Fünfte Jahreszeit

               

Man ist ja ein Mann, hätte die Möglichkeit gehabt, den niederzuschlagen. Warum hat man das nicht gemacht?“
Ein Arnstädter Sparkassenfilialleiter

Kommst du nach Gotha, Oswald Ackermann, sag ihnen, wir haben die Wahrheit gesucht in närrischer Zeit, als das Gesetz verhöhnten, die es beschützen sollten. Wer die NSU-Stränge Eisenach und Zwickau entwirren will, den thüringischen und den sächsischen, bis an den Rand des stillen Naziuntergrunds, der gelangt über Gotha zum Arnstädter Überfall, wo du kein Mann warst.

Am 7. September 2011 endet in deiner Sparkasse das Exil der Bombenbastler. Das Ereignis verbindet Eisenach und Zwickau, Naziterror und Registriergeld. Ein Bankraub bringt sie nach Hause und löst die Katastrophe aus. Hier beginnt die Verwandlung dreier Menschen, die der Staat um ihr Leben betrog, zum NSU-Phantom. Kriminaldirektor Menzel wird zum Gott aus der Maschine, Christian Leucht ist sein Prophet.

Wenn Binningers VT-Ausschuß zu irgendetwas nütze war, dann hat er die dürftige Faktenlage zum Überfall um Zeugenaussagen und ein paar Aktenschnipsel ergänzt. Aufklärung wider Willen also, beim zweiten Versuch, die heimliche Entsorgung des Rechtsstaates abzutarnen, mit Trugspuren, „limited hangouts“ und einer weiteren Verschwörungstheorie: Das Kerntrio und seine unerkannten Helferlein.1)

Freilich bleibt der Unterstützerkreis beweislos wie die Verbrechen der Zwickauer Zelle. Für den Ausschuß ist das kein Problem, im Gegenteil. Und so treiben die Polizisten Binninger und Schuster ihre Zeugen spielerisch in die Enge, füttern Spekulationen, die man angeblich ausräumen will, und übergeben, werden Zeugen mal nervös, das Fragerecht an das Marschner-Groupie Pau.

Serienjunkies

Die „sächsisch-bundesweite“ Bankraubserie, die 1998 in Chemnitz beginnt und in Eisenach beendet wird, haben die Polizisten Leucht, Flämig und Merten erkannt, sie begründet materiell den NSU, das Fundament, das Selbstenttarnungen und alles Folgende erst möglich macht.

Aber diese wunderbare Serie hat Makel: Objektive Spuren fehlen oder sind vernichtet,2) Allgemeines wird zum Besonderen erklärt, Muster werden behauptet, Abweichungen ignoriert. Solche klaren Muster ergeben sich nicht bei Wiederholungstaten, weder bei Zeitspannen3), noch Orten, noch bei angeblich „zu geringer“ Beute.4) In Stralsund kommen die Täter wieder, obwohl oder weil der erste Überfall erfolgreich war. Dringend nötig brauchen auch die Arnstädter Räuber den Nachschlag nicht; am 4. November fahren sie 40.000 Euro Altbeute spazieren. Aber das können die Brainstormer Wötzel und Leucht nicht wissen.

Daß die Serie konstruiert wirkt, weil der Modus operandi diesselbe Täterschaft keineswegs zwingend macht und Täterbeschreibungen, Bekleidung, Waffen, Maskierung, Wochentage und Fluchtfahrzeuge variieren, wurde gezeigt.5) Trotzdem geht man damit in Thüringen hausieren.

Selbst Linkshändigkeit ist ein unsicheres Indiz, der Anteil im Volk schwankt zwischen fünf und dreißig Prozent.6) Bei zehn Prozent hält jeder zehnte Bankräuber die Pistole mit links. Oder auch nicht. Denn Frauenschläger Böhnhardt traktiert ja in Arnstadt mit dem Telefon die Dame am Empfang. Den Revolver steckt er ein, statt sie einfach damit zu bedrohen? Oder legt doch die Handgranate ab?

Bleiben die Fahrräder. Zeugen, die sie sehen, gibt es in Arnstadt auch. Fahrräder sind inzwischen ein so stark suggestiver Beweis, daß egal scheint, wer damit fährt oder sie schiebt. Das können immer nur Böhnhardt und Mundlos sein, die einzigen Radfahrer der Welt. Folglich werden, wenn es sonst schon keine Spuren gibt,7) Räder zum Fingerabdruck des NSU bei Dönermorden bis zum Bombenterror von Köln.

Nur geträumt

Die Idee vom Fahrradtransporter haben Leucht und Genossen schon 2006, noch vor den Banküberfällen in Stralsund, bei denen hohe Beträge erbeutet werden.8) Sie ist 2011 also fünf Jahre alt. Und es gibt eine Parallele zu Arnstadt: Auch in Stralsund meldet man sich spontan von Sachsen aus, ist sich sicher, fährt hin zum Meinungsaustausch und will es da schon „bundesweit“.

Trotz des Erfolgs und erneut abweichend vom Muster, überfallen die Täter zwei Monate später, Mitte Januar 2007, dieselbe Bank.9) Leuchts „scharfe Waffe“ scheint nun eine Schreckschußpistole zu sein. Auf Konsequenzen nach dem letzten Raub hat die Sparkasse verzichtet und Polizeimaßnahmen bringen nichts trotz sächsischer Tips? Keine Ringfahndung nach einem Transporter mit mitteldeutschem Kennzeichen? Sächselnder Tourismus an der Küste dürfte im November und Mitte Januar überschaubar sein.

Denken die Kripobeamten in fünf Jahren, in denen sie mit der Idee vom Fahrradtransporter schwanger gehen, auch an Beschaffungskriminalität? Wie lange brauchen sie, um auf die Thüringer Bombenbastler zu kommen, 1998 abgetaucht in ihrem Revier? Hört man von Observationen in Chemnitz beim Kollegentratsch; Meldungen und Gerüchten, die man verknüpft? Auffallen darf den rührigen Polizisten auch das zeitliche Zusammentreffen der Chemnitzer Bankraube mit dem Trio, das dort vermutet wird.

Kannten sie vielleicht sogar die Namen der 2011 längst nicht mehr Gesuchten, die sie im „Brainstorming“ dann nach Thüringen geben? Ein Köder für Gothas antifaschistische Aktion oder war das Wunderlich, der sich erinnert hat? Erklären würde es Menzels Schnitzer der zu früh beschafften Vermißtenakte Mundlos, deren Beiziehung er später auf den 5. November verschiebt, auf einen Zeitpunkt, als sie niemand mehr braucht.

Hat die BAO Bosporus am 12. März 200710) Phantasien zu den Ceskamorden ausgelöst, über „eindeutige“ Merkmale vom spurlosen Fahrradphantom, ähnlich den Eingebungen bei Michèle Kiesewetters Polizistenonkel Mike?

Zwickaus früherer Staatschutzchef Andrä verneint vehement Wissen über die Verschollenen;11) trotz Fahndung, MDR-Sendungen und Bernd Merbitz, der einst die Soko Rex anführte beim Kampf gegen Rechts im renitenten Südsachsen und intensiver Mühe, die Jenaer nicht zu finden. Andererseits hält Fremden gegenüber die Omertà der Beamtenschaft bis heute.

Ist die „thüringisch-bundesweite“ Raubserie, die 2008 mit einem Überfall in Schmiedeberg am Rennsteig beginnt und in einem Stralsunder Gericht endet,12) bei deren Aufklärung Michael Menzels Soko hilft, halbbewußte Vorlage für Leucht? Soll Ähnlichkeit der Serien Gothas Polizeichef begeistern fürs sächsische Plagiat? Gothas KOK Wötzel jedenfalls beißt an.

Warten aufs Phantom

Aber Mario Wötzel bleibt nach dem Arnstädter Überfall einziger Bearbeiter, eine Soko fällt aus, Super-Menzel scheint an priorisierter Ermittlung nicht interessiert.13) Dennoch: Im merkwürdigen Kontrast wird man aktiv, erwartet einen neuen Überfall, glaubt den Sachsen also. Das LKA ist eingebunden. Jürgen Dressler, 2012 im Dezernat 34, Bereich „Verdeckte Ermittlungen“:14), 15)

Man habe dort im Hinblick auf mögliche weitere Banküberfälle mehrere Kräfte vorsorglich zusammengezogen bzw. in Bereitschaft versetzt. Der Zeuge bestätigte, er könne sich daran erinnern, weil auch immer entsprechende Observationskräfte dazu gehört hätten und insoweit bei ihnen immer ein Engpass bestehe. Ob Herr Menzel an dem Wochenende (4./5. November 2011) Einsatzkräfte des TLKA bekommen hatte, wisse er nicht. Er wisse aber, dass dieses Thema – und das sei auch richtig so – im Vorfeld der Ereignisse am 4. November 2011 schon über mehrere Wochen bedeutsam gewesen sei und entsprechende Einsatzpläne vorhanden gewesen seien.“

Einsatzpläne und Observationskräfte auf einen vagen Verdacht hin und einer fixen Idee aus Sachsen. Wötzel macht einen Aktenvermerk, in den er eine „hoch wahrscheinliche“ Verbindung nach Sachsen notiert. Für besonders auffällig hält er, daß in der sächsischen Serie fast immer zwei Täter gehandelt hätten.16) Allerdings ist das Internet voll mit Banküberfällen, bei denen zwei Täter, maskiert, mehr oder weniger brutal mit Schusswaffen agieren.17)

Kann man sich auf einen individuellen Modus operandi versteifen, wenn Merkmale eher üblich sind? Ein Bankraub mehrerer maskierter Männer ist kein Gesprächskreis, er dürfte typische Elemente haben bei aggressivem Auftreten, Fixieren von Personal und Kunden, Anweisungen zur Geldübergabe, Absichern und gemeinsamer Flucht, zumal in einer Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren, wie sie von Zeugen beschrieben wird.

Auffälligkeiten dagegen werden heruntergespielt: In Arnstadt schlägt ein Täter mehrfach mit einem Telefonhörer brutal auf eine Angestellte ein, fast exzessiv. Diese übertriebene Gewalt ist für die Bankräuber unnötig und riskant; ein eingespieltes Team wird Komplikationen vermeiden und auf Routine und Effizienz setzen, erst recht wenn es planvoll vorgeht, wie die Radfahrer vom NSU.

Paradoxerweise schaffen Leucht, Flämig und Merten mit ihrer fast willkürlich anmutenden Individualisierung am Ende einen neuen, unglaubwürdigen Typus: den deutschen Rechtsterroristen, der sich – wie sein Pendant von der RAF – mit Banküberfällen ein Leben im Untergrund finanziert.

Die schlafwandlerische Sicherheit, mit der sie „ihre Serie“ behaupten, ohne materielle Beweise, und den Bankraub am 4. November prophezeien, ist bis zuletzt schwer nachvollziehbar: Der „Mulatte“ im Erkenntnisfernschreiben vom 13. September 201118) wird von Leucht und Flämig ignoriert wie der Langhaarige in Eisenach von Menzel; das sind dann Wahrnehmungsfehler einer doofen Friseuse und eines schlichten Kutschers.

Einen Tag später schon drängen sich die „elektrisierten“ Zwickauer den Thüringern auf. Kurz darauf meldet sich auch Merten, der Ohrengutachter aus Chemnitz, mit dem „sächsisch-bundesweiten“ Konstrukt.

Alles nur Übung?

Und doch wird die Vermutung zur Realität und Christian Leucht verfaßt am 4. November 2011 eine Meldung, die um 10.17 Uhr im Lagezentrum der Polizeidirektion Zwickau eingeht:19)

10:17 Ausgangsinformation <- KPf/ Dez 2, Kollege Leucht
>>Fahndungsinfomation<<
Hat Infos zu einer Raubstraftat Im Bereich Eisenach/ Th, bei dem ein Wohnmobil mit V-…Kennzeichen eine Rolle spielen soll.“

Das ist eine Stunde nach dem Überfall. Gegen 9.30 Uhr beobachtet Rentner Stutzke angeblich, wie Fahrräder in ein Wohnmobil verladen werden, geht einkaufen und berichtet davon, als er zurückkommt, der Polizei; geschätzt 9.50 Uhr.20) Da wird das V-Kennzeichen bekannt. Erst 10.08 Uhr ist die Hubschrauberstaffel über ein Womo aus Sachsen informiert.

Aber schon 10.29 Uhr legt Leucht nach:

10:29 Sachverhalt <- OE: Kriminaipolizeiinspektion
Herr Leucht;

Heute gegen 09.20 Uhr kam es in Eisenach zu einem Raubüberfall auf ein Geldinstitut, Täter flüchteten mit einem weißen WoMo mit V-Kennzeichen. Tat steht im Zusammenhang mit einer Serie von Überfällen auf Geldinstitute im Bereich Thüringen und Sachsen.

