Vorwissen

         alice_im_wunderlang

Aber hier im Haus glaubt inzwischen sowieso keiner mehr an die Geschichte“, sagt sie noch, bevor sie die Tür schließt. „Auch das mit dem Selbstmord nicht. Das waren keine solchen Leute.“ 1)

Am 1. November 2011 kennt Beate Zschäpe ihre Zukunft und muss weinen. Sie hat Heike Kuhn besucht, die Freundin aus der Polenzstraße, drei Tage bevor das Zwickauer NSU-Haus in die Luft fliegt. Zum Abschied gibt es kein Küsschen, wie sonst, sondern Tränen. Beate drückt die Ältere ganz fest, ehe sie ins Taxi steigt und ohne ein Wort aus dem Leben Kuhns verschwindet.

Zwei Jahre später führt der NSU-Prozess beide Frauen erneut zusammen. Kuhn ist Zeugin. Sie wird von der Nebenklage mit Fragen in die Enge getrieben, die sie demütigen sollen. Zschäpe starrt von der Anklagebank aus ins Leere.

Diesmal weint Heike Kuhn: der Vater ist gestorben, die Tochter, die eine Schule für geistig Behinderte besucht, wurde missbraucht, Kuhn will nach Hause – zur Geburtstagsfeier ihres Kindes. Aber Götzl, Weingarten und die Opferanwälte kümmert weder das Elend der ostdeutschen Alleinerziehenden, noch die letzte Begegnung mit der Nazibraut. Denn was Heike Kuhn über ihre Freundin sagt, passt nicht ins Bild der NSU-Mittäterin, das die Öffentlichkeit kennt.2)

Bundesanwaltschaft und Nebenklage haben die Vernehmungsprotokolle der Polizei. Sie wissen, dass Zschäpe den Sohn Kuhns ermahnte, sich von rechten Aktivitäten fernzuhalten, dass sie mit Heike Kuhn beim Murat Pizza aß, dass sie der afghanischen Familie im Haus beim Umzug half, dass man sie und die Uwes für „verkappte Grüne“ hielt. Vox populi und darum unerwünscht.3)

Und eben deshalb redet niemand über Beates Tränen, die einen aus Sorge um ihren Popanz, die anderen der Selbstverständlichkeit wegen: Abschiedstränen bedeuten Abschied und Trennungszeit. Wer sich emotional verabschiedet, erwartet einen Abschied für längere Zeit und einschneidende Veränderung. Das geht nicht ohne Vorwissen. Vorwissen zu haben, heißt hier aber zwingend, dass die Ereignisse des 4. November 2011 in Eisenach-Stregda und Zwickau-Weißenborn einem Plan folgten, der weit über diesen Tag hinausreichte und dass Beate Zschäpe Teil dieses Plans war und einen sie betreffenden Teil desselben kannte.

„Nie und nimmer zugetraut“

Reicht das als Beweis für Vorkenntnisse des NSU-Showdowns? Nein, Beate hatte einen schlechten Tag, wendet der Skeptiker ein. Und zu recht will er mehr, als subjektive Stimmungsbilder, nämlich überprüfbare Hinweise und Fakten, die eine staatliche NSU-Planung belegen.

Diese Hinweise gibt es am 4. November reichlich in Eisenach und Zwickau. Sie sind ohne Vorkenntnisse dessen, was verschiedenste Akteure vorfinden und wie sie reagieren würden, im Einzelfall nur unter Verrenkungen, in ihrer Gesamtheit gar nicht zu erklären.

Das beginnt schon mit dem erwarteten zweiten Bankraub nach dem Arnstädter Sparkassenüberfall am 7. September 2011, der eben kein Misserfolg war und die Mutmaßung über ein Folgeereignis nicht schlüssig nach sich zieht. Die Polizeidirektion Gotha hält deshalb Einsatzkräfte der Polizeidirektion Gotha in Bereitschaft, der Folgeüberfall wird in einer zweiten Wochenhälfte erwartet. Tatsächlich überfallen zwei Männer am 4. November die Sparkasse in Eisenach, die zufälligerweise zum Bereich der Polizeidirektion Gotha gehört.

Als zwei Polizisten das Fluchtfahrzeug in Eisenach-Stregda entdecken, in dem die Bankräuber trotz aufgehobener Ringfahndung ausharren, werden sie Zeuge der „NSU-Selbstenttarnung“. Nach Schussgeräuschen gehen die Beamten in Deckung, es gibt eine starke Rauchentwicklung, das Wohnmobil beginnt im vorderen Bereich zu brennen. So die Darstellung der Polizisten. Eintreffende Rettungssanitäter werden gewarnt und ziehen sich zurück, die Feuerwehr dagegen darf das Fahrzeug aus nächster Nähe ungehindert löschen.

Eisenachs Polizeichef Gubert versichert nach dem Einsatz gegenüber dem Leiter der Eisenacher Feuerwehr, Steffan, es habe keine Gefahr durch die Bankräuber bestanden, im Falle einer bestehenden Gefahr ließe die Polizei „doch niemals das Feuerwehrauto durchfahren“:4)

Sie glauben wohl nicht, dass die Polizei die Feuerwehr ans Messer liefert oder in eine Situation lässt, wo geschossen wird!?“

Diese Versicherung widerspricht diametral den Aussagen der Polizisten Mayer und Seeland, die das Wohnmobil entdeckten. Eine Begründung für seine Gewissheit hat Gubert bis heute nicht abgegeben. Ferndiagnostisch wird der Tod der Fahrzeuginsassen durch Rauchvergiftung festgestellt, auf Rettungsmaßnahmen wird verzichtet, der Notarzt unverrichteter Dinge weggeschickt. Bei einem Blick ins Fahrzeuginnere legen sich Polizeidirektor Menzel und KOK Lotz erstaunlich schnell auf einen erweiterten Suizid fest, obwohl die vordere Leiche unter herabgefallener Dachverkleidung verborgen liegt. An der Hypothese der Selbsttötung hält auch das BKA fest trotz erheblicher Widersprüche der Auffindesituation und Obduktionsergebnisse. Eine Großfahndung nach weiteren bewaffneten gewaltbereiten Komplizen findet nicht statt. Lediglich ein Verdachtsfall des flüchtenden „dritten Mannes“ wird überprüft.

Gothas Polizeidirektor Menzel fordert am Nachmittag des 4. Novembers nach „Brainstorming“ ohne Anhaltspunkte zur Identität der Toten die Vermisstenakte Mundlos an (Das wird später auf den 5.11. datiert, nach der Identifizierung der Fingerabdrücke von Mundlos, also redundant.) und telefoniert mit VS-Rentner Wießner, „Wo ist die Zschäpe?“ (Der Anruf wird später zuerst auf den 5.11., dann auf den 6.11. verschoben). Freidemokrat Kurth bestätigt im Untersuchungsausschuss des Bundestages Menzels erste Version der Identifizierung, als er aus vorliegenden Akten zitiert:5)

Patrick Kurth (Kyffhäuser) (FDP):

[…] Am 04.11. war maximal eine Person bekannt, wenn überhaupt, zweifelsfrei überhaupt erst am 05.11. Eingeliefert wurden zwei unbekannte männliche Personen. In den Akten, die wir hier zur Verfügung haben, legt sich niemand auf den Namen fest. „Mutmaßlich“ heißt es an der Stelle bei einer Person, und das auch erst um 16, 17 Uhr, also relativ später am Tag.

Wie sein Ex-Chef Roewer und die Bewohner der Zwickauer Polenzstraße äußert auch der frühere VS-Beamte Wießner Zweifel, dass Mundlos und Böhnhardt die ihnen angelasteten Verbrechen begangen haben sollen: Er habe ihnen das nie und nimmer zugetraut.

Rotkäppchensekt, Katzenkorb und Oma

Vorwissen gibt es auch in Zwickau. Und zwar ohne Abschied. Die zum Suizid entschlossenen Uwes rufen Beate nicht an, um ihr letzte Anweisungen zu geben oder Lebewohl zu sagen; Beate erfährt nach eigener Aussage „über das Radio, dass in Thüringen ein Wohnmobil entdeckt worden sei, welches brennen würde, dass Schüsse gefallen seien und dass sich,“ so glaubt sie sich zu erinnern, „zwei Leichen im Wohnmobil befinden würden.“ 6)

Zschäpe bleibt nicht nur denkbar wenig Zeit, um das Terrornest in der Frühlingsstraße ohne praktische Erfahrung verletzungsfrei und fachgerecht in die Luft zu jagen, sie geht in einer Extremsituation auch ungewöhnlich strukturiert vor. Oma warnen, Sekt und Ibuprofen in die Tasche, Katzen übergeben, Bekennervideos einwerfen, Flucht. Und: Sie handelt schlicht auf Verdacht. Eine Bestätigung dafür, dass die Toten in Eisenach ihre Uwes sind, hat sie zum Zeitpunkt ihres Beitrages zur „NSU-Selbstenttarnung“ nicht.

All das ist so bekannt wie unglaublich. Kaum zur Kenntnis genommen wird dagegen ein Artikel des Arbeitskreises NSU, der sich auf konkrete Vorfeldaktivitäten in der Frühlingsstraße bezieht:7)

  1. In den Wochen vor dem 4.11.2011 wurden dort jede Menge fremder Autos gesehen, aus Köln, aus der „schwäbischen Provinz“, also aus Baden-Württemberg.
  2. Es wurden auffallend viele Bauarbeiten durchgeführt, Leitungsbau, Spielplatz-Arbeiten, Renovierungen der Dachgeschosse (auch im „Terrornest“, durch Heiko Portleroi, aber auch durch andere Firmen), Die wurden aber nie vorgeladen …

Der Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, äußert am 13. November 2011 öffentlich seine Skepsis gegenüber den Ermittlungserfolgen:8)

„Mutmaßungen sind in so einem Ermittlungsfall fehl am Platze, aber es verwundert schon sehr, wie schnell sich die Bundesanwaltschaft nach der Explosion des Hauses in Zwickau und dem Auffinden der Leichen der beiden Täter zur Gruppierung der Täter festgelegt hat und wie schnell über zwei Dutzend Aktenordner mit Erkenntnisse über die Täter präsentiert werden konnten.

Erstaunlich präzise Vorahnungen gibt es bei den Tatwaffen der Ceska-Morde und dem Heilbronner Polizistenmord. Als der Generalbundesanwalt am 11. November 2011 die Übernahme der Ermittlungen veröffentlicht, wird die erst zwei Tage zuvor im Brandschutt gefundene Ceska als Tatwaffe der Mordserie genannt trotz erheblicher zeitlicher Unstimmigkeiten zwischen Auffindetag, Eingang der Waffe bei der Kriminaltechnik des Bundeskriminalamtes und dem Abschluss der Untersuchungen.9)

Ähnlich prophetisch verkündet der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger am 9. November 2011 die Tatwaffe im Mordfall Kiesewetter, obwohl das Kriminaltechnische Institut in Dresden den Eingang der Waffe zur Untersuchung für diesen 9. November vermerkt. Seinem sächsischen Kollegen, Oberstaatsanwalt Uwe Wiegner, ist diese frühzeitige Festlegung schleierhaft.10)

Dieses behördliche Vorwissen geht später nahtlos in politische und mediale Vorverurteilung über. Schon am 22. November 2011, also nicht einmal drei Wochen nach der „Selbstenttarnung“, zeigen sich die Fraktionen des Deutschen Bundestages in einer gemeinsamen Resolution „zur Mordserie der Neonazi-Bande“ zutiefst beschämt,

[…] dass nach den ungeheuren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes rechtsextremistische Ideologie in unserem Land eine blutige Spur unvorstellbarer Mordtaten hervorbringt. 11)

In der Einsetzung des NSU-Untersuchungsausschusses wird die Vorverurteilung zum Dogma erhoben. Das NSU-Phantom ist zur spirituellen Gewissheit geworden und zum Eckstein einer Erlösungsreligion.

Perpetuum mobile

Im ersten Kübel mit NSU-Enthüllungen, der über uns ausgegossen wurde, waren auch „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“. Gigi ist der rechtsextreme Musiker Daniel Giese. Auf seinem Album „Adolf Hitler lebt!“ aus dem Jahre 2010 gibt es den Song „Döner-Killer“. Da heißt es: 12)

Neun mal hat er es jetzt schon getan.
Die SoKo Bosporus, sie schlägt Alarm.
Die Ermittler stehen unter Strom.
Eine blutige Spur, und keiner stoppt das Phantom

[…]

Hunderte Beamte ermittelten zuletzt.
300.000 Euro sind auf ihn ausgesetzt.
Alles durchleuchtet, alles überprüft,
doch kein einziger Hinweis und kein Tatmotiv.

Am Dönerstand herrschen Angst und Schrecken.
Kommt er vorbei, müssen sie verrecken.
Kein Fingerabdruck, keine DNA.
Er kommt aus dem Nichts – doch plötzlich ist er da.

Musikalisch wertlos, aber wer den Text nach dem NSU-Showdown las, war elektrisiert. Was war das? Eine Botschaft an die Szene, Mitwisserschaft, Bekenntnis? Zunächst ist es Beamten-Sprech vom Feinsten und klingt wie aus einem Ermittlungsbericht abgeschrieben. Die Politologin Andrea Röpke verweist auf eine Sendung „XY ungelöst“ als Inspirationsquelle.13) Wie kommt Giese zu diesem Text und was soll er?

Rechtsrock ist für Sicherheitsbehörden ein Goldesel. Er ist Propagandaträger und provoziert Propagandadelikte. Er rekrutiert Straftäter zur V-Mitarbeit und als Agents provocateurs. Rechtsrock stiftet Gemeinschaft; Konzerte sind Versammlungsorte und werden entsprechend infiltriert und beobachtet. Will der Staat die rechtsextreme Szene kontrollieren, muss er Macher, Vertrieb und Logistik der Musikszene kontrollieren. Und NPD-Mitglied Gigi schafft es immerhin in den Verfassungsschutzbericht 2010 des Bundesinnenministers.14)

Am 18. November 2011, in Berlin treffen sich gerade 120 Minister und Fachleute aus Bund und Ländern zu einem Krisengipfel in Berlin, um Strategien gegen Rechtsextremismus zu beraten, raunt der Spiegel über Gigis mögliches NSU-Wissen. Zitiert wird ein User des inzwischen abgeschalteten rechten Thiazi-Forums:15)

Döner-Killer“ sei eine „recht sachliche Ausbreitung der zu diesem Fall der Öffentlichkeit bekannten Fakten“, schrieb dort der Benutzer „Von Thronstahl“ im Juni 2010.

Gut möglich, dass von Thronstahl diese Fährte als Beamter gelegt hat. Denn die Einzeltätertheorie (Serientäter), die er ebenso wie Gigi promotet, ist zwar der Schlüssel zum NSU-Phantom, in der Öffentlichkeit zu dieser Zeit aber stark unterbelichtet. Der Suchbegriff „Dönermord“ für den Zeitraum Anfang 2009 bis Mitte 2011 listet überwiegend Beiträge auf, die der Organisationstheorie nachgehen: Die Spur führt zur Wettmafia, zu den Grauen Wölfen, in die Schweiz, in die Türkei, aber kaum nach rechts. Die Einzeltätertheorie als Ermittlungsansatz dominiert in den Medien etwa 2007 bis 2008.

Noch 2010 werden mehrere Lieder des Albums „Adolf Hitler lebt!“ vom LKA Sachsen indiziert. „Döner-Killer“ bleibt legal. Der Verbreitung des Songs und damit eines vermeintlichen Mit- oder besser: Vorwissens steht nichts im Wege. Wie kommen die Sachsen ins Spiel? Ganz einfach: Produziert wurde Gigis CD in Chemnitz beim Label „PC Records“.

