Metamorphose

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Wir haben im BKA permanent überlegt, wie wir es schaffen könnten, den GBA zuständig zu machen.“
Jürgen Maurer, ehem. Vizepräsident des BKA

 

Am Anfang war die Marginalie. Der Minister Beckstein schrieb sie auf seine Zeitung: fremdenfeindlicher Hintergrund. Doch seine Beamten verstanden nicht. Das geschah im Jahre 2000, als der Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg erschossen wurde, da wo auch Günther Beckstein seine Blumen kaufte. Die Česka-Serie endete 2006, als am 4. April jemand Mehmet Kubasik in Dortmund tötete und zwei Tage später Halit Yozgat in Kassel.

Und da wurde es ein Fall für die Politik. Fußballsommermärchen 2006, das hieß auch: Keine Morde an Ausländern, wenn die Welt zu Gast bei Freunden ist. Also berieten die Innenminister und setzten eine Steuerungsgruppe ein; Nürnberger BAO, Sonderkommissionen, Staatsanwaltschaften und das BKA sollen die Ermittlungen neu organisieren. Bayerns Minister Beckstein erhöht die Belohnung auf 300 Tausend Euro, um Schweigebarrieren zu überwinden.

Die Steuerungsgruppe ist ein Kompromiss zwischen Föderalismus und Zentralgewalt. Verordnete Bundeszuständigkeit wertet man in München als Kriegserklärung, das BKA dagegen findet die Arbeit der Provinzbeamten stümperhaft. Die Bundesbehörde will nach dem 11. September mehr Macht. Das ist ihr Ziel.

Alpenföhn

Auf dem ersten Treffen des neuen Gremiums am 17. Mai 2006 präsentiert Nürnbergs Chefermittler Wolfgang Geier die Einzeltätertheorie der OFA Bayern. Selbstbewusst stellt er sie als nunmehr gleichrangig neben die bisherige Organisationstheorie. Noch im Vorjahr hatten die Münchner auf Täterorganisation gesetzt, einen Sniper als unwahrscheinlich abgelehnt. Bei den Kollegen fällt die weißblaue Geschichte vom missionsgeleiteten Türkenschreck durch. Für BKA-Vize Falk ist sie Kaffeesatzleserei. Sein Abteilungsleiter SO, Jürgen Maurer, findet sie dagegen plausibel.

Mit heutigem NSU-Wissen lässt uns Alexander Horns präzise Täterbeschreibung frösteln. Der Profiler hat die Českamörder erkannt, sie ähneln dem „Lasermann“,1) aber wieder hört niemand zu:2)

  • Täter verfügt über psychopathische Persönlichkeit
  • Täter entwickelt ablehnende Haltung gegenüber Türken
  • Täter sucht ggf. Nähe zur rechten Szene
  • Täter ist von der Schwäche enttäuscht
  • Täter entwickelt die Vorstellung seiner eigenen Mission
  • Täter beschafft sich (falls nicht bereits vorhanden) die Tatmittel und entwickelt diese im Verlauf der Serie weiter
  • Täter verfestigt seinen Tatentschluss und behält diesen über Jahre bei
  • Täter gewinnt durch die erfolgreichen Taten an Selbstbewusstsein und ist bereit auch höhere Risiken einzugehen (Allmachtsphantasien)
  • Täter begeht die Taten in sich verkürzendem Zeitintervall

Horn mutmaßt treffsicher, es gäbe über den Täter polizeiliche Vorerkenntnisse des Staatsschutzes (rechts), Waffen- bzw. Sprengstoffdelikte, Aggressionsdelikte (z.B. Sachbeschädigung), eine Zugehörigkeit zur rechten Szene vor der ersten Tat und anschließenden Rückzug. Er empfiehlt Ermittlungen in der rechten Szene auch nach einem in enger Verbindung stehenden Mittäter. Er habe möglicherweise Aktionen gefordert. Die Mordserie wird analytisch über zwei Rad fahrende Täter mit dem Kölner Bombenanschlag von 2004 verknüpft.

Nur beim Fazit liegt die OFA daneben, obwohl ihre Schlussfolgerung nachvollziehbar ist. Fünf der neun Česka-Morde wurden in Bayern verübt, drei davon allein in Nürnberg. Horn vermutet deshalb einen Ankerpunkt des Täters im Nürnberger Südosten. Andere Tatorte habe der Täter im Rahmen einer Routinetätigkeit ausgewählt.

Hinlegen!

Der ungeliebte neue Ermittlungsansatz hat zwei Vorteile: Er ist in sich stimmig und ein fremdenfeindliches Motiv überwindet den toten Punkt der Organisationstheorie, denn eine Organisation für die gesamte Serie konnte nicht ermittelt werden. Seine eigentliche Schwäche wird sich später als Stärke entpuppen: Mit der Realität der Českaserie hat das Profil nichts zu tun. Die Tatmerkmale sprechen gegen den Türkenhasser. Was also bezwecken die Münchner mit einer Hypothese, die Ressourcen bindet? Der „Ankerpunkt Nürnberg“ als föderales Bollwerk gegen Begehrlichkeiten aus Berlin, Wiesbaden und Karlsruhe?

Der Affront ist da: Das am Theorienstreit unbeteiligte LKA Baden-Württemberg soll es mit einer weiteren Analyse richten. Die Schwaben bestätigen klar die Organisationtheorie und verwerfen ausdrücklich Horns „NSU-Profil“:3)

Gegen eine solche Theorie spricht […], dass alle Opfer weitere Gemeinsamkeiten aufweisen, die von außen für einen Täter ohne Opferbezug nicht erkennbar sind und somit für solch einen Täter kein Auswahlkriterium darstellen können: Geldprobleme und somit Empfänglichkeit für risikobehaftete und gegebenenfalls illegale Tätigkeiten, u. a. Glücksspiel.
[…]
Weitere Aspekte sprechen ebenfalls gegen einen Täter, der aus einem inneren Antrieb heraus willkürlich seine Opfer auswählt:
– Zwischen den Taten liegen z. T. sehr lange Zeitspannen, z. T. wiederum sehr kurze […]
– Die Täter haben sich an einigen Tatorten ausgekannt (Ortskenntnis) und gleichzeitig haben sie mehr oder weniger konkretes Wissen zur Verfügbarkeit der jeweiligen Opfer gehabt. Dies spricht gegen den Täter, der willkürlich nach Zufallsopfern Ausschau hält.
– Mehrere Tatobjekte waren per se nicht als türkische Geschäfte erkennbar, eine Auswahl der Opfer anhand des bloßen Merkmals „türkischer Kleingewerbetreibender“ ist damit nicht realisierbar.
– […]
– Ein Opfer war Grieche (Verwechslung ausgeschlossen, da sein Geschäft in einem Griechen-Viertel lag) und zudem war auch sein Geschäft nicht als ausländisches Geschäft erkennbar (nur rein deutsche Aufschrift vor dem Geschäft).
Bei einigen Opfern waren vor der Tat Verhaltensänderungen wahrnehmbar (laut Zeugenaussagen).

