteneinsicht. Sofort meldet sich der zuständige Beamte bei Boulgarides, erzählt sie. Noch am Abend steht er in ihrer Wohnung und stellt Fragen zum neuen Anwalt: Wer der Türke sei, woher sie ihn kenne? »Vielleicht war ich die heißeste Spur seit Langem«, meint Narin.14)

Wenn wir nach sorgfältiger Prüfung aller erreichbaren Informationen nicht sagen können, wer Theodorus Boulgarides ermordete, dann ist die zugeschriebene Täterschaft an einen NSU eine Lüge. Dann wird das Opfer instrumentalisert, um die Lebenden zu korrumpieren.

Woher kommt die Bereitschaft der Nebenklage und der Angehörigen mutmaßlich falsche Mörder zu akzeptieren und die wirklichen Täter zu decken? Wem nützt das? Neben einem zynischen Ehrbegriff, der rassistische Nazikiller einem Auftragsmord vorzieht, ist es vor allem das Kräftespiel der politischen Interessen, dass das NSU-Phantom auch innerhalb der Migrantencommunity schützt, denn das Festhalten am NSU dient der Integration.

Künstler wie Wolfgang Gebhard und die Moderatorin Özlem Sarikaya sensibilisieren deshalb nicht, sie stumpfen uns mit einer Lüge ab. Sie stärken nicht die Achtung vor dem Leben, sie betreiben das Geschäft des Todes. Wer durch falsche Rassismusvorwürfe das Ermitteln der Mörder verhindert, erleichtert weitere Verbrechen, die ungesühnt bleiben werden. Ungesühnt, wie der Mord an Theodoros Boulgarides.

Fußnoten/Quellennachweise

1) http://www.hamburg.de/bwvi/medien/3362048/2012-04-03-erinnerung-opfer/

„Gedenktafel NSU Boulgarides“ von Cholo 3 – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel_NSU_Boulgarides.JPG#/media/File:Gedenktafel_NSU_Boulgarides.JPG

2) http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/puzzle/kunst-fuer-nsu-opfer-puzzle-100.html

3) https://propagandaschau.wordpress.com/2015/07/08/ard-propaganda-machwerk-zerrissene-ukraine-die-marchenwelt-der-golineh-atai/

4) http://www.westendstudios.de/15-1/downloads/Ich%20bin-Theodoros%20Boulgarides.pdf

5) http://www.nsu-watch.info/2013/09/protokoll-39-verhandlungstag-25-sept-2013/

6) a.a.O.

7) http://www.nsu-watch.info/2013/10/protokoll-46-verhandlungstag-15-oktober-2013/

8) NSU-Leaks; Dönermorde Waffengutachten Morde 5-9.pdf

9) http://www.heise.de/tp/artikel/42/42089/1.html

10) http://www.nsu-watch.info/2013/09/protokoll-38-verhandlungstag-24-sept-2013/

11) http://www.zeit.de/2012/48/Opfer-NSU-Hinterbliebene/seite-3

12) a.a.O.

13) http://www.nsu-watch.info/2013/10/protokoll-46-verhandlungstag-15-oktober-2013/

14) http://www.zeit.de/2012/48/Opfer-NSU-Hinterbliebene/seite-5