Die Welt ist ein V-Dorf. Chemnitz kennen wir nicht nur als Thomas Starkes Revier, in dem unsere drei Bombenbastler aus Thüringen „untertauchen“, der Chemnitzer Raum ist Großlabor für Geheimdienstprojekte aller Art: B&H, Nationale Sozialisten, Sturm 34, Operation Terzett und ahnungslose Behörden.

Gegründet hat das Rechtsrock-Label „PC Records“, das zu den „bundesweit aktivsten Herausgebern rechtsextremer Musik gehört“,16) Hendrik Lasch. Als Gigis „Döner-Killer“ entsteht, hat sich „Laschi“ aus dem Musikgeschäft bereits zurückgezogen und vertreibt Klamotten. Sein Nachfolger in der Musiksparte ist Yves Rahmel. Rahmel produziert auch die sogenannte Schulhof-CD. Den 2013 verbotenen Nationalen Sozialisten Chemnitz, zu deren Umfeld die Antifa auch die Brüder Eminger zählt, gibt Rahmel in bester V-Tradition Herberge. Im Chemnitzer Umfeld tauchen all die Namen, Verbindungen und Kontakte auf, die wir aus dem NSU-Komplex kennen.17)

Einsamer deutscher Wutnazi

Der Versuch, 2010 über Daniel „Gigi“ Giese, die freistaatlich-sächsische Neonaziszene und das Thiaziforum die Einzeltäter-/Serientätertheorie der BAO Bosporus bundesweit wiederzubeleben, nutzt ein klares Täterprofil. Dieses Profil kommt vom Nürnberger Ermittlerteam selbst und geht auf den Münchner Fallanalytiker Alexander Horn zurück. Der spätere NSU verbindet die Tätercharakteristik mit Elementen der Autonomen Nationalisten (Taten statt Worte).18) Aus Sicht des Verfassungsschutzes im Jahr 2010 haben die AN das größte Entwicklungspotential innerhalb des rechtsextremen Spektrums.19)

Im Sachstandsbericht der BAO Bosporus von 2008 hat der „missionsgeleitete“ Täter folgende Eigenschaften:20)

  • Geschlecht männlich,
  • Alter (Jahrgang 1960 bis 1982)
  • geografischer Bereich Nürnberg (Ankerpunkt),
  • Nationalität deutsch,
  • Affinität zu Waffen / Schießfertigkeit,
  • Mobilität, evtl. beruflich bedingt,
  • Kenntnisse zur Rechten Szene und
  • polizeiliche Vorerkenntnisse (nicht zwingend erforderlich).
    […]
    Aufgrund kriminologischer Erkenntnisse steht fest, dass Serientäter eine erhöhte Suizidneigung aufweisen.

Lassen wir Nürnberg weg, wo drei der neun Ceskamorde verübt wurden, und nehmen dafür die Radfahrer, die im 2008er Bericht wichtig werden, dann haben wir den „NSU“:21)

In den Fällen SIMSEK, KILIC, YASAR und KUBASIK sind von Zeugen Wahrnehmungen gemacht worden, die darauf hindeuten, dass die vermeintlichen Täter mit Fahrrädern an den Tatort gelangten bzw. mit diesen flüchteten.

Im Vergleich der Bosporus-Sachstandsberichte von 2005 und 2008 verschiebt sich der Verdachtsschwerpunkt deutlich weg von der Organisationstheorie hin zur Einzeltätertheorie trotz behaupteter Gleichrangigkeit. 2006 hatte die BAO-Führung eine alternative Hypothese durch Alexander Horn von der OFA Bayern in München erstellen lassen. Ab dem 1. Juni 2006 befasst sich eine Ermittlungseinheit ausschließlich mit dem Ermittlungsansatz eines Serientäters. Der Fallanalytiker Horn hat beim FBI gelernt. Sein Ceskamörder ist ein typischer amerikanischer Serienkiller: männlich, weiß, zwischen 20 und 40 Jahre alt, frustriert.

Gründe, die 2005 noch gegen den Ausländerhasser mit Suizidneigung sprechen, werden 2008 in diesem Zusammenhang ausgeblendet.22)

Einzeltäter/Psychopath

Aufgrund des Umstandes, dass sich bei den Opfern kein konkretes Motiv ergibt,

kriminelle Bezüge nicht zu finden sind und Beziehungen untereinander fehlen, werden auch Überlegungen zu Einzeltätern mit einbezogen, die ohne Mordauftrag Dritter aus eigenen Motiven (ähnlich den in den USA aufgetretenen „Snipern“) handeln.

Dagegen spricht, dass fast alle Opfer vor den Tatzeiten von Personen aufgesucht wurden, die nicht zur Stammkundschaft oder zum näheren Bekanntenkreis der Opfer gezählt werden können. Die Besuche wurden von unbeteiligten Zeugen als Bedrohungslagen oder als Streitgespräche interpretiert.

Weiterhin liegen Aussagen vor, dass es z.B. bei den Opfern SIMSEK und TASKÖPRÜ zu Wesensveränderungen in den Wochen vor der Tat gekommen war, was ebenfalls gegen diese Theorie spricht.

Der 2008er Bericht verknüpft über die Radfahrer die Ceska-Mordserie mit dem Nagelbombenanschlag in Köln 2004. Das ist verhängnisvoll, denn de facto beseitigt der Kölner Bombenanschlag die starke Botschaft einer unverwechselbaren Handschrift für die Vorgehensweise der Ceskaserie. Der Kölner Anschlag ist eben keine individuelle Hinrichtung.

Das NSU-Phantom ist 2008 auch ermittlungsseitig vorbereitet. Medial hat der Ermittlungsansatz des Einzel- bzw. Serientäters längst die Oberhand gewonnen.23)

Bei den Ermittlungen wurde von polizeilicher Seite weder die Serientäter- noch die Organisationstätertheorie bevorzugt. Der Schwerpunkt der medialen Berichterstattung lag jedoch eindeutig bei der Serientätertheorie, was aber ausschließlich dem Verantwortungsbereich der Medien zuzuschreiben ist.

Die amerikanische Lösung

2006 endet die Ceskamordserie. Ein Jahr später bringt das ZDF eine Dokumentation heraus, die alle Facetten des späteren NSU-Komplexes vorwegnimmt: „Der Fall – Jagd nach dem Phantom“.

Dokument.rtf

https://www.youtube.com/watch?v=GCZBJbh0DRk

Alles, was nach der „NSU-Selbstenttarnung“ die Aufklärung bestimmt, gibt es bereits: den noch unausgesprochenen Vorwurf „rassistischer“ Ermittlungen, das Verschweigen krimineller Verwicklungen der Opfer und Drohungen gegen sie im Vorfeld der Morde, die Furcht innerhalb der türkischen Gemeinschaft, zwei junge Männer mit Fahrrädern, den Suizid des Serienmörders.

Der Mörder kommt, tötet und verschwindet wieder. Neun Morde und ein Ende nicht in Sicht: War dieser Film Vorlage für Gigis Phantom?

Fallanalytiker Alexander Horn hat in der ZDF-Dokumentation seinen großen Auftritt: Seine Profiler schließen aus, dass ein professioneller Auftragskiller die Morde begangen hat. Und Bosporus-Leiter Geier darf am Ende zusammenfassen: Es handelt sich beim Täter um einen Deutschen. So geht Vorwissen im politisch-medialen Raum.

2007 entstehen auch große Teile des „NSU-Bekennervideos“. Die Weichen für den „NSU“ sind gestellt. Der Rest ist Warten auf eine Gelegenheit und schlecht gemachte Umsetzung. Zu viel geht am 4. November 2011 daneben. An Beate Zschäpe liegt es nicht.

 


Anmerkungen und Fußnoten:

1) Heike Kuhn gegenüber dem Journalisten Andreas Förster
http://www.berliner-zeitung.de/politik/neonazi-zelle-zwickau-wie-die-neonazis-unbeachtet-durchs-leben-gingen,10808018,11584036.html

2) „Das haben sie von ihrem Küchenfenster aus gesehen“, fragte die Anwältin und ließ ihren Zweifel daran deutlich durchblicken, dass die Zeugin Susann E. nur dieses eine Mal gesehen hat. An diesem Punkt der Zeugenbefragung zeigt die 46-Jährige Nerven. Sie erklärte, dass sie derzeit „anderes im Kopf habe“. „Was denn“, will die Anwältin wissen und aus der Zeugin bricht es unter Tränen heraus: „Vor kurzem ist mein Vati gestorben, meine Tochter wurde sexuell missbraucht.“ Jetzt sei Schluss. Sie interessiere sich für das alles nicht mehr.

http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Zeugin-im-NSU-Prozess-Ich-muss-noch-zum-Geburtstag-meiner-Tochter-377388357

3) Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Scharmer erklärt zur Befragung der Nachbarin:
“Man musste der Zeugin die Antworten förmlich aus der Nase ziehen und dann reagierte sie laut und in der Regel auch frech. Sie erklärte, dass sie andere Probleme habe, als hier auszusagen. Dass es um 10 ermordete Menschen geht und es auch auf ihre Aussage ankommt, sah die Zeugin nicht. Die Zeugin war nicht nur unverschämt gegenüber dem Gericht und den Nebenklageanwälten. Ihr fehlte auch jegliche Empathie für die hingerichteten Opfer des NSU. Es verwundert nicht, dass das Trio in Umgebung solcher Nachbarn nicht aufgefallen ist.“

https://www.nsu-watch.info/2013/12/protokoll-67-verhandlungstag-10-dezember-2013/

4) https://hajofunke.wordpress.com/2015/08/30/nsu-pua-thueringen-ua-61-protokoll-27-8-2015-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-abschleppen-wohnmobil-feuerwehr-rechtsmedizin/

Protokoll der NSU-UA-Sitzung des Thüringer Landtages vom 27.08.2015

5) Protokoll des Bundestags-Untersuchungsausschusses Nr. 56 a, öffentlich
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/CD14600/Protokolle/Protokoll-Nr%2056a.pdf

6)Aussage Beate Zschäpes im Wortlaut
http://www.welt.de/politik/deutschland/article149803799/Dokumentation-Die-Aussage-der-Beate-Zschaepe.html

7) https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/06/02/taskforce-in-stregda-ein-gastbeitrag-von-balthasar-prommegger/

8) https://www.bdk.de/der-bdk/aktuelles/pressemitteilungen/jede-form-von-extremismus-ist-eine-erhebliche-bedrohung-fur-unser-land

9) Vgl. dazu Aktenmaterial und Auswertungen des AK NSU
https://sicherungsblog.wordpress.com/2014/08/06/wann-wurde-die-ceska-w04-aus-dem-zwickauer-schuttberg-untersucht/

10) https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/02/15/als-generalstaatsanwalt-pflieger-die-mordwaffe-heilbronn-2-tage-vor-beginn-der-prufung-bekanntgab-9-11-2011/

http://www.stern.de/panorama/stern-crime/heilbronner-polizistenmord-ermittler-geben-raetsel-auf-3881198.html

11) http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestag-zum-rechtsextremismus-die-gemeinsame-resolution-der-parteien-im-wortlaut-1.1196497

12) http://de.metapedia.org/wiki/D%C3%B6ner-Killer

13) http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/04/19/die-nsu-und-das-doner-killer-lied-was-wusste-gigi_8431

14) https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2011/vsb2010.pdf?__blob=publicationFile

15) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/rechtsextreme-musik-hymne-auf-die-moerder-a-798627.html

16) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19124

17) https://linksunten.indymedia.org/de/node/110037

18) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/rechtsradikalismus-neonazis-wollen-taten-statt-worte-11529950.html

19)  https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2011/vsb2010.pdf?__blob=publicationFile
(Seite 64 ff.)

20) Sachstandsbericht BAO Bosporus, Stand Mai 2008, S. 82f

21) Ebd. S. 52

22) Sachstandsbericht 2005 BAO Bosporus, Stand November 2005, S. 107

23) Sachstandsbericht BAO Bosporus, Stand Mai 2008, S. 91

 

 

Betonsteinschnecke

That’s my dream. That’s my nightmare: crawling, slithering, along the edge of a straight razor and surviving.“
Colonel Kurtz

Wir trafen uns an einem Jugendtreff. Einem Spielplatz, welcher Schnecke genannt wurde, benannt nach einem Betonstein, der das Aussehen einer Schnecke hatte.“
Beate Zschäpe

 

        diemer_typewriter

Was viele Menschen im Lande nicht wissen: Die deutsche Beamtenschaft ist kunstsinnig und kreativ. Kaum der Tristesse ihrer Dienststuben entronnen, werden Polizisten zu Poeten; sie singen und musizieren. Staatsanwälte und Richter eilen ins Kabarett, Schlapphutträger greifen in die Tasten, aber auch der Appendix der Strafverteidiger macht respektables Theater.

In der Netzgemeinde gilt es als ausgemacht, dass Beate Zschäpe für jene Erzählung, die als fiktionale Lebensbeichte am vergangenen Mittwoch in München vorgelesen wurde, nur ein paar biografische Krümel beisteuerte. Das wirkliche Autorenkollektiv ist unbekannt. Es wird kein exklusives Täter- oder auch nur Insiderwissen preisgegeben, einzige Vorlage des Werkes scheint die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft zu sein. Stilistische Brüche, Einfügungen und Montagen zeugen von intensiver Bearbeitung.

Nach dem Fakeanschlag von Paris, der zum Casus Belli avanciert und dem Anschlagsfake von Hannover, den der Mossad „verhinderte“, ist die mit Spannung erwartete NSU-Novelle das dritte künstlerische Terrorismusevent in Folge.

Eigentlich ein Selbstläufer, aber Presse, Nebenkläger und Hinterbliebene zeigen sich schon vorher unzufrieden. Und dabei bleibt es. Beates Bitten um Entschuldigung werden folgerichtig schroff zurückgewiesen.

Haben die Autoren versagt? Nein. Die Bundesanwaltschaft darf sich bestätigt sehen und nur das zählt. Zwar verschwindet vorerst der rechtsterroristische Verein „NSU“, denn die Uwes morden nicht als Nazis, sondern um Frust abzubauen, aber eine haltlose Anklage ohne substantielle Beweise bekommt endlich das passende Zeugnis.

Und das just zu einem Zeitpunkt, als einerseits die Netzgemeinde den NSU-Schwindel immer erfolgreicher dekonstruiert und sich andererseits ein neuer Bundestagsuntersuchungsausschuss anschickt, eine Krokus-Großkampagne zu starten. Das nicht mehr ganz frische Wendeopfer Beate wird nun den Herren Diemer, Weingarten und Götzl auf dem Silbertablett serviert: Macht mit mir, was ihr wollt. Zum vereinbarten Preis.

Too big to fail

Auf innere Widersprüche, Ermittlungsergebnisse oder chronologische Zusammenhänge nehmen die Autoren der Zschäpeaussage keine Rücksicht mehr. Glaubwürdigkeit als höheres Ziel wird aufgegeben, gesunder Menschenverstand bewusst ignoriert. Groteske Überzeichnung schafft endlich eine surreale Ebene. Wer meinte, der „NSU“ ließe sich nicht mehr weiter ins Absurde steigern, sieht sich widerlegt. Alles ist nunmehr möglich und das Gegenteil auch.

Für das Publikum ist die Bestätigung der Mordvorwürfe gegen Böhnhardt und Mundlos im Namen Zschäpes dennoch eine Zäsur. Der Staat selbst hat die letzte Chance auf gesellschaftliche Gemeinsamkeit von Lebenserfahrung und Lebenswirklichkeit verpasst. Er ist vollständig in eine abgespaltene mediale Simulation hinübergeglitten, in der Kausalitäten keine Rolle spielen. Ein Zurück gibt es nicht mehr, einen Ausweg auch nicht. Die NSU-Lüge ist zu groß geworden, um sie scheitern lassen zu können; die Münchner Anklagebank hat diesselbe Systemrelevanz wie eine Münchner Anlagebank.