Als Ergebnis wurde definiert:
Alle neun Opfer hatten Kontakt zu einer Gruppierung, die ihren Lebensunterhalt mit kriminellen Aktivitäten bestreitet und innerhalb derer zudem ein rigider Ehrenkodex bzw. ein rigides inneres Gesetz besteht. Im Laufe der Zusammenarbeit begingen die Opfer vermutlich einen Fehler, der für die Opfer hinsichtlich seiner Bedeutung nicht erkennbar war. Aufgrund dieser für die Täter bedeutsamen Verletzung eines Ehrenkodex bzw. Wertesystems wurden in der Tätergruppierung jeweils Todesurteile gefällt und vollstreckt. Dabei ging es vermutlich nicht (mehr) um Forderungen irgendwelcher Art (rationaler Aspekt), sondern letztendlich um die Sicherung oder Wiederherstellung einer in der Gruppe ideell verankerten Wirklichkeit, z. B. Status, Prestige, Ehre, Pflege eines bestimmten Selbstbildes usw. (irrationaler Aspekt).

Zum Täterprofil heißt es u. a.:
Ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit
Aufgrund der Tatsache, dass man 9 türkischsprachige Opfer hat, ist nicht auszuschließen, dass die Täter über die türkische Sprache den Bezug zu den Opfern hergestellt haben und die Täter demzufolge ebenfalls einen Bezug zu dieser Sprache haben. Auch spricht der die Gruppe prägende rigide Ehrenkodex eher für eine Gruppierung im ost- bzw. südosteuropäischen Raum (nicht europäisch westlicher Hintergrund).

Ein solcher sprachlicher Bezug zwischen Tätern und Opfer ist auch naheliegend, als am 25. Februar 2004 Mehmet Turgut in einem abgelegenen Dönerstand erschossen wird. Schussverletzungen, Spurenbild der Blutspritzer im unteren Bereich des Raumes und Projektile im Boden lassen für den Rostocker Mordermittler „nur die Schlussfolgerung zu, dass die Täter in den Wagen hineingegangen sind, das Opfer fixiert und ihn dann getötet haben.“4) Das Opfer muss sich auf den Boden legen. Um Turgut dazu zu zwingen, kommunizieren Täter und Opfer, wahrscheinlich verbal.

Die schwäbische Analyse spiegelt im Wesentlichen die Einschätzungen der meisten Ermittler wider. Inzwischen gilt sie als Beispiel für rassistische Polizeiarbeit: Gescheitert, weil auf dem rechten Auge blind. Das FBI dagegen stützt 2007 unaufgefordert die Hypothese vom Einzeltäter. Die Schwachstellen der Einzeltätertheorie werden heute mit der wabernden Verdachtsaura eines Nazi-Netzwerkes vernebelt, das vor Ort Ziele ausspähte.

Unbeeindruckt von der Stuttgarter Fallanalyse verfolgt eine Ermittlungseinheit der BAO „Bosporus“ sechs Jahre nach Becksteins Randnotiz die Spur 195: Rechtsextremismus mit Schwerpunkt Nürnberger Südosten. Bayerns Hartnäckigkeit wird jedoch nicht belohnt; ein fremdenfeindlicher Serienmörder ist in der von Spitzeln durchsetzten Szene unbekannt.

Festgefahren

Bis zur „Selbstenttarnung“ in Eisenach-Stregda ist es damals noch ein weiter, frustrierender Weg. Beide Ermittlungsansätze scheitern. Die verblüffende Übereinstimmung zwischen Horns indizienfreier Prophetie und dem, was wir heute als NSU imaginieren, lässt allerdings einen Umkehrschluss zu: Sind die Rechtsterroristen Mundlos und Böhnhardt Ikonographien, geschaffen nach Vorgabe eines politisch opportunen Täterbildes? Hat Alexander Horn 2006 aus Versehen den NSU erfunden?

2007 sind die meisten Spuren weitgehend abgearbeitet, 2008 wird die BAO „Bosporus“ auf eine Mordkommission zurückgeführt. Offen ist die Waffenspur, aber auch sie endet in einer Sackgasse. Die BKA-EG „Česka“ legt sich zunehmend auf in der Schweiz vertriebene Modelle fest. An den Erinnerungslücken eines angeblichen Českakäufers beißen sich die Ermittler die Zähne aus.

Das Verhältnis zwischen MK Bosporus und dem BKA ist nach Alleingängen beider Seiten in der Öffentlichkeitsarbeit zur Schweizer Waffenspur zerrüttet. Im Mai 2010 teilt das BKA den anderen Dienststellen die Auflösung der EG „Česka“ mit, bezweifelt offen die Weisungskompetenz der Steuerungsgruppe und verlässt sie im selben Monat.

Die Steuerungsgruppe kommt im Oktober 2010 letztmalig zusammen, ein Jahr vor dem Showdown sind die Aufklärung der Českaserie praktisch gescheitert. Alexander Horns Einzeltätertheorie ist wieder verfügbar zur Anschlussverwendung durch Dritte.

Für den NSU-Interessierten ist noch immer schwer zu verstehen, warum BAO, Länder-Sokos und BKA die Mordserie in elf Jahren nicht aufklären konnten; trotz gewaltigen Aufwands und hoher Belohnung für Tippgeber. Untersuchungsausschüsse bekamen Antworten: eine fehlende Weisungshierarchie, inkompatible Datensysteme, schweigende Angehörige, spurenfreie Taten, Rivalitäten der Behörden, Fehler der Öffentlichkeitsarbeit, das angebliche Ignorieren des fremdenfeindlichen Motivs. Aber die Erklärungen überzeugen nicht.