Vorsicht Schusswaffe!! Eigensicherung beachten!!“

Für Leucht ist zu diesem Zeitpunkt nicht nur klar, daß die Täter von Eisenach und Arnstadt, wie erwartet, dieselben sind, er ist völlig sicher; das ist „seine Serie“. Wenige Stunden später ist die zuende. Unheimlich. In Eisenach erhält KOK Lotz kurz vor Leuchts Eintrag gegen 10.20 Uhr einen Anruf von Mario Wötzel aus Gotha, dem Ermittler des Arnstädter Überfalls. Auch hier legt man sich rasch auf die Ermittlungsrichtung fest. Eine Stunde nach dem Raub, in dynamischer Lage, sind alle Hinweise ausgewertet und keine Fragen offen:21)

Der Unterzeichner erhielt während der kriminalpolizeilichen Maßnahmen gegen 10:20 Uhr einen Anruf von Herrn KOK Wötzel vom Kommissariat 2 der KPI Gotha. Dieser war Bearbeiter eines Überfalles auf eine Bank in Arnstadt. Es erfolgte ein Informationsaustausch mit dem Ziel, festzustellen, ob es sich in beiden Fällen um die gleiche Tätergruppe handelt. Das es offenkundig so ist, konnte anhand der Begehungsweise, der auffälligen Maskierung und Bekleidung der Täter sowie der Bewaffnung (silberfarbener Revolver) als gesichert angesehen werden. Auf Grundlage dessen konnte KOK Wötzel weitere Ermittlungsergebnisse und Hinweise an den Unterzeichner übermitteln, so dass diese für die weitere Bearbeitung des Sachverhaltes genutzt werden konnten.“

Der Gothaer Wötzel telefoniert mit Lotz und gibt alle Informationen ungeprüft in Echtzeit nach Sachsen weiter? Wie Wötzel überhaupt auf die Idee kommt, in Eisenach anzurufen? Na, der emsige Beamte meldet sich zufällig am Freitagmorgen des 4. November bei der KPI Eisenach, Arnstädter Funkzellendaten wegen, weil ein Eisenacher Kollege schon mal bei der Auswertung half. So erfährt er vom Bankraub und meldet sich bei Lotz, der eigentlich gar nicht für Raubdelikte zuständig ist, aber zum Tatort eilt und gerade anderes zu tun haben sollte.

Auch Polizist Binninger ist über die Kommunikationswege erstaunt. Zu Leucht meint er:22)

Um 9.50 Uhr gibt es die Erstinformation in Thüringen noch am Tatort in einer Lage, die noch vollig dynamisch ist, und um 10.15 Uhr weiß schon der zuständige Sachbearbeiter im anderen Bundesland Bescheid und informiert selber das Lagezentrum. So schnell, muss ich echt sagen, hatte ich – – Die Polizei ist schnell, aber wie kam das so schnell zustande? […]

Oder waren Sie irgendwie in Erwartung, jetzt konnte bald mal ein Anruf kommen?

Zeuge Christian Leucht: Nein. Ich kann es einfach so erklären: Ausgangspunkt war der Überfall in Arnstadt. Da war für uns sofort klar – – Wir haben die KPMD-Meldung gesehen, dort waren, wenn ich mich nicht irre, sogar schon entsprechende Fotos mit angehangen aus der Überwachungskamera, wo sofort klar war: Das sind unsere Leute. Also, da gab es eigentlich wenig Zweifel.

Wir hatten uns dann sofort mit den Kollegen in Verbindung gesetzt, wie schon gesagt, haben die Unterlagen, die wir hatten, die Erkenntnisse sofort transferiert, dass die dort in der Lage gelebt haben, und hatten eigentlich vereinbart: Wenn was passiert, umgehend Info an uns. – So, das war, ich sage mal, eigentlich alltägliche Übung.

Vorsitzender Clemens Binninger:
Das liegt nahe, aber, sagen wir mal, das war ja dann – – Im Prinzip muss der Kollege das so verstanden haben: Bevor ich irgendwas anderes mache, in Eisenach eine Fahndung einleite, rufe ich erst den Leucht an.

Zeuge Christian Leucht: Das weiß ich nicht, das müssen Sie ihn selber fragen. Es kam dann die Info, wo man sagte: Okay, jetzt, was ist für uns zu tun?

Vorsitzender Clemens Binninger: An Sie persönlich?

Zeuge Christian Leucht: Ja.

Fernsteuerung aus Sachsen also ohne Zuständigkeit. Wer soll das glauben? Nach Menzels Aussagen wird das Zeitfenster für Leuchts Schlußfolgerungen noch kleiner.23)

[…] Gegen 10:30 Uhr habe es die ersten Informationen aus der Bank zur Bekleidung und Bewaffnung der Täter gegeben. Die Beschreibung der Waffen, insbesondere die des mitgeführten Trommelrevolvers, sei unmittelbar an einen Sachbearbeiter in der KPI durchgestellt worden und neben der Anzahl der Täter und deren Bekleidung Anhaltspunkt für die Vermutung gewesen, dass es sich um dieselben Täter wie in Arnstadt handeln könnte.“

Aber gut, man wird fast zu Recht sagen können; verwertbar sind Menzels Zeitangaben nur bedingt.

Helden

Und der Arnstädter Überfall? Begingen den die Uwes und war der wenigstens echt? Fragen wir Filialleiter Ackermann, wie er ihn erlebt. Übersehen wir seine Aufschneiderei, achten wir auf die Chronologie und ein paar interessante Details.24)

Der Täter habe gedroht, ihn zu erschießen: „Ich habe gesagt, was das solle, wenn er mich erschießt, kommt er an den Tresor nicht ran, es dauert halt die acht bis zehn Minuten.” Er habe sich umgedreht, um die Kombination einzugeben. Als er das gemacht habe und sich wieder umgedreht habe, sei der Täter verschwunden gewesen.

[…] Er sei in den Servicebereich gegangen und habe gesehen, dass die Täter verschwunden waren. Dann habe er wahrgenommen, dass die Kollegin verwundet am Boden lag. Sie habe eine klaffende Kopfwunde gehabt.“

Ackermann läuft nach oben in Praxis, um ärztliche Hilfe zu holen, kümmert sich aber nicht weiter um die am Boden Liegende, von der sagt: „Ich dachte, als ich sie fand, sie sei schwer verletzt.”

Er hat dann nichts Besseres zu tun, als vor der Filiale Passanten nach den Flüchtigen zu fragen, erfährt, „dass die auf Rädern geflohen seien“ und fordert seine möglicherweise unter Schock stehenden Mitarbeiter auf, „sich getrennt voneinander hinzusetzen, den Täterbogen auszufüllen, nicht miteinander zu sprechen.“

Ernsthaft, Ackermann, war das so? Interessant die Dauer des Ereignisses. Der Filialleiter drückt den Alarmknopf unmittelbar nach Beginn des Überfalls:

Das Ganze habe insgesamt vom Überfall bis zum Eintreffen der Polizei schätzungsweise 20 Minuten gedauert.“

Zwanzig Minuten. Solange braucht die Polizei Arnstadt bis zur Sparkasse Goethestraße bequem zu Fuß. Neun Minuten mit dem Fahrrad und ohne Blaulicht. Da hätte man die Räuber fast noch treffen können.25)

Zur Beute befragt hat Ackermann „keine konkrete Erinnerung mehr“ und bezieht sich auf Pressemeldungen. Spätestens das läßt grübeln. Für den Leiter einer Sparkasse, der als Zeuge im NSU-Prozeß vom Überfall berichtet, eine merkwürdige Anwort. Weicht er aus? Will er in diesem Punkt nicht lügen müssen? Die Täter beschreibt er als aufgeregt und ein wenig begriffsstutzig:

Was ich noch sagen möchte: Ich war über den Überfall irritiert, weil ich dachte das sind Dilettanten. Die haben uns nicht zusammen gehalten. Die eine Kollegin konnte abhauen, haben rumgeschrien.“ Vorne an der Tür stehe, dass der Tresor zeitschlossgesichert ist. Das sei ihm unprofessionell vorgekommen: „Im Nachhinein war es ihnen vielleicht egal, hat das keine Rolle gespielt.“ Er sagt, dass die aufgeregt gewesen seien, weil sie nur rumgeschrien hätten. Sie hätten denen gesagt, dass sie alles machen, da hätten die nicht drauf reagiert: „War eine ganz ganz hektische und aufgeregte Situation, auch von Seiten der Täter, finde ich.“

Zeitschlossgesicherter Tresor, Mundlos der „Intellektuelle“ mit Leseschwäche, hektische Bankräuber, die nach etlichen Überfällen immer noch patzen, aber als Mörder agieren sie kaltblütig und effizient. Meist zumindest.

Waren das die Uwes? Auch die Körpergrößen stimmen nicht, wie schon in Köln, das Alter paßt nicht, beim Phantombild fehlt die Ähnlichkeit. Tendenz: eher nein.

und Patrioten

Und jetzt? Der Punkt ist: Um den NSU anzuschieben, brauchte man gar keine Lockspitzelzelle a.D. Eigentlich störte sie sogar. Man brauchte ihre Namen, ihre Gesichter, ihre Geschichte als Platzhalter, wie in der „Küstenwache“ oder den „Bestien“, und Beates Geständnis für einen irren Schauprozeß. Mit ihren Identitäten hätten die Uwes den alimentierten Untergrund abbezahlt, warum sollten sie Gefängnis riskieren? Aus Loyalität?

Und hätten sie wirklich bei einem Überfall in Arnstadt mitgemacht, quasi geholfen, sich selbst und das eigene Ende als NSU zu inszenieren, wäre der Dank des Vaterlandes ein Mord? Kaum. Verdiente Staatsbürger werden hier nicht erschossen. Manchmal werden sie eingeschüchtert, zerstört und nicht mehr erwähnt und das ist selten persönlich gemeint.

Tausend Hände belebt ein Geist: Den Arnstädter Bankraub konnte jeder machen, der erpressbar war und naiv genug oder lenkbar oder sonst irgendwie vom Sinn des Ganzen überzeugt.

Wer Leucht und Mertens sächsisch-bundesweite Serie in Zweifel zieht aus Gründen, darf ihn für Zufall halten und für die Einzeltat zweier Dilettanten, die, ohne es zu ahnen, den NSU auslösten, mit „netten“ Nachahmungstätern in Eisenach.26) Wären da nicht die verdammten Räder.

 

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Fußnoten und Anmerkungen:

1) Pau und Binninger über den NSU
„Es gab weitere Mittäter“
Es gibt weitere NSU-Helfer, sind die Linke Petra Pau und CDU-Mann Clemens Binninger überzeugt. Können sie noch gefunden werden?

[Taz:] Bis heute aber ist offen, wie groß der Nationalsozialistische Untergrund überhaupt war. Ihr Ausschuss kam zu dem Schluss: Er war größer als Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Welche Belege haben Sie?

Binninger: Es gibt eine Reihe Indizien, die gegen die Trio-These sprechen. Also: Wir haben keinen einzigen Tatortzeugen, der zweifelsfrei sagt, ich habe Mundlos und Böhnhardt gesehen. Wir haben kein Phantombild, das so richtig passt. Und an keinem der NSU-Tatorte fanden sich DNA-Spuren von Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe. Nicht bei den zehn Morden, nicht bei den zwei Anschlägen, nicht bei den 15 Raubüberfällen. Das ist ein Phänomen. […]“

http://www.taz.de/!5400122/

2) http://www.deutschlandfunk.de/nsu-prozess-die-vergessenen-opfer-der-bankueberfaelle.724.de.html?dram:article_id=327242

3) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/215066/umfrage/bankueberfall-beute-der-rechtsextremisten-boehnhardt-mundlos-und-zschaepe/

https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistischer_Untergrund#Raub%C3%BCberf%C3%A4lle

4) 15.000 Euro in Arnstadt sind keine „geringe Beute“, wie Leucht glauben machen will.
Fallbeispiel München: Die letzten Jahre wurde kein Münchner zum Bankräuber, weil er seinen Job verloren hat, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. „An das große Geld kommt kaum einer der Täter heran“, erklärt Staatsanwältin Daniela Tausend. Die meisten Bankräuber erbeuteten Summen zwischen 2000 und 3000 Euro.“

München: „Bankraub ist nur für Trottel“
https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.muenchen-bankraub-ist-nur-fuer-trottel.d9968e5e-86e7-4594-8d84-4a7ba0df837c.html

Durchschnittliche Beute in den USA, 2015: 6.500 USD; Großbritannien, 2006/2007: 20.000 Pfund
aus: Banküberfälle sind in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen“
https://www.heise.de/tp/features/Bankueberfaelle-sind-in-den-letzten-Jahren-drastisch-zurueckgegangen-3344029.html

5) https://sicherungsblog.wordpress.com/2017/02/14/auch-der-bankraeuber-von-stralsund-ist-ziemlich-sicher-kein-uwe/

http://arbeitskreis-n.su/blog/2016/02/18/dpa-zwickau-2006/

http://arbeitskreis-n.su/blog/2015/06/23/3-bankrauber-3-schusse-und-keine-akten-olg-stadl-sorgt-fur-zahnschmerzen/

http://friedensblick.de/14586/tatort-zeugen-sahen-nicht-uwe-mundlos-uwe-boehnhardt/