Woran erkennt man die innere Unwahrheit der Zschäpeaussage? Zentrales Thema und roter Faden ist die dargestellte Unfähigkeit Beates, auszusteigen. Grund seien vor allem ihre starken Gefühle für Uwe Böhnhardt und eine Suiziddrohung gewesen. Das besondere Verhältnis zu Böhnhardt wird schon durch seine Mutter nicht bestätigt.1)

Einmal habe sie Zschäpe gefragt, ob sie die Hausfrau sei. „Ja!“, habe diese entgegnet. Und mit wem sie eine Beziehung führe, wollte die Mutter wissen. Sie seien drei Freunde, mehr nicht, habe Zschäpe geantwortet. Jeder habe sein eigenes Zimmer, selbst Zschäpes zwei Katzen.

Im Jahr 2000 soll bei einer Verabredung auch über einen Ausstieg aus der Illegalität gesprochen worden sein. Ihr Sohn und Beate Zschäpe hätten sich stellen wollen. „Aber der Uwe Mundlos war nicht bereit“, sagt Brigitte Böhnhardt.

Das klingt auch nicht nach Suizidabsichten. Eine geplante Flucht der Uwes nach Südafrika wäre so ziemlich das Gegenteil von Selbstaufgabe, nämlich der Wunsch nach einem Neuanfang. Weitere Kapitalverbrechen ohne erkennbares Motiv zu begehen und sich unnötigen Risiken auszusetzen, widerspricht einem gemeinsamen ernsthaften Plan, ins Ausland zu gehen.

Wer „verkackt hat“, wird kaum Wert auf perfekte Organisation und spurenlose Durchführung von schwersten Straftaten legen. Wen Angst vor Verhaftung quält, wird sich nicht mit seinen mutmaßlich überwachten Eltern treffen oder wie Böhnhardt 2003 mindestens ein Mal selbst die Heimatstadt besuchen.2)

Was Zschäpe davon abhalten sollte, sich zu stellen, ist aus mehreren Gründen nicht nachvollziehbar: Sie wollte nach eigener Aussage das Land keinesfalls verlassen und die fluchtwilligen Uwes sahen sie umgekehrt als Belastung. Niemand bringt sie mit Raubüberfällen in Verbindung, gegen die drei Untergetauchten wird deswegen nicht ermittelt. Das betrifft auch die angeblichen Morde. Ob Beate relevante Straftaten aus der Jenaer Zeit gerichtsfest nachweisbar gewesen wären, ist fraglich.

Und schließlich: Dass eine Reihe schwerster Verbrechen dauerhaft ohne Konsequenzen bleiben würde, konnte dagegen auch Beate nicht ernsthaft hoffen. Ein tödliches Ende der Situation war beschlossene Sache, wenn man den Schilderungen vom „knallenden Abschluss“ glauben will.

Eine seelische Belastung durch Morde, die sich in der angeblichen Adventsbeichte von Uwe Mundlos gegenüber Beate ausdrückt, lässt sich in einer Dreierbeziehung unter Fluchtbedingungen kaum über viele Jahre konfliktarm durchstehen. Schon gar nicht in einer isolierten Lebensgemeinschaft. Stattdessen gibt es regelmäßig gemeinsame harmonische Strandurlaube. An dieser Geschichte stimmt gar nichts.

„Fackel ab!“

Gewiss, Beate Zschäpe darf lügen. Aber da, wo die Zschäpeaussage auf nachprüfbare Fakten zurückgreift, scheitert sie fast durchgängig. Augenfällig wird das bei der versuchten Vertuschungsstraftat zur Garagenrazzia im Januar 1998.  Neben einem gravierenden inhaltlichen Widerspruch, den der Blogger Siegfried Mayr überzeugend darstellt, zeigt das Beispiel auch im Detail, dass sich die Autoren der Zschäpeaussage nicht im Geringsten um veröffentlichte Untersuchungsberichte, Gutachten und Aussageprotokolle kümmern. Der Aussagetext Beates lautet:3)

Während der Hausdurchsuchung ließen ihn die anwesenden Polizeibeamten gehen, und Uwe Böhnhardt fuhr mit seinem Auto davon. Er rief mich an und teilte mir mit, dass die Garage aufgeflogen sei. Er forderte mich wörtlich auf: „Fackel ab.“

Ich weiß nicht mehr, warum ich ihm nicht gesagt habe, dass er das doch selber machen könne, weil er mit seinem Auto schneller dort sei und ich zu Fuß hingehen müsse. Ich besorgte mir jedenfalls eine leere 0,7 Literflasche und füllte diese an der Tankstelle mit Benzin. Mit der Flasche unterm Arm bin ich zur Garage gelaufen, um mit Hilfe des Benzins das dort gelagerte Propagandamaterial zu verbrennen. Ganz in der Nähe der Garage sah ich mehrere Personen, die anscheinend ihr Auto reparierten.

Dieser Umstand hielt mich davon ab, das Benzin in der Garage auszuschütten und anzuzünden.

Das frei zugängliche sog. Schäfergutachten, erstellt im Auftrag des Thüringer Innenministeriums, schreibt dagegen Folgendes (wichtige Zeitangaben gefettet):4)

Am 26.01.1998, 06:00 Uhr, wies der Einsatzleiter des TLKA in der KPI Jena die unterstellten Beamten in ihre Aufgaben ein. Dabei stellte einer der Beamten fest, dass der Besitzer der Garage Nummer 5 (Kläranlage), Herr Apel, selbst Angehöriger der KPI Jena sei. Während der Einsatzleiter das Eintreffen dieses Beamte in in der KPI Jena abwartete, sollte der für die Durchsuchungen in der Richard-Zimmermann-Straße bestimmte Durchsuchungsleiter schon mit den Durchsuchungen beginnen. Die Außensicherung der drei Garagen erfolgte gleichzeitig ab 06:45 Uhr.

(Schäfergutachten, S. 69)

Die Durchsuchung der Garage Nummer 6 begann gegen 07:25 Uhr und endete gegen 09:30 Uhr. Die Beamten suchten zuvor die Wohnung der Familie Böhnhardt in der Richard-Zimmermann-Straße 11 auf. Dort trafen sie Uwe Böhnhardt und seine Mutter, Brigitte Böhnhardt, an. Beiden wurde der Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Jena vom 19.01.1998 eröffnet, ihr Recht auf Anwesenheit bei der Durchsuchung bekannt gegeben und je eine Ausfertigung des Durchsuchungsbeschlusses ausgehändigt.

[…]

Noch während die Durchsuchung der Garage andauerte, entfernte sich Böhnhardt zwischen 08:30 Uhr und 09:00 Uhr mit seinem PKW.

(Schäfergutachten, S. 70)

[…]

Nach Beginn der Durchsuchung der Garage Nummer 6 in der Richard-Zimmermann-Straße fuhren der Einsatzleiter mit Herrn Apel und der Durchsuchungsgruppe „Kläranlage“ zur Garage Nummer 5 (Kläranlage). Gegen 08:15 Uhr schloss Herr Apel mit seinem Schlüssel das Knebelschloss am Garagentor auf.

(Schäfergutachten, S. 71)

Mal angenommen, Beate hätte während Böhnhardts „Flucht“ einen Anruf erhalten, also gegen 08:30 Uhr, wäre zur Tankstelle gelaufen, hätte dort trotz Mindestabgabemenge von 2,0 Litern Benzin entgegen der Gefahrstoffverordnung eine 0,7-Liter-Plastikflasche befüllt, ohne Trichter womöglich; dann hätte sie an der Garage 5 nicht nur mehrere Personen gesehen, die an einem Wintermorgen ein Auto reparieren, sondern Polizisten und „Onkel“ Apel am Garagentor.

Die Geschichte vom Verzicht auf Beweismittelvernichtung aus Sorge um Leib und Leben Unbeteiligter passt nicht. Sie ist vermutlich frei erfunden, um den Vorwurf des Mordversuches in der Zwickauer Frühlingsstraße zu entkräften und die bizarren „Selbstenttarnungen“ durch Brandstiftung in Stregda und Zwickau irgendwie als Kontinuum darzustellen.

Im Schneckenhaus

Je weiter man die Vorgeschichte des NSU-Phantoms zurückverfolgt, desto klarer wird das grundsätzliche Problem. Gesteuerter Aufklärungswille hat zu einem unübersichtlichen Wirrwarr aus Fakten, Lügen und Halbwahrheiten geführt. Wer aber neue überzeugende Lügen erfinden will, muss wissen, wo der Hund begraben liegt.

Im Haskala-Protokoll vom 15. April 2013 erklärt der Jenaer Staatsschutzbeamte Roberto Tuche vor dem Thüringer NSU-Ausschuss, dass er gemeinsam mit seinem Kollegen und damaligen Vorgesetzten, Klaus König, im Vorfeld der Garagendurchsuchungen den Polizisten Klaus Apel besucht hatte, um zu klären, „was es mit der Garage auf sich habe, in wie weit Apel der Besitzer oder Mieter ist und ob es da Verwandtschaftsverhältnisse gibt.“5)

Auch Zschäpes Geburtsname ist Apel. Verwandtschaft wäre also in einer Stadt wie Jena durchaus denkbar und damit, dass die Drei vor einer Durchsuchung gewarnt wurden. Sie hätten dann Zeit genug gehabt, belastendes Material aus Apels Garage zu beseitigen.

Der ehemalige Chef des Jenaer Staatsschutzes, Klaus König, bestreitet jedoch am 1. Juni 2013 im Thüringer Ausschuss in einer Gegenüberstellung vehement diesen Besuch. Sein neben ihm sitzender Nachfolger Tuche, 2013 aktiver Beamter des Staatsschutzes, bleibt bei seiner Darstellung. Eine groteske Situation, die bis heute unaufgeklärt ist. 6)

Auch Garagenbesitzer Klaus Apel hat im Ausschuss einen Kurzauftritt. 7) Er weiß nichts vom Besuch der Staatsschützer. Zschäpe will er vor dem Zeitpunkt der Vermietung nicht gekannt haben. Vom Sprengstoffund in seiner Garage habe er erst 2011 erfahren. Wie glaubwürdig ist das? Der Ausschuss schafft es wirklich, ein mögliches Verwandtschaftsverhältnis zwischen Klaus Apel und Beate Zschäpe und den Verbleib des Garagenmietvertrages nicht zu klären.

Gestützt wird die Vermutung wenigstens einer Vorwarnung dagegen durch die Aussage des Jenaer Kripobeamten Thomas Matczak. Er beobachtet am Durchsuchungstag, wie Uwe Böhnhardt eine Tasche in sein Auto packt. Vor der Schäferkommission ist er sich sicher, dass Böhnhardt zum Zeitpunkt der Funde in Garage 5 noch nicht „geflohen“ sei. Später relativiert er das auf fast sarkastische Weise: „Ich bin verunsichert, weil eine Vielzahl von Beamten eine andere Aussage getroffen haben.“8)

Doch selbst wenn wir an den Ursprung der Tragödie Beate Zschäpes gelangen, wenn die Umstände des „Abtauchens“ der drei Jenaer geklärt werden, wissen wir weder, wer Enver Şimşek, Theodoros Boulgarides und all die anderen ermordete, noch was mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geschehen ist. Die Bezichtigungen der Zschäpeaussage tragen nichts zur Aufklärung von realen Verbrechen und ihrer staatlichen Verwertung bei.


Fußnoten und Anmerkungen:

1) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/eltern-des-rechtsextremen-nsu-terroristen-boehnhardt-sprechen-ueber-ihren-sohn-a-828410.html

2) http://www.mdr.de/thueringen/zwickauer-trio770.html

3) http://www.welt.de/politik/deutschland/article149803799/Dokumentation-Die-Aussage-der-Beate-Zschaepe.html

4) https://www.thueringen.de/imperia/md/content/tim/veranstaltungen/120515_schaefer_gutachten.pdf

5) Sitzungsprotokoll Thüringer NSU-PUA vom 15. April 2013
http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:5C6wpesWP3sJ:haskala.de/2013/04/15/ua-15-april-2013/+&cd=5&hl=de&ct=clnk&gl=de

6) https://hajofunke.wordpress.com/2013/07/02/ticker-zum-nsu-untersuchungsausschuss-1-juli-2013-erfurt/

7) ebd.

8) Sitzungsprotokoll Thüringer NSU-PUA vom 15. April 2013
http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:5C6wpesWP3sJ:haskala.de/2013/04/15/ua-15-april-2013/+&cd=5&hl=de&ct=clnk&gl=de

Haskala

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Beginnen wir mit einem Mord. Am 6. September 1848 wird auf die Familie des Reformrabbiners im galizischen Lemberg, Abraham Kohn, ein Giftanschlag verübt. An einer mit Arsen versetzten Suppe sterben Rabbi Kohn und seine jüngste Tochter. Galizien gehört damals zur Habsburger Monarchie. Kohn war 1844 aus Vorarlberg nach Lemberg gekommen, um eine Reformgemeinde aufzubauen. Die Tat wird traditionalistischen Kreisen der jüdischen Gemeinde zugeschrieben, ein mutmaßlicher Mörder wird allerdings nicht rechtskräftig verurteilt.1)

In den folgenden Jahrzehnten ist der Mord Gegenstand innerjüdischer Rezeption. Das Verbrechen wird überwiegend im Lichte eines tiefen Konfliktes zwischen der tradierten religiös-kulturellen Welt des Ostjudentums und Reformbemühungen gesehen, die aus der Aufklärung innerhalb des Judentums hervorgingen – der sogenannten Haskala. Aufklärung bedroht Aberglauben, Regelwerke und Dogmen und eine Gemeinschaft, die aus ihnen ihre Sicherheit schöpft. Das ist der Kern des Konfliktes, unabhängig von Ort, Zeit und handelnden Personen.

Haskala heißt auch der Blog der Thüringer Landtagsabgeordneten Katharina König. Ihre Partei „Die Linke“ stellt gegenwärtig den Ministerpräsidenten. Für Suchmaschinen hat Königs Aufklärung eine größere Relevanz als das historische Vorbild: Sie steht an erster Stelle der Ergebnisliste. Katharina stammt aus evangelischem Pfarrhause. Was sie mit der jüdischen Aufklärung verbindet, ist unbekannt.

Wissen ist Macht

Schwerpunkt ihres Wirkens ist seit vielen Jahren der Kampf gegen den Rechtsextremismus in Thüringen. Das NSU-Böse kommt aus der beschaulichen Mitte Deutschlands. Im November 2011 enttarnt es sich. Katharina, die Reine, will es austreiben. Das Ausmaß mutmaßlicher mörderischer Kumpanei von Behörden, Schlapphüten und Naziterroristen lässt bisherige Verschwörungstheorien der Linken blass aussehen wie das kalkige Gesicht des THS-Kerlchens Brandt. Der Verfassungsschutz als natürlicher Feind der Linken ist selbst unter Verdacht geraten.

Als 2012 der erste Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtages zum NSU-Komplex zusammentritt, wird Katharina König engagiertes Mitglied. Unter den NSU-Ausschüssen bundesdeutscher Landtage gibt es ein Alleinstellungsmerkmal Königs: Sie protokolliert die Sitzungen dieses Untersuchungsausschusses in hoher Qualität auf ihrem Blog.

Ihre Haskala-Protokolle sind eine wichtige Quelle für die Aufklärung des Geschehens am 4. November 2011 geworden und unverzichtbar in Verbindung mit den vom Arbeitskreis NSU geleakten Aktenteilen des BKA zum Abgleich von Aussagen, Indizien, Chronologien.