Wenn Herkunft, Geld und Waffe die verbindenden Elemente waren, dann waren die Landesbehörden nicht ausschließlich davon abhängig, was die EG „Česka“ ermitteln würde. Aufzeichnungen der Opfer über Spielschulden, Kredite und Geldanlagen im Zusammenhang mit der Yimpas-Pleite 5) oder Kontenbewegungen und Milieukontakte – das konnten die Sonderkommissionen der Länder recherchieren. Und doch stand alles unter der Prämisse, dass bei neun Morden die eine Waffe zum Einsatz kam, auf deren Identität sich das BKA festgelegt hatte, bei erheblichen Unterschieden der Tatausführungen.

Lag darin der Kardinalsfehler, verbunden mit dem Postulat vom Schalldämpfer, das die Menge der gesuchten Waffen stark eingrenzte und die Nadel im geordneten Schweizer Nähkästchen suchte, statt im zu großen Heuhaufen?

Der Stellvertreter

Mit der Hoheit über die Českazuordnung bekam ein ambitioniertes BKA nicht nur den Fuß in die Ermittlungen, tatsächlich übernahm es die Kontrolle über die Serie. Im Mordfall Turgut führt die Zuordnung dazu, dass der Rostocker Mordkommission das Verfahren entzogen wird. Die schwankenden und gegenläufigen Versuche, den Fall zweitweise „an sich zu ziehen“ oder eine Übernahme abzublocken, sprechen gegen eine geplante feindliche Übernahme. EG „Česka“ und Sicherungsgruppe waren damals für die Bundeskriminalen das politisch Machbare.

Der Anspruch, ein deutsches FBI zu werden, wurde von außen durch einen eifersüchtigen Föderalismus und Konsenszwang gebremst, intern durch Personalkapazitäten, mangelnde Erfahrung bei Mordfällen und zunehmende Fokussierung auf islamistischen Terrorismus. Man geht zögerlich vor, tastend, auch zurückweichend und sucht Umwege.

Die Bereitschaft des BKA, kreativ zu werden, um das Kommando zu bekommen, deutet der damalige Abteilungsleiter und spätere Vizepräsident Jürgen Maurer im Bundestagsuntersuchungsausschuss an:6)

Wir haben im BKA permanent überlegt, wie wir es schaffen könnten, den GBA zuständig zu machen. Aus dem Informationsgefüge heraus gab es überhaupt keine Information, die eine Zuständigkeit ermöglicht hätte. Also sind wir auf Folgendes verfallen, was eine gute Idee war, aber zur gleichen Zeit in eine Trugspur geführt hat: Der GBA wäre zuständig gewesen bei der Täterschaft der Türkischen Hizbullah. Also haben wir das zum Thema gemacht, um ein entsprechendes Verfahren und mit einem entsprechenden Verfahren die Zuständigkeit des GBA zu begründen.

Doch dieser Versuch scheitert. Hätte das BKA 2006 auch ein Bekennervideo ohne Täter herstellen lassen, um dem GBA Indizien für Rechtsterror zu liefern? Setzte Maurer zum Sprung an und bekam Fracksausen, ließ alles im Schreibtisch verschwinden, um es später mit Hilfe von oben erneut zu versuchen? Der NSU ein Plot der Stellvertreter Jürgen Maurer, Alexander Eisvogel, Klaus-Dieter Fritsche?

Maurers Vita jedenfalls lässt ihn für eine Kammerspiel-Variante amerikanischer Inside Jobs geeignet erscheinen:7)

1990 verbrachte er drei Monate als Austauschbeamter im FBI-Hauptquartier in Washington, D.C. und in verschiedenen Field-Offices. Von 1997 bis 2000 war er als Verbindungsbeamter für die deutsche Polizei an die Deutsche Botschaft Washington, D.C. entsandt und arbeitete eng mit US-amerikanischen und kanadischen Strafverfolgungsbehörden zusammen. Von 2002 bis 2005 leitete Maurer als Abteilungspräsident die Abteilung Polizeilicher Staatsschutz (ST) in Meckenheim und von 2005 bis 2010 als Direktor beim Bundeskriminalamt die Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität (SO) in Wiesbaden.

Während dieser Zeit hatte er den Vorsitz in der Kommission Staatsschutz (KST), der Kommission Organisierte Kriminalität (KOK) und der Kommission Verbrechensbekämpfung (KKB) der Arbeitsgemeinschaft Kriminalpolizei (AG Kripo), einem kriminalpolizeilichen deutschen Bund-Länder-Koordinierungsgremium.

Am 1. Februar 2010 wurde Maurer als Nachfolger von Bernhard Falk zum Vizepräsidenten beim Bundeskriminalamt ernannt. Er schied zum 31. März 2013 aus Altersgründen aus diesem Amt aus.

Nach Maurers Wechsel übernimmt Klaus Wittling die Leitung des Staatschutzes. 2005 skizziert er in einem Interview künftige Entwicklungen der Behörde. Als wichtigste Bedrohungen nennt er neben islamistischem Terror die Terrorgefahr von rechts und das internationale Verbrechen:8)

Im Zusammenhang mit der anhaltenden Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus nach den Anschlägen in den USA am 11.09.2001 musste sich die Abteilung ST neu „aufstellen“. Zudem bestand sowohl die politische Forderung als auch die fachliche Notwendigkeit der Stärkung des BKA in Berlin. […]

Welche Schwerpunkte sehen Sie neben der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus für die Abteilung ST?

In diesem Zusammenhang ist auf jeden Fall die Bekämpfung der PMK -Rechts- und die verstärkte internationale Ausrichtung der Verbrechungsbekämpfung zu nennen.

Die Zahlen im Bereich der PMK -Rechts- sind im vergangenen Jahr, mit Ausnahme der Gewaltdelikte, wieder gestiegen. Im Jahre 2005 hat es mehrere Urteile wegen Bildung krimineller und terroristischer Organisationen im Bereich der PMK – Rechts – gegeben, so z.B. gegen Martin WIESE, den Anführer der „Kameradschaft Süd“. Auch wenn wir unverändert nicht vom Vorhandensein fester überregionaler terroristischer Strukturen ausgehen, muss diesem Phänomenbereich unsere volle Aufmerksamkeit gelten.