6) https://linksherumblog.wordpress.com/2016/10/16/haeufigkeit-von-linkshaendigkeit/
https://de.wikipedia.org/wiki/Linksh%C3%A4nder#Anteil_der_Linksh%C3%A4nder

7) http://wir-koennen-auch-anders.blogspot.de/2014/07/fotobeweise-statt-dna-die-bankrauber_20.html

8) http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/CD12950/Anlagen%200001-0094/Anlage%205%20-%2015.%20Sitzung_endg.%20stenogr.%20Protokoll_14.04.2016.pdf
S. 5 des PDF-Dokumentes

9) In beiden Meldungen werden keine Fahrräder erwähnt, die Originalakten zu den Stralsunder Überfällen sind weg (siehe Fußnote 2).:

Bundeskriminalamt. Vermerk: Verlust von Originalakten der Staatsanwaltschaft Stralsund. Die Akten wurden dem BKA im März 2012 auf dem Postweg durch den GBA übersandt. Dabei sind die Akten entweder verloren gegangen oder im BKA selber verlegt worden. Es liegen lediglich Kopien der betreffenden Akten vor, deren Vollständigkeit nicht verifiziert werden kann.“

http://www.hansestadtstralsund.de/index.php?id=18&tx_ttnews[pS]=1266569459&cHash=e5af4c2121&tx_ttnews[tt_news]=259&tx_ttnews[backPid]=15

http://www.hansestadtstralsund.de/index.php?id=18&tx_ttnews[pS]=1266569459&cHash=e5af4c2121&tx_ttnews[tt_news]=318&tx_ttnews[backPid]=15

10) Kleine Anfrage der sächsischen Grünen an die Staatsregierung:

Frage 1: Wann haben in der Zeit von 2000 bis 2011 Informationsveranstaltungen in der Mordserie „Ceska“ in Sachsen stattgefunden?
Frage 2: Welche Funktionsträger welcher sächsischen Behörden und welche sonstigen Personen haben an diesen Veranstaltungen (jeweils) teilgenommen?
Frage 3: Wo fanden die Veranstaltungen (jeweils) statt?

Zusammenfassende Antwort auf die Fragen 1 bis 3:

Am 12. März 2007 fand eine Informationsveranstaltung der BAO Bosporus in Dresden statt. An der Veranstaltung haben Polizeibeamte des Landeskriminalamtes Sachsen sowie der Polizeidirektionen Chemnitz-Erzgebirge Dresden, Leipzig, Oberes Elbtal-Osterzgebirge, Oberlausitz-Niederschlesien, Westsachsen und Südwestsachsen teilgenommen.

Frage 4: Welche Maßnahmen wurden in Folge der Veranstaltungen (jeweils) wann von welcher sächsischen Behörde veranlasst?

Die Frage betrifft Bestandteile eines Ermittlungsverfahrens der Generalbundesanwaltschaft.

Zu laufenden Ermittlungsverfahren der Generalbundesanwaltschaft kann die sächsische Polizei keine Auskünfte erteilen.

http://www.gruene-fraktion-sachsen.de/fileadmin/user_upload/Kleine_Anfragen/5_Drs_9587_-1_1_3_.pdf

11) http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD14600/Protokolle/Protokoll-Nr%2059a.pdf

12)Schmiedefeld. 19. Februar 2008 – für die Angestellten der Sparkassenfiliale ein Horrortag. Plötzlich sehen sie sich drei bewaffneten Maskierten gegenüber. Die verlangen Geld, schlagen, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, eine der Frauen. Die geben nach. Doch auf dem Weg nach draußen geschieht etwas Unvorhergesehenes – einer der Täter bricht im Foyer zusammen – vermutlich jener Werner K. Ein Zeuge hatte beobachtet, dass einer der Täter von seinen Komplizen beim Verlassen der Sparkasse gestützt wurde. Das Trio flüchtete Richtung Suhl. Etwa acht Kilometer vom Tatort fand die Polizei das Fluchtauto, dann verlor sich zunächst die Spur. Doch im September 2009, nach einem weiteren Überfall auf eine Bank im schleswig-holsteinischen Todenbüttel, wurden die Täter auch dank der monatelangen akribischen Arbeit der Kripo Gotha gefasst – ein Duo. Der dritte Mann blieb verschwunden. Die Polizei ging davon aus, dass der dritte Täter auf der Flucht verstorben und die Leiche irgendwo im Wald zwischen Schmiedefeld und Suhl zurückgelassen wurde. Eine erste Suchaktion war ohne Ergebnis geblieben. Aber das Gelände sei eben auch sehr unübersichtlich, hatte noch Anfang Februar 2010 der Chef der Polizeidirektion Gotha, Michael Menzel, die Hoffnung auf eine erfolgreiche Suche genährt. […]“

https://ilmenau.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/leben/blaulicht/detail/-/specific/Toter-Komplize-nach-Ueberfall-in-Thueringen-im-See-versenkt-1413953830

Stralsund. Die Gangster planten die Sparkassenüberfälle generalstabsmäßig bis ins kleinste Detail: Schon Wochen vor dem jeweiligen Raubzug spionierten sie Fluchtwege aus, präparierten Geldverstecke in nahegelegenen Wäldern und bastelten Türsperren, um während der Tat nicht von Bankkunden überrascht zu werden. Mitten im laufenden Kundenbetrieb schlugen sie dann zu – deutschlandweit und immer nach ähnlichem Muster. […]“

https://www.abendblatt.de/region/norddeutschland/article106511021/Bundesweite-Bankueberfaelle-Serienraeuber-verurteilt.html

13)Zeuge Mario Wötzel: Also, ich war – – Das war mein Fall. Also, ich war der einzige Sachbearbeiter in der Sache.
Vorsitzender Clemens Binninger: Gab keine Sonderkommission,
Zeuge Mario Wötzel: Nein.“

http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/CD12950/Anlagen%200001-0094/Anlage%207%20-%2019.%20Sitzung_endg.%20stenogr.%20Protokoll_11.05.2016.pdf

14) https://www.gruene-thl.de/nsu-untersuchungsausschuss/bericht-aus-dem-nsu-untersuchungsausschuss-10

15) http://www.thueringer-landtag.de/mam/landtag/aktuell/2014_8/drs58080_band02.pdf

16) Zeuge Mario Wötzel:

Wie gesagt, unsere Ermittlungen hatten insgesamt zu 18 Spuren geführt, wobei wir auch schon recht früh ein Erkenntnisfernschreiben bundesweit gesteuert hatten. Das war am 13.09. Daraufhin hat sich am 14.09. der Kollege […] von der KPI Zwickau bei mir gemeldet, […]

Daraufhin habe ich dann einen Aktenvermerk geschrieben, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit hier ein Tatzusammenhang zu der Raubserie besteht, und habe das auch an entsprechenden Fakten begründet. Hier war also besonders auffällig, dass zwei Tater immer gehandelt haben – bis auf ein Delikt, wo nur ein Täter gehandelt hatte, dass die Tater äußerst brutal und arbeitsteilig vorgegangen sind und dass einer der Täter Linkshänder war. Aufgrund der Feststellung, dass die Beute in der Sparkassenfiliale Arnstadt-West nicht besonders hoch war – es waren um die 15 000 Euro erbeutet worden –, hatte ich in Anbetracht der übrigen Erkenntnisse aus dieser Tatserie die Vermutung geäußert, dass es vermutlich zu weiteren Taten der Täter kommen wird. Natürlich konnte ich nicht voraussagen, wann und wo. Das habe ich entsprechend auch meinem Dienstvorgesetzten mitgeteilt.“

http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/CD12950/Anlagen%200001-0094/Anlage%207%20-%2019.%20Sitzung_endg.%20stenogr.%20Protokoll_11.05.2016.pdf

S. 5 des PDF-Dokumentes

17) https://eisenach.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/leben/blaulicht/detail/-/specific/Maskierte-Maenner-ueberfallen-Sparkasse-im-Wartburgkreis-1317417694

https://www.swr.de/marktcheck/bankraub-in-oberkail-und-boos/-/id=100834/did=20924022/nid=100834/kyiscg/index.html

http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/Bankraub-in-Endenich-Polizei-fahndet-nach-zwei-T%C3%A4tern-article181077.html

http://www.nw.de/lokal/bielefeld/senne/20409913_Polizist-schiesst-nach-Bankueberfall-auf-Taeter.html

18) Personenbeschreibung eines der Radfahrer von Arnstadt aus dem Erkenntnisfernschreiben vom 13. September 2011:

Vorsitzender Clemens Binninger: So. Genau.
Und da schreibt sie:
Die Bilder der Überfallkameras liegen jetzt vor.
[Die haben wir uns gerade angeguckt. Und dann geht es weiter unten weiter:]
Die Täter können wie folgt beschrieben werden:
– beide sollen ca. 20 bis 25 Jahre alt sein [wir reden über das Jahr 2011]
– von schlanker Statur
– die Körpergröße … 180-185 cm
– einer der beiden Täter soll dunkelbraune Haare gehabt haben
– einer der beiden Täter soll …
[jetzt verkürze ich hier] afrikanischen Phänotypes …
[also dunkelhäutig gewesen sein]
– beide sprachen akzentfreies Deutsch“

http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/CD12950/Anlagen%200001-0094/Anlage%205%20-%2015.%20Sitzung_endg.%20stenogr.%20Protokoll_14.04.2016.pdf
S. 11 des PDF-Dokumentes

Jim Knopf oder doch Samuel Meffire, Sachsens gefallener schwarzer Polizist?
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/samuel-meffire-im-gespraech-es-gibt-dinge-da-habe-ich-keine-antwort-12769467.html

Zeuge Christian Leucht:

Am 13.09.2011, zwei Monate vor dem letzten Überfall in Eisenach, ging erneut eine KPMD-Meldung zu einem Überfall bei uns ein, diesmal von der KPI Gotha zu einem am 07.09.2011 gegen 9 Uhr stattgefundenen Überfall auf eine Filiale der Sparkasse Arnstadt. Der Modus Operandi sowie die mitgelieferten Bilder der Überwachungskamera haben uns regelrecht elektrisiert, da wir uns ziemlich sicher waren, dass es sich wieder um unsere Serienräuber handelte. Wir informierten umgehend die Kollegen in Gotha, verwiesen auf die Serie im Bereich Chemnitz/Zwickau/Stralsund und übersandten die wichtigsten Informationen aus den zurückliegenden Handlungen. Gleichzeitig haben wir die Kollegen in Gotha daraufhingewiesen, dass die hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Täter aufgrund der geringen Tatbeute erneut im Bereich auftreten.“

http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/CD12950/Anlagen%200001-0094/Anlage%205%20-%2015.%20Sitzung_endg.%20stenogr.%20Protokoll_14.04.2016.pdf

19) http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/CD12950/Anlagen%200001-0094/Anlage%2083,%2084%20-%20MAT%20SN-25,%20Anl.%201,%20Ordner%201,%20S.%201-2,%20S.%20148-155.pdf

20) http://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-prozess-drei-schuesse-am-schafrain-1.1971537
https://www.nsu-watch.info/2014/05/protokoll-113-verhandlungstag-20-mai-2014/

21) Bd4-1Ordner1WohnmobilAllgemeines.pdf

22) http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/CD12950/Anlagen%200001-0094/Anlage%205%20-%2015.%20Sitzung_endg.%20stenogr.%20Protokoll_14.04.2016.pdf
S. 8 des PDF-Dokumentes

23) http://www.thueringer-landtag.de/mam/landtag/aktuell/2014_8/drs58080_band02.pdf
S. 414 des PDF-Dokumentes

24) https://www.nsu-watch.info/2015/03/protokoll-195-verhandlungstag-25-maerz-2015/

25) Mit Einsatzfahrzeugen brauchen sie für 1,8 km fünf Minuten, was schon viel erscheint: Google Maps

26) „Zunächst hätten beide bei ihrem Sparkassen-Überfall am 4. November 2011 in Eisenach einen älteren Kunden im Schalterraum zu Boden gestoßen, berichtete der Beamte am Donnerstag in Erfurt. Doch dann zeigten sie sich ihm gegenüber überraschend freundlich: Sie hätten ihm seine Geldkarte und die von ihm gerade abgehobenen 50 Euro hingelegt und nicht geraubt.“

aus: „Das 50-Euro-Detail passt nicht zum NSU“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article152123872/Das-50-Euro-Detail-passt-nicht-zum-NSU.html

—————————-

Bildnachweis:

Titelfoto und Screenshot aus: https://www.meinanzeiger.de/saalfeld/c-kultur/arnstadt-aktuell-ueberfall-auf-die-erfurter-bank-eg_a57355

Dieser inszenierte Überfall fand nicht in der Sparkasse Goethestraße statt, sondern in der Erfurter Bank, einige Straßen weiter. Er gehört zu einer Serie mit fast identischem Modus operandi. Achtung, Erster von links: Linkshänder! Fotos: Andreas Abendroth

Schwarz maskierte Männer stürmten die Bank – Bankangestellte und Kunden wurden freigekauft

Von Andreas Abendroth

Zum dritten Mal wurde die Filiale der Erfurter Bank in Arnstadt überfallen. Sechs mit schwarzen Anzügen bekleidete, maskierte und bewaffnete Männer stürmten kurz vor der Mittagszeit die Filiale in der Lindenallee. Nach zähen Verhandlungen kaufte die Bank ihre Mitarbeiter und einige Kunden, die sich zurzeit in dem Bankgebäude aufgehalten haben, frei. Die Summe betrug 999,99 Euro.“

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Wo dein Platz ist

Kerngeschäft der Antifa ist heute die Buchführung, Nazipornographie ihre Leidenschaft. Beides verbindet sich in homoerotischen Phantasien über Kennverhältnisse von Zielpersonen. Antifablätter und Verfassungsschutzberichte gleichen sich deshalb wie ein Ei dem andern, der Verdacht liegt nahe, daß man voneinander abschreibt, sich gegenseitig Nazi-Pinups schickt oder Bekenner-Videos und so Arbeitsplätze erhält.