Diese Protokolle sind seit Kurzem verschwunden. Aufklärerin König hatte sie zunächst kommentarlos vom Netz genommen und damit für Irritation gesorgt.

haskala_screenshot

Für die Bloggergruppe AK NSU, mit der sie eine virtuelle Hassliebe verbindet, eine Steilvorlage. Neben BKA-Aktenteilen leakte der Arbeitskreis jetzt auch die Haskala-Protokolle in ihrer unbearbeiteten Form. Denn die Protokolle müssen korrigiert werden, wie Katharina jetzt nachschob. Sie gefährdeten bisher die Persönlichkeitsrechte derer, für die sich niemand interessiert.

Wir haben zur Zeit die Ausschussprotokolle vorübergehend von der Seite genommen, in wenigen Wochen sind sie aber wieder online. Hintergrund ist, dass wir zum Schutz der Persönlichkeitsrechte von Personen, die weniger in der Öffentlichkeit stehen, zum Beispiel einfache Mitarbeiter oder Personen, die keine Führungsfunktionen ausüben oder anderweitig im medialen Fokus stehen, die Namen abkürzen. Aus dem einfachen Feuerwehrmann „Peter Müller“ würde dann ein „Feuerwehrmann Peter M.“ werden.

https://haskala.de/2015/11/30/in-eigener-sache-nsu-untersuchungsausschussprotokolle-bald-wieder-online/

Nur, wie viele Protokolle betrifft das wirklich? Wie glaubhaft ist die Begründung für die Sperrung aller Dokumente? Die späte Stellungnahme Königs darf getrost als Reaktion auf den spöttischen Kommentar des NSU-Arbeitskreises gewertet werden.

Die via Twitter ausgetragenen Sticheleien zwischen Arbeitskreis und „Antifa-König“ sind Beweis einer Kommunikation. Sie dürfte mitbekommen haben, dass die Haskala-Protokolle nicht mehr rückstandsfrei entsorgt werden können.

Der Mossad wars

Der Mossad exekutiert keine Leute, es sei denn, sie haben Blut an den Händen. Dieser Mann würde das Blut israelischer Kinder an den Händen haben, falls er sein Projekt vollenden würde. Warum also warten?

Victor Ostrovsky, Der Mossad

Man kann sich an fünf Fingern abzählen, dass das Interesse Königs eigener politischer Familie an den Protokollen um so stärker erlahmt, je gefährlicher sie dem staatlichen Mythos vom Naziterrortrio werden. Haskala-Aufklärung kann also durchaus bei denen unbeliebt sein, für die sie gedacht ist.

Wenn die Aufklärerin den Zugriff für alle verhindern wollte, die sie dem „feindlichen Lager“ zuordnet oder im verschwörungstheoretischen Abseits wähnt, dann war die Schredderaktion ein Schuss ins Knie. Manipulationen über die angekündigten Anonymisierungen hinaus fliegen nun jederzeit auf.

Mit ihrem Vorgehen verstärkt sie nebenbei jenes Misstrauen, das sie bei den Verschwörungsheinis amüsiert. Ein Misstrauen, dass die Linke selbst lange pflegte. Da traute man dem Staat als „Instrument der herrschenden Klasse“ noch so ziemlich alles zu. Eine der geforderten Konsequenzen aus dem sogenannten NSU-Komplex war ein tiefgreifender Umbau der Sicherheitsarchitektur bis hin zur Abschaffung des Verfassungsschutzes. Davon ist keine Rede mehr.

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Die Hypothese von der Ermordung der Uwes unter Mitwirkung und Mitwissen von Diensten ist zunächst nicht weniger unwahrscheinlich, als die Hypothese des erweiterten Suizids, die Polizeidirektor Menzel vorschnell aufstellte und die das BKA nicht schlüssig verifizieren konnte. Das mag einem persönlich gefallen oder nicht.

Die durchaus plausible Spekulation einer Verstrickung türkischer Geheimdienste in die damals noch als Döner-Morde bezeichnete Verbrechensserie, wie sie noch Anfang 2011 vom ehemaligen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ veröffentlicht wurde,2) hat niemand mit dem Ironieversuch „der MIT war‘s“ goutiert.

Absurd wird es, wenn die Mittäterschaft deutscher Dienste an der Ermordung von Migranten für denkbar gehalten wird, die Mittäterschaft deutscher oder fremder Dienste bei der Ermordung von „Neonazis“ aber als verschwörungstheoretischer Blödsinn gilt.

Ziel alternativer Aufklärung aber ist nicht ein Verschiebebahnhof Mossad, sondern die (Wieder-)Aufnahme von Ermittlungen zu den Ceskamorden, dem Heilbronner Polizistenmord und den im Stregdaer Wohnmobil aufgefundenen Leichen.

Wenn die quasioffizielle Darstellung einer Selbsttötung aus einer Vielzahl von Gründen nicht stimmen kann, dann sind die Ermordung von Mundlos und Böhnhardt oder eine sonstige Tatortinszenierung ebenso vertretbare Hypothesen, die in gleicher Weise geprüft werden müssen. Es sei denn, die Aufklärung des unnatürlichen Todes zweier „Neonazis“ ist aus ideologischen Gründen nicht wünschenswert. Vorurteilsfreie Ermittlungen der Polizei gehörten ebenfalls mal zu den populären Forderungen der Linken.

Noch sind die Original-Protokolle auch auf der Website des Rechtsextremismusexperten Hajo Funke abrufbar. Wenn Sie wissen wollen, wie er’s gerade mit der Aufklärung hält, geben Sie zuweilen den Suchbegriff Haskala ein.

 


1) http://www.hohenemsgenealogie.at/gen/getperson.php?personID=I0690

2) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77108510.html

 

Black Box

               blackbox

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

Ernst Jandl, 1966

 

Erstaunlich: Jene Werkzeuge, mit denen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ihre Morde und Banküberfälle planten und spurlos ausführten, ihre nationalsozialistischen Denkorgane also, deren Gedankenausscheidungen unsere Experten nach allen Regeln der Kunst untersucht und seziert haben, lagen im Stregdaer Wohnmobil noch unbeachtet unterhalb der Küchenzeile, als Leichen und Waffen längst asserviert und herausgebracht waren. Und auch später kümmerte sich niemand darum.

01_womo_gehirn_uebersicht 02_womo_gehirn_detail

Abb. 01 (links): Gehirnmasse linke untere Bildecke;
Übersichtsaufnahme der KPI Gotha, Aktenteil 4.1.6, S. 256
Abb. 02 (rechts): Gehirnmasse am linken Bildrand,
Detailaufnahme aus Band 4.1.9, S. 454

In den Kommentarspalten des Bloggers von „friedensblick.de“ entspann sich vor einigen Wochen eine Diskussion über die Lage dieser Gehirnmassen. Denn es ergeben sich einige Probleme. Zu welchem der beiden Toten gehören sie und was sagt die Auffindesituation über das Geschehen im Wohnmobil aus? Lässt sich anhand der Zellmasse etwas über die Flugbahnen der Geschosse sagen? Und passt ihre Lage zur Tathergangshypothese des BKA?

User Johannes steigt mit einer Hypothese ein, die mehrere Fragen zur Ballistik der Schüsse und den Ablauf der suizidalen „NSU-Selbstenttarnung“ anreißt.1)

Was definitiv auch n i c h t passt, und wohl bisher niemanden aufgefallen ist, sind die beiden Grosshirnmassen die am Wohnmobilboden im Küchen/Herd Bereich waren und fotografiert wurden. Sie lassen rückschliessen (falls die beiden Grosshirnanteile jeweils zu Böhnhard und Mundlos gehörten, dass die Krönleinschüsse (Böhnhard in die Schläfe, Mundlos in den Mund) den beiden Opfern am Boden liegend mit den Köpfen im Bereich der Fundstelle der deutlich sichtbaren Grosshirnanteile zugefügt wurden.

Das ist ein wichtiger Ansatz, auch wenn sich das Vermutete nicht rückschließen lässt. Wir wissen weder wessen Gehirnmasse da liegt, noch wie, wann und durch wen sie dahin gelangte. Von Schussdefekten im Boden des Wohnmobils ist nichts bekannt. Kriminaldirektor Menzel und der Eisenacher Kriminalist Lotz hatten sich nach erster Inaugenscheinnahme auf suizidale Handlungen im Wohnmobil festgelegt, es gab keine Ermittlungen eines Tötungsverbrechens.

Wir können aber jene BKA-Hypothese, die sich als quasioffizielle Darstellung festgesetzt hat, auf Wahrscheinlichkeit hin überprüfen und die Diskussionsgrundlage zum Geschehen im Wohnmobil erweitern.

Die Überlegungen sollen wie folgt gegliedert werden:

  1. BKA-Hypothese und Ausgangslage
  2. Auffindesituation Wohnmobil
  3. Mögliche Positionen und Körperhaltungen von B. und M. in Verbindung mit Schusskanälen, Geschossflugbahnen, Schussdefekten im Dach und Lage der aufgefunden Leichen
  4. Lage der Gehirnmasse, Auffindesituation der Leichen und Spurenbilder (Blutanhaftungen)
  5. Fazit

1. BKA-Hypothese und Ausgangslage

In den vom Arbeitskreis NSU veröffentlichten Aktenteilen2) stellt Kriminaloberkommissar Burkhardt im Vermerk vom 21. November 2011 auf Basis der damaligen Ermittlungsergebnisse eine Hypothese auf, die Kriminaldirektor Menzels unmittelbare und ausschließliche Annahme suizidaler Handlungen ohne Beteiligung Dritter vom 4. November 2011 untermauert.3) Obwohl ausdrücklich im Konjunktiv gehalten, wird dieser Hergang fast unverändert so auch öffentlich kommuniziert. Alternative Erklärungsansätze sind zumindest im Umfeld der bekanntgewordenen Ermittlungen nicht ernsthaft weiterverfolgt worden.

Das ist bemerkenswert, unter anderem deshalb, weil der Konjunktiv „könnte“ im BKA-Vermerk durch Fettstellung und Unterstreichung doppelt hervorgehoben ist und weil beispielsweise die beiden Polizisten Seeland und Mayer Schüsse aus dem Wohnbereichsfenster in Richtung Häuserfront dementierten.

Anhand der Spurensitutation im Inneren des Wohnmobils, der Umstände ausserhalb des Wohnmobils und der Zeugenaussagen könnte es sich im Wohnmobil wie folgt zu getragen haben.

Hypothese:

* Die Täter registrieren innerhalb des Wohnmobils, dass sich Polizeibeamte vor dem Wohnmobil befinden. […]

* BÖHNHARDT eröffnet durch das Fenster des Wohnmobils mit der Maschinenpistole das Feuer auf die Beamten. Das Projektil verfehlt die Beamten und geht zwischen dem Papiercontainer und dem abgeparkten KFZ in die Wand (siehe lila-gestrichelte Linie im Schaubild). + Schuss 1, 9mm Hülse […]

* Die Waffe des BÖHNHARDT erleidet nach einem Schuss einen Defekt (Patronenklemmer) und wird von ihm auf die Bank unter dem Fenster gelegt. + Auffindeort Maschinenpistole, Zustand Maschinenpistole, Auffindesituation Leiche BOHNHARDT

* BÖHNHARDT kommt durch einen Schuss der Winchester Pumpgun in die linke Schläfe zu Tode. + Obduktionsergebnis Böhnhardt, Schuss 2, erste Brennecke-Hülse

Vermutlich wurde der Schuss durch MUNDLOS abgefeuert

noch keine Nachweise hierfür verfügbar, jedoch aufgrund der Umstände (schnelle

Schussfolge zwischen erstem und zweiten Schuss, die je mit verschiedenen Waffen durchgeführt wurden) ist es wahrscheinlicher als eine Selbsttötung mit der Pumpgun (umständlich sich mit einer langläufigen Waffe in die Schläfe zu schießen).

* MUNDLOS entfacht mit Papier ein Feuer im Wohnwagen. + BOHNHARDT war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben (Kein Rauch in der Lunge). Der Brandgutachter geht durch eine Entzündung mit Papier in der Mitte des Wohnwagens aus.

MUNDLOS setzt sich im hinteren Teil des Wohnmobils auf den Boden, stellt die Pumpgun auf den Boden, steckt sich die Waffe in den Mund und tötet sich selbst.

Obduktionsergebnis MUNDLOS, Zeugenaussage bzgl. wegfliegender Deckenverkleidung im hinteren Teil des Wohnmobils, zweite Brennecke-Hülse, Auswurf der Hülse aus der Pumpgun nur möglich durch einen Schuss von unten nach oben

Wir konzentrieren uns auf die Aussagen zur Abfolge der Schüsse, des erweiterten Suizidgeschehens und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zur Ballistik und räumlichen Situation im Wohnmobil. Die Schussdefekte im Fahrzeugdach werden einbezogen. Alle sonstigen Widersprüche bleiben im Wesentlichen unberücksichtigt.

Die beiden Leichen im Wohnmobil wurden anhand von Fingerabdrücken und DNA-Vergleich als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt identifiziert. An der Zuverlässigkeit dieser Identifizierung bestehen nach Auffassung des Verfassers zwar weiter begründete Zweifel. Die Namen Böhnhardt (Asservatkomplex 1.1) und Mundlos (Asservatkomplex 1.2) werden dennoch aus Gründen der leichteren Zuordnung der Ermittlungsergebnisse verwendet.

Der Jenaer Rechtsmediziner Dr. Reinhard Heiderstädt beschreibt im Münchner NSU-Prozess Böhnhardts Kopfverletzung so, dass der sogenannte Krönleinschuss die Hirnmasse fast vollständig aus dem Schädel herausgeschleudert habe. Im Schädel seien lediglich noch etwa einhundert Gramm Gehirn verblieben (Anm. Die Gesamtmasse eines männlichen Gehirns hat ein Gewicht von etwa 1.400 g). Böhnhardt sei sofort handlungsunfähig gewesen. Bei Mundlos habe es eine große Aufreißung der hinteren Kopfoberseite gegeben. Auch hier sei das Gehirn bis auf fünfhundert Gramm Resthirn aus dem Kopf herausgeschleudert worden.4)

2. Auffindesituation Wohnmobil

Die als Uwe Böhnhardt identifizierte Leiche befand sich im mittleren Teil des Wohnbereiches, Uwe Mundlos im hinteren Teil. Beide Personen wurden nach Angaben der Ermittler durch je einen Kopfschuss mit einem Brenneke Flintenlaufgeschoss aus einer Pumpgun Winchester Defender 1.300 getötet.

Beide Schüsse soll Uwe Mundlos abgegeben haben; auf Uwe Böhnhardt durch Nahschuss in die linke Schläfe mit einem Austritt des Geschosses im Bereich der rechten Schläfe bzw. oberhalb des rechten Ohres. Angenommen werden kann deshalb ein Schusswinkel von ca. 5° bis 10°. Dem Kopfschuss auf Böhnhardt wird der Schussdefekt im vorderen Wohnmobildach zugeordnet (BT 2).

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Abb. 03: Schussdefekte im Wohnmobildach, im Aktenkonvolut vorn als BT02, hinten BT01 bezeichnet

Bei der anschließenden Selbsttötung soll Mundlos den Schuss von vorn in den Mund mit Geschossaustritt im hinteren Schädelbereich ausgelöst haben. Hier darf ein Schusswinkel von etwa 45° angenommen werden. Ein wesentlich steilerer oder flacherer Schusswinkel würde eine unnatürliche Zwangshaltung von Waffe, Kopf und Körper erfordern, für die situativ keine Notwendigkeit bestand.