Erst nach der NSU-Selbstenttarnung kann die Bundesbehörde ihre eigene BAO „Trio“ gründen. Rücksichten auf lokale Befindlichkeiten sind diesmal unnötig, Thüringens und Sachsens Landeskriminalämter kooperieren. Die BAO wird ein voller Erfolg: Nach jahrelangen spurenarmen Mordermittlungen unter bayerischer Regie gibt es jetzt Beweise im Überfluss, inklusive der gesuchten Schweizer Ceska mit Schalldämpfer und zweier toter Tatverdächtiger. Die Zentrale triumphiert und zeigt kraftvoll, wo es künftig langgeht.

Überwintern

Zweifellos besaß das BKA Motiv, Gelegenheit und Fähigkeiten einer rückwirkenden NSU-Terrorsimulation und bedarfsgerechter Aufklärung. Aber das beweist natürlich nichts. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen: die Hoffnung der NSU-Skeptiker auf neue Ermittlungen der Českaserie ist illusorisch. Erst recht, wenn Bundesbehörden dabei gegen sich selbst ermitteln müssten. Auch ein Regierungswechsel wird daran nichts ändern.

Wenn der NSU erfunden wurde, um Dutzende Verbrechen nutzbringend zu entsorgen, dann hat die BRD bewusst entschieden, die Českamordserie, Polizistenmord und Mordversuch in Heilbronn sowie mehrere Bombenanschläge nicht aufzuklären. Das ist umso bedeutsamer, als es keine objektiven Beweise für eine Täterschaft des Jenaer Trios gibt.

Falsche Täter zu präsentieren und so Verbrecher zu entlasten, greift den ethischen Kern unserer Gemeinschaft an. Eine größere Korruption, als Opfer und Angehörige für politisch-korrekte Ersatzsühne zu missbrauchen, ist kaum vorstellbar.

Die Konsequenz des Festhaltens an einer unglaubwürdigen NSU-Fiktion, die mit Alexander Horns Fallanalyse begann, ist kollektive Realitätsflucht und der Wille, missliebige Wirklichkeit zu zerstören. Letztes Vertrauen wird in München und metastasierenden Untersuchungsausschüssen beseitigt. Der Zwang zur „immer dreisteren Lüge“ führt indes nicht, wie die RAF einst glaubte, zur Entblößung der Lügner, sondern zum Werteverlust aller.

 


Fußnoten und Anmerkungen:

1) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/schweden-liefert-lasermann-wegen-mord-in-frankfurt-aus-a-1126128.html

2) Zitiert nach Abschlussbericht 1. NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages (S. 562)

3) Zitiert nach Abschlussbericht 1. NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages (S. 577f.)

4) https://www.nsu-watch.info/2013/10/protokoll-49-verhandlungstag-23-oktober-2013/

5) http://www.zeit.de/2006/46/G-Holy-Holdings/komplettansicht

6) 1. NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, Protokoll 36, S. 32

7) https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Maurer

8) http://www.kriminalpolizei.de/ausgaben/2005/september/detailansicht-september/artikel/interview-mit-dem-neuen-leiter-der-abteilung-poliz.html

Änderung 28. März 2017, Löschung eines Absatzes:

„Ein Zurück auf Anfang wird es nicht geben. Straftaten in Verbindung mit einer NSU-Inszenierung aus den Behörden heraus dürften inzwischen sämtlich verjährt sein, wenn man Mord durch Beamte während und außerhalb der Dienstzeit ausschließt.“

Grund:
Dagegen spricht zum Beispiel eine mögliche Besonders schwere Brandstiftung (§ 306b StGB); Frühlingsstraße, die mutmaßlich nicht durch Beate Zschäpe geplant und ausgeführt wurde.

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Vorwissen

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Aber hier im Haus glaubt inzwischen sowieso keiner mehr an die Geschichte“, sagt sie noch, bevor sie die Tür schließt. „Auch das mit dem Selbstmord nicht. Das waren keine solchen Leute.“ 1)

Am 1. November 2011 kennt Beate Zschäpe ihre Zukunft und muss weinen. Sie hat Heike Kuhn besucht, die Freundin aus der Polenzstraße, drei Tage bevor das Zwickauer NSU-Haus in die Luft fliegt. Zum Abschied gibt es kein Küsschen, wie sonst, sondern Tränen. Beate drückt die Ältere ganz fest, ehe sie ins Taxi steigt und ohne ein Wort aus dem Leben Kuhns verschwindet.

Zwei Jahre später führt der NSU-Prozess beide Frauen erneut zusammen. Kuhn ist Zeugin. Sie wird von der Nebenklage mit Fragen in die Enge getrieben, die sie demütigen sollen. Zschäpe starrt von der Anklagebank aus ins Leere.

Diesmal weint Heike Kuhn: der Vater ist gestorben, die Tochter, die eine Schule für geistig Behinderte besucht, wurde missbraucht, Kuhn will nach Hause – zur Geburtstagsfeier ihres Kindes. Aber Götzl, Weingarten und die Opferanwälte kümmert weder das Elend der ostdeutschen Alleinerziehenden, noch die letzte Begegnung mit der Nazibraut. Denn was Heike Kuhn über ihre Freundin sagt, passt nicht ins Bild der NSU-Mittäterin, das die Öffentlichkeit kennt.2)

Bundesanwaltschaft und Nebenklage haben die Vernehmungsprotokolle der Polizei. Sie wissen, dass Zschäpe den Sohn Kuhns ermahnte, sich von rechten Aktivitäten fernzuhalten, dass sie mit Heike Kuhn beim Murat Pizza aß, dass sie der afghanischen Familie im Haus beim Umzug half, dass man sie und die Uwes für „verkappte Grüne“ hielt. Vox populi und darum unerwünscht.3)

Und eben deshalb redet niemand über Beates Tränen, die einen aus Sorge um ihren Popanz, die anderen der Selbstverständlichkeit wegen: Abschiedstränen bedeuten Abschied und Trennungszeit. Wer sich emotional verabschiedet, erwartet einen Abschied für längere Zeit und einschneidende Veränderung. Das geht nicht ohne Vorwissen. Vorwissen zu haben, heißt hier aber zwingend, dass die Ereignisse des 4. November 2011 in Eisenach-Stregda und Zwickau-Weißenborn einem Plan folgten, der weit über diesen Tag hinausreichte und dass Beate Zschäpe Teil dieses Plans war und einen sie betreffenden Teil desselben kannte.