Inzwischen spitzelt die „Neue Rechte“, vor allem Identitäre, ebenso eifrig, Nationalisten kopieren den Dresscode der Antifa und freiheitliche Patrioten, deren Großväter sich einst gegen jüdischen Nihilismus wehrten, üben sich unter Aufsicht in Rabulistik bei PI und Achgut.com. Käme die konservative Wende, blieben uns Denunziantentum und Unterwürfigkeit erhalten. Verfassungsschützer wissen das, daher ihre Melancholie.

Alles Gerede von der kontrollierten Opposition ist also irreführend; sie kontrolliert sich selbst und gegenseitig. Es reichen sogenannte Anstupser, etwas Medienschelte, gekaufte Anführer und ein paar Provokateure. Der Rest ist Eitelkeit und Versagen seit Fred Feuerstein.

Ob der Zwickauer Peter Klose nun IM Fuchs war oder V-Mann,1) ist deshalb für uns ohne Belang, nicht nur wegen aller Vergeblichkeit, sondern weil in derselben nationaldemokratischen Brust Angst und Mut, Verrat und Treue und Gier und Verzicht nebeneinander wohnen können.

Schauen wir uns nach Lektüre von Antifaschriften Klose „live“ an,2) sind wir enttäuscht, wir erleben im NSU-Jahr 2011 kein demagogisches Nazimonster, sondern ein Opfer, einen traurigen Clown, der um Aufmerksamkeit buhlt. Biedermänner amüsieren sich und Bürgermeisterin Findeiß wird spielend fertig mit ihm. Selbst sein Führerfetisch, abgegriffene Masturbationsvorlage für die Antifa, erscheint plötzlich als harmlose Schrulle.

Wenn es menschelt

Interessant bleibt für uns die Frage nach der Beschaffenheit jenes Zufalls, der aus Peter Klose bei Facebook Paul Panther machte inklusive des rosa Konterfeis, lange bevor der Spiegel das Bekennervideo publizierte, exklusiv und gekauft von der Antifa. Ein Rätsel und Mysterium bis heute. Wobei „lange bevor“ relativ ist, Näheres haben die Welt, die Süddeutsche und der AK NSU, der Kloses früheren Mitarbeiter Bärthel zitiert. Springers Heitkamp spricht von „vergangenen Wochen“,3) Kathrin Haimerl in der SZ von „Anfang Oktober“,4) Christian Bärthel von „ca. acht Wochen“.5)

In summa: Auf der NSU-Zeitachse taucht Kloses rosa Alter Ego etwa auf, als Kripomann Leucht gerade auf die Wiederkunft des Bankräuberphantoms aus Sachsen hofft. Ein besonders enges Verhältnis zur Trickfilmfigur macht allerdings schon der Hinweis auf Fix und Foxi zweifelhaft.6)

Paul Panther wird ein Paukenschlag: die Presse springt geschlossen darauf an, aber als Klose beteuert, alles sei Zufall, ist sie schnell zufrieden und läßt von ihm ab. Sei es, weil sie instinktiv weiß; einzige Alternative wäre ein Vorwissen, zu gefährlich für den schönen NSU, sei es, daß Kloses rätselhafter Coup neben größeren Skandalen rund um das Trio verblasst.

Immerhin: Im ersten Ansturm der Medien verweist Klose auf einen Zwickauer Videojournalisten, Heiko Richter, den Filmer des brennenden Terrornestes, dem er vertraut. Warum? Ist das der eigentliche Hinweis für uns oder menschelt es einfach in Zwickau mehr als anderswo?

Weil man sich in Zwickau bisweilen über den Weg laufe und sich gegenseitig kenne, halte er seine „schützende Hand“ über Klose, erklärt Richter im Gespräch mit sueddeutsche.de, und betont: „Paulchen Panther ist Zufall. Er kannte die Terrortruppe nicht.“

Bei Facebook ist Klose weiterhin sehr aktiv. Mit etwas eigenwilliger Grammatik verkündete er in einer Statusmeldung: „hei kameraden sollte ich mal nicht erreichbar sein ich bin im facebookuntergrund hi hi hi“7)

Die schützende Hand

Ein weiterer Grund für Richters Eingreifen: Er sieht seinen Schützling als Informanten. Seine Hilfe ist also auch geschäftlicher Natur; Geben und Nehmen. Es scheint, daß die schützende Hand, sonst gern verwendetes Synonym für den Tiefen Staat, in Zwickau eine Art Nachbarschaftshilfe ist. Gibt es Gegenleistungen auch für andere Informanten? Die Polizei? Hat Richter für sie den Pink Panther vermittelt und kam die unbekannte Medienmaus von ihm?

Ein Zeit-Artikel macht dem Helfer indes besonders schwer zu schaffen:8)

In obigen Artikel werde ich, Heiko Richter, namentlich erwähnt und als Pressesprecher von Herrn Peter Klose benannt.

Ich möchte dazu feststellen, dass mein Kontakt zu Herrn Peter Klose rein beruflicher (journalistischer) Natur ist.

Im Zusammenhang mit den derzeitigen Ereignissen plante ich ein exklusives TV-Interview mit Herrn Klose. Ich bat ihn daher mit keinen andern Medien zusammenzuarbeiten, keine Auskünfte zu geben und alle Kollegen an mich zu verweisen. Darauf haben sich auch mehrere Kollegen bei mir gemeldet und nach meiner Erklärung meinen Wunsch zur Zurückhaltung respektiert.“

Im Kommentarbereich beschwert er sich, daß die Journaille einen Rechten aus ihm macht und klagt später über wirtschaftliche Folgen. Eine schützende Hand rettet ihn nicht oder sie versagt, weil der NSU inzwischen alles mitreißt. Heiko Richter ist kein Anwalt, kein Angestellter Kloses, er ist selbständiger Journalist, der ein Exklusivrecht an Kloses Story behauptet, die nie erscheint. Ist dem Medienprofi wirklich nicht klar, was auf ihn zukommt, wenn er in diesen Tagen einen Zwickauer Hitleristen schützt?

Unnötigerweise übrigens, wenn man es genau nimmt, denn Klose einen Medienanwalt zu vermitteln, hätte es auch getan. Oder will er über Klose an Kontakte kommen und verkalkuliert sich brutal?

Damenbesuch

Wie wahrscheinlich ist es, daß sich Peter Klose von einer unbekannten Frau den Panther ins Facebookprofil drücken läßt ohne nachzudenken trotz aller Lust an der Provokation, ohne überlegte Zustimmung und Bereitschaft, sich mit dem rosa „Staatsfeind“ zu identifizieren? Daß gar Beate Zschäpe in sein Büro spaziert. Einfach so?

Zum Timing gehört, daß Klose am 20. April 2011 die NPD verlassen hat, eine zu ihm gelegte Spur kann die NPD nicht mehr belasten. Was genau meint sein Mitarbeiter Bärthel dazu?9)

Wer die Frau war, die Peter ca. 8 Wochen vor der Ermordung der beiden Uwes das Facebookprofil Paul Panther mit dem entsprechenden Bild erstellt hat, wollte er nicht sagen. Als ich ihn darauf ansprach, ob es die zu dem Zeitpunkt durch die Medien bekannte Beate Z. war, verneinte er dies.

Meine Vermutung ist, es war eine Geheimdienstaktion für Plan B, falls Plan A scheitert. Zufall ist hier eher unwahrscheinlich. Das Problem war nur: Peter war bereits im April aus der NPD ausgetreten, da brauchte man dann offenbar die inszenierte Querverbindung nicht mehr.“

Ja, das ist ein Problem. Nur: Ohne Klose gäbe es diese Querverbindung gar nicht. Er inszeniert sie aktiv mit und zwar erst nach seinem NPD-Austritt, erst da wird er bei Facebook zu Paul Panther, ganz freiwillig. Als der Zwickauer Staatsschutz oder sonstwer die Trugspur von Marschners „Staatsfeind-Shirt“ zu ihm zieht, in der „heißen Phase“, durch eine Mata Hari vielleicht, die ihm schöne Augen macht und seinen Webauftritt mit dem rosaroten Kerlchen verjüngt, wird da Klose der Fuchs schwach?

Oder spielt er mit, um zu sehen, wohin das führt? Setzt er Puzzleteile zusammen, Gerüchte, Beobachtungen, Informationsschnipsel aus dem Stadtrat, der Verwaltung und seiner eigenen Klientel? Setzt er zuletzt noch einen drauf, als es ihm klar wird, was passiert, um das System vorzuführen, als Vermächtnis und für 15 Minuten Ruhm? Will auch er ein Stück vom NSU-Kuchen?

einmal döner mit viel nsu ihr fotzen

Vollends konfus wird die Geschichte durch zwei Umstände: Klose soll selbst ein Paulchenvideo erhalten,10) als einzige Einzelperson, was ihm quasi eine Art Alibi verschafft. Und BfV-Chef Fromm, bis Sommer 2012 im Dienst, erhält persönlich Kenntnis über den Fall Klose vom BAO-Chef Soukup nach einem Gespräch Fromms mit BKA-Präsident Ziercke. Ein Vorgang auf höchster Ebene des Sicherheitsapparates also wegen einer vergleichsweise läppischen Sache.

Was hat das zu bedeuten? Denn ginge es um einen V-Mann Klose, müßte sich nicht Fromm selbst damit befassen. Gibt es dafür sonst irgendeine plausible Erklärung? Die einfachste: Fromm weiß im Dezember 2011 noch immer nicht, was eigentlich gespielt wird. Er mißtraut seinen Leuten und kann sich keinen Reim darauf machen, daß die NPD entlastet wird. Aber wenn Fromm im Dunkeln tappt, dann weiß vermutlich sein zweiter Mann Bescheid und das ist 2011 Herr Eisvogel. Daß Ceska-Verkünder Ziercke ebenso ahnungslos gehalten wird, ist unwahrscheinlich, ausgeschlossen gewiss nicht.

Und Peter Klose? Soll die Legende so gehen, daß es aussieht, als habe er sich selbst ein Bekennervideo schicken lassen, um von sich abzulenken und sich eben dadurch verdächtig gemacht? Sein Facebookauftritt mit Paulchen Panther bewahrt ihn vor solchen Intrigen, denn daß er mit Täterwissen vorab an die Öffentlichkeit geht, ist 2011 noch undenkbar.

Heute würde ihn das nicht mehr retten; inzwischen gilt die aberwitzigste These als die vernünftigste; auch das ist eine der Folgen des NSU-Schwindels.

Und ist Klose denn damals Hellseher wie Leucht und Menzel? Vielleicht ist es viel simpler: Zwickau hat nicht mal 100.000 Einwohner. Peter Klose wäre kein „ostdeutscher Patriarch“,11) wenn er nicht wüßte, was in seinem Städtchen vor sich geht. Allein ist er mit seiner Skepsis und seinem Hohn gegenüber dem NSU-Phantom ohnehin nicht.12) Aber Peter Klose ist der erste, der den Pink Panther für die NSU-Leugner kapert und er ist schneller als Apabiz und Spiegel. Genützt hat es ihm am Ende freilich nichts.

Ergänzung:
Das an Peter Klose adressierte Paulchenvideo wurde in der Brandruine Zwickauer Terrornest sichergestellt. Klose bekam es also nie. http://arbeitskreis-n.su/blog/2016/02/08/die-paulchenadressierer-vergassen-auch-bei-der-plz-von-zwickau-die-fuehrende-null/
Danke an Blogger Fatalist (AK NSU) für den Hinweis. Die betreffende Stelle ist im Text abgeändert.