Der Arbeitskreis NSU hat herausgearbeitet,5) dass die öffentlich gewordenen Fotodokumente Abweichungen der Auffindesituation zeigen insbesondere bei der Lage der als Uwe Böhnhardt identifizierten Leiche. Der Kopf des Opfers im Vordergrund schließt in Abb. 4 mit der Rücklehne der Sitzbank ab. In Abb. 5 ist die Lage des Kopfes in Richtung Fahrerkabine versetzt und schließt etwa in der Mitte der Sitzbanktiefe ab.

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Abb. 04: Aufnahme mutmaßlich in Stregda; Abb. 05: Aufnahme mutmaßlich nach Abtransport des Wohnmobils; (zum Vergrößern anklicken)

Es ist anhand der Lichtverhältnisse und der durchs Seitenfenster erkennbaren Umgebung überzeugend dargestellt worden, dass einige Aufnahmen am Auffindeort in Eisenach-Stregda entstanden, andere mutmaßlich in der Fahrzeughalle der Abschleppfirma, in die das Wohnmobil am 4. November 2011 verbracht wurde.

Widersprüchliche Zeugenaussagen (Feuerwehr, Polizei) in Bezug auf sichtbare Verletzungen und Körperpositionen bleiben hier unberücksichtigt. In Abb. 4 ist die Lage Böhnhardts wegen herabgefallenen Deckenmaterials nicht erkennbar. Abb. 5 zeigt eine vermutlich später entstandene Aufnahme. Die Dachverkleidung ist offenbar entfernt worden, Böhnhardt liegt auf der linken Bauchseite. Links neben Böhnhardts Kopf, also auf der Seite der Geschosseintrittswunde, ist deutlich Gehirnmasse zu erkennen. Die Austrittswunde, aus der das Gehirn herausgeschleudert wurde, befindet rechts (hier in Richtung Sitzgruppe). Ein schweres Problem, wie wir sehen werden.

Um das zu verdeutlichen, wurde die Lage der Leichen schematisch in einen Grundriss gezeichnet und in eine Seitenansicht übertragen (Abb. 6). Gleiches gilt für die Position der Geschossaustrittslöcher im Wohnmobildach. Die Körpergrößen von Mundlos und Böhnhardt wurden als gerundete Werte berücksichtigt (Asservatekomplex 1.2, UM ca. 180 cm, Asservatekomplex 1.1, UB ca. 185 cm). Für alle grafischen Darstellungen gilt, dass Größenverhältnisse der Zweckmäßigkeit der Darstellung entsprechend beachtet wurden.

05_womo_uebersicht_leichen_grafikAbb. 06: oben: Lage der Leichen in Aufsicht und Lage der Leichen (Asservatkomplexe 1.1 – Böhnhardt, 2.1 – Mundlos); unten: seitliche Darstellung (Beifahrerseite); Angabe der Schussaustritte im Dach

Es herrscht teilweise Unklarheit darüber, ob Uwe Mundlos eine überwiegend sitzende oder liegende Haltung im hinteren Teil des Wohnbereiches einnimmt. Das rechte Knie von Mundlos schließt etwa in der Mitte der Kühlschrankverkleidung ab. Der Abstand bis zum rückwärtigen Bett beträgt etwa 110 cm ohne die Unterschenkellänge. Der Kopf der Leiche schließt in der Höhe mit der leicht erkennbaren Bettrahmenfront ab, das sind ca. 40 cm. Diese beiden Maße belegen eine liegende Haltung der Leiche. Der Eindruck einer „sitzenden“ Position entsteht durch Aufnahmewinkel und perspektivische Verkürzung.

Soweit die Ausgangssituation.

3. Mögliche Positionen und Körperhaltungen von B. und M. in Verbindung mit Schusskanälen, Geschossflugbahnen, Schussdefekten im Dach und Lage der aufgefunden Leichen

Wir untersuchen zunächst die Schussabgabe auf Uwe Böhnhardt. Laut BKA-Hypothese hielt sich U.B. an der Sitzgruppe auf mit Blickrichtung zur gegenüberliegenden Straßenseite. Dort sind nach eigenen Angaben auch die Polizisten in Deckung gegangen. Dem Schuss auf Böhnhardt durch Mundlos wird der Schussaustritt BT02 im vorderen Dachaufbau zugeordnet. Eine andere Zuordnung ist vor allem wegen der Lage des toten Mundlos nicht plausibel darstellbar.

Der letale Schuss erfolgte nach Hypothese aus einem Vorderschaftsrepetiergewehr Pumpgun Winchester 1300 Defender Kaliber 12. Verwendet wurden ausweislich BKA-Akten Brenneke Flintenlaufgeschosse mit einer Länge von 62 mm. Ein Schusswinkel von ca. 5° bis 10° ergibt sich aus Eintritts- und Austrittswunde in Böhnhardts Schädel. Eine möglicherweise geringfügige Ablenkung des Geschosses innerhalb des Schusskanals ist nicht einbezogen.

Wir nehmen zunächst der Hypothese folgend eine geduckte Haltung Böhnhardts an, der aus dem Seitenfenster (Fahrerseite) auf die Polizisten geschossen haben soll oder dies versuchte. Neben der Geschossflugbahn wird die mögliche Fallrichtung Böhnhardts gezeigt. Böhnhardt befand sich selbst bei geduckter Haltung in relativ instabiler Position. Der Schussaufprall des Flintenlaufgeschosses hätte aufgrund hoher kinetischer Energie mit Wahrscheinlichkeit ein Abkippen in Richtung Fahrerzelle bewirkt.

09_womo_ub_01Abb.07: Geschossflugbahn bei kauernder Körperhaltung Böhnhardts und ungefähre Position des Dachdefektes; angenommene Sturzrichtung Böhnhardts

Zwei gravierende Widersprüche zur BKA-Hypothese werden erkennbar: Bei einer hockenden bzw. kauernden Körperhaltung Böhnhardts ist wegen des Schusskanalwinkels zwischen Eintritts- und Austrittswunde der Schussdefekt im vorderen Wohnmobildachaufbau nicht darstellbar. Die zu erwartende Sturzrichtung aufgrund der Geschossaufprallwucht entspricht nicht der Auffindsituation, die eine Lage zeigt, bei der Böhnhardt in Richtung des Schützen Mundlos gefallen ist. Im Falle eines Sturzes in Richtung Mundlos hätten die engen räumlichen Verhältnisse die anschließende Brandlegung an der Sitzgruppe erheblich erschwert.

Alternativ ist zu untersuchen, ob eine andere Körperhaltung Böhnhardts das Problem des Schussaustritts im Dachbereich lösen kann. Die nächste Abbildung zeigt sowohl Böhnhardt als auch den Schützen Mundlos in stehender Position.

10_womo_ub_02Abb. 08: Geschossflugbahn bei stehender Körperhaltung Böhnhardts und ungefähre Position des Dachdefektes; angenommene Sturzrichtung Böhnhardts

Beide bereits beschriebenen Widersprüche zur BKA-Hypothese treten erneut auf: Auch bei stehender Körperhaltung Böhnhardts wird wegen des Schusskanalwinkels zwischen Eintritts- und Austrittswunde der Schussdefekt im vorderen Wohnmobildachaufbau verfehlt.

Auch bei diesem Szenario ist davon auszugehen, dass der mutmaßlich überraschte Böhnhardt der Wucht des Geschossaufpralls keine dem Schussaufprall entgegengesetzte Bewegungen ausführt und deshalb in Schussrichtung fällt. Eine entgegengesetzte Kipprichtung ist nicht zuletzt fragwürdig, weil im beengten Gang des Wohnbereiches die Leiche Böhnhardts den Zugang zur Brandlegung stark erschwert hätte. Nach Darstellung der Polizisten war der gesamte von außen beschriebene Ablauf bis zur Rauchentwicklung zeitlich dicht gedrängt.

Bei der anschließenden Selbsttötung von Mundlos geht die BKA-Hypothese davon aus, dass sich Mundlos, nachdem er den Brand legte, in den hinteren Bereich setzte und die Waffe von unten nach oben gerichetet in den Mund schoss. Eine natürliche Körperhaltung würde auf einen Schusswinkel von etwa 45° als plausibel erscheinen lassen.

11_womo_um_01Abb. 09: Geschossflugbahn bei sitzender Körperhaltung von Mundlos und ungefähre Position des Schussdefektes im Dach; mit Sturzrichtung

Die mögliche Sitzposition von Mundlos im hinteren Wohnbereich wird nach vorn durch die Lage der Leiche Böhnhardts, nach hinten durch das hochgeklappte untere Bett begrenzt. Um die Geschossflugbahn mit Schussdefekt BT01 sowie die Endposition der Leiche nach Möglichkeit in Einklang zu bringen, wurde die Sitzposition beim Suizid so weit wie möglich an die Leiche Böhnhardts verlagert. Dennoch gibt es eine erhebliche Abweichung zwischen erwartetem Schussaustritt im Dachbereich und dem tatsächlichen Schussdefekt.

Nehmen wir ein hochgeklapptes Bett mit textiler bzw. kunststoffgefüllter Matratze und einem Lattenrost aus Holz an, erscheint ein Ab- bzw. Rückpraller unwahrscheinlich.6) Eine signifikante Ablenkung des Geschosses innerhalb des kurzen Schusskanals im Schädel zwischen Eintritt und Austritt ist in Bezug auf die Austrittswunde im hinteren Schädel unwahrscheinlich.

Das erwartete Spurenbild wird weiter unten besprochen. Es ist in der folgenden Darstellung alternativ zur BKA-Hypothese zu untersuchen, ob eine stehende Schussposition zumindest den Schussaustritt im Dach erklären kann.

12_womo_um_02Abb. 10: Geschossflugbahn bei stehender Körperhaltung von Mundlos und ungefähre Position des Dachdefektes; mit Sturzrichtung

Hier ergibt sich theoretisch eine mögliche Übereinstimmung zwischen Geschossflugbahn und Position des Schussdefektes im Wohnmobildach. Allerdings ließe der abschließende suizidale Akt eher eine „kontemplative“ und zurückgezogene Position, etwa der Sitzhaltung erwarten, statt angespannten Stehens mit Blickrichtung auf die Leiche Böhnhardts.

Eine Notwendigkeit, die Selbsttötung ohne Rücksicht auf den Umständen entsprechende selbstgewählte Bedingungen eines endgültigen Abschieds schnellstmöglich durchzuführen, bestand nicht.

4. Lage der Gehirnzellmasse, Auffindesituation der Leichen und Spurenbilder (Blutanhaftungen)

Wir legen weiter die BKA-Hypothese zum Geschehen im Wohnmobil trotz der gezeigten erheblichen Widersprüche bei Geschossflugbahnen, Schussdefekten im Dach sowie Position und Lage der Leichen zugrunde. Es ist zu klären, ob und wie die Kopfschussverletzungen (Krönleinschüsse) mit der Lage der Gehirnmasse(n) in Einklang zu bringen sind.

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Abb. 11: Deutlich erkennbar drückt der rechte Oberschenkel von Mundlos gegen die Kühlschrankfront. Ein Verrutschen der Gehirnzellmasse wird blockiert.

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Abb. 12: In Richtung Fahrerkabine verhindern die Leiche Böhnhardts sowie Deckenverkleidung ein Verrutschen der Gehirnmasse

Charakteristisch für die Lage der Gehirnzellmasse ist, dass sie durch beide Leichen, herabgefallenes Dachmaterial und die seitliche Begrenzung durch Küchenzeile und Sitzbank fixiert wird. Ein Verrutschen der herausgeschleuderten Gehirnteile über größere Distanz durch Löscharbeiten der Feuerwehr ist nicht plausibel. Die Ebene der Wohnbereichsgrundfläche im Wohnmobil ist zur Fahrerseite hin abschüssig, eine Veränderung der Lage hätte also eher in Richtung Fahrerkabine erfolgen müssen. Das würde besonders im Fall Böhnhardt die BKA-Hypothese noch mehr schwächen.

14_womo_gehirn_ub_01Abb. 13: Bewegungsrichtung der herausgeschleuderten Gehirnmasse bei Böhnhardt mit Schussrichtung nach vorn

Der Schuss wurde Böhnhardt in die linke Schläfenseite beigebracht, die Schussaustrittsverletzung befindet sich auf der rechten Kopfseite. Die Grafik macht deutlich: Der Blut- und Zellgewebeaustritt auf der rechten Kopfseite Böhnhardts hätte bei Blickrichtung Böhnhardts zur gegenüberliegenden Hausseite mit signifikanten Blut- und Gewebespuren in Richtung Fahrerkabine erfolgen müssen. Die mutmaßliche genaue Endposition der Gehirnmasse ist dafür unerheblich.

 

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Abb. 14: Bluttypische Anhaftungen am Zugang zum vorderen Wohnbereich auf der Beifahrerseite

Außer wenigen Blutanhaftungen an Türinnenseite und Fahrzeugkabinenrückseite ist jedoch kein nennenswertes, eventuell konzentrisch verlaufendes Spurenbild dokumentiert, das dem Auftreffen herausgeschleuderten Blutes und Gehirnteile nachvollziehbar entspricht (etwa am Beifahrersitz). Es ergibt sich außerdem keine plausible Möglichkeit, dass Schussverletzung und Lage der Gehirnmasse in Auffindessituation in Einklang zu bringen sind.

Ähnlich widersprüchlich stellt sich das Spurenbild bei Uwe Mundlos dar. Dabei ist zu vernachlässigen, ob man von einer sitzenden oder stehenden Schussposition ausgeht.

16_womo_gehirn_um_02Abb. 15: Bewegungsrichtung der herausgeschleuderten Gehirnmasse bei Mundlos mit Schussrichtung nach hinten-oben, mögliche Endposition der Gehirnteile im Vergleich zur Auffindeposition

Mundlos musste zwingend den eigenen suizdalen tödlichen Schuss in Richtung Fahrzeugheck abgeben, so dass das herausgeschleuderte Gehirn ebenfalls in Richtung Fahrzeugende bewegt wurde. Gehirnmasse, die beim Austritt in größeren Teilen erhalten blieb, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit durch den nach hinten kippenden Mundlos bedeckt oder bei späterem Herabfallen des Gehirngewebes aufgefangen wurden. Die Leiche Mundlos hätte durch ihre Lage ein Verrutschen der Hirnmassen zusätzlich blockiert.

Ein plausibles Szenario wird hier wie bei Böhnhardt durch das fehlende Spurenbild signifikanter Blut- und Zellgewebeanhaftungen im Bereich unterhalb des Schussdefektes im hinteren Dach bzw. auf der textilen Bettverkleidung erschwert. Die Fotodokumente weisen außer einigen zufällig wirkenden Blutspritzern im unteren Türbereich der Nasszelle keine der Schwere der Schussverletzung entsprechende Verteilung von Blut- und Gewebeteilen aus. Bei Mundlos wären aufgrund des Kontaktes mit dem hochgeklappten Bett insbesondere Rutschspuren durch Heruntergleiten des tödlich Verletzten in die Endposition zu erwarten.

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Abb. 16 und 17: Links: Auffindesituation der Leiche Mundlos, hervorgehoben wenige bluttypische Anhaftungen im unteren Bereich der Badtürinnenseite; rechts: Bereich, für den die Verteilung von Blut- und Gewebespuren im Einklang mit der Schuss- und Fallrichtung Mundlos wahrscheinlich wäre

5. Fazit

Die Lage der Gehirnmassen sowie die Position der Leichen und Schussdefekte im Wohnmobildach ist für beide aufgefundenen Leichen nicht mit der Tathergangshypothese des BKA in Übereinstimmung zu bringen. Es ergibt sich ausgehend von den Schussein- und -austrittsverletzungen derzeit kein Szenario, das Auffindesituation der Leichen, der Gehirnmassen und der Schussdefekte im Dach plausibel erklärt. Lediglich für Uwe Mundlos ist bei hypothetischer Annahme eines Suizides in stehender Position der Schussaustritt im hinteren Bereich des Wohnmobildaches nachvollziehbar.