„Nie und nimmer zugetraut“

Reicht das als Beweis für Vorkenntnisse des NSU-Showdowns? Nein, Beate hatte einen schlechten Tag, wendet der Skeptiker ein. Und zu recht will er mehr, als subjektive Stimmungsbilder, nämlich überprüfbare Hinweise und Fakten, die eine staatliche NSU-Planung belegen.

Diese Hinweise gibt es am 4. November reichlich in Eisenach und Zwickau. Sie sind ohne Vorkenntnisse dessen, was verschiedenste Akteure vorfinden und wie sie reagieren würden, im Einzelfall nur unter Verrenkungen, in ihrer Gesamtheit gar nicht zu erklären.

Das beginnt schon mit dem erwarteten zweiten Bankraub nach dem Arnstädter Sparkassenüberfall am 7. September 2011, der eben kein Misserfolg war und die Mutmaßung über ein Folgeereignis nicht schlüssig nach sich zieht. Die Polizeidirektion Gotha hält deshalb Einsatzkräfte der Polizeidirektion Gotha in Bereitschaft, der Folgeüberfall wird in einer zweiten Wochenhälfte erwartet. Tatsächlich überfallen zwei Männer am 4. November die Sparkasse in Eisenach, die zufälligerweise zum Bereich der Polizeidirektion Gotha gehört.

Als zwei Polizisten das Fluchtfahrzeug in Eisenach-Stregda entdecken, in dem die Bankräuber trotz aufgehobener Ringfahndung ausharren, werden sie Zeuge der „NSU-Selbstenttarnung“. Nach Schussgeräuschen gehen die Beamten in Deckung, es gibt eine starke Rauchentwicklung, das Wohnmobil beginnt im vorderen Bereich zu brennen. So die Darstellung der Polizisten. Eintreffende Rettungssanitäter werden gewarnt und ziehen sich zurück, die Feuerwehr dagegen darf das Fahrzeug aus nächster Nähe ungehindert löschen.

Eisenachs Polizeichef Gubert versichert nach dem Einsatz gegenüber dem Leiter der Eisenacher Feuerwehr, Steffan, es habe keine Gefahr durch die Bankräuber bestanden, im Falle einer bestehenden Gefahr ließe die Polizei „doch niemals das Feuerwehrauto durchfahren“:4)

Sie glauben wohl nicht, dass die Polizei die Feuerwehr ans Messer liefert oder in eine Situation lässt, wo geschossen wird!?“

Diese Versicherung widerspricht diametral den Aussagen der Polizisten Mayer und Seeland, die das Wohnmobil entdeckten. Eine Begründung für seine Gewissheit hat Gubert bis heute nicht abgegeben. Ferndiagnostisch wird der Tod der Fahrzeuginsassen durch Rauchvergiftung festgestellt, auf Rettungsmaßnahmen wird verzichtet, der Notarzt unverrichteter Dinge weggeschickt. Bei einem Blick ins Fahrzeuginnere legen sich Polizeidirektor Menzel und KOK Lotz erstaunlich schnell auf einen erweiterten Suizid fest, obwohl die vordere Leiche unter herabgefallener Dachverkleidung verborgen liegt. An der Hypothese der Selbsttötung hält auch das BKA fest trotz erheblicher Widersprüche der Auffindesituation und Obduktionsergebnisse. Eine Großfahndung nach weiteren bewaffneten gewaltbereiten Komplizen findet nicht statt. Lediglich ein Verdachtsfall des flüchtenden „dritten Mannes“ wird überprüft.

Gothas Polizeidirektor Menzel fordert am Nachmittag des 4. Novembers nach „Brainstorming“ ohne Anhaltspunkte zur Identität der Toten die Vermisstenakte Mundlos an (Das wird später auf den 5.11. datiert, nach der Identifizierung der Fingerabdrücke von Mundlos, also redundant.) und telefoniert mit VS-Rentner Wießner, „Wo ist die Zschäpe?“ (Der Anruf wird später zuerst auf den 5.11., dann auf den 6.11. verschoben). Freidemokrat Kurth bestätigt im Untersuchungsausschuss des Bundestages Menzels erste Version der Identifizierung, als er aus vorliegenden Akten zitiert:5)

Patrick Kurth (Kyffhäuser) (FDP):

[…] Am 04.11. war maximal eine Person bekannt, wenn überhaupt, zweifelsfrei überhaupt erst am 05.11. Eingeliefert wurden zwei unbekannte männliche Personen. In den Akten, die wir hier zur Verfügung haben, legt sich niemand auf den Namen fest. „Mutmaßlich“ heißt es an der Stelle bei einer Person, und das auch erst um 16, 17 Uhr, also relativ später am Tag.

Wie sein Ex-Chef Roewer und die Bewohner der Zwickauer Polenzstraße äußert auch der frühere VS-Beamte Wießner Zweifel, dass Mundlos und Böhnhardt die ihnen angelasteten Verbrechen begangen haben sollen: Er habe ihnen das nie und nimmer zugetraut.

Rotkäppchensekt, Katzenkorb und Oma

Vorwissen gibt es auch in Zwickau. Und zwar ohne Abschied. Die zum Suizid entschlossenen Uwes rufen Beate nicht an, um ihr letzte Anweisungen zu geben oder Lebewohl zu sagen; Beate erfährt nach eigener Aussage „über das Radio, dass in Thüringen ein Wohnmobil entdeckt worden sei, welches brennen würde, dass Schüsse gefallen seien und dass sich,“ so glaubt sie sich zu erinnern, „zwei Leichen im Wohnmobil befinden würden.“ 6)

Zschäpe bleibt nicht nur denkbar wenig Zeit, um das Terrornest in der Frühlingsstraße ohne praktische Erfahrung verletzungsfrei und fachgerecht in die Luft zu jagen, sie geht in einer Extremsituation auch ungewöhnlich strukturiert vor. Oma warnen, Sekt und Ibuprofen in die Tasche, Katzen übergeben, Bekennervideos einwerfen, Flucht. Und: Sie handelt schlicht auf Verdacht. Eine Bestätigung dafür, dass die Toten in Eisenach ihre Uwes sind, hat sie zum Zeitpunkt ihres Beitrages zur „NSU-Selbstenttarnung“ nicht.