Fußnoten und Anmerkungen

1) https://www.facebook.com/pgensing/posts/128074540713124

2) http://www.chilloutzone.net/video/anfrage-im-stadtrat-zwickau.html
http://www.hornoxe.com/neulich-im-stadtrat-zwickau/

3) https://www.welt.de/politik/deutschland/article13722532/Rechter-Zwickauer-Stadtrat-nannte-sich-Paul-Panther.html

4) http://www.sueddeutsche.de/politik/ehemaliger-npd-politiker-irritiert-im-internet-paul-panther-im-facebook-untergrund-1.1192074

5) http://arbeitskreis-n.su/blog/2015/06/30/nachtrag-aus-dem-spam-kommentar-von-christian-barthel-angestellter-bei-peter-klose-in-zwickau/

6) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/zwickauer-terrorzelle-auf-den-spuren-des-rosaroten-panthers-a-798289.html

7) http://www.sueddeutsche.de/politik/ehemaliger-npd-politiker-irritiert-im-internet-paul-panther-im-facebook-untergrund-1.1192074

8) „Wir doch nicht – Ausgerechnet Zwickau: Keiner der Mörder kam von hier.
Aber die Stadt ist auch nicht unschuldig an ihrem Schicksal“,
Martin Machowecz
http://www.zeit.de/2011/48/S-Reportage-Zwickau

Richters Kommentare zusammengefaßt mit Erläuterungen:
https://hittveu.wordpress.com/2011/11/26/heiko-richter-antworten-zum-artikel-von-martin-machowecz-in-die-zeit-vom-25-11-2012/

9) http://arbeitskreis-n.su/blog/2015/06/30/nachtrag-aus-dem-spam-kommentar-von-christian-barthel-angestellter-bei-peter-klose-in-zwickau/

10) https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/12/18/als-der-nsu-den-nurnberger-anschlag-von-1999-im-bekennervideo-vergass/

11) http://zwickau.blogsport.de/2008/02/20/peter-andreas-klose-npd-kreisvorsitzender-zwickau/

12) „Wie mehrere Fans versicherten, wurde während des Spiels „Terrorzelle Zwickau – olé, olé, olé“ und „NSU“ gerufen. Beides sind Anspielungen auf die inzwischen bundesweit bekannte Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU).“, 28. November 2011
http://zwickau.blogsport.de/2011/11/29/nazi-sprueche-beim-fsv-zwickau/

[…] worauf der Zwickauer Michael Sch. zurück schrieb „einmal döner mit viel nsu ihr fotzen“.
https://www.antifainfoblatt.de/artikel/das-nsu-unterst%C3%BCtzerinnenumfeld-zwischen-chemnitz-und-zwickau

Bildnachweise:
Bibliotheque Nationale De France; Museum of Friesland Collection, Leeuwarden;
Erik and Petra Hesmerg

Peter Klose, Screenshot Facebook
http://www.sueddeutsche.de/politik/ehemaliger-npd-politiker-irritiert-im-internet-paul-panther-im-facebook-untergrund-1.1192074

Metamorphose

 falter01

 

Wir haben im BKA permanent überlegt, wie wir es schaffen könnten, den GBA zuständig zu machen.“
Jürgen Maurer, ehem. Vizepräsident des BKA

 

Am Anfang war die Marginalie. Der Minister Beckstein schrieb sie auf seine Zeitung: fremdenfeindlicher Hintergrund. Doch seine Beamten verstanden nicht. Das geschah im Jahre 2000, als der Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg erschossen wurde, da wo auch Günther Beckstein seine Blumen kaufte. Die Česka-Serie endete 2006, als am 4. April jemand Mehmet Kubasik in Dortmund tötete und zwei Tage später Halit Yozgat in Kassel.

Und da wurde es ein Fall für die Politik. Fußballsommermärchen 2006, das hieß auch: Keine Morde an Ausländern, wenn die Welt zu Gast bei Freunden ist. Also berieten die Innenminister und setzten eine Steuerungsgruppe ein; Nürnberger BAO, Sonderkommissionen, Staatsanwaltschaften und das BKA sollen die Ermittlungen neu organisieren. Bayerns Minister Beckstein erhöht die Belohnung auf 300 Tausend Euro, um Schweigebarrieren zu überwinden.

Die Steuerungsgruppe ist ein Kompromiss zwischen Föderalismus und Zentralgewalt. Verordnete Bundeszuständigkeit wertet man in München als Kriegserklärung, das BKA dagegen findet die Arbeit der Provinzbeamten stümperhaft. Die Bundesbehörde will nach dem 11. September mehr Macht. Das ist ihr Ziel.

Alpenföhn

Auf dem ersten Treffen des neuen Gremiums am 17. Mai 2006 präsentiert Nürnbergs Chefermittler Wolfgang Geier die Einzeltätertheorie der OFA Bayern. Selbstbewusst stellt er sie als nunmehr gleichrangig neben die bisherige Organisationstheorie. Noch im Vorjahr hatten die Münchner auf Täterorganisation gesetzt, einen Sniper als unwahrscheinlich abgelehnt. Bei den Kollegen fällt die weißblaue Geschichte vom missionsgeleiteten Türkenschreck durch. Für BKA-Vize Falk ist sie Kaffeesatzleserei. Sein Abteilungsleiter SO, Jürgen Maurer, findet sie dagegen plausibel.

Mit heutigem NSU-Wissen lässt uns Alexander Horns präzise Täterbeschreibung frösteln. Der Profiler hat die Českamörder erkannt, sie ähneln dem „Lasermann“,1) aber wieder hört niemand zu:2)

  • Täter verfügt über psychopathische Persönlichkeit
  • Täter entwickelt ablehnende Haltung gegenüber Türken
  • Täter sucht ggf. Nähe zur rechten Szene
  • Täter ist von der Schwäche enttäuscht
  • Täter entwickelt die Vorstellung seiner eigenen Mission
  • Täter beschafft sich (falls nicht bereits vorhanden) die Tatmittel und entwickelt diese im Verlauf der Serie weiter
  • Täter verfestigt seinen Tatentschluss und behält diesen über Jahre bei
  • Täter gewinnt durch die erfolgreichen Taten an Selbstbewusstsein und ist bereit auch höhere Risiken einzugehen (Allmachtsphantasien)
  • Täter begeht die Taten in sich verkürzendem Zeitintervall

Horn mutmaßt treffsicher, es gäbe über den Täter polizeiliche Vorerkenntnisse des Staatsschutzes (rechts), Waffen- bzw. Sprengstoffdelikte, Aggressionsdelikte (z.B. Sachbeschädigung), eine Zugehörigkeit zur rechten Szene vor der ersten Tat und anschließenden Rückzug. Er empfiehlt Ermittlungen in der rechten Szene auch nach einem in enger Verbindung stehenden Mittäter. Er habe möglicherweise Aktionen gefordert. Die Mordserie wird analytisch über zwei Rad fahrende Täter mit dem Kölner Bombenanschlag von 2004 verknüpft.

Nur beim Fazit liegt die OFA daneben, obwohl ihre Schlussfolgerung nachvollziehbar ist. Fünf der neun Česka-Morde wurden in Bayern verübt, drei davon allein in Nürnberg. Horn vermutet deshalb einen Ankerpunkt des Täters im Nürnberger Südosten. Andere Tatorte habe der Täter im Rahmen einer Routinetätigkeit ausgewählt.

Hinlegen!

Der ungeliebte neue Ermittlungsansatz hat zwei Vorteile: Er ist in sich stimmig und ein fremdenfeindliches Motiv überwindet den toten Punkt der Organisationstheorie, denn eine Organisation für die gesamte Serie konnte nicht ermittelt werden. Seine eigentliche Schwäche wird sich später als Stärke entpuppen: Mit der Realität der Českaserie hat das Profil nichts zu tun. Die Tatmerkmale sprechen gegen den Türkenhasser. Was also bezwecken die Münchner mit einer Hypothese, die Ressourcen bindet? Der „Ankerpunkt Nürnberg“ als föderales Bollwerk gegen Begehrlichkeiten aus Berlin, Wiesbaden und Karlsruhe?

Der Affront ist da: Das am Theorienstreit unbeteiligte LKA Baden-Württemberg soll es mit einer weiteren Analyse richten. Die Schwaben bestätigen klar die Organisationtheorie und verwerfen ausdrücklich Horns „NSU-Profil“:3)

Gegen eine solche Theorie spricht […], dass alle Opfer weitere Gemeinsamkeiten aufweisen, die von außen für einen Täter ohne Opferbezug nicht erkennbar sind und somit für solch einen Täter kein Auswahlkriterium darstellen können: Geldprobleme und somit Empfänglichkeit für risikobehaftete und gegebenenfalls illegale Tätigkeiten, u. a. Glücksspiel.
[…]
Weitere Aspekte sprechen ebenfalls gegen einen Täter, der aus einem inneren Antrieb heraus willkürlich seine Opfer auswählt:
– Zwischen den Taten liegen z. T. sehr lange Zeitspannen, z. T. wiederum sehr kurze […]
– Die Täter haben sich an einigen Tatorten ausgekannt (Ortskenntnis) und gleichzeitig haben sie mehr oder weniger konkretes Wissen zur Verfügbarkeit der jeweiligen Opfer gehabt. Dies spricht gegen den Täter, der willkürlich nach Zufallsopfern Ausschau hält.
– Mehrere Tatobjekte waren per se nicht als türkische Geschäfte erkennbar, eine Auswahl der Opfer anhand des bloßen Merkmals „türkischer Kleingewerbetreibender“ ist damit nicht realisierbar.
– […]
– Ein Opfer war Grieche (Verwechslung ausgeschlossen, da sein Geschäft in einem Griechen-Viertel lag) und zudem war auch sein Geschäft nicht als ausländisches Geschäft erkennbar (nur rein deutsche Aufschrift vor dem Geschäft).
Bei einigen Opfern waren vor der Tat Verhaltensänderungen wahrnehmbar (laut Zeugenaussagen).

Als Ergebnis wurde definiert:
Alle neun Opfer hatten Kontakt zu einer Gruppierung, die ihren Lebensunterhalt mit kriminellen Aktivitäten bestreitet und innerhalb derer zudem ein rigider Ehrenkodex bzw. ein rigides inneres Gesetz besteht. Im Laufe der Zusammenarbeit begingen die Opfer vermutlich einen Fehler, der für die Opfer hinsichtlich seiner Bedeutung nicht erkennbar war. Aufgrund dieser für die Täter bedeutsamen Verletzung eines Ehrenkodex bzw. Wertesystems wurden in der Tätergruppierung jeweils Todesurteile gefällt und vollstreckt. Dabei ging es vermutlich nicht (mehr) um Forderungen irgendwelcher Art (rationaler Aspekt), sondern letztendlich um die Sicherung oder Wiederherstellung einer in der Gruppe ideell verankerten Wirklichkeit, z. B. Status, Prestige, Ehre, Pflege eines bestimmten Selbstbildes usw. (irrationaler Aspekt).

Zum Täterprofil heißt es u. a.:
Ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit
Aufgrund der Tatsache, dass man 9 türkischsprachige Opfer hat, ist nicht auszuschließen, dass die Täter über die türkische Sprache den Bezug zu den Opfern hergestellt haben und die Täter demzufolge ebenfalls einen Bezug zu dieser Sprache haben. Auch spricht der die Gruppe prägende rigide Ehrenkodex eher für eine Gruppierung im ost- bzw. südosteuropäischen Raum (nicht europäisch westlicher Hintergrund).

Ein solcher sprachlicher Bezug zwischen Tätern und Opfer ist auch naheliegend, als am 25. Februar 2004 Mehmet Turgut in einem abgelegenen Dönerstand erschossen wird. Schussverletzungen, Spurenbild der Blutspritzer im unteren Bereich des Raumes und Projektile im Boden lassen für den Rostocker Mordermittler „nur die Schlussfolgerung zu, dass die Täter in den Wagen hineingegangen sind, das Opfer fixiert und ihn dann getötet haben.“4) Das Opfer muss sich auf den Boden legen. Um Turgut dazu zu zwingen, kommunizieren Täter und Opfer, wahrscheinlich verbal.

Die schwäbische Analyse spiegelt im Wesentlichen die Einschätzungen der meisten Ermittler wider. Inzwischen gilt sie als Beispiel für rassistische Polizeiarbeit: Gescheitert, weil auf dem rechten Auge blind. Das FBI dagegen stützt 2007 unaufgefordert die Hypothese vom Einzeltäter. Die Schwachstellen der Einzeltätertheorie werden heute mit der wabernden Verdachtsaura eines Nazi-Netzwerkes vernebelt, das vor Ort Ziele ausspähte.

Unbeeindruckt von der Stuttgarter Fallanalyse verfolgt eine Ermittlungseinheit der BAO „Bosporus“ sechs Jahre nach Becksteins Randnotiz die Spur 195: Rechtsextremismus mit Schwerpunkt Nürnberger Südosten. Bayerns Hartnäckigkeit wird jedoch nicht belohnt; ein fremdenfeindlicher Serienmörder ist in der von Spitzeln durchsetzten Szene unbekannt.

Festgefahren

Bis zur „Selbstenttarnung“ in Eisenach-Stregda ist es damals noch ein weiter, frustrierender Weg. Beide Ermittlungsansätze scheitern. Die verblüffende Übereinstimmung zwischen Horns indizienfreier Prophetie und dem, was wir heute als NSU imaginieren, lässt allerdings einen Umkehrschluss zu: Sind die Rechtsterroristen Mundlos und Böhnhardt Ikonographien, geschaffen nach Vorgabe eines politisch opportunen Täterbildes? Hat Alexander Horn 2006 aus Versehen den NSU erfunden?