Es konnte gezeigt werden, dass die vom BKA aufgestellte Hypothese mehrere schwerwiegende Widersprüche der Auffindesituation nicht auflösen kann. Dazu gehören Probleme der Geschossflugbahnen, die Lage der Gehirnmasse in Abhängigkeit der Schussverletzungen oder die Lage der Leiche Böhnhardts.

Die BKA-Hypothese ist damit in wesentlichen Teilen nicht haltbar und muss durch neue Erklärungsansätze ersetzt werden. Der Ablauf des Geschehens im Wohnmobil am 4. November 2011 bleibt weiter ungeklärt. Er ist jedoch von zentraler Bedeutung für die Aufklärung des gesamten NSU-Komplexes u.a. in Bezug auf Todesumstände der aufgefundenen Leichen, die Klärung behördenseitigen Vorwissens und mutmaßliche Tatortveränderung.

 


Fußnoten und Anmerkungen

1) http://friedensblick.de/17619/tatort-eisenach-stregda-thueringer-nsu-ausschuss-deckt-immer-neue-fragwuerdigkeiten-auf/#comment-4872

2) Band 4.1, Ordner 1, Allgemeines, Aktenvermerk BKA, nicht paginiert, PDF-Dokument S. 20

3) eda., siehe Einsatzverlaufsbericht Lotz, S. 3 von 5, PDF-Dokument S. 25

4) https://www.nsu-watch.info/2014/06/protokoll-114-verhandlungstag-21-mai-2014/

5) http://arbeitskreis-n.su/blog/2015/11/05/4-11-2011-womo-fotobeweis-badwaffenfoto-wurde-nach-entfernung-der-leichen-aufgenommen/

6) vgl. Rückpralluntersuchung von Baumstämmen und Mauern bei Flintenlaufgeschossen, Pkt. 8.2 bes. 45°, und Ergebnisse 8.3.1 und 8.3.2

Das verwendet Fotomaterial des Auffindeortes Wohnmobil stammt aus den öffentlich zugänglichen Aktenteilen.

Flucht nach vorn

Seit 2011 erforscht eine halbstaatliche Interessengemeinschaft aus Politik, Medien und Volkserziehung die düstere Gedankenwelt des NSU. Ferndiagnostisch und faktenfrei geben Experten  Auskunft über das sogenannte Innenverhältnis des Trios. Das heißt, sie orakeln über das Liebesleben der Ménage-à-trois, literarische Vorlagen des „führerlosen Widerstands“, die kleinen und großen Sorgen abgetauchter Terroristen. Prinzipiell gilt: Je phantastischer die Ideenwelt des Trios, desto bereitwilliger werden die Fabeln geglaubt. Bisher jedenfalls.

Nun wollen Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben reden bzw. reden lassen. Das gesprochene Wort löst am Ende eines quälenden Prozesses verdichtete Fiktion ab. Die vollumfängliche, abgestimmte Aussage also als letzter Akt der „NSU-Selbstenttarnung“? Klar ist: Wenn Zschäpe die Beteiligung staatlicher Stellen an einem wie auch immer gearteten „NSU“ schlüssig offenlegt, dann hat das schwerwiegende Folgen.

Das NSU-Konstrukt ist für ein „Limited hangout“ zu instabil, die Herausnahme tragender Elemente übersteht es als Ganzes nicht. Selbst wenn es gelingt, eine Geschichte zu präsentieren, die konsistent wirkt, lässt sie sich nicht in das unglaubwürdige Gesamtbild „NSU“ einpassen, ohne massenhaft neue Widersprüche und Fragen zu erzeugen. Die Aussagen als  Flucht nach vorn, um zu retten, was zu retten ist? Das dürfte schnell in einer Sackgasse enden oder an fehlenden behördlichen Aussagegenehmigungen scheitern.

Ein Staatswesen, das sich mit allen vier Gewalten dem NSU-Phantom verschworen hat, müsste notgedrungen Tabula rasa machen mit weitreichenden Konsequenzen. Hat dieser Staat dafür noch die Kraft? Wird er gerade jetzt unter Umständen angebliche Rechtsterroristen entlasten wollen?

Aber auch die Praxis, eine alte Lüge durch eine neue zu ersetzen, kann beim NSU nicht mehr aufgehen. Die aktengestützte Aufklärung einer gut vernetzten „Truthergemeinde“ ist zu weit fortgeschritten. Ein Dilemma für BAW und Untersuchungsausschüsse. Die entstandene Situation aber, die Durchsetzungsfähigkeit des gesamten Rechtsstaates mit dem NSU zu verbinden und in einer Geisterfahrt alle Stoppschilder zu ignorieren, ist hausgemacht.

In der weiteren sachlichen Offenlegung von Ungereimtheiten und Widersprüchen liegt die einzige Chance, zu verhindern, dass bis heute nicht aufgeklärte Verbrechen eine neue Legendierung erhalten. Sie bleibt auch nach dem bevorstehenden Coup im Münchner Staatsschutzsenat wichtig oder nimmt an Bedeutung sogar zu. Ernsthafte alternative Aufklärung wird in jedem Falle von den Aussagen der Angeklagten profitieren. Denn sie ist den staatlichen NSU-Verwesern inzwischen weit voraus und eher in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Zentrale strittige Punkte des NSU-Komplexes haben mit Beate Zschäpe oder Ralf Wohlleben ohnehin nichts zu tun. Dazu gehören vor allem die Ermittlungen und die Rolle der Behörden bei den angeklagten Verbrechen selbst. Das Geschehen in Eisenach am 4. November 2011 oder der Heilbronner Polizistenmord bleiben Schlüssel des NSU-Komplexes und können durch prozessuale Inszenierungen nicht verdrängt werden. Gegen neue NSU-Märchen helfen weiter nur Fakten.

Untot in Stregda

              thomas_gubert

Sie glauben wohl nicht, dass die Polizei
die Feuerwehr ans Messer liefert oder
in eine Situation lässt, wo geschossen wird!?“
Polizeirat Thomas Gubert
ehem. Leiter der Polizeiinspektion Eisenach

Das muss man ihnen lassen: hartnäckig sind sie. Zum dritten Mal schon hat der Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss versucht, das Geschehen am 4. November 2011 in Eisenach-Stregda aufzuklären. Wieder sammelten die Parlamentarier Details, Bilder und Aussagen, um endlich zu verstehen, wie sich die vorgeblichen Rechtsterroristen Böhnhardt und Mundlos unter Aufsicht und begleitet von Polizei, Feuerwehr und Presse „selbst enttarnten“ und was danach passierte.

Das Ergebnis der Ausschusssitzung vom 27. August ist mager. Gravierende Widersprüche können die Ausschussmitglieder weiter nicht auflösen. Den Befragten gegenüber verzichten sie auf einfachste Aussagenlogik. Es scheint, als kapitulierten Dorothea Marx und ihre Detektive vor einer aufgehäuften Masse an Einzelheiten, als haben sie den Blick fürs Wesentliche verloren und das Extrahieren von Zusammenhängen aufgegeben.

Wichtige Spuren, wie die Zeugenaussagen zum „dritten Mann“ werden nicht weiterverfolgt, logische Brüche, wie das Vordatieren beim Beschaffen der Vermisstenakte Mundlos durch Polizeichef Menzel, ignoriert, Merkwürdigkeiten, wie das Fehlen von Böhnhardts Fingerabdrücken im und am Wohnmobil gar nicht erst thematisiert. Bisher jedenfalls.

Zur Zeugenbefragung geladen waren nach Erfurt eine Fotojournalistin, der damalige Amtsleiter der Eisenacher Berufsfeuerwehr, ein Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr, die Rechtsmedizinerin Prof. Else-Gitta Mall und Mitarbeiter der Abschleppfirma, die den mutmaßlichen „mobilen Tatort“ wegschaffte.

Kein Auftrag, keine Erinnerung

Große Hoffnung hatte die Aufklärergemeinde in die Befragung der Leiterin der Jenaer Rechtsmedizin, Prof. Mall, gesetzt. Sie wurde zugleich auch die schwerste Enttäuschung. Das einzige, was Frau Mall zuverlässig erinnern konnte, waren Name, Alter und Familienstand.

Der Rest war Amnesie. An den Fundort der Leichen in Stregda geriet sie mehr zufällig, zur Lage, Verletzungen und Todesumständen der Leichenfunde im Wohnmobil wusste sie wenig bis nichts zu sagen. Einen Untersuchungsauftrag gab es nicht, schriftliche Aufzeichnungen fertigte ihr Ärzteteam nicht an, nach einer halben Stunde Wartens am Wohnmobil zog Prof. Mall mit ihren Kollegen unverrichteter Dinge ab.

Den nahezu vollständigen Gedächtnisverlust Malls dokumentiert der Sitzungsbeobachter und Blogger Querläufer.1) Ungewöhnlich ist der Blackout allemal: Die schweren Kopfverletzungen durch großkalibrige Nahschüsse sollten auch bei einer routinierten Rechtsmedizinerin bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Umso mehr, als die späteren Entwicklungen und Berichte zum „NSU“ einen prägenden Zusammenhang herstellten.

Um Prof. Malls Erinnerungen zu reaktivieren, wäre ein Abgleich der Fotoaufnahmen des Feuerwehreinsatzleiters oder des Kriminalbeamten Lotz mit späteren Aufnahmen aus der Halle hilfreich gewesen.

Hier aber gibt es das nächste Problem: Die Einziehung der Speicherkarte durch Polizeidirektor Menzel wurde vom Ausschuss zwar kritisiert, die viel wichtigeren Fotodokumente selbst scheinen indes noch immer nicht vorzuliegen. Wer ansonsten noch welche Fotoaufnahmen in Stregda und anschließend in der Fahrzeughalle machte, bleibt bisher ebenso ungeklärt und ungeordnet.

Die Passivität Prof. Malls und Dr. Heiderstädts in Stregda wurde damit begründet, dass zunächst die Spurensicherung den mutmaßlich Tatort untersuchen sollte. Das mag zwar einleuchten. Zugleich aber äußerte die Rechtsmedizinerin Verständnis, dass man sie direkt hinzuzog. Im Falle eines Tötungsdeliktes könnten zeitnahe Temperaturmessungen an den Leichen den Todeszeitpunkt bestimmen.

Genau das jedoch unterblieb. Auch formal wurde der Tod der unbekannten Personen nach derzeitiger Informationslage weder von einem Notarzt, noch von den eintreffenden Rechtsmedizinern festgestellt. Grundsätzliche Zweifel an der dargestellten Situation im Wohnmobil sind durch Prof. Mall jedenfalls nicht glaubwürdig ausgeräumt worden.

Was Frau Mall in Stregda noch nicht wissen konnte, hat der Untersuchungsausschuss in seinem Abschlussbericht zum 1. NSU-Untersuchungsausschuss veröffentlicht. Ausweislich der Sektionsprotokolle werden für beide Leichen keine Rußpartikel in der Lunge nachgewiesen.2)

III. Todesursache
Kopfdurchschussverletzung

Zur Sektion gelangte die Leiche eines zunächst unbekannten, zwischenzeitlich als Uwe Böhnhardt identifizierten Mannes. Die oberflächlichen großflächigen Hautverbrennungen an Rumpf und Gliedmaßen sind mit der Auffindesituation in einem ausgebrannten Wohnmobil vereinbar. Hinweise auf eine Rußeinatmung oder ein Rußverschlucken wurden nicht festgestellt.

[…]

III. Todesursache
Kopfdurchschuss (Mundschuss)

Zur Sektion gelangte die Leiche des 38-jährigen Mannes Uwe Mundlos. Die nachgewiesenen oberflächlichen und großflächigen Hautverbrennungen an der linken Hand und an den Beinen sind mit der Auffindesituation in einem ausgebrannten Wohnmobil vereinbar. Hinweise auf eine Rußeinatmung oder ein Rußverschlucken wurden nicht festgestellt.

Es ist also zur Stunde weder geklärt, in welchem Zustand sich welche Personen im Wohnmobil befanden, als die Ärzte Prof. Mall und möglicherweise Dr. Heiderstädt einen Blick ins Wohnmobil warfen. Noch wissen wir, warum zwar Sanitäter vor Ort waren, aber ein Notarzt bei einem Brand mit Gefährdung von Menschenleben fehlte und auch nicht hinzugezogen wurde, als sich der Verdacht von involvierten Fahrzeuginsassen bestätigte.

Gesichert ist, dass ein Herr Hennig um 12.16 Uhr „beim Patienten“ eintraf und um 12.22 Uhr „keine medizinischen Maßnahmen“ mehr erfolgten. Dem gegenüber allerdings steht eine Meldung der Polizei von 12.33 Uhr:3)

Die Abg. König (DIE LINKE) macht einen Vorhalt aus Band 9 der Akte, Polizeidirektion Gotha vom 4.11.2011. In einer Meldung von 12.33 Uhr heißt es: eine Leiche im Wohnwagen, eine zweite möglicherweise auch.

Die Abg. König (DIE LINKE) meint, dass da eventuell noch gar nicht klar war, ob die 2. Person tot ist, sondern vielleicht noch lebt.

Ob Sanitäter direkt im Wohnmobil lebensrettende Maßnahmen durchführten, werden wir voraussichtlich in der nächsten Ausschusssitzung erfahren. Ein Blick ins Fahrzeug allein dürfte auch bei der im Gang liegenden Person, die mit Brandschutt des herabgefallenen Fahrzeugdaches bedeckt war, nicht genügt haben, um eine medizinische Erstversorgung zu verweigern.

Bergungsversuche der zunächst mutmaßlich Verletzten durch Einsatzkräfte der Feuerwehr gab es im krassen Widerspruch zu den Prioritäten der Lageerkundung bei Brandeinsätzen offensichtlich nicht.

Eingezogen, Punkt – aus – Ende

Sieben Mal äußerten Zeugen in der Ausschusssitzung Ende August über die Besonderheiten des Einsatzes und der folgenden Entwicklungen, so etwas noch nie erlebt zu haben.

Wenn wir den Leichentransport eines nicht vollständig abgekühlten „mobilen Tatortes“ als Merkwürdigkeit übergehen, mit dem ungesichert eine Handgranate befördert worden sein soll, oder den angeblichen Besuch des sächsischen Innenministers in der Fahrzeughalle der Abschleppfirma Tautz und vieles andere, dann bleibt noch immer dringend klärungsbedürftig die Aussage des ehemaligen Amtsleiters für Brand- und Katastrophenschutz in Eisenach, Burkhard Steffan zur Gefährdungssituation für die Einsatzkräfte der Feuerwehr.

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Brandoberamtsrat Burkhard Steffan
und sein Nachfolger Brandoberinspektor Jens Claus

Hier läuft alles auf das sogenannte Aufklärungsgespräch hinaus, an dem im Nachgang des 4. Novembers mindestens der Amtsleiter Steffan, Feuerwehreinsatzleiter Nennstiel und der Eisenacher Polizeichef Gubert teilnahmen.

Pensionär Steffan glaubte im Ausschuss damit durchzukommen, dass er die Polizei als Instanz darstellt, die zu hinterfragen sich verbietet. Ein braver Beamter, der den Anweisungen der Polizei Folge leistet, denn „so sei er großgeworden“. Das mag bei der eingezogenen Speicherkarte noch klappen, bei Verantwortung für die Gefährdungssituation in Stregda aber verfängt es nicht mehr.