All das ist so bekannt wie unglaublich. Kaum zur Kenntnis genommen wird dagegen ein Artikel des Arbeitskreises NSU, der sich auf konkrete Vorfeldaktivitäten in der Frühlingsstraße bezieht:7)

  1. In den Wochen vor dem 4.11.2011 wurden dort jede Menge fremder Autos gesehen, aus Köln, aus der „schwäbischen Provinz“, also aus Baden-Württemberg.
  2. Es wurden auffallend viele Bauarbeiten durchgeführt, Leitungsbau, Spielplatz-Arbeiten, Renovierungen der Dachgeschosse (auch im „Terrornest“, durch Heiko Portleroi, aber auch durch andere Firmen), Die wurden aber nie vorgeladen …

Der Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, äußert am 13. November 2011 öffentlich seine Skepsis gegenüber den Ermittlungserfolgen:8)

„Mutmaßungen sind in so einem Ermittlungsfall fehl am Platze, aber es verwundert schon sehr, wie schnell sich die Bundesanwaltschaft nach der Explosion des Hauses in Zwickau und dem Auffinden der Leichen der beiden Täter zur Gruppierung der Täter festgelegt hat und wie schnell über zwei Dutzend Aktenordner mit Erkenntnisse über die Täter präsentiert werden konnten.

Erstaunlich präzise Vorahnungen gibt es bei den Tatwaffen der Ceska-Morde und dem Heilbronner Polizistenmord. Als der Generalbundesanwalt am 11. November 2011 die Übernahme der Ermittlungen veröffentlicht, wird die erst zwei Tage zuvor im Brandschutt gefundene Ceska als Tatwaffe der Mordserie genannt trotz erheblicher zeitlicher Unstimmigkeiten zwischen Auffindetag, Eingang der Waffe bei der Kriminaltechnik des Bundeskriminalamtes und dem Abschluss der Untersuchungen.9)

Ähnlich prophetisch verkündet der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger am 9. November 2011 die Tatwaffe im Mordfall Kiesewetter, obwohl das Kriminaltechnische Institut in Dresden den Eingang der Waffe zur Untersuchung für diesen 9. November vermerkt. Seinem sächsischen Kollegen, Oberstaatsanwalt Uwe Wiegner, ist diese frühzeitige Festlegung schleierhaft.10)

Dieses behördliche Vorwissen geht später nahtlos in politische und mediale Vorverurteilung über. Schon am 22. November 2011, also nicht einmal drei Wochen nach der „Selbstenttarnung“, zeigen sich die Fraktionen des Deutschen Bundestages in einer gemeinsamen Resolution „zur Mordserie der Neonazi-Bande“ zutiefst beschämt,

[…] dass nach den ungeheuren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes rechtsextremistische Ideologie in unserem Land eine blutige Spur unvorstellbarer Mordtaten hervorbringt. 11)

In der Einsetzung des NSU-Untersuchungsausschusses wird die Vorverurteilung zum Dogma erhoben. Das NSU-Phantom ist zur spirituellen Gewissheit geworden und zum Eckstein einer Erlösungsreligion.

Perpetuum mobile

Im ersten Kübel mit NSU-Enthüllungen, der über uns ausgegossen wurde, waren auch „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“. Gigi ist der rechtsextreme Musiker Daniel Giese. Auf seinem Album „Adolf Hitler lebt!“ aus dem Jahre 2010 gibt es den Song „Döner-Killer“. Da heißt es: 12)

Neun mal hat er es jetzt schon getan.
Die SoKo Bosporus, sie schlägt Alarm.
Die Ermittler stehen unter Strom.
Eine blutige Spur, und keiner stoppt das Phantom

[…]

Hunderte Beamte ermittelten zuletzt.
300.000 Euro sind auf ihn ausgesetzt.
Alles durchleuchtet, alles überprüft,
doch kein einziger Hinweis und kein Tatmotiv.

Am Dönerstand herrschen Angst und Schrecken.
Kommt er vorbei, müssen sie verrecken.
Kein Fingerabdruck, keine DNA.
Er kommt aus dem Nichts – doch plötzlich ist er da.

Musikalisch wertlos, aber wer den Text nach dem NSU-Showdown las, war elektrisiert. Was war das? Eine Botschaft an die Szene, Mitwisserschaft, Bekenntnis? Zunächst ist es Beamten-Sprech vom Feinsten und klingt wie aus einem Ermittlungsbericht abgeschrieben. Die Politologin Andrea Röpke verweist auf eine Sendung „XY ungelöst“ als Inspirationsquelle.13) Wie kommt Giese zu diesem Text und was soll er?

Rechtsrock ist für Sicherheitsbehörden ein Goldesel. Er ist Propagandaträger und provoziert Propagandadelikte. Er rekrutiert Straftäter zur V-Mitarbeit und als Agents provocateurs. Rechtsrock stiftet Gemeinschaft; Konzerte sind Versammlungsorte und werden entsprechend infiltriert und beobachtet. Will der Staat die rechtsextreme Szene kontrollieren, muss er Macher, Vertrieb und Logistik der Musikszene kontrollieren. Und NPD-Mitglied Gigi schafft es immerhin in den Verfassungsschutzbericht 2010 des Bundesinnenministers.14)

Am 18. November 2011, in Berlin treffen sich gerade 120 Minister und Fachleute aus Bund und Ländern zu einem Krisengipfel in Berlin, um Strategien gegen Rechtsextremismus zu beraten, raunt der Spiegel über Gigis mögliches NSU-Wissen. Zitiert wird ein User des inzwischen abgeschalteten rechten Thiazi-Forums:15)

Döner-Killer“ sei eine „recht sachliche Ausbreitung der zu diesem Fall der Öffentlichkeit bekannten Fakten“, schrieb dort der Benutzer „Von Thronstahl“ im Juni 2010.

Gut möglich, dass von Thronstahl diese Fährte als Beamter gelegt hat. Denn die Einzeltätertheorie (Serientäter), die er ebenso wie Gigi promotet, ist zwar der Schlüssel zum NSU-Phantom, in der Öffentlichkeit zu dieser Zeit aber stark unterbelichtet. Der Suchbegriff „Dönermord“ für den Zeitraum Anfang 2009 bis Mitte 2011 listet überwiegend Beiträge auf, die der Organisationstheorie nachgehen: Die Spur führt zur Wettmafia, zu den Grauen Wölfen, in die Schweiz, in die Türkei, aber kaum nach rechts. Die Einzeltätertheorie als Ermittlungsansatz dominiert in den Medien etwa 2007 bis 2008.