2007 sind die meisten Spuren weitgehend abgearbeitet, 2008 wird die BAO „Bosporus“ auf eine Mordkommission zurückgeführt. Offen ist die Waffenspur, aber auch sie endet in einer Sackgasse. Die BKA-EG „Česka“ legt sich zunehmend auf in der Schweiz vertriebene Modelle fest. An den Erinnerungslücken eines angeblichen Českakäufers beißen sich die Ermittler die Zähne aus.

Das Verhältnis zwischen MK Bosporus und dem BKA ist nach Alleingängen beider Seiten in der Öffentlichkeitsarbeit zur Schweizer Waffenspur zerrüttet. Im Mai 2010 teilt das BKA den anderen Dienststellen die Auflösung der EG „Česka“ mit, bezweifelt offen die Weisungskompetenz der Steuerungsgruppe und verlässt sie im selben Monat.

Die Steuerungsgruppe kommt im Oktober 2010 letztmalig zusammen, ein Jahr vor dem Showdown sind die Aufklärung der Českaserie praktisch gescheitert. Alexander Horns Einzeltätertheorie ist wieder verfügbar zur Anschlussverwendung durch Dritte.

Für den NSU-Interessierten ist noch immer schwer zu verstehen, warum BAO, Länder-Sokos und BKA die Mordserie in elf Jahren nicht aufklären konnten; trotz gewaltigen Aufwands und hoher Belohnung für Tippgeber. Untersuchungsausschüsse bekamen Antworten: eine fehlende Weisungshierarchie, inkompatible Datensysteme, schweigende Angehörige, spurenfreie Taten, Rivalitäten der Behörden, Fehler der Öffentlichkeitsarbeit, das angebliche Ignorieren des fremdenfeindlichen Motivs. Aber die Erklärungen überzeugen nicht.

Wenn Herkunft, Geld und Waffe die verbindenden Elemente waren, dann waren die Landesbehörden nicht ausschließlich davon abhängig, was die EG „Česka“ ermitteln würde. Aufzeichnungen der Opfer über Spielschulden, Kredite und Geldanlagen im Zusammenhang mit der Yimpas-Pleite 5) oder Kontenbewegungen und Milieukontakte – das konnten die Sonderkommissionen der Länder recherchieren. Und doch stand alles unter der Prämisse, dass bei neun Morden die eine Waffe zum Einsatz kam, auf deren Identität sich das BKA festgelegt hatte, bei erheblichen Unterschieden der Tatausführungen.

Lag darin der Kardinalsfehler, verbunden mit dem Postulat vom Schalldämpfer, das die Menge der gesuchten Waffen stark eingrenzte und die Nadel im geordneten Schweizer Nähkästchen suchte, statt im zu großen Heuhaufen?

Der Stellvertreter

Mit der Hoheit über die Českazuordnung bekam ein ambitioniertes BKA nicht nur den Fuß in die Ermittlungen, tatsächlich übernahm es die Kontrolle über die Serie. Im Mordfall Turgut führt die Zuordnung dazu, dass der Rostocker Mordkommission das Verfahren entzogen wird. Die schwankenden und gegenläufigen Versuche, den Fall zweitweise „an sich zu ziehen“ oder eine Übernahme abzublocken, sprechen gegen eine geplante feindliche Übernahme. EG „Česka“ und Sicherungsgruppe waren damals für die Bundeskriminalen das politisch Machbare.

Der Anspruch, ein deutsches FBI zu werden, wurde von außen durch einen eifersüchtigen Föderalismus und Konsenszwang gebremst, intern durch Personalkapazitäten, mangelnde Erfahrung bei Mordfällen und zunehmende Fokussierung auf islamistischen Terrorismus. Man geht zögerlich vor, tastend, auch zurückweichend und sucht Umwege.

Die Bereitschaft des BKA, kreativ zu werden, um das Kommando zu bekommen, deutet der damalige Abteilungsleiter und spätere Vizepräsident Jürgen Maurer im Bundestagsuntersuchungsausschuss an:6)

Wir haben im BKA permanent überlegt, wie wir es schaffen könnten, den GBA zuständig zu machen. Aus dem Informationsgefüge heraus gab es überhaupt keine Information, die eine Zuständigkeit ermöglicht hätte. Also sind wir auf Folgendes verfallen, was eine gute Idee war, aber zur gleichen Zeit in eine Trugspur geführt hat: Der GBA wäre zuständig gewesen bei der Täterschaft der Türkischen Hizbullah. Also haben wir das zum Thema gemacht, um ein entsprechendes Verfahren und mit einem entsprechenden Verfahren die Zuständigkeit des GBA zu begründen.

Doch dieser Versuch scheitert. Hätte das BKA 2006 auch ein Bekennervideo ohne Täter herstellen lassen, um dem GBA Indizien für Rechtsterror zu liefern? Setzte Maurer zum Sprung an und bekam Fracksausen, ließ alles im Schreibtisch verschwinden, um es später mit Hilfe von oben erneut zu versuchen? Der NSU ein Plot der Stellvertreter Jürgen Maurer, Alexander Eisvogel, Klaus-Dieter Fritsche?

Maurers Vita jedenfalls lässt ihn für eine Kammerspiel-Variante amerikanischer Inside Jobs geeignet erscheinen:7)

1990 verbrachte er drei Monate als Austauschbeamter im FBI-Hauptquartier in Washington, D.C. und in verschiedenen Field-Offices. Von 1997 bis 2000 war er als Verbindungsbeamter für die deutsche Polizei an die Deutsche Botschaft Washington, D.C. entsandt und arbeitete eng mit US-amerikanischen und kanadischen Strafverfolgungsbehörden zusammen. Von 2002 bis 2005 leitete Maurer als Abteilungspräsident die Abteilung Polizeilicher Staatsschutz (ST) in Meckenheim und von 2005 bis 2010 als Direktor beim Bundeskriminalamt die Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität (SO) in Wiesbaden.

Während dieser Zeit hatte er den Vorsitz in der Kommission Staatsschutz (KST), der Kommission Organisierte Kriminalität (KOK) und der Kommission Verbrechensbekämpfung (KKB) der Arbeitsgemeinschaft Kriminalpolizei (AG Kripo), einem kriminalpolizeilichen deutschen Bund-Länder-Koordinierungsgremium.

Am 1. Februar 2010 wurde Maurer als Nachfolger von Bernhard Falk zum Vizepräsidenten beim Bundeskriminalamt ernannt. Er schied zum 31. März 2013 aus Altersgründen aus diesem Amt aus.

Nach Maurers Wechsel übernimmt Klaus Wittling die Leitung des Staatschutzes. 2005 skizziert er in einem Interview künftige Entwicklungen der Behörde. Als wichtigste Bedrohungen nennt er neben islamistischem Terror die Terrorgefahr von rechts und das internationale Verbrechen:8)

Im Zusammenhang mit der anhaltenden Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus nach den Anschlägen in den USA am 11.09.2001 musste sich die Abteilung ST neu „aufstellen“. Zudem bestand sowohl die politische Forderung als auch die fachliche Notwendigkeit der Stärkung des BKA in Berlin. […]

Welche Schwerpunkte sehen Sie neben der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus für die Abteilung ST?

In diesem Zusammenhang ist auf jeden Fall die Bekämpfung der PMK -Rechts- und die verstärkte internationale Ausrichtung der Verbrechungsbekämpfung zu nennen.

Die Zahlen im Bereich der PMK -Rechts- sind im vergangenen Jahr, mit Ausnahme der Gewaltdelikte, wieder gestiegen. Im Jahre 2005 hat es mehrere Urteile wegen Bildung krimineller und terroristischer Organisationen im Bereich der PMK – Rechts – gegeben, so z.B. gegen Martin WIESE, den Anführer der „Kameradschaft Süd“. Auch wenn wir unverändert nicht vom Vorhandensein fester überregionaler terroristischer Strukturen ausgehen, muss diesem Phänomenbereich unsere volle Aufmerksamkeit gelten.

Erst nach der NSU-Selbstenttarnung kann die Bundesbehörde ihre eigene BAO „Trio“ gründen. Rücksichten auf lokale Befindlichkeiten sind diesmal unnötig, Thüringens und Sachsens Landeskriminalämter kooperieren. Die BAO wird ein voller Erfolg: Nach jahrelangen spurenarmen Mordermittlungen unter bayerischer Regie gibt es jetzt Beweise im Überfluss, inklusive der gesuchten Schweizer Ceska mit Schalldämpfer und zweier toter Tatverdächtiger. Die Zentrale triumphiert und zeigt kraftvoll, wo es künftig langgeht.

Überwintern

Zweifellos besaß das BKA Motiv, Gelegenheit und Fähigkeiten einer rückwirkenden NSU-Terrorsimulation und bedarfsgerechter Aufklärung. Aber das beweist natürlich nichts. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen: die Hoffnung der NSU-Skeptiker auf neue Ermittlungen der Českaserie ist illusorisch. Erst recht, wenn Bundesbehörden dabei gegen sich selbst ermitteln müssten. Auch ein Regierungswechsel wird daran nichts ändern.

Wenn der NSU erfunden wurde, um Dutzende Verbrechen nutzbringend zu entsorgen, dann hat die BRD bewusst entschieden, die Českamordserie, Polizistenmord und Mordversuch in Heilbronn sowie mehrere Bombenanschläge nicht aufzuklären. Das ist umso bedeutsamer, als es keine objektiven Beweise für eine Täterschaft des Jenaer Trios gibt.

Falsche Täter zu präsentieren und so Verbrecher zu entlasten, greift den ethischen Kern unserer Gemeinschaft an. Eine größere Korruption, als Opfer und Angehörige für politisch-korrekte Ersatzsühne zu missbrauchen, ist kaum vorstellbar.

Die Konsequenz des Festhaltens an einer unglaubwürdigen NSU-Fiktion, die mit Alexander Horns Fallanalyse begann, ist kollektive Realitätsflucht und der Wille, missliebige Wirklichkeit zu zerstören. Letztes Vertrauen wird in München und metastasierenden Untersuchungsausschüssen beseitigt. Der Zwang zur „immer dreisteren Lüge“ führt indes nicht, wie die RAF einst glaubte, zur Entblößung der Lügner, sondern zum Werteverlust aller.

 


Fußnoten und Anmerkungen:

1) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/schweden-liefert-lasermann-wegen-mord-in-frankfurt-aus-a-1126128.html

2) Zitiert nach Abschlussbericht 1. NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages (S. 562)

3) Zitiert nach Abschlussbericht 1. NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages (S. 577f.)

4) https://www.nsu-watch.info/2013/10/protokoll-49-verhandlungstag-23-oktober-2013/

5) http://www.zeit.de/2006/46/G-Holy-Holdings/komplettansicht

6) 1. NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, Protokoll 36, S. 32

7) https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Maurer

8) http://www.kriminalpolizei.de/ausgaben/2005/september/detailansicht-september/artikel/interview-mit-dem-neuen-leiter-der-abteilung-poliz.html

Änderung 28. März 2017, Löschung eines Absatzes:

„Ein Zurück auf Anfang wird es nicht geben. Straftaten in Verbindung mit einer NSU-Inszenierung aus den Behörden heraus dürften inzwischen sämtlich verjährt sein, wenn man Mord durch Beamte während und außerhalb der Dienstzeit ausschließt.“

Grund:
Dagegen spricht zum Beispiel eine mögliche Besonders schwere Brandstiftung (§ 306b StGB); Frühlingsstraße, die mutmaßlich nicht durch Beate Zschäpe geplant und ausgeführt wurde.

Vorwissen

         alice_im_wunderlang

Aber hier im Haus glaubt inzwischen sowieso keiner mehr an die Geschichte“, sagt sie noch, bevor sie die Tür schließt. „Auch das mit dem Selbstmord nicht. Das waren keine solchen Leute.“ 1)

Am 1. November 2011 kennt Beate Zschäpe ihre Zukunft und muss weinen. Sie hat Heike Kuhn besucht, die Freundin aus der Polenzstraße, drei Tage bevor das Zwickauer NSU-Haus in die Luft fliegt. Zum Abschied gibt es kein Küsschen, wie sonst, sondern Tränen. Beate drückt die Ältere ganz fest, ehe sie ins Taxi steigt und ohne ein Wort aus dem Leben Kuhns verschwindet.

Zwei Jahre später führt der NSU-Prozess beide Frauen erneut zusammen. Kuhn ist Zeugin. Sie wird von der Nebenklage mit Fragen in die Enge getrieben, die sie demütigen sollen. Zschäpe starrt von der Anklagebank aus ins Leere.