Machen wir einen kurzen Satz zurück in die NSU-Ausschusssitzung vom 31. März 2014. Dort hatten die beiden Polizisten Seeland und Mayer mehrfach und nachhaltig betont, dass im Wohnmobil geschossen worden war. Der Gothaer Polizeidirektor Menzel gab in dieser Ausschusssitzung an, dass das SEK angefordert wurde und Einsätze mit Waffenbezug von Beamten des höheren Dienstes geleitet werden.

Der Zeuge Frank Mayer, einer der beiden Polizisten, die zuerst am Wohnmobil eintrafen:4)

Der Zeuge erklärt, dass er gar nicht viel beitragen könne. Er habe im Zuge der Fahndung das Wohnmobil festgestellt und durchgefunkt. Dann habe man sich dem Fahrzeug genähert, es seien Schüsse gefallen. Dann kamen Rauch bzw. Flammen raus und es kamen noch zwei weitere Schüsse. Danach habe man auf weitere Kräfte gewartet.

Die Vors. Abg. Marx Schüsse gibt an, dass die Schüsse in der Akte zu Knallgeräuschen mutieren. Sie bemerkt, dass der Zeuge einen Aktenvermerk am 4.11. verfasst:

„Hinter das Wohnmobil konnte nicht eingesehen werden […] 12.05 Uhr nahmen wir Geräusche aus dem Inneren wahr […] näherten uns, dann Schuss, kurz darauf ein zweiter […] nach dem Funkspruch ein dritter Schuss […] durch Herrn Seeland wurde bemerkt dass Teile der Dachverkleidung wegflogen“. Ein Polizist soll sich daraufhin hinter einem anderen Fahrzeug versteckt haben, ein anderer habe hinter einem Mülleimer Schutz gesucht.

[…]

Frau Marx erklärt, dass Herr Menzel dann von zwei Knallgeräuschen schrieb. Nein, mit Sicherheit drei, gibt der Zeuge an. „Es müssen ja Schüsse gewesen sein, im Nachhinein wissen wir es ja“, so der Zeuge, er ja als Polizist selber öfter schiesst, er habe sowohl mit einer MP als auch mit einem G3 schon geschossen. Man erkenne das ja akustisch, was ein Schuss ist.

Der Zeuge wiederholt mehrfach „es waren definitiv 3 Schüsse“ […]

Das beteuerte in gleicher Weise sein Kollege Seeland. Riefen die beiden die Feuerwehr? Nein:

Dann habe es geknallt, “Erscht einmal”, dann suchte man Deckung. Es folgten die beiden anderen Schüsse, Rauch und Feuer. Untermann: „Und dann rufen sie geistesgegenwärtig die Feuerwehr?“, Mayer: „Nein!“, er habe das der Leitstelle durchgegeben. Untermann fragt dann weiter, warum er denn nicht die Kameraden der Feuerwehr gewarnt hätte: “Da stehen 3-4 Polizisten rum und sagen nichts, dass da drin geschossen wurde!”, da müsse man doch warten, bis da drin keine Gefahr mehr besteht empört sich der Abgeordnete.

Der Zeuge meint, dass das alles über die Leitstelle lief. Es [Was – d.A.] die an Infos weitergaben entzieht sich seiner Kenntnis.

War es also die Leitstelle der Polizei, die an die Rettungsleitstelle einen einfachen Fahrzeugbrand weitergab, obwohl sie Kenntnis von gefährdeten Personen und Schüssen hatte? Auch das ist noch immer unklar.

Wie mutierten die eindeutigen Schüsse zu Knallgeräuschen? Polizeisprecher Ehrenreich, der ebenfalls nach Stregda geeilt war, gab zu Protokoll:

Nach dem das Wohnmobil lichterloh brannte ging er davon aus, dass von dem Wohnmobil keine Gefahr mehr ausging. Reihenfolge: Schuss. Schuss. Rauchentwicklung. Es schlagen Flammen aus dem Dach. Alles im Zeitraum zwischen 5–10 Minuten. Man habe aber direkt nach der Schuss-Info Kräfte rausgeschickt, so der Zeuge.

Später habe er die Schüsse in Knallgeräusche formuliert, weil ja die Geräusche auch durch den Brand ausgelöst worden sein könnten. Bei der Begehung des Wohnmobils durch seine Kollegen wurden die Schussverletzungen an den Leichen bekannt, dadurch dann die Schlussfolgerung auf Schüsse. Das habe er jedoch dann nicht nochmal an die Presse gesteuert.

[…]

Frau Marx macht auf die wörtliche Verwendung von „Knallgeräuschen“ statt Schüssen in den weiteren Ermittlungen aufmerksam und auch dass ein 3. Schuss gehört worden sein soll. „In meiner eigenen Wahrnehmung haben für mich niemals drei Schüsse eine Rolle gespielt“, er selbst habe erst später davon erfahren, dass auch ein dritter Schuss im Raum gestanden haben soll.

Die Kritik der Feuerwehr, man habe sie ungeschützt einer erheblichen Gefährdungssituation ausgesetzt, wird nach Angabe des Amtsleiters Steffan im späteren Auswertungsgespräch dagegen ausgeräumt. Durch den Leiter der Polizeiinspektion Eisenach, Polizeirat Thomas Gubert.

Gubert behauptet im krassen Widerspruch zu den Aussagen der beiden Polizisten Mayer und Seeland apodiktisch, es habe keine Gefahr für die Feuerwehr bestanden. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als Schüsse Teil der Suizidtheorie der Ermittler waren.5)

Der Zeuge Steffan berichtet von dem Auswertungsgespräch, „um das aufzuhellen und das endlich mal aus der Welt zu schaffen …“, um die Frage zu klären ob der Feuerwehreinsatz konform lief oder ob es Probleme gab – denn es sei das Schlechteste, wenn „nicht genannte Dinge dann herumwabern“. „Am Tisch gab es keine Probleme mehr.“

Der Eisenacher Polizeichef, Herr Gubert, hätte die Bedenken ausräumen können. Die Abg. König (DIE LINKE) möchte wissen, wie Herr Gubert denn begründet habe, dass keine Gefahrenlage vor Ort bestanden habe. Steffan: Er habe Gubert direkt gefragt: „Bestand eine Gefahr?“, weil beim Amtsleiter Steffan im Haus eine „Unruhe bestanden“ hätte.

Herr Gubert hätte entgegnet, im Falle einer bestehenden Gefahr, ließe die Polizei „doch niemals das Feuerwehrauto durchfahren“. Eine Gefährdung hätte nicht vorgelegen.

Thomas Gubert gehört dringend vor den Untersuchungsausschuss der Thüringer Parlamentarier, um eine Begründung für seine Gefahreneinschätzung zu erläutern. Ein „Alles gut“ reicht nicht mehr aus.

Es wird also mindestens eine fünfte Ausschussitzung notwendig werden, um endlich zum realen Kern des 4. Novembers 2011 vorzudringen. Zunächst aber warten wir auf die Aussagen der Sanitäter und Kriminaltechniker am kommenden Donnerstag.


Quellen/Nachweise:

1) https://querlaeufer.wordpress.com/2015/09/05/zeugin-gerichtsmedizinerin-frau-prof-dr-mall-im-pua-61-erfurt-27-8-2015-1-teil/

2) Bericht des Untersuchungsausschusses 5/1 „Rechtsterrorismus
und Behördenhandeln“, Band II, S. 1328f

3) http://haskala.de/2015/08/29/ua-61-protokoll-27-8-2015-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-abschleppen-wohnmobil-feuerwehr-rechtsmedizin/

4) https://haskala.de/2014/03/31/ticker-zum-nsu-untersuchungsausschuss-31-03-2014/#vierter

5) http://haskala.de/2015/08/29/ua-61-protokoll-27-8-2015-2-thueringer-nsu-untersuchungsausschuss-abschleppen-wohnmobil-feuerwehr-rechtsmedizin/

Die Rechtschreibung in den Zitaten wurde an einigen Stellen zurückhaltend korrigiert.

Leprechaun

So so. Nelly Rühle, Alexander Neidlein, Sigrun Häfner, KKK Schwäbisch Hall, Mord an Kiesewetter, Florian Heilig, Yasmin Maier, Melisa Marijanovic, NSS und Matthias Klabunde u.a. alles in Eigenregie? Dummschwätzer! Kommt restlos alles von uns und sonst niemanden!“

Alexander Gronbach

 

Wer eine Sache untersucht, deren wahrer Kern unter mehreren Schichten aus Lügen, falschen Spuren und sonderbarsten Widersprüchen verborgen liegt, kann selbst Opfer von Täuschungen und Irrtümern werden. Auch sorgfältigstes Prüfen und Gegenprüfen von Fakten und Plausibilitäten verhindern das nicht. Der Wahrheitssucher kennt dieses Risiko, er muss es akzeptieren.

Wo klare Beweisführung unmöglich ist, soll Hypothesenbildung und -ausschluss Hindernisse überwinden. Die Hypothese des Aufklärers ist das Gegenstück zur Desinformation, die den Zugriff auf eine geschützte Wahrheit abwehren soll. Die Sache ist vertrackt: Desinformanten bedienen sich problemlos der Wahrheit, Aufklärer können ohne Absicht desinformieren, wenn sie selbst getäuscht wurden oder falsche Schlüsse ziehen. Das eine vom andern zu unterscheiden, ist mühselig bis unmöglich, aber manchmal unumgänglich.

Eine der schillerndsten virtuellen Akteure des NSU-Komplexes macht nicht einmal den Versuch, in die Rolle des Aufklärers zu schlüpfen. Wer sich mit dem Heilbronner Polizistenmord und dem seltsamen Fall Florian Heilig beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei, obwohl er aus dem Off Irlands operiert. Bis heute ist unentschieden, ob Alexander Gronbach als hyperaktiver Borderliner den NSU-Irrsinn in eigener Mission auf die Spitze treibt oder im Auftrag einer Behörde falsche Spuren legt.

Die Ermittlungsgruppe „Umfeld“ des Stuttgarter Landeskriminalamtes, die seit Januar 2013 frei schwebend und ohne Auftrag des zuständigen Generalbundesanwalts verborgene rechtsextremistische Verbindungen ins Ländle aufhellen sollte, widmet Gronbach in ihrem Abschlussbericht einen eigenen Unterpunkt. Gronbachs Glaubwürdigkeit wird dort restlos zerstört, seine persönliche Leidenschaft für die NPD im Hohenlohischen bleibt unerwidert, die Krokus-Geschichte seiner Partnerin erhält ein Staatsbegräbnis erster Klasse.1)

b) Hinweisgeber G.

G. ist der Polizei seit Jahren als Hinweisgeber in den unterschiedlichsten Kriminalitätsbereichen bekannt. Die weit überwiegende Zahl seiner Hinweise ließ sich nicht erhärten beziehungsweise erwies sich als haltlos.

G. wird seitens sämtlicher Behörden (LKA BW, LfV BW, BKA) als unzuverlässig und unglaubwürdig eingeschätzt, da sich seine Hinweise beziehungsweise Behauptungen nach aufwändigen Ermittlungen in der Vergangenheit zumindest zum großen Teil nicht bestätigt haben beziehungsweise ihre Grundlage in allgemein zugänglichen Quellen lag, die dann von G. entsprechend „angereichert“ wurden.

Seit März 2013 gingen nahezu 100 E-Mails von G. und seiner Lebensgefährtin zum NSU-Komplex ein. Die Verfasser der E-Mails befinden sich im Besitz des öffentlich zugänglichen Berichts des PUA NSU und offenbar zumindest auszugsweise im Besitz der Anklageschrift der GBA für den NSU-Prozess.

Die Mails werden zumeist zeitgleich an die Presse, den GBA, das BKA und das LKA BW versandt. Die Hinweise wurden geprüft, insgesamt wurden aus den Mails sechs Spuren durch die EG Umfeld generiert, ohne dass hierdurch neue Erkenntnisse erlangt wurden.

G. gab in einer Vielzahl von E-Mails den Hinweis, dass die rechte Gruppierung um A. N. [Alexander Neidlein – Verf.] Kenntnisse über den Aufenthalt und die medizinische Versorgung des bei der Tat in Heilbronn schwerverletzten Polizeibeamten kurz nach der Tat gehabt haben soll und dieser „ausgeschaltet“ werden sollte. Umfangreiche Ermittlungen konnten diese Angaben nicht bestätigen.

In der Gesamtschau ergaben sich aus keinem der von G. und seiner Lebensgefährtin genannten Sachverhalte beziehungsweise Hinweisen neue Ermittlungsansätze.“

Diese öffentliche Demontage des Krokus-Phantoms und seines Promoters hält Tatjana Heilig, die Schwester des angeblich verstorbenen NSU-NSS-Zeugen Florian, allerdings nicht davon ab, auf Einladung Gronbachs im Sommer 2014 gemeinsam mit einer früheren Freundin Florians nach Irland zu fliegen.

Zusammen mit Gronbach/Senghaas will sie ein herbeiphantasiertes Mordkomplott gegen ihren Bruder aufklären. Im Stuttgarter Untersuchungsausschuss gibt Tatjana an, sie habe „versucht, die Situation zu entzerren“.2) Was immer das heißt.

Im „Mohrenköpfle“

Noch im Jahr zuvor, 2013, waren Gronbachs Fähigkeiten der Informationsbeschaffung nicht nur in einem weitaus günstigerem Licht dargestellt worden, er galt sogar als wertvoller V-Mann des LKA.3)

Gronbach war den baden-württembergischen Behörden nur zu gut bekannt. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor war er selber V-Mann des Landeskriminalamts (LKA) gewesen. Er spürte als wertvoll geltende Informationen aus dem Drogenmilieu auf und half bei der Aufklärung einer Brandserie.

Deswegen brachte das LKA den Mann auch zeitweise in einem Zeugenschutzprogramm unter. Allerdings galt Gronbach als kaum steuerbar und latent gewalttätig. Außerdem sahen Ermittler ein Drogenproblem bei ihrem Drogenspitzel.“

Wollte sich das LKA mit der Herabstufung Gronbachs zum irren Hinweisgeber von einem Psychopathen distanzieren oder gibt es einen anderen Grund, seine Erfolge plötzlich kleinzureden? Ist die alte Zusammenarbeit im Geheimen reaktiviert worden? Trägt das LKA Baden-Württemberg die Kosten für Gronbachs irisches Exil?

Das Phänomen Gronbach ist ohne seine verwirrende Beziehung zur NPD im Hohenlohischen nicht zu verstehen. Seit Jahren versucht das Gespann Gronbach/Senghaas die Nationalen um Alexander Neidlein irgendwie mit dem Heilbronner Polizistenmord in Verbindung zu bringen.

Nelly Rühle, Friseuse und NPD-Mitglied aus Wolpertshausen, gehört zum engeren Kreis der „Krokus-Verdächtigen“. Sie hat eine bemerkenswerte Chronologie aufgestellt,4) die nicht zwangsläufig in allen Punkten der historischen Wahrheit entsprechen muss, aber überwiegend authentisch erscheint. Eine unabhängige Bestätigung ihrer Darstellung werden wir nicht bekommen. Vorsicht ist selbstverständlich auch hier geboten.

Das von Rühle geschilderte Persönlichkeitsbild Gronbachs entspricht den Darstellungen des EG-Abschlussberichtes. Wichtig für uns sind die Gespräche im Umfeld eines Treffens im „Mohrenköpfle“ Ostern 2012. Alexander Gronbach wird hier als Agent Provocateur beschrieben, der den Rechten gegenüber nicht nur seine Geliebte enttarnt, sondern auch ihre „Ruhigstellung“ fordert.