Noch 2010 werden mehrere Lieder des Albums „Adolf Hitler lebt!“ vom LKA Sachsen indiziert. „Döner-Killer“ bleibt legal. Der Verbreitung des Songs und damit eines vermeintlichen Mit- oder besser: Vorwissens steht nichts im Wege. Wie kommen die Sachsen ins Spiel? Ganz einfach: Produziert wurde Gigis CD in Chemnitz beim Label „PC Records“.

Die Welt ist ein V-Dorf. Chemnitz kennen wir nicht nur als Thomas Starkes Revier, in dem unsere drei Bombenbastler aus Thüringen „untertauchen“, der Chemnitzer Raum ist Großlabor für Geheimdienstprojekte aller Art: B&H, Nationale Sozialisten, Sturm 34, Operation Terzett und ahnungslose Behörden.

Gegründet hat das Rechtsrock-Label „PC Records“, das zu den „bundesweit aktivsten Herausgebern rechtsextremer Musik gehört“,16) Hendrik Lasch. Als Gigis „Döner-Killer“ entsteht, hat sich „Laschi“ aus dem Musikgeschäft bereits zurückgezogen und vertreibt Klamotten. Sein Nachfolger in der Musiksparte ist Yves Rahmel. Rahmel produziert auch die sogenannte Schulhof-CD. Den 2013 verbotenen Nationalen Sozialisten Chemnitz, zu deren Umfeld die Antifa auch die Brüder Eminger zählt, gibt Rahmel in bester V-Tradition Herberge. Im Chemnitzer Umfeld tauchen all die Namen, Verbindungen und Kontakte auf, die wir aus dem NSU-Komplex kennen.17)

Einsamer deutscher Wutnazi

Der Versuch, 2010 über Daniel „Gigi“ Giese, die freistaatlich-sächsische Neonaziszene und das Thiaziforum die Einzeltäter-/Serientätertheorie der BAO Bosporus bundesweit wiederzubeleben, nutzt ein klares Täterprofil. Dieses Profil kommt vom Nürnberger Ermittlerteam selbst und geht auf den Münchner Fallanalytiker Alexander Horn zurück. Der spätere NSU verbindet die Tätercharakteristik mit Elementen der Autonomen Nationalisten (Taten statt Worte).18) Aus Sicht des Verfassungsschutzes im Jahr 2010 haben die AN das größte Entwicklungspotential innerhalb des rechtsextremen Spektrums.19)

Im Sachstandsbericht der BAO Bosporus von 2008 hat der „missionsgeleitete“ Täter folgende Eigenschaften:20)

  • Geschlecht männlich,
  • Alter (Jahrgang 1960 bis 1982)
  • geografischer Bereich Nürnberg (Ankerpunkt),
  • Nationalität deutsch,
  • Affinität zu Waffen / Schießfertigkeit,
  • Mobilität, evtl. beruflich bedingt,
  • Kenntnisse zur Rechten Szene und
  • polizeiliche Vorerkenntnisse (nicht zwingend erforderlich).
    […]
    Aufgrund kriminologischer Erkenntnisse steht fest, dass Serientäter eine erhöhte Suizidneigung aufweisen.

Lassen wir Nürnberg weg, wo drei der neun Ceskamorde verübt wurden, und nehmen dafür die Radfahrer, die im 2008er Bericht wichtig werden, dann haben wir den „NSU“:21)

In den Fällen SIMSEK, KILIC, YASAR und KUBASIK sind von Zeugen Wahrnehmungen gemacht worden, die darauf hindeuten, dass die vermeintlichen Täter mit Fahrrädern an den Tatort gelangten bzw. mit diesen flüchteten.

Im Vergleich der Bosporus-Sachstandsberichte von 2005 und 2008 verschiebt sich der Verdachtsschwerpunkt deutlich weg von der Organisationstheorie hin zur Einzeltätertheorie trotz behaupteter Gleichrangigkeit. 2006 hatte die BAO-Führung eine alternative Hypothese durch Alexander Horn von der OFA Bayern in München erstellen lassen. Ab dem 1. Juni 2006 befasst sich eine Ermittlungseinheit ausschließlich mit dem Ermittlungsansatz eines Serientäters. Der Fallanalytiker Horn hat beim FBI gelernt. Sein Ceskamörder ist ein typischer amerikanischer Serienkiller: männlich, weiß, zwischen 20 und 40 Jahre alt, frustriert.

Gründe, die 2005 noch gegen den Ausländerhasser mit Suizidneigung sprechen, werden 2008 in diesem Zusammenhang ausgeblendet.22)

Einzeltäter/Psychopath

Aufgrund des Umstandes, dass sich bei den Opfern kein konkretes Motiv ergibt,

kriminelle Bezüge nicht zu finden sind und Beziehungen untereinander fehlen, werden auch Überlegungen zu Einzeltätern mit einbezogen, die ohne Mordauftrag Dritter aus eigenen Motiven (ähnlich den in den USA aufgetretenen „Snipern“) handeln.

Dagegen spricht, dass fast alle Opfer vor den Tatzeiten von Personen aufgesucht wurden, die nicht zur Stammkundschaft oder zum näheren Bekanntenkreis der Opfer gezählt werden können. Die Besuche wurden von unbeteiligten Zeugen als Bedrohungslagen oder als Streitgespräche interpretiert.

Weiterhin liegen Aussagen vor, dass es z.B. bei den Opfern SIMSEK und TASKÖPRÜ zu Wesensveränderungen in den Wochen vor der Tat gekommen war, was ebenfalls gegen diese Theorie spricht.

Der 2008er Bericht verknüpft über die Radfahrer die Ceska-Mordserie mit dem Nagelbombenanschlag in Köln 2004. Das ist verhängnisvoll, denn de facto beseitigt der Kölner Bombenanschlag die starke Botschaft einer unverwechselbaren Handschrift für die Vorgehensweise der Ceskaserie. Der Kölner Anschlag ist eben keine individuelle Hinrichtung.