Diesmal weint Heike Kuhn: der Vater ist gestorben, die Tochter, die eine Schule für geistig Behinderte besucht, wurde missbraucht, Kuhn will nach Hause – zur Geburtstagsfeier ihres Kindes. Aber Götzl, Weingarten und die Opferanwälte kümmert weder das Elend der ostdeutschen Alleinerziehenden, noch die letzte Begegnung mit der Nazibraut. Denn was Heike Kuhn über ihre Freundin sagt, passt nicht ins Bild der NSU-Mittäterin, das die Öffentlichkeit kennt.2)

Bundesanwaltschaft und Nebenklage haben die Vernehmungsprotokolle der Polizei. Sie wissen, dass Zschäpe den Sohn Kuhns ermahnte, sich von rechten Aktivitäten fernzuhalten, dass sie mit Heike Kuhn beim Murat Pizza aß, dass sie der afghanischen Familie im Haus beim Umzug half, dass man sie und die Uwes für „verkappte Grüne“ hielt. Vox populi und darum unerwünscht.3)

Und eben deshalb redet niemand über Beates Tränen, die einen aus Sorge um ihren Popanz, die anderen der Selbstverständlichkeit wegen: Abschiedstränen bedeuten Abschied und Trennungszeit. Wer sich emotional verabschiedet, erwartet einen Abschied für längere Zeit und einschneidende Veränderung. Das geht nicht ohne Vorwissen. Vorwissen zu haben, heißt hier aber zwingend, dass die Ereignisse des 4. November 2011 in Eisenach-Stregda und Zwickau-Weißenborn einem Plan folgten, der weit über diesen Tag hinausreichte und dass Beate Zschäpe Teil dieses Plans war und einen sie betreffenden Teil desselben kannte.

„Nie und nimmer zugetraut“

Reicht das als Beweis für Vorkenntnisse des NSU-Showdowns? Nein, Beate hatte einen schlechten Tag, wendet der Skeptiker ein. Und zu recht will er mehr, als subjektive Stimmungsbilder, nämlich überprüfbare Hinweise und Fakten, die eine staatliche NSU-Planung belegen.

Diese Hinweise gibt es am 4. November reichlich in Eisenach und Zwickau. Sie sind ohne Vorkenntnisse dessen, was verschiedenste Akteure vorfinden und wie sie reagieren würden, im Einzelfall nur unter Verrenkungen, in ihrer Gesamtheit gar nicht zu erklären.

Das beginnt schon mit dem erwarteten zweiten Bankraub nach dem Arnstädter Sparkassenüberfall am 7. September 2011, der eben kein Misserfolg war und die Mutmaßung über ein Folgeereignis nicht schlüssig nach sich zieht. Die Polizeidirektion Gotha hält deshalb Einsatzkräfte der Polizeidirektion Gotha in Bereitschaft, der Folgeüberfall wird in einer zweiten Wochenhälfte erwartet. Tatsächlich überfallen zwei Männer am 4. November die Sparkasse in Eisenach, die zufälligerweise zum Bereich der Polizeidirektion Gotha gehört.

Als zwei Polizisten das Fluchtfahrzeug in Eisenach-Stregda entdecken, in dem die Bankräuber trotz aufgehobener Ringfahndung ausharren, werden sie Zeuge der „NSU-Selbstenttarnung“. Nach Schussgeräuschen gehen die Beamten in Deckung, es gibt eine starke Rauchentwicklung, das Wohnmobil beginnt im vorderen Bereich zu brennen. So die Darstellung der Polizisten. Eintreffende Rettungssanitäter werden gewarnt und ziehen sich zurück, die Feuerwehr dagegen darf das Fahrzeug aus nächster Nähe ungehindert löschen.

Eisenachs Polizeichef Gubert versichert nach dem Einsatz gegenüber dem Leiter der Eisenacher Feuerwehr, Steffan, es habe keine Gefahr durch die Bankräuber bestanden, im Falle einer bestehenden Gefahr ließe die Polizei „doch niemals das Feuerwehrauto durchfahren“:4)

Sie glauben wohl nicht, dass die Polizei die Feuerwehr ans Messer liefert oder in eine Situation lässt, wo geschossen wird!?“

Diese Versicherung widerspricht diametral den Aussagen der Polizisten Mayer und Seeland, die das Wohnmobil entdeckten. Eine Begründung für seine Gewissheit hat Gubert bis heute nicht abgegeben. Ferndiagnostisch wird der Tod der Fahrzeuginsassen durch Rauchvergiftung festgestellt, auf Rettungsmaßnahmen wird verzichtet, der Notarzt unverrichteter Dinge weggeschickt. Bei einem Blick ins Fahrzeuginnere legen sich Polizeidirektor Menzel und KOK Lotz erstaunlich schnell auf einen erweiterten Suizid fest, obwohl die vordere Leiche unter herabgefallener Dachverkleidung verborgen liegt. An der Hypothese der Selbsttötung hält auch das BKA fest trotz erheblicher Widersprüche der Auffindesituation und Obduktionsergebnisse. Eine Großfahndung nach weiteren bewaffneten gewaltbereiten Komplizen findet nicht statt. Lediglich ein Verdachtsfall des flüchtenden „dritten Mannes“ wird überprüft.

Gothas Polizeidirektor Menzel fordert am Nachmittag des 4. Novembers nach „Brainstorming“ ohne Anhaltspunkte zur Identität der Toten die Vermisstenakte Mundlos an (Das wird später auf den 5.11. datiert, nach der Identifizierung der Fingerabdrücke von Mundlos, also redundant.) und telefoniert mit VS-Rentner Wießner, „Wo ist die Zschäpe?“ (Der Anruf wird später zuerst auf den 5.11., dann auf den 6.11. verschoben). Freidemokrat Kurth bestätigt im Untersuchungsausschuss des Bundestages Menzels erste Version der Identifizierung, als er aus vorliegenden Akten zitiert:5)

Patrick Kurth (Kyffhäuser) (FDP):

[…] Am 04.11. war maximal eine Person bekannt, wenn überhaupt, zweifelsfrei überhaupt erst am 05.11. Eingeliefert wurden zwei unbekannte männliche Personen. In den Akten, die wir hier zur Verfügung haben, legt sich niemand auf den Namen fest. „Mutmaßlich“ heißt es an der Stelle bei einer Person, und das auch erst um 16, 17 Uhr, also relativ später am Tag.

Wie sein Ex-Chef Roewer und die Bewohner der Zwickauer Polenzstraße äußert auch der frühere VS-Beamte Wießner Zweifel, dass Mundlos und Böhnhardt die ihnen angelasteten Verbrechen begangen haben sollen: Er habe ihnen das nie und nimmer zugetraut.

Rotkäppchensekt, Katzenkorb und Oma

Vorwissen gibt es auch in Zwickau. Und zwar ohne Abschied. Die zum Suizid entschlossenen Uwes rufen Beate nicht an, um ihr letzte Anweisungen zu geben oder Lebewohl zu sagen; Beate erfährt nach eigener Aussage „über das Radio, dass in Thüringen ein Wohnmobil entdeckt worden sei, welches brennen würde, dass Schüsse gefallen seien und dass sich,“ so glaubt sie sich zu erinnern, „zwei Leichen im Wohnmobil befinden würden.“ 6)

Zschäpe bleibt nicht nur denkbar wenig Zeit, um das Terrornest in der Frühlingsstraße ohne praktische Erfahrung verletzungsfrei und fachgerecht in die Luft zu jagen, sie geht in einer Extremsituation auch ungewöhnlich strukturiert vor. Oma warnen, Sekt und Ibuprofen in die Tasche, Katzen übergeben, Bekennervideos einwerfen, Flucht. Und: Sie handelt schlicht auf Verdacht. Eine Bestätigung dafür, dass die Toten in Eisenach ihre Uwes sind, hat sie zum Zeitpunkt ihres Beitrages zur „NSU-Selbstenttarnung“ nicht.

All das ist so bekannt wie unglaublich. Kaum zur Kenntnis genommen wird dagegen ein Artikel des Arbeitskreises NSU, der sich auf konkrete Vorfeldaktivitäten in der Frühlingsstraße bezieht:7)

  1. In den Wochen vor dem 4.11.2011 wurden dort jede Menge fremder Autos gesehen, aus Köln, aus der „schwäbischen Provinz“, also aus Baden-Württemberg.
  2. Es wurden auffallend viele Bauarbeiten durchgeführt, Leitungsbau, Spielplatz-Arbeiten, Renovierungen der Dachgeschosse (auch im „Terrornest“, durch Heiko Portleroi, aber auch durch andere Firmen), Die wurden aber nie vorgeladen …

Der Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, äußert am 13. November 2011 öffentlich seine Skepsis gegenüber den Ermittlungserfolgen:8)

„Mutmaßungen sind in so einem Ermittlungsfall fehl am Platze, aber es verwundert schon sehr, wie schnell sich die Bundesanwaltschaft nach der Explosion des Hauses in Zwickau und dem Auffinden der Leichen der beiden Täter zur Gruppierung der Täter festgelegt hat und wie schnell über zwei Dutzend Aktenordner mit Erkenntnisse über die Täter präsentiert werden konnten.

Erstaunlich präzise Vorahnungen gibt es bei den Tatwaffen der Ceska-Morde und dem Heilbronner Polizistenmord. Als der Generalbundesanwalt am 11. November 2011 die Übernahme der Ermittlungen veröffentlicht, wird die erst zwei Tage zuvor im Brandschutt gefundene Ceska als Tatwaffe der Mordserie genannt trotz erheblicher zeitlicher Unstimmigkeiten zwischen Auffindetag, Eingang der Waffe bei der Kriminaltechnik des Bundeskriminalamtes und dem Abschluss der Untersuchungen.9)

Ähnlich prophetisch verkündet der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger am 9. November 2011 die Tatwaffe im Mordfall Kiesewetter, obwohl das Kriminaltechnische Institut in Dresden den Eingang der Waffe zur Untersuchung für diesen 9. November vermerkt. Seinem sächsischen Kollegen, Oberstaatsanwalt Uwe Wiegner, ist diese frühzeitige Festlegung schleierhaft.10)

Dieses behördliche Vorwissen geht später nahtlos in politische und mediale Vorverurteilung über. Schon am 22. November 2011, also nicht einmal drei Wochen nach der „Selbstenttarnung“, zeigen sich die Fraktionen des Deutschen Bundestages in einer gemeinsamen Resolution „zur Mordserie der Neonazi-Bande“ zutiefst beschämt,

[…] dass nach den ungeheuren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes rechtsextremistische Ideologie in unserem Land eine blutige Spur unvorstellbarer Mordtaten hervorbringt. 11)

In der Einsetzung des NSU-Untersuchungsausschusses wird die Vorverurteilung zum Dogma erhoben. Das NSU-Phantom ist zur spirituellen Gewissheit geworden und zum Eckstein einer Erlösungsreligion.

Perpetuum mobile

Im ersten Kübel mit NSU-Enthüllungen, der über uns ausgegossen wurde, waren auch „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“. Gigi ist der rechtsextreme Musiker Daniel Giese. Auf seinem Album „Adolf Hitler lebt!“ aus dem Jahre 2010 gibt es den Song „Döner-Killer“. Da heißt es: 12)

Neun mal hat er es jetzt schon getan.
Die SoKo Bosporus, sie schlägt Alarm.
Die Ermittler stehen unter Strom.
Eine blutige Spur, und keiner stoppt das Phantom

[…]

Hunderte Beamte ermittelten zuletzt.
300.000 Euro sind auf ihn ausgesetzt.
Alles durchleuchtet, alles überprüft,
doch kein einziger Hinweis und kein Tatmotiv.

Am Dönerstand herrschen Angst und Schrecken.
Kommt er vorbei, müssen sie verrecken.
Kein Fingerabdruck, keine DNA.
Er kommt aus dem Nichts – doch plötzlich ist er da.

Musikalisch wertlos, aber wer den Text nach dem NSU-Showdown las, war elektrisiert. Was war das? Eine Botschaft an die Szene, Mitwisserschaft, Bekenntnis? Zunächst ist es Beamten-Sprech vom Feinsten und klingt wie aus einem Ermittlungsbericht abgeschrieben. Die Politologin Andrea Röpke verweist auf eine Sendung „XY ungelöst“ als Inspirationsquelle.13) Wie kommt Giese zu diesem Text und was soll er?

Rechtsrock ist für Sicherheitsbehörden ein Goldesel. Er ist Propagandaträger und provoziert Propagandadelikte. Er rekrutiert Straftäter zur V-Mitarbeit und als Agents provocateurs. Rechtsrock stiftet Gemeinschaft; Konzerte sind Versammlungsorte und werden entsprechend infiltriert und beobachtet. Will der Staat die rechtsextreme Szene kontrollieren, muss er Macher, Vertrieb und Logistik der Musikszene kontrollieren. Und NPD-Mitglied Gigi schafft es immerhin in den Verfassungsschutzbericht 2010 des Bundesinnenministers.14)

Am 18. November 2011, in Berlin treffen sich gerade 120 Minister und Fachleute aus Bund und Ländern zu einem Krisengipfel in Berlin, um Strategien gegen Rechtsextremismus zu beraten, raunt der Spiegel über Gigis mögliches NSU-Wissen. Zitiert wird ein User des inzwischen abgeschalteten rechten Thiazi-Forums:15)

Döner-Killer“ sei eine „recht sachliche Ausbreitung der zu diesem Fall der Öffentlichkeit bekannten Fakten“, schrieb dort der Benutzer „Von Thronstahl“ im Juni 2010.