Man darf davon ausgehen, dass Senghaas eingeweiht war und den NPD-Leuten eine Falle gestellt werden sollte. Auch hier ist die Kernfrage: Handelte das Duo Gronbach-Senghaas autonom oder mit Wissen, Billigung oder im Auftrag Stuttgarter Behörden? Das LfV jedenfalls dürfte kaum Interesse an der Enttarnung einer V-Frau gehabt haben, gleichgültig wie intensiv die Zusammenarbeit tatsächlich war.

Am Ostermontag 2012, haben gegen 09.30 Uhr morgens zwei Männer an der Tür geklingelt. Herr Gronbach und ein Herr E. Jäger mit zwei Hunden. Herr Gronbach sagte zu mir, ich solle mitkommen und ein Stückchen mit ihm gehen, weil ich abgehört werde und er mir etwas Wichtiges zu erzählen habe.

Ich ging mit ihm ein Stückchen und er fragte mich, ob ich Frau Senghaas kenne und ich bejahrte dies natürlich. Darauf sagte er, dass sie ein Spitzel sei und auf mich angesetzt wurde und dass sie morgen, also am Dienstag, 03.04.2012, meine Akte an die Polizei übergeben werde und ich dann ziemliche Probleme bekäme.

Ich dachte zuerst an einen verspäteten Aprilscherz. Dann sagte er, er würde mir helfen, weil sie auch auf ihn angesetzt wurde und nannte sie „Die Schlampe.“

Er meinte, er müsse unbedingt heute noch mit Alexander Neidlein und Matthias Brodbeck reden. […]

Herr Gronbach erzählte uns, dass Frau Senghaas behaupten würde, ich hätte etwas mit dem Mord an Frau Kiesewetter zu tun, es solle sich auch noch etwas um eine Kundin drehen, welche Krankenschwester war. Außerdem hätte er noch weitere Informationen für uns. Ich sagte ihm, dass solch einen Quatsch doch keiner glauben würde.

Alexander Neidlein und Matthias Brodbeck sagten, dass sie kommen würden und sich anhören, was er zu sagen habe. Bis 06.04.2012 sollten alle V Männer abgezogen werden, aufgrund des zweiten Verbotsantrags gegen die NPD, daher war es natürlich interessant, zu wissen, wer der Spitzel sei.

[…]

Wir gingen dann nach Wolpertshausen ins Mohrenköpfle, mein Mann, Stefan Rühle, Alexander Neidlein, Matthias Brodbeck, ich und mein Baby. Dabei waren ebenso Herr Gronbach und Herr Jäger, welcher sich als Berufsschullehrer von Herrn Gronbach ausgab und bei diesem Herr Gronbach seit gestern lebe, da er Petra verlassen hätte.

Er erzählte uns seltsame Dinge, dass er Frau Senghaas „Ruhigstellen“ würde, er brauche dafür aber unsere Hilfe. Er wollte wissen, ob wir oder die NPD sich um die Sache kümmern könnten. Selbstverständlich lehnten wir ab. Außerdem wollte er der NPD Kontakte zur „Revolutionären Garde“ im Iran vermitteln, meines Wissens hat Alexander Neidlein ihm die Telefonnummer der Bundesgeschäftsstelle in Berlin gegeben, da er sich mit so etwas nicht befassen wollte.“

Quellenschutz

Der Verdacht, dass Gronbach im Auftrag einer Behörde nicht nur versuchte, NPD-Mitglieder in Straftaten zu verwickeln und dafür eine vermeintliche Verbindung zum Polizistenmord nutzte, sondern schon den Kontakt zu Petra Senghaas mit dem Ziel herstellte, über sie an diese NPD-Strukturen heranzukommen, wird gestützt durch Gronbachs großzügiges Geschenk eines Dubai-Urlaubs im Wert von angeblich 5.000 Euro an Senghaas zu Beginn ihrer Liaison Anfang 2011.

War der 4. November 2011 der Startschuss für eine längst geplante Krokus-Kampagne? Wurde Gronbach vom Stuttgarter LKA in Marsch gesetzt, weil endlich eine politisch-korrekte Lösung für den Heilbronner Polizistenmord her musste?

Nach dem 4. November 2011, dem Tag, als die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil starben, ging eine Veränderung mit dem Pärchen vor. Petra Klass erinnerte sich an den Hinweis auf eine Täterschaft der NPD im Zusammenhang mit dem Heilbronn-Mord. Sie begann, unter Regie ihres Freundes, ihren Vorwurf zu verbreiten, in Baden-Württemberg seien seit 2007 Hinweise auf rechtsextreme Täter unterdrückt worden.“ 5)

Verstärkt wird die Hypothese eines Agent Provocateur des LKA durch ein weiteres Detail. Nach Veröffentlichung eines Fotos Florian Heiligs und Kameraden in Nazi-Pose erhält der Blogger von NSU-Leaks eine Drohmail aus Irland.6)

foto_heilig_urheberrecht

Gronbach macht eindringlich Eigentumsrechte am Foto geltend und verweist auf Quellenschutz. Wer soll geschützt werden und in wessen Auftrag? Ist das seine eigene Aufnahme? Kommt auch das NSS-Phantom von Gronbach, wie NSU-Leaks vermutet, oder doch von BIG Rex?

Diese Mail datiert vom Sommer 2014. In diese Zeit fällt der Besuch von Tatjana Heilig und Florians Freundin „Bandini“ bei Gronbach/Senghaas. Ein Interview entsteht, in dem Alexander Gronbach seine Lieblingsthesen zur Haller NPD, NSS und Florians alten Kameraden verwurstet.7) „Bandini“ wird sich später in nicht öffentlicher Befragung vor dem Untersuchungsausschuss vom Inhalt dieses Interviews distanzieren. Die Hälfte sei gelogen.

Alles nur geklaut

Familie Heilig wendet sich in der Folgezeit von Gronbach ab und Prof. Hajo Funke zu. Heute würde Vater Heilig mit dem Iren nicht einmal ein gemeinsames Guinness trinken.8) Wenn Funke der Mann Berlins ist, dann scheint im Sommer 2014 klar geworden zu sein, dass Stuttgart die Kontrolle über das NSU-Phantom zu verlieren droht. Alexander Gronbach wird offenbar ausgebootet und beschwert sich in seinem „Offenen Brief“ bitter über den „Lügenprofessor Funke“.

Er geht sogar noch weiter. Bereits Anfang April 2015 spricht Gronbach offen aus, was damals nur heimlich vermutet wird: Hajo Funke sei gemeinsam mit Heiligs an manipulierten Beweisnachfindungen in Florians Autowrack beteiligt.9)

Ich Alexander Gronbach sagte sehr deutlich, dass die Familie Heilig die nun 12 präsentierten Gegenstände unter Anleitung von Demagogen Funke in diesen PKW gelegt haben!

Ich Alexander Gronbach sagte sehr deutlich, dass Heike Heilig und Tatjana Heilig Ende Juni 2014 einen Deal an dem Urlaubsort Fehmarn mit Sicherheitsbehörden machten! Wobei ich hier anfügen muss, dass wahrscheinlich Gerhard Heilig nicht in diesen Deal eingebunden war, da er erst einige Tage später dort nachgefahren ist – nach Fehmarn!

Was genau passierte hier? Tatsächlich wissen wir nicht, wer die Idee einer mutmaßlichen Beweismittelfälschung hatte und wie groß die Anteile der Heiligs und Funkes daran wirklich sind.

Wenn wir den Imageverlust Hajo Funkes als Kollateralschaden ignorieren, ist im Ergebnis der Aktion vor allem die Glaubwürdigkeit der Heiligs schwer beschädigt worden. Und genau darum könnte es gegangen sein. In der Sache hatten die nachgefundenen Gegenstände je nach Sichtweise und Interpretation sowohl die Suizid- als auch die Mordthese gestärkt. Theoretisch eine Nivellierung beider Lösungsansätze bei maximalem Schaden für Heiligs Anliegen einer Mordaufklärung. Praktisch hat sich der Untersuchungsausschuss unter Wolfgang Drexler auf den Selbstmord festgelegt.

Mit seiner frühzeitigen Denunziation der Heiligs nimmt Gronbach die nachfolgende Entwicklung vorweg. Zweifel an Heiligs und Florians Exklusivwissen werden nun ohne weitere Rücksicht geäußert. Sind Heiligs also mit den Nachfindungen von Handy, Autoschlüsseln, Waffen usw. hereingelegt worden? Vom LKA selbst?

Zu den erstaunlichen Wendungen Gronbachs gehört, dass er noch 2014 Zeugenschutz für Bandini gefordert haben will, weil sie wegen ihres Wissens über Rechtsextremisten in Gefahr sei.10)

Frage: Wir haben ja anhand der Akte der STA Stuttgart zu Florian Heilig mit dem Aktenzeichen 5 UJs 8127/13 umfangreiche Dinge erarbeitet, was wir jedoch momentan getrennt halten. Wuerdest Du Dich unter hoechsten Sicherheitsmassnahmen und weil Du nur ein Treffen ausserhalb Deutschland wuenscht, bei kompletten Schutz fuer Dich und deine „Gesamte Familie” in unserem Beisein mit zwei LKA Beamten treffen und eine verwertbare Aussage taetigen?

Bandini: Unter diesen Umstaenden und wenn solange, bis dies alles gewaehrleistet ist, mein Name komplett geheim bleibt, wuerde ich hier bei Dir in deinem Beisein mit zwei LKA Beamten sprechen. Ansonsten nein!“

Im April 2015 gibt er die Identität Bandinis ohne Weiteres preis. 11)

Wir gaben ihr den Decknamen “Bandini” nach einem Pferd, was sie mal als Pflegepferd geritten hatte. Unter diesem Decknamen “Bandini” wurde z.b. der Vizepräsident und heutige Vorsitzende des PUA Stuttgart – Wolfgang Drexler kontaktiert, nebst dem ehemaligen Mitglied des Bundes PUA Clemens Binninger sowie das Zeugenschutzdezernat des LKA Baden Württemberg, um einen Schutz für diese Yasmin Maier zu erhalten. Eine Hilfe oder gar Schutz wurde ABGELEHNT!“

Des Pudels Kern

Auch zum Tod Florians liefert Gronbach eine eigene Version. So phantastisch sie erscheint, auch diese Geschichte erfüllt eine konkrete Funktion. 12)

Melisa Marijanovic hat um ca. 23.25 Uhr am 15 September 2013 Florian Heilig an den Campingplatz Bad Cannstadt einbestellt. Es ist eine schon tolldreiste Lüge der Staatsanwaltschaft Stuttgart, dass in Folge suggeriert wurde, dass sich Florian Heilig in Nähe zum LKA Gebäude Selbstmord verübte und so sollte dargestellt werden, dass er in seiner Verzweiflung vor dieser angeblichen Aussage in räumlicher Nähe Selbstmord verübt habe.

TATSACHE ist jedoch, es gab gar kein Treffen in Bad Cannstadt mit BIG REX oder gar LKA. Das ist eine reine Erfindung des zuständigen Staatsanwaltes um den Tatort zu erklären! Florian Heilig sollte weitab von Bad Cannstadt in der Nähe seines Schulungszentrums befragt werden.

Es gab keinerlei Grund, dass sich Florian Heilig am Campingplatz in Bad Cannstadt befand, an dem Campingplatz wo sich in der Vergangenheit auch schon Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt “belegt” mit anderen Personen getroffen hatten!“

Gronbach postet seinen „Offenen Brief“ am 1. April 2015. Melisa Marijanovic ist wenige Tage zuvor, am 28. März, überraschend verstorben, vier Tage nach dem sie im Stuttgarter Untersuchungsausschuss aussagte und als potentielle Zeugin im wiederaufgenommenen Heilig-Verfahren galt.13) Sie ist damit als Platzhalter in Gronbachs NSU-Lügengewirr frei verfügbar. Jetzt soll sie Florian nach Cannstatt gelockt haben. Und zwar etwa fünfundzwanzig Minuten, bevor er auf der Nürnberger Straße geblitzt wurde. Beweisen lässt sich das praktischerweise nicht mehr.

Entscheidend aber ist: Alexander Gronbach verschiebt die geplante Befragung Florians durch die EG Umfeld (LKA BW) am 16. September 2013 weit weg von der Taubenheimstraße, raus aus Stuttgart, in Richtung Geradstetten. De facto versucht er damit, den Verdacht zu zerstreuen, das LKA selbst könnte in Verbindung stehen mit dem „Suizid“ am Cannstatter Wasen.

Zeitpunkt und Todesursache des plötzlichen Sterbens erscheinen auch bei Melisa so ungewöhnlich, dass sich selbst im Untersuchungsausschuss verschwörungstheoretische Zweifel regen.14) Offiziell glaubt man freilich weiter an verrückte Zufälle. Für einen staatlichen Mord an Melisa jedoch gibt es, nachdem Florian inzwischen zunehmend als paranoider Aufschneider dargestellt wird, die Glaubwürdigkeit der Familie beschädigt ist und sich die Suizidthese tendenziell durchgesetzt hat, kein Motiv.

Ein LKA-Zeugenschutz, wie ihn Gronbach vergeblich für „Bandini“ forderte, ist jedenfalls nicht weniger wahrscheinlich als plötzliche Lungenembolie oder Staatsmord. Fast alles ist inzwischen möglich und vermittelbar im Florian-Heilig-Komplex, mit weiteren Volten ist zu rechnen. Letzte Gewissheiten gibt es bisher nicht.

Auch ohne Alexander Gronbachs Mitwirkung driftet der Fall Florian zunehmend ins Irreale ab. Das aber sollte den Blick auf das Wesentliche nicht verstellen: Der Heilig-Komplex hat, ebenso wie KKK-Klamauk und rechtsextremistische Verdachtsaura, keine andere Funktion, als von den Hintergründen des Heilbronner Polizistenmordes abzulenken. Und um den geht es im Kern.

Art und Weise der überzogenen Inszenierungen im Fall Heilig lassen inzwischen allerdings auch den Mordanschlag auf Kiesewetter und Arnold in einem neuen Licht erscheinen. Dazu ein anderes Mal mehr.

 


Fußnoten/Quellennachweise

1) http://www.nsu-watch.info/2015/04/besser-spaet-als-nie-nsu-untersuchungsausschuss-in-bawue/

2) http://bw.nsu-watch.info/?p=89

3) http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.rechte-umtriebe-in-hohenlohe-die-folgenreiche-liaison-zweier-v-leute.b1a28725-e57f-481d-bf4a-d9eff7ddfe6b.html

4) https://www.facebook.com/permalink.php?id=581431391927662&story_fbid=835029913234474

5) http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.rechte-umtriebe-in-hohenlohe-die-folgenreiche-liaison-zweier-v-leute-page1.b1a28725-e57f-481d-bf4a-d9eff7ddfe6b.html

6)https://sicherungsblog.wordpress.com/2015/04/27/nsu-ausschuss-landle-27-4-2015-gedons-statt-mordaufklarung/

7) http://www.das-zob.de/tag/stefan-ruehle-nelly-ruehle/

8) http://bw.nsu-watch.info/?p=89

9) http://www.das-zob.de/alexander-gronbach-zum-nsunss-komplex-florian-heilig-funke-drexler-melisa-und-co/

10) http://www.das-zob.de/tag/stefan-ruehle-nelly-ruehle/

11) http://www.das-zob.de/alexander-gronbach-zum-nsunss-komplex-florian-heilig-funke-drexler-melisa-und-co/

12) ebd.

13) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-zeugin-tot-aufgefunden-a-1026171.html

14) http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/2015/03/30/der-zufall-geht-um/

Typographie und Orthographie wurden in den Zitaten teilweise zurückhaltend korrigiert.