Das NSU-Phantom ist 2008 auch ermittlungsseitig vorbereitet. Medial hat der Ermittlungsansatz des Einzel- bzw. Serientäters längst die Oberhand gewonnen.23)

Bei den Ermittlungen wurde von polizeilicher Seite weder die Serientäter- noch die Organisationstätertheorie bevorzugt. Der Schwerpunkt der medialen Berichterstattung lag jedoch eindeutig bei der Serientätertheorie, was aber ausschließlich dem Verantwortungsbereich der Medien zuzuschreiben ist.

Die amerikanische Lösung

2006 endet die Ceskamordserie. Ein Jahr später bringt das ZDF eine Dokumentation heraus, die alle Facetten des späteren NSU-Komplexes vorwegnimmt: „Der Fall – Jagd nach dem Phantom“.

Dokument.rtf

https://www.youtube.com/watch?v=GCZBJbh0DRk

Alles, was nach der „NSU-Selbstenttarnung“ die Aufklärung bestimmt, gibt es bereits: den noch unausgesprochenen Vorwurf „rassistischer“ Ermittlungen, das Verschweigen krimineller Verwicklungen der Opfer und Drohungen gegen sie im Vorfeld der Morde, die Furcht innerhalb der türkischen Gemeinschaft, zwei junge Männer mit Fahrrädern, den Suizid des Serienmörders.

Der Mörder kommt, tötet und verschwindet wieder. Neun Morde und ein Ende nicht in Sicht: War dieser Film Vorlage für Gigis Phantom?

Fallanalytiker Alexander Horn hat in der ZDF-Dokumentation seinen großen Auftritt: Seine Profiler schließen aus, dass ein professioneller Auftragskiller die Morde begangen hat. Und Bosporus-Leiter Geier darf am Ende zusammenfassen: Es handelt sich beim Täter um einen Deutschen. So geht Vorwissen im politisch-medialen Raum.

2007 entstehen auch große Teile des „NSU-Bekennervideos“. Die Weichen für den „NSU“ sind gestellt. Der Rest ist Warten auf eine Gelegenheit und schlecht gemachte Umsetzung. Zu viel geht am 4. November 2011 daneben. An Beate Zschäpe liegt es nicht.

 


Anmerkungen und Fußnoten:

1) Heike Kuhn gegenüber dem Journalisten Andreas Förster
http://www.berliner-zeitung.de/politik/neonazi-zelle-zwickau-wie-die-neonazis-unbeachtet-durchs-leben-gingen,10808018,11584036.html

2) „Das haben sie von ihrem Küchenfenster aus gesehen“, fragte die Anwältin und ließ ihren Zweifel daran deutlich durchblicken, dass die Zeugin Susann E. nur dieses eine Mal gesehen hat. An diesem Punkt der Zeugenbefragung zeigt die 46-Jährige Nerven. Sie erklärte, dass sie derzeit „anderes im Kopf habe“. „Was denn“, will die Anwältin wissen und aus der Zeugin bricht es unter Tränen heraus: „Vor kurzem ist mein Vati gestorben, meine Tochter wurde sexuell missbraucht.“ Jetzt sei Schluss. Sie interessiere sich für das alles nicht mehr.

http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Zeugin-im-NSU-Prozess-Ich-muss-noch-zum-Geburtstag-meiner-Tochter-377388357

3) Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Scharmer erklärt zur Befragung der Nachbarin:
“Man musste der Zeugin die Antworten förmlich aus der Nase ziehen und dann reagierte sie laut und in der Regel auch frech. Sie erklärte, dass sie andere Probleme habe, als hier auszusagen. Dass es um 10 ermordete Menschen geht und es auch auf ihre Aussage ankommt, sah die Zeugin nicht. Die Zeugin war nicht nur unverschämt gegenüber dem Gericht und den Nebenklageanwälten. Ihr fehlte auch jegliche Empathie für die hingerichteten Opfer des NSU. Es verwundert nicht, dass das Trio in Umgebung solcher Nachbarn nicht aufgefallen ist.“

https://www.nsu-watch.info/2013/12/protokoll-67-verhandlungstag-10-dezember-2013/

4) https://hajofunke.wordpress.com/2015/08/30/nsu-pua-thueringen-ua-61-protokoll-27-8-2015-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-abschleppen-wohnmobil-feuerwehr-rechtsmedizin/

Protokoll der NSU-UA-Sitzung des Thüringer Landtages vom 27.08.2015

5) Protokoll des Bundestags-Untersuchungsausschusses Nr. 56 a, öffentlich
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD14600/Protokolle/Protokoll-Nr%2056a.pdf

6)Aussage Beate Zschäpes im Wortlaut
http://www.welt.de/politik/deutschland/article149803799/Dokumentation-Die-Aussage-der-Beate-Zschaepe.html

7) https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/06/02/taskforce-in-stregda-ein-gastbeitrag-von-balthasar-prommegger/

8) https://www.bdk.de/der-bdk/aktuelles/pressemitteilungen/jede-form-von-extremismus-ist-eine-erhebliche-bedrohung-fur-unser-land

9) Vgl. dazu Aktenmaterial und Auswertungen des AK NSU
https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/08/06/wann-wurde-die-ceska-w04-aus-dem-zwickauer-schuttberg-untersucht/

10) https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/02/15/als-generalstaatsanwalt-pflieger-die-mordwaffe-heilbronn-2-tage-vor-beginn-der-prufung-bekanntgab-9-11-2011/

http://www.stern.de/panorama/stern-crime/heilbronner-polizistenmord-ermittler-geben-raetsel-auf-3881198.html

11) http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestag-zum-rechtsextremismus-die-gemeinsame-resolution-der-parteien-im-wortlaut-1.1196497

12) http://de.metapedia.org/wiki/D%C3%B6ner-Killer

13) http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/04/19/die-nsu-und-das-doner-killer-lied-was-wusste-gigi_8431

14) https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2011/vsb2010.pdf?__blob=publicationFile

15) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/rechtsextreme-musik-hymne-auf-die-moerder-a-798627.html

16) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19124

17) https://linksunten.indymedia.org/de/node/110037

18) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/rechtsradikalismus-neonazis-wollen-taten-statt-worte-11529950.html

19)  https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2011/vsb2010.pdf?__blob=publicationFile
(Seite 64 ff.)

20) Sachstandsbericht BAO Bosporus, Stand Mai 2008, S. 82f

21) Ebd. S. 52

22) Sachstandsbericht 2005 BAO Bosporus, Stand November 2005, S. 107

23) Sachstandsbericht BAO Bosporus, Stand Mai 2008, S. 91