Gut möglich, dass von Thronstahl diese Fährte als Beamter gelegt hat. Denn die Einzeltätertheorie (Serientäter), die er ebenso wie Gigi promotet, ist zwar der Schlüssel zum NSU-Phantom, in der Öffentlichkeit zu dieser Zeit aber stark unterbelichtet. Der Suchbegriff „Dönermord“ für den Zeitraum Anfang 2009 bis Mitte 2011 listet überwiegend Beiträge auf, die der Organisationstheorie nachgehen: Die Spur führt zur Wettmafia, zu den Grauen Wölfen, in die Schweiz, in die Türkei, aber kaum nach rechts. Die Einzeltätertheorie als Ermittlungsansatz dominiert in den Medien etwa 2007 bis 2008.

Noch 2010 werden mehrere Lieder des Albums „Adolf Hitler lebt!“ vom LKA Sachsen indiziert. „Döner-Killer“ bleibt legal. Der Verbreitung des Songs und damit eines vermeintlichen Mit- oder besser: Vorwissens steht nichts im Wege. Wie kommen die Sachsen ins Spiel? Ganz einfach: Produziert wurde Gigis CD in Chemnitz beim Label „PC Records“.

Die Welt ist ein V-Dorf. Chemnitz kennen wir nicht nur als Thomas Starkes Revier, in dem unsere drei Bombenbastler aus Thüringen „untertauchen“, der Chemnitzer Raum ist Großlabor für Geheimdienstprojekte aller Art: B&H, Nationale Sozialisten, Sturm 34, Operation Terzett und ahnungslose Behörden.

Gegründet hat das Rechtsrock-Label „PC Records“, das zu den „bundesweit aktivsten Herausgebern rechtsextremer Musik gehört“,16) Hendrik Lasch. Als Gigis „Döner-Killer“ entsteht, hat sich „Laschi“ aus dem Musikgeschäft bereits zurückgezogen und vertreibt Klamotten. Sein Nachfolger in der Musiksparte ist Yves Rahmel. Rahmel produziert auch die sogenannte Schulhof-CD. Den 2013 verbotenen Nationalen Sozialisten Chemnitz, zu deren Umfeld die Antifa auch die Brüder Eminger zählt, gibt Rahmel in bester V-Tradition Herberge. Im Chemnitzer Umfeld tauchen all die Namen, Verbindungen und Kontakte auf, die wir aus dem NSU-Komplex kennen.17)

Einsamer deutscher Wutnazi

Der Versuch, 2010 über Daniel „Gigi“ Giese, die freistaatlich-sächsische Neonaziszene und das Thiaziforum die Einzeltäter-/Serientätertheorie der BAO Bosporus bundesweit wiederzubeleben, nutzt ein klares Täterprofil. Dieses Profil kommt vom Nürnberger Ermittlerteam selbst und geht auf den Münchner Fallanalytiker Alexander Horn zurück. Der spätere NSU verbindet die Tätercharakteristik mit Elementen der Autonomen Nationalisten (Taten statt Worte).18) Aus Sicht des Verfassungsschutzes im Jahr 2010 haben die AN das größte Entwicklungspotential innerhalb des rechtsextremen Spektrums.19)

Im Sachstandsbericht der BAO Bosporus von 2008 hat der „missionsgeleitete“ Täter folgende Eigenschaften:20)

  • Geschlecht männlich,
  • Alter (Jahrgang 1960 bis 1982)
  • geografischer Bereich Nürnberg (Ankerpunkt),
  • Nationalität deutsch,
  • Affinität zu Waffen / Schießfertigkeit,
  • Mobilität, evtl. beruflich bedingt,
  • Kenntnisse zur Rechten Szene und
  • polizeiliche Vorerkenntnisse (nicht zwingend erforderlich).
    […]
    Aufgrund kriminologischer Erkenntnisse steht fest, dass Serientäter eine erhöhte Suizidneigung aufweisen.

Lassen wir Nürnberg weg, wo drei der neun Ceskamorde verübt wurden, und nehmen dafür die Radfahrer, die im 2008er Bericht wichtig werden, dann haben wir den „NSU“:21)

In den Fällen SIMSEK, KILIC, YASAR und KUBASIK sind von Zeugen Wahrnehmungen gemacht worden, die darauf hindeuten, dass die vermeintlichen Täter mit Fahrrädern an den Tatort gelangten bzw. mit diesen flüchteten.

Im Vergleich der Bosporus-Sachstandsberichte von 2005 und 2008 verschiebt sich der Verdachtsschwerpunkt deutlich weg von der Organisationstheorie hin zur Einzeltätertheorie trotz behaupteter Gleichrangigkeit. 2006 hatte die BAO-Führung eine alternative Hypothese durch Alexander Horn von der OFA Bayern in München erstellen lassen. Ab dem 1. Juni 2006 befasst sich eine Ermittlungseinheit ausschließlich mit dem Ermittlungsansatz eines Serientäters. Der Fallanalytiker Horn hat beim FBI gelernt. Sein Ceskamörder ist ein typischer amerikanischer Serienkiller: männlich, weiß, zwischen 20 und 40 Jahre alt, frustriert.

Gründe, die 2005 noch gegen den Ausländerhasser mit Suizidneigung sprechen, werden 2008 in diesem Zusammenhang ausgeblendet.22)

Einzeltäter/Psychopath

Aufgrund des Umstandes, dass sich bei den Opfern kein konkretes Motiv ergibt,

kriminelle Bezüge nicht zu finden sind und Beziehungen untereinander fehlen, werden auch Überlegungen zu Einzeltätern mit einbezogen, die ohne Mordauftrag Dritter aus eigenen Motiven (ähnlich den in den USA aufgetretenen „Snipern“) handeln.

Dagegen spricht, dass fast alle Opfer vor den Tatzeiten von Personen aufgesucht wurden, die nicht zur Stammkundschaft oder zum näheren Bekanntenkreis der Opfer gezählt werden können. Die Besuche wurden von unbeteiligten Zeugen als Bedrohungslagen oder als Streitgespräche interpretiert.

Weiterhin liegen Aussagen vor, dass es z.B. bei den Opfern SIMSEK und TASKÖPRÜ zu Wesensveränderungen in den Wochen vor der Tat gekommen war, was ebenfalls gegen diese Theorie spricht.

Der 2008er Bericht verknüpft über die Radfahrer die Ceska-Mordserie mit dem Nagelbombenanschlag in Köln 2004. Das ist verhängnisvoll, denn de facto beseitigt der Kölner Bombenanschlag die starke Botschaft einer unverwechselbaren Handschrift für die Vorgehensweise der Ceskaserie. Der Kölner Anschlag ist eben keine individuelle Hinrichtung.

Das NSU-Phantom ist 2008 auch ermittlungsseitig vorbereitet. Medial hat der Ermittlungsansatz des Einzel- bzw. Serientäters längst die Oberhand gewonnen.23)

Bei den Ermittlungen wurde von polizeilicher Seite weder die Serientäter- noch die Organisationstätertheorie bevorzugt. Der Schwerpunkt der medialen Berichterstattung lag jedoch eindeutig bei der Serientätertheorie, was aber ausschließlich dem Verantwortungsbereich der Medien zuzuschreiben ist.

Die amerikanische Lösung

2006 endet die Ceskamordserie. Ein Jahr später bringt das ZDF eine Dokumentation heraus, die alle Facetten des späteren NSU-Komplexes vorwegnimmt: „Der Fall – Jagd nach dem Phantom“.

Dokument.rtf

https://www.youtube.com/watch?v=GCZBJbh0DRk

Alles, was nach der „NSU-Selbstenttarnung“ die Aufklärung bestimmt, gibt es bereits: den noch unausgesprochenen Vorwurf „rassistischer“ Ermittlungen, das Verschweigen krimineller Verwicklungen der Opfer und Drohungen gegen sie im Vorfeld der Morde, die Furcht innerhalb der türkischen Gemeinschaft, zwei junge Männer mit Fahrrädern, den Suizid des Serienmörders.

Der Mörder kommt, tötet und verschwindet wieder. Neun Morde und ein Ende nicht in Sicht: War dieser Film Vorlage für Gigis Phantom?

Fallanalytiker Alexander Horn hat in der ZDF-Dokumentation seinen großen Auftritt: Seine Profiler schließen aus, dass ein professioneller Auftragskiller die Morde begangen hat. Und Bosporus-Leiter Geier darf am Ende zusammenfassen: Es handelt sich beim Täter um einen Deutschen. So geht Vorwissen im politisch-medialen Raum.

2007 entstehen auch große Teile des „NSU-Bekennervideos“. Die Weichen für den „NSU“ sind gestellt. Der Rest ist Warten auf eine Gelegenheit und schlecht gemachte Umsetzung. Zu viel geht am 4. November 2011 daneben. An Beate Zschäpe liegt es nicht.

 


Anmerkungen und Fußnoten:

1) Heike Kuhn gegenüber dem Journalisten Andreas Förster
http://www.berliner-zeitung.de/politik/neonazi-zelle-zwickau-wie-die-neonazis-unbeachtet-durchs-leben-gingen,10808018,11584036.html

2) „Das haben sie von ihrem Küchenfenster aus gesehen“, fragte die Anwältin und ließ ihren Zweifel daran deutlich durchblicken, dass die Zeugin Susann E. nur dieses eine Mal gesehen hat. An diesem Punkt der Zeugenbefragung zeigt die 46-Jährige Nerven. Sie erklärte, dass sie derzeit „anderes im Kopf habe“. „Was denn“, will die Anwältin wissen und aus der Zeugin bricht es unter Tränen heraus: „Vor kurzem ist mein Vati gestorben, meine Tochter wurde sexuell missbraucht.“ Jetzt sei Schluss. Sie interessiere sich für das alles nicht mehr.

http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Zeugin-im-NSU-Prozess-Ich-muss-noch-zum-Geburtstag-meiner-Tochter-377388357

3) Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Scharmer erklärt zur Befragung der Nachbarin:
“Man musste der Zeugin die Antworten förmlich aus der Nase ziehen und dann reagierte sie laut und in der Regel auch frech. Sie erklärte, dass sie andere Probleme habe, als hier auszusagen. Dass es um 10 ermordete Menschen geht und es auch auf ihre Aussage ankommt, sah die Zeugin nicht. Die Zeugin war nicht nur unverschämt gegenüber dem Gericht und den Nebenklageanwälten. Ihr fehlte auch jegliche Empathie für die hingerichteten Opfer des NSU. Es verwundert nicht, dass das Trio in Umgebung solcher Nachbarn nicht aufgefallen ist.“

https://www.nsu-watch.info/2013/12/protokoll-67-verhandlungstag-10-dezember-2013/

4) https://hajofunke.wordpress.com/2015/08/30/nsu-pua-thueringen-ua-61-protokoll-27-8-2015-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-abschleppen-wohnmobil-feuerwehr-rechtsmedizin/

Protokoll der NSU-UA-Sitzung des Thüringer Landtages vom 27.08.2015

5) Protokoll des Bundestags-Untersuchungsausschusses Nr. 56 a, öffentlich
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD14600/Protokolle/Protokoll-Nr%2056a.pdf

6)Aussage Beate Zschäpes im Wortlaut
http://www.welt.de/politik/deutschland/article149803799/Dokumentation-Die-Aussage-der-Beate-Zschaepe.html

7) https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/06/02/taskforce-in-stregda-ein-gastbeitrag-von-balthasar-prommegger/

8) https://www.bdk.de/der-bdk/aktuelles/pressemitteilungen/jede-form-von-extremismus-ist-eine-erhebliche-bedrohung-fur-unser-land

9) Vgl. dazu Aktenmaterial und Auswertungen des AK NSU
https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/08/06/wann-wurde-die-ceska-w04-aus-dem-zwickauer-schuttberg-untersucht/

10) https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/02/15/als-generalstaatsanwalt-pflieger-die-mordwaffe-heilbronn-2-tage-vor-beginn-der-prufung-bekanntgab-9-11-2011/

http://www.stern.de/panorama/stern-crime/heilbronner-polizistenmord-ermittler-geben-raetsel-auf-3881198.html

11) http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestag-zum-rechtsextremismus-die-gemeinsame-resolution-der-parteien-im-wortlaut-1.1196497

12) http://de.metapedia.org/wiki/D%C3%B6ner-Killer

13) http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/04/19/die-nsu-und-das-doner-killer-lied-was-wusste-gigi_8431

14) https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2011/vsb2010.pdf?__blob=publicationFile

15) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/rechtsextreme-musik-hymne-auf-die-moerder-a-798627.html

16) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19124

17) https://linksunten.indymedia.org/de/node/110037

18) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/rechtsradikalismus-neonazis-wollen-taten-statt-worte-11529950.html

19)  https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2011/vsb2010.pdf?__blob=publicationFile
(Seite 64 ff.)

20) Sachstandsbericht BAO Bosporus, Stand Mai 2008, S. 82f

21) Ebd. S. 52

22) Sachstandsbericht 2005 BAO Bosporus, Stand November 2005, S. 107

23) Sachstandsbericht BAO Bosporus, Stand Mai 2008, S